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Eine neue Erbin

GeschichteHumor, Horror / P18
Alucard OC (Own Character)
22.01.2014
02.05.2020
13
40.814
9
Alle Kapitel
14 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
02.05.2020 3.323
 
6617
Das Gefürchtete 13.Kapitel!!!!
Ich weiß wirklich nicht mehr, was ich hier schreiben soll... Es tut mir leid, dass es schon wieder über ein Jahr her ist?
Ich habe keine Ahung warum es gerade am Ende der Quarantäne funktioniert?
Es wird ein bisschen melancholisch?
Und es gibt für eine Weile einen kleinen Perspektiven-Wechsel! Nicht sofort, aber schon in diesem Kapitel!

Viel Spaß!

_____


Den kleinen Schock, dass Alucard DER Graf Dracula sein sollte, musste ich eine ganze Weile verdauen.
Grundsätzlich hieß das, dass ich ihn bei jeder Gelegenheit anstarrte. Es ging soweit, dass er mir nach einer Weile aus dem Weg ging, weil ich es auch bei Missionen nicht unterlassen konnte ihn mit meinen Blicken zu suchen und deshalb einpaar Mal fast angefallen worden wäre. Also war das vermutlich irgendwie verständlich...
Vlad hingegen beobachtete mich jedes Mal besorgt und blickte dann zwischen uns hin und her bis er mich anstubste um mich auf meine Starrerei und eventuelle lebensgefährliche Situationen aufmerksam zu machen - was zugegebener Maßen nicht immer auf Anhieb klappte.
So vergingen bestimmt drei Wochen, bis ich mich nach einem ernsten Gespräch mit Integra zusammen riss und das Thema abschloss. Immerhin konnte man soetwas nicht ewig vor ihr verbergen - besonders weil ich die Berichte schrieb, welche zu meiner Schande in dieser Zeit sehr zu wünschen übrig ließen.


Dann war der Advent auch schon vorbei.
Weihnachten hatte wir wie geplant im kleinen Kreis gefeiert und aus Schuldgefühlen hatte ich für unsere Vampire trotzdem etwas organisiert.
Für Integra hatte ich ein schönes Kaligrafie-Set besorgt, welches sie mit einem selbstironischen Lächeln entgegen nahm und mir im Gegenzug eine Biografie von Vlad Tepes Draculea III reichte, die ich peinlich berührt in Empfang nahm und hoffte das Alucard sie nicht sah.
Aus Unsicherheit darüber was ich Walther schenken könnte, hatte Integra ein gemeinsames Geschenk vorgeschlagen. Er machte zuerst ein ziemlich verblüfftes Gesicht, als wir ihm den Whiskey überreichten, aber das Lächeln das darauf folgte war warm und der Dank strahlte in seinen Augen.

Die anwesenden Angestellten bekamen einen Weihnachtsbonus für ihre Mühen, kleine Geschenke für die Kinder oder Enkel und aßen mit uns zusammen nach der Bescherung, während die Vampire damit beschäftigt waren ihre Päckchen zu öffnen.
Seras bekam ein mittellanges, schwarzes Kleid mit über die Schultern liegender Spitze und weitem Rock, bei dessen Massen Walther eine helfende Hand gewesen war; und für Alucard hatte ich weniger einfallsreich eine schwarz-rot gestreifte Seidenkrawatte und eine Krawattennadel mit einem kleinen Rubin besorgt.
Zu meiner Überraschung hatte Integra ihnen ebenfalls Geschenke gemacht. Ein Schmuckset in Weißgold aus Kette und Ohrringen bestehend ebenfalls mit eingefassten Rubinen und einen schwarzen Anzug.
Walther steuerte Anzugschuhe und Stöckelschuhe bei.

Im Nachhinein war klar, dass die beiden sich wohl in dieser Montur am Silvesterabend einfinden würden.
Die Vampirin war von den Geschenken hingerissen und bedankte sich herzlich, aber was Alucard von all dem hielt, wusste ich auch als wir uns von allen verabschiedeten nicht. Seine Miene blieb unbewegt.
Als dann alles vorbei war, gab es eine kurze Version der Dankesrede, welche Integra für die Neujahresfeier geschrieben hatte und die weihnachtliche Gesellschaft löste sich auf.
Ich verpflichtete mich dem Personal dabei zu helfen, die Überbleibsel des Festmahls in die Küche zu bringen und gegebenenfalls für jene einzupacken, die an diesem Abend noch heimfahren würden. Integra verdrehte die Augen, aber Walther schüttelte amüsiert den Kopf und beaufsichtigte die Aktion gewissenhaft.
Gut eingewickelt in Jacke und Schal verabschiedeten wir die Abreisenden, wünschten ihnen ein schönes Fest bei ihren Familien und machten uns dann wieder daran aus der Kälte zu kommen.
Im Haus machten wir etwas Punsch warm und teilten uns dann mit Gute-Nacht-Wünschen auf.

Da für die nächsten beiden Tage außer Integra, mir, Walther und der Vampire nicht wirklich jemand im Anwesen bleiben würde, waren Gerichte für den zurückbleibenden Haushalt vorbereitet worden. Niemand würde die kommenden Feiertage hungrig bleiben.
Es war ungewöhnlich das Haus so ruhig zu erleben, aber irgendwie auch angenehm zu wissen, dass nicht alle paar Meter jemand um die Ecke gebogen kam, den man grüßen musste. Ich hatte zwar auch meine Ruhe, wenn ich mich in der Bibliothek verschanzte, trotzdem kam auch dort immer mal wieder jemand vorbei, der mir Getränke oder einen Snack anbot und mich nach meinem Befinden fragte.
So ein bisschen Einsamkeit hatte durchaus seine Reize.

Zufrieden schnüffelte ich an dem dampfenden Punsch, den ich in beiden Händen hielt und wanderte durch die Gänge des Anwesens. Aus einer Laune heraus holte ich aus meinem Zimmer eine Decke, sowie einen tragbaren Lautsprecher und machte mich auf zum Dach.
Es war ein bisschen schwierig die Tür zu öffnen, weil ich die Decke in der einen und meine Jacke in der anderen Armbeuge, den Lautsprecher in der linken Hand trug und nicht gewillt war das warmen Häferl aus der rechten zu geben, aber ich schaffte es schließlich, legte die Decke und die Gerätschaft ab, schlüpfte unständlich wieder in die Jacke, legte den Schal um und stellte den Punsch doch kurz ab um sie auch schließen zu können.
Die Decke legte ich zwei Mal gefalten auf, damit ich nicht allzu schnell einen kalten Hintern bekam, schnappte wieder mein Getränk und setzte mich mit dem Blick auf die Gartenanlage und den wolkenlosen Nachthimmel.

Ich schaltete die kleine Musikanlage ein.
Der eingestellt Sender war gerade mitten in 'Shake Up Christmas' von Train und begrüßte mich mit der Zeile 'it's cold but we'll be freezing in style' und ich stimmte mit ein.
Es war erfrischend, wo die Anlage bei unserer kleinen Weihnachtsfeier lediglich klassische Weihnachtslieder wie '12 Days of Christmas', 'Deck the Hall', 'Little Drummerboy' und ähnliches abgespielt hatte. Die meisten Lieder waren rein instrumental gewesen, was wirklich eine schöne Atmosphäre ergeben hatte.
'Bells of Christmas' stimmte als nächstes an und ich kam nicht umhin leicht zu frösteln und mich an vergangene Weihnachtsfeste zu erinnern, an denen ich mit meiner Familie 'Santa Clause' mit Tim Allen gesehen hatte. Ich dachte an vergangene Weihnachtstraditionen, wie das Kranzbasteln und Adventkalender-Bestücken oder das Suchen und Zusammenstellen neuer Weihnachtsliederlisten. Das gemeinsame Kerzenanzünden und Baumschmücken...
Bei dem Gedanken spürte ich, wie sich ein Kloss in meinem Hals bildete. Meine Sicht verschwamm bis die erste Träne fiel.
Sofort umklammerte ich die warme Tasse fester und vergrub die Nase in dem duftenden Dampf.

"Miss Nadja?"
Überrascht wirbelte ich herum und sah Seras die ein paar Meter entfernt unsicher neben der geöffneten Dachtür stand.
Sofort wand ich mich ab und wischte mir die nassen Spuren aus dem Gesicht.
"E-entschuldige", schniefte ich kurz und drehte mich mit einem unsicheren Lächeln wieder zu ihr, "Stehst du schon lange da?"
"N-nein!", rief sie sofort aus und stellte sich aufmerksamer hin, "Ich hab die Musik gehört und dachte... I-ich wollte nicht stören."
Ich wischte mir wieder über die Wange, "Willst du mithören?"
"...gerne. Aber nur wenn ich wirklich nicht störe", sagte sie langsam und schloss die Tür hinter sich.
Verlegen schüttelte ich den Kopf, "Nein, schon gut. Setz dich bitte."
Ganz automatisch machte ich ihr einen Platz auf der Decke und nahm dann einen kräftigen Schluck um meine Scham herunter zu spülen.

Still lauschten wir 'Have Yourself a Merry Little Christmas' von Frank Sinatra, dann 'Santa Clause Lane' von Hilary Duff und 'Making Christmas' von Rise Against. Der Radio-DJ hatte einen interessanten Mix für heute Abend zusammengestellt.
"Ich wollte mich noch einmal für das schöne Kleid bedanken", murmelte Seras, während 'Christmas' von Jim Reeves spielte.
"Sehr gerne", erwiderte ich, "Ich war mir nicht sicher, was deine Lieblingsfarbe ist. Ich hoffe schwarz war okay?"
"Ja, es ist sehr schön", versicherte sie und lächelte, "Und es passt haargenau!"
Ich brachte ein schiefes Grinsen zustande, "Walther hat mir bei der Größe den einen oder anderen Tipp gegeben. Aber ich hatte keine Ahnung, dass ihr ein ganzes Outfit bekommen würdet."
"Ich habe sowieso schon überlegt, was ich zu der Party nächste Woche anziehen sollte. Meine Uniform wäre recht unpassend gewesen", meinte sie und ich kam nicht umhin zu ihr rüber zu sehen.
"Sie ist ziemlich knapp", gestand ich ihr zu und lachte auf als sie unruhig an dem Rockzipfel zog.
Unsicher suchte sie meinen Blick und räusperte sich, bevor sie mich wieder ansprach, "D-darf ich fragen, was Sie vorhin so traurig gemacht hat?"
Überrumpelt blinzelte ich.
"Sie- sie müssen es mir natürlich nicht sagen!", lenkte sie sofort ein und wedelte abwehrend mit den Händen, "E-es steht mir auch garnicht zu danach zu fragen! Es ist nur-
Ich schluckte und blickte dann auf die dunkle Flüssigkeit in meinem Häferl, "Ich-..."
Sofort verstummte sie.
"Ich habe an meine Familie gedacht und an die Weihnachten die wir zusammen gefeiert haben...", brachte ich schließlich heraus und spürte wieder ein verdächtiges Kribbeln im Augenwinkel, "Es-... es ist jetzt bald ein Jahr her das sie-", ich brachte es nicht heraus.

Ein Schluchzen presste sich aus meiner Kehle und ich stellte den Punsch schnell ab, dann zog ich meine Beine fest an mich und vergrub mein Gesicht in meinen verschränkten Armen. Ein Weinkrampf nach dem anderen schüttelte mich und eine unglaubliche Spannung legte sich über meinen ganzen Körper, während ich Rotz und Wasser heulte und bei jeder Gelegenheit nach Luft schnappte.
Ich hatte es so lange vermieden an sie zu denken...
"Es tut mir so furchtbar leid...", hörte ich bevor mich jemand in den Arm nahm und mir beruhigend über den Kopf strich.
Sofort klammerte ich mich an sie. Im Hintergrund spielte 'Spread a Little Love on Christmas Day' von Destinys Child, während ich meiner Trauer nicht mehr Einhalt gebieten konnte.


Irgendwann musste ich wohl vor Erschöpfung eingeschlafen sein.
Ich wachte am nächsten Morgen zusammen gekauert in meinem Bett auf. Zu meiner Überraschung lag Vlad neben mir und schaute mich erwartungsvoll an, sobald er wusste, dass ich aufgewacht war. Sein Blick war es, der mich vollends aufweckte und mich mich aufrichten ließ.
"Ich bin okay...", sagte ich schwach und glaubte es selbst nicht wirklich.
Ein zaghaftes Klopfen richtete meinen Blick auf die offene Tür, wo Walther mit einem Tablett in der Hand stand und mich musterte, "Ich habe mir erlaubt ihnen Frühstück zu bringen, Miss Marian."
Peinlich berührt wischte ich mir über die zum Glück trockenen Wangen - zumindest hatte ich nicht im Schlaf geweint.
"Danke", murmelte ich und rutschte an den Bettrand, an den Vlad mir nachkroch und seinen Kopf dann in meinen Schoss legte.
Der Hausbutler machte einen Schritt ins Zimmer und blieb einen Moment unschlüssig stehen, bevor er sich Richtung Kommode wand und das beladene Tablett dort abstellte.
Ich streichelte währendessen über das mitternachtschwarze Fell und fixierte ein Schlabberohr.
"Möchten Sie darüber reden?", fragte er schließlich.
Ich schüttelte den Kopf, da ich nicht sicher war ob ich meiner Stimme trauen konnte.
Er schwieg, ehe er hörbar seufzte und dann vor mich trat, was ich an den Schuhspitzen in meinem Blickfeld erkannte.
"Es ist keine Schande zu trauern", sagte er schließlich, legte eine Hand an meine Schulter und verließ mein Zimmer ohne darauf zu warten, wie ich reagieren würde.
Sobald der ältere den Türrahmen passiert und einige Schritte den Gang entlang gegangen war, stand ich auf, drückte die Tür zu und sank mit meinem Rücken am Holz gen Boden. Dort zog ich wieder meine Beine an, verschrenkte die Arme auf den Knien und senkte meine Stirn dagegen.
Es kamen keine Tränen mehr, aber ich fühlte mich elend.

Als ich Vlads Körper neben mir spürte lehnte ich mich gegen ihn, machte aber keinerlei Anstalten mich sonst zu bewegen.




"Wie geht es ihr?", fragte ich sobald Walther in mein Büro getreten war.
Er schüttelte den Kopf und seufzte, "Baskerville ist bei ihr. Er scheint seit gestern Nacht nicht von ihrer Seite gewichen zu sein."
Ich quittierte diese Information mit einem verstehenden Nicken und nahm meine Brille ab um mir den Nasenrücken zu massieren, "Ich habe mich schon gefragt, wann es so weit sein wird... Aber dass es erst so spät dazu kommen würde..."
"Es war wirklich nicht ab zu sehen, wann es so weit sein würde. Immerhin ist in dem halben Jahr seit sie bei uns ist wirklich viel passiert. Aber vielleicht hätten wir trotzdem darauf gefasst sein müssen", sprach Walther weiter, "Zumindest scheint Miss Marian sich nicht erkältet zu haben. Es ist wirklich ein Glücksfall, dass Fräulein Seras und Master Alucard noch unterwegs waren. Ich hätte nicht damit gerechnet, dass Miss Marian einen abendlichen Ausflug zum Dach machen würde."
"Seras meinte, dass Nadja gut gegen die Kälte gerüstet war und einen kleinen Radio bei sich hatte", meinte ich nachdenklich.
"Master Alucard hat mir das auch bestätigt", erwiderte Walther.

Keiner von uns musste aussprechen, was wir insgeheim befürchtet hatten, als wir von dem Zwischenfall erfahren hatten. Ich setzte meine Brille wieder auf und fixierte den Dunkelhaarigen, dessen Stirn in Sorgenfalten lag.
"Können wir etwas tun?", hinterfragte ich und richtete mich in meinem Schreibtischstuhl auf.
Seine Iren legte sich auf meine, "Ich bin mir nicht sicher, Miss Integra."
Wieder nickte ich und sah auf die Unterlagen vor mir. Es handelte sich um die Berichte, die Nadja in den letzten vier Wochen verfasst hatte und wegen derer schlampigen Zusammensetzung ich sie zurecht gewiesen hatte. Vielleicht hatte ich etwas übersehen und war zu hart zu ihr gewesen...

"Machen Sie sich bitte keine Vorwürfe, Miss Integra", erriet Walther meine Gedanken und trat an den Schreibtisch heran, "Miss Marian... Ich denke nicht, dass sie in den letzten Missionen an ihre Familie gedacht hat. Mister Bernadotte und seine Mannschaft haben mir versichert, dass sie wohl durch Master Alucard abgelenkt gewesen ist."
Doch erleichtert atmete ich aus, "Das würde sich zumindest mit den Berichten decken... Immerhin hat sie davor herausgefunden wer Alucard wirklich ist..."
"Tatsächlich?", verblüfft starrte Walther mich an.
Ich lächelte leicht, "Sie hat die alten Aufzeichnungen wirklich meisterhaft interpretiert und sich große Mühe gegeben den Indizien zu folgen. Nadja hat Zeittafeln und Grafiken erstellt, die ihr erlaubten die Ausbreitung der vampirischen Aktivitäten so genau wie möglich zu datieren und deren Ursprung auszumachen."
Staunend folgte der Dunkelhaarige meinem Monolog.
"Da fällt mir ein", nachdenklich stand ich auf und wanderte an dem Bücherregal entlang um einen Altas heraus zu ziehen, "Sie hat entdeckt, dass es in Australien erstaunlicherweise keine Fälle gibt, obwohl Vampire sich seit dem frühen 19.Jahrhundert auf dem Kontinent befinden sollten."
"Soll ich mich mit den dortigen Behörden in Verbindung setzen?", wollte Walther wissen, während ich die Australische Karte aufblätterte und den Altas auf dem Tisch ablegte.
Ich nickte zustimmend, "Nadja meinte zwar, dass sie das bereits getan hatte und ihre Vermutung bestätigt wurde, aber es kann nicht schaden, wenn wir ebenfalls Nachforschungen anstellen. Es hat natürlich keine Priorität in der momentanen Situation..."
"Natürlich", murmelte Walther, "Ich werde Ihnen eine Tasse Tee zubereiten und dann nach Miss Marian sehen."
"Vielen Dank, Walther", entgegnete ich und besah die aufgeschlagene Seite, während er sich verbeugte und mein Büro verließ.
Mit einem tiefen Seufzen schloss ich den Altas und stellte ihn zurück an seinen Platz.

"Meine Herrin", ertönte eine tiefe Stimme aus Richtung Tür.
Ich richtete meine Augen auf die Gestalt im offenen Türrahmen, "Alucard", und wanderte wieder hinter meinen Schreibtisch um die Unterlagen zum hundertsten Mal durch zu gehen, in der Hoffnung doch etwas übersehen zu haben.
"Warum wanderst du durchs Haus?", fragte ich irgendwann, weil ich seine Präsenz weiterhin im Türrahmen ausmachen konnte.
"Es fällt mir schwer zu ruhen, wenn das Haus voller Sorgen ist", antwortete er, "Das Fräulein Polizistin wälzt sich in ihrem Sarg ebenfalls hin und her."
Überrascht hob ich den Kopf, "Ist das so?"
Seine Augen lagen ruhig auf mir und ich kam nicht umhin meine Schultern zu senken und abermals zu seufzen. Wieder nahm ich das Brillengestell ab um mir den Nasenrücken zu massieren, "Hast du einen brauchbaren Rat?"
"Nein", sagte er schließlich.
Ich lehnte mich in die Sitzpolsterung zurück und setzte die Glässer wieder auf meine Nase, "Warum bist du dann am hellichten Tag in meinem Büro?"
Ein kleines Lächeln legt sich auf seine blassen Lippen, "Vielleicht um dich daran zu erinnern, dass auch du einmal getrauert hast..."
Aufhorchend betrachtete ich ihn dabei, wie er schließlich durch den Raum schritt und am Fenster zu meiner Rechten verharrte um in den vom Sonnenlicht durchfluteten Garten zu sehen.

Natürlich erinnerte ich mich an diese Zeit...
Vater war verstorben.
Damals hatte ich keine Zeit gehabt seinen Verlust sofort zu betrauern, weil Onkel Richard alles in die Wege geleitet hatte mir meinen Platz als rechtmäßiges Oberhaupt der Hellsing Organisation streitig zu machen und mich endgültig aus dem Weg zu räumen.
Es war Angst die mir damals die Tränen in die Augen getrieben hatte und mich zu dem Wesen geführt hatte, welches wenige Meter entfernt stand.
Später hatte es ausreichend Zeit gegeben zu trauern. Und da Walther damals wie vom Erdboden verschwunden war, hatte ich mich an die einzige Person gewandt, die an meiner Seite gewesen war.
"Daran muss ich mich nicht erinnern...", brachte ich schließlich heraus und wand mich von dem grinsenden Gesicht ab, dass sich zu mir gewendet hatte, "Willst du mir damit sagen, dass du auch für Nadja da sein wirst?"
Er lachte kurz auf, "Nein, das ist nicht nötig. Ich stehe voll und ganz in deinen Diensten, Integra. Schon immer..."
Seine Schritte waren kaum zu hören, aber ein feiner Windhauch verriet mir ohne hinzusehen, dass er neben mir auf die Knie gegangen war. Er griff nach der Hand, die ihm am nächsten war und führte meinen Handrücken an seine Lippen.
Ich ließ es zu.

Die Geste war so vertraut, dass ich einem Moment meine Gedanken ordnen konnte.
"Ist es nicht seltsam, dass wir Vaters Brief zu so einem günstigen Zeitpunkt gefunden haben..."
"Ein glücklicher Zufall", entgegnete Alucard und hob seinen Schopf um in meine blauen Iren zu sehen.
Sein Blick war ausdruckslos, aber ein kleines Lächeln lag in seinen Mundwinkeln.
"Du hattest also nichts damit zu tun?"
"Ich bin ein einfacher Diener des Hauses Hellsing", Schalk blitzte in seinen Augen auf und ließ die blutrote Farbe tanzen, als ob sie ein Eigenleben hätte.
"Aber du wusstest von der Existenz des Schreibens", schlussfolgerte ich.
"Arthur hat ihn in meiner Anwesenheit verfasst", gestand er, "Ich vermutete, dass er mich daran erinnern sollte, dass es immer jemanden geben würde, dem ich unterstellt sein würde."
Ein Schnauben entwich mir aufgrund dieses Geständnisses, "Warum haben wir ihn dann gefunden? Es war kein Sigel darauf. Du hättest ihn jederzeit zerstören können."
Daraufhin blieb es still zwischen uns.

Er ließ meine Hand los, stand auf und drehte mir den Rücken zu. Seine Schritte führten ihn zurück zum Türrahmen.
Ich dachte schon, dass er ohne eine Erwiderung verschwinden würde, doch er drehte sich auf der Schwelle um und sagte, "Du bist einsam geworden, Integra."
Verblüfft lauschte ich seinen Worten und beobachtete wie er aus meinem Sichtfeld verschwand.
"Das ist dein Grund?", fragte ich in die Stille hinein und wusste doch im selben Moment, dass es wahr war.

_____


Ich muss gestehen, dass es mehrere Stellen gab an denen ich das Kapitel beenden wollte...
Der erste war der Perspektiven-Wechsel... ich hoffe wirklich, dass ich ihn gut hinbekommen habe. Aber wie erwähnt bleibt es jetzt einmal ein Weilchen dabei.

See Ya!
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