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Nur für einen Augenblick

GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Deutschland Frankreich Italien Preussen Spanien Süd-Italien
22.01.2014
23.05.2017
41
152.237
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22.01.2014 3.315
 
Am Abend zuvor hatten Lovino und Kyle zwei Actionfilme und einen Horrorfilm geguckt. Lovino wollte es zwar nicht zugeben, aber Letzterer war schon ziemlich gruselig gewesen und hatte ihn in der Nacht noch eine Zeit lang beschäftigt.
Kurz danach waren auch die Eltern seines Gastgebers erschienen und hatten ihn freundlich begrüßt. Auch, dass Lovino übernachten wollte, fanden sie großartig. Aber davon, was er in den nächsten Tagen vorhatte, erzählte er natürlich nichts.

Lovino lag schlafend auf dem erstaunlich weichen Sofa, das Kyle für ihn ausgeklappt und bezogen hatte. Es war so groß, dass Lovino allen Platz hatte, um sich ganz nach seinen Vorstellungen ausbreiten zu können.
Zudem war es ab und zu mal angenehm, weder auf der harten Wohnzimmercouch, noch mit Felicianos Arm im Gesicht aufwachen zu müssen.
Das Bett von Kyle stand an der gegenüberliegenden Wand. Ein gleichmäßiges, leises Schnarchgeräusch ging daraus hervor.
Das Zimmer, in dem die beiden lagen, war vollgekramt mit Büchern über Australien und allen möglichen Expetitionsausrüstungen, was für ein Leben in Italien ziemlich unpassend wirkte. Doch die Familie fuhr fast jede Ferien ins weit entfernte Australien, wo Kyle seine geliebten Expeditionen tätigen konnte.
Noch bevor der Wecker auch nur eine Chance hatte, die Jungen durch ein Piepen wach werden zu lassen, riss Kyles kleine Schwester schwungvoll die Zimmertür auf. Sie schien keine Hemmungen zu haben, einfach so und wahrscheinlich ungewollt in ein Zimmer hereinzuplatzen.
»Aufstehen, es gibt gleich Frühstück!«
Sie war elf Jahre alt und sah ihrem Bruder ziemlich ähnlich, auch, wenn sie in ihrem Blick etwas Energischeres hatte. Die lockigen Haare band sie beständig zu einem seitlichen Zopf zusammen.
Kyle verkroch sich nur noch weiter unter seiner viel zu dicken Decke. »Du hättest uns nicht wecken brauchen, Mary...«
Das sah diese jedoch vollkommen anders.
»Wie ich dich kenne, hättest du sonst wieder verschlafen! Meistens pennst du doch wieder ein, wenn du den Wecker nach seinem Klingeln ausgestellt hast.«
»Nein, tue ich nicht, ich hab den Wecker -«
»Aber 07:30 ist die perfekte Zeit zum Aufstehen.«
Lovino indes setzte sich auf und streckte nur einmal die Arme, um sich munter zu fühlen. Er war absolut kein Langschläfer und bevorzugte es auch sonst, früh den Tag zu beginnen. Zudem war er es gewohnt, seinen kleinen Bruder aus den Federn zu werfen.
Doch das würde er demnächst ja nicht mehr tun müssen.
»Ist schon gut. Darf ich noch mit frühstücken?«, fragte Lovino bedingt höflich.
Mary schien vergessen zu haben, dass sie einen Gast hatten und ihr Gesichtsausdruck änderte sich von überrascht auf peinlich berührt. »Äh, natürlich!« Und damit verschwand sie auch schon wieder.
»Sie kann so nervig sein«, beschwerte sich Kyle und richtete sich mit einem langgezogenen Gähnen auf.
Lovino war schon auf den Beinen und dabei, ebenfalls den Raum zu verlassen. »Ich benutze mal eben das Bad...«

Nun saß Lovino mit Kyle, Mary und deren Eltern an dem runden Tisch, der in der Küche stand. Allerlei Frühstück bedeckte das karierte Tischtuch: helle und dunkle Brötchen, Marmeladen, Nutella, Müsli, Vanillepudding...
Lovino war es nicht gewöhnt, mit so vielen Leuten an einem Tisch zu sitzen.
Feliciano war meistens der Einzige, der noch mitaß. Manchmal hatte sich auch Romulus dazugesellt, aber Lovino machte sich nichts daraus.
Bisher hatte er selbst immer das Essen zubereitet, manchmal mit Hilfe Felicianos. Er selbst liebte es, zu kochen. Vor allem typisch italienische Gerichte.
»Und Lovino, wie lange willst du denn heute noch bleiben?«, begann Kyles Vater Dave ein Gespräch. Lovino griff zuerst nach einem Brötchen, das er sich kurzerhand mit Mozzarella, Tomaten und einer Salatscheibe belegte, um die beiden Hälften zusammenzuklappen, bevor er antwortete.
»Ich werde nach dem Frühstück langsam gehen.«
Kyle runzelte die Stirn. »Aber du hast doch noch genug Zeit, bevor der Z-«
Lovino trat Kyle unter dem Tisch mit den linken Fuß. Dieser merkte noch rechtzeitig, dass er ja eben nichts sagen sollte und biss sich auf die Zunge.
»Bevor was?«, fragte nun Sarah, die Mutter Kyles und Marys.
»Ich meinte, bevor der Zeitplan es vorsieht, dass Lovino nach Hause gehen sollte.«
»Aha, was für eine interessante Ausdrucksweise...«
Lovino atmete innerlich auf, doch gleichzeitig hätte er Kyle gern noch einmal für seine Plauderei getreten.
»Du kannst uns ruhig öfter besuchen, Lovino. Nicht wahr, Kyle?«
Schnell biss Lovino von seinem Brötchen ab, um am besten erstmal keine Frage beantworten zu müssen. Doch so einfach ließ Sarah nicht locker. Lovino war letztes Jahr ein paar Mal zu Besuch gewesen, jedoch ziemlich selten. Meistens hatte er sich mit Kyle irgendwo in der Stadt getroffen oder es hatte ihm gereicht, dass sich die beiden  täglich in der Schule sahen. So wirklich sozial war Lovino noch nie gewesen.
Nun wusste er nicht, was er entgegnen sollte.
»Mum...«, murmelte Kyle.
»Darf ich ihn denn nicht einladen?«
»Ähm gerne, aber ich hab immer so viel zu tun«, brachte Lovino lahm heraus und schob schnell einen erneuten Bissen in den Mund.
»Oh, klar, Teenager haben ja immer viel zu tun.« Sarah lachte. »Aber wenn du mal Zeit hast, bist du jederzeit willkommen. Weißt du, Kyle bringt so selten mal jemanden mit nachhause, dass ich schon befürchtete, er wäre unbeliebt und-«
Glücklicherweise nahm Dave wahr, wie unangenehm seinem Sohn die Situation war und legte seiner Frau vorsichtig eine Hand auf die Schulter, um ihren Redeschwall zu unterbrechen. »Lass gut sein, Schatz.«
Den Rest des Frühstücks verbrachte die Gruppe schweigend miteinander.

Lovino saß gerade auf einem kleinen, jedoch umso bequemeren Sitzsack, der in der Fensterecke von Kyles Zimmer stand. Da sich die Lage im oberen Stockwerk befand, konnte man durch das Fenster auf einen Spielplatz blicken, der sich mitten im Wohngebiet erstreckte.
Überall tollten Kinder durch den Sand, schaukelten, erklommen die kreativsten Klettergerüste oder schubsten sich gegenseitig von einer riesigen Rutsche.
Für Lovinos Geschmack war die Umgebung einfach zu unruhig. Er konnte sich im Traum nicht vorstellen, direkt neben einem riesigen Spielplatz mit haufenweise Bälgern wohnen zu müssen.
Kyle trat ins Zimmer. »Tut mir leid wegen meiner Mutter...«
»Schon okay. Ich bin eher wütend auf dich. Du hast dich beinahe verplappert.«
»Aber nur beinahe
»Für mich reicht das, sauer zu sein!«
Kyle trat näher und ließ sich auf dem Sofa nieder. »Sorry, es ist mir einfach nur rausgerutscht. Als du mich getreten hast, hab ich ja noch schnell ’ne Ausrede gefunden.«
»Eine ziemlich dämliche, du Idiot, wenn ich das so sagen darf.«
»Ach komm schon...«
»Mein Plan hätte scheitern können!«, motzte Lovino stattdessen und zog eine beleidigte Miene.
»Ich hab' dich hier aufgenommen und habe nicht vor, irgendjemanden von deinen Ausreißerplänen zu berichten, also kannst du mir wenigstens ein bisschen Freundlichkeit entgegenbringen, egal wie schwer dir das fällt.«
Auch, wenn Lovino nicht daran denken wollte, so hatte Kyle eigentlich recht. Doch statt einer Entschuldigung brummte er nur.
»Wir können auch noch irgendetwas machen, es sei denn, du willst jetzt gehen«, warf Kyle ein und wechselte somit erfolgreich das Thema.
»Hm... 8:30... Ich gehe jetzt.«
»Soll ich ich zum Bahnhof begleiten, Lovino?«
»Ich werd's mit dem Fahrrad auch allein schaffen, Trottel.«
»Nun gut, ich hätte dich auch gern noch begleitet. So als Vorsorge für die nächsten Jahre...«

Nachdem Lovino sich den unschönen Helm auf dem Kopf befestigt hatte, drehte er sich noch einmal zu Kyle um. Auch wenn er eher nicht sentimental wurde, musste er sich eingestehen, dass es sich komisch anfühlte, alle innerhalb von zwei Tagen hinter sich zu lassen.
Da übernahm Kyle zuerst das Reden, jedoch mit einem sarkastischen Grinsen.
»Schicker Helm, das muss man dir lassen.«
»Schnauze.«
Kyle schmunzelte. Lovino blieb eben Lovino. »So, nun ist also der Abschied gekommen.« Er räusperte sich kurz. »Machs gut, Kumpel. Wir sehen uns doch bestimmt mal wieder, nicht wahr? Ach ja, falls du reden willst, gebe ich dir meine Nummer.«
»Das wird zwar wahrscheinlich nicht der Fall sein, aber.. wenn's sein muss, gib sie schon, verdammt.«
Kyle sagte noch schnell seine Rufnummer auf und Lovino schwang sich auf das Fahrrad.
Noch einmal rief er ihm hinterher und winkte mit der einen Hand. »Loviiinooo, wir seeehen uns!«
»Ja, ciao«, sagte der Angesprochene noch kurz über die Schulter und verschwand schon um der nächsten Ecke.

Und erneut schlug Lovino den Weg zum Bahnhof Roms ein.
Eigentlich wollte er in genau dieselbe Richtung fahren, aus der er gestern auch gekommen war, doch etwas ließ ihn innehalten.
Er glaubte sich an eine Abkürzung zu erinnern, die zwar einmal komplett über einen Markt führte, er dabei jedoch bis zu fünfzehn Minuten sparen konnte.
Okay, eigentlich brauchte er gar nicht noch früher ankommen, er wäre schon mit der normalen Route pünktlich, aber irgendetwas sagte ihm, je früher er ankam, desto besser.
Nachdem er noch erfolgreich ans Essen dachte, fiel ihm auf, sein gestern gekauftes Brötchen in Kyles Kühlschrank vergessen zu haben. Na super.
Wenn er die Abkürzung nahm, hatte er noch genug Zeit, sich für eine neue Wegration umzusehen.
Lovinos neuer Entschluss stand fest und statt weiter der Hauptstraße zu folgen, bog er zum Marktplatz ab.
Seit Anfang Frühling hatte sich inmitten Rom ein großer Markt ausgebreitet, indem von Obst bis Klamotten alles angeboten wurde.
Die letzten Schritte trat Lovino noch einmal kräftig in die Pedale und sah den verstopften Markt immer näher kommen. Als ihm die Menschenmassen mit Tüten entgegenkamen, musste er absteigen und schieben.
Er bahnte sich einen Weg in das offene Getümmel. Links und rechts erblickte er Stände auf hohen, nicht allzu stabilen Tischen oder Tresen aus hellem Holz. Breite, cremefarbene Schirme spannten sich über die Händler mit ihren Waren und spendeten Schatten.
Den ersten Stand, auf den Lovino einen Blick erhaschen konnte, bevor sich eine chinesische Touristengruppe davor schob, war voll mit Obst und Gemüse aller Farben. Das Typische eben.
Lovino hatte alle Mühe, sich und seinem Rad sicher durch die Menge zu bewegen, ohne eingekesselt zu werden. Das regte ihn auf, wenn auch nur innerlich.
Immer weiter kämpfte sich Lovino vorwärts, suchte nach Lücken, durch die er schneller vorwärts kam oder rammte ab und zu mit einem Schulterzucken drängelnde Besucher.
Langsam wurde ihm klar, dass er sicher keine Zeit sparte, so schleichend wie er sich fortbewegte. Verbissen beschleunigte er sein Schritttempo.
Mehr als nie zuvor wünschte er sich, er könnte Menschen verschwinden lassen oder ihnen wenigstens befehlen, wo sie sich aufzuhalten hatten. Oder dass sie ihn nicht ohne Pause anrempeln mussten, nur, weil er mit seinem Fahrrad etwas breiter als ein gewöhnlicher Passant war.
Mit dem Gedanken, es bald hinter sich zu haben, schlängelte sich Lovino weiter vor.
Plötzlich spürte er, wie jemand in seinen Rücken lief. Sofort wollte er schon eine wütende Bemerkung fallen lassen, doch dazu kam er erst gar nicht.
Ein unscheinbarer Mann rempelte Lovino so derb an der Schulter an, dass dieser sich erschrocken umdrehte. Er lief noch einen weiteren Schritt, ohne auf seine Füße zu achten und stolperte prompt über ein vorgehaltenes Bein.
Nun konnte Lovino seinen Fall nicht mehr bremsen und landete neben seinem Fahrrad, das mit einem Scheppern umkippte, auf dem dreckigen Boden. Jetzt war auch noch seine Hose am Knie gerissen und seine Arme schmerzten von den kleinen Steinchen, die sich ihm in die Haut gruben.
»Pass doch auf, du Bastard!«, brüllte Lovino wütend und versuchte, sich umzudrehen, um sich wieder aufzurichten, bevor ihn noch jemand trat oder über das Rad stolperte, das quer den Weg blockierte.
Lovino nahm seinen Rucksack von den Schultern, der schon halb heruntergerutscht war, um ihn wieder richtig aufzusetzen. Seinen Fahrradhelm trug er immer noch auf dem Kopf.
Und da passierte es: In dem Moment, als Lovino sein Gepäckstück vor die Brust nahm, um so aufzustehen und es dann wieder auf den Rücken zu schwingen, packte der Mann, welcher ihn zuvor ein Bein gestellt hatte, selbst den Rucksack.
Dies geschah alles so schnell, dass Lovino nur äußerst verdutzt auf seine leeren Hände schauen konnte.
Als er realisierte, soeben bestohlen worden zu sein, verschwand der Mann schon rennend in die andere Richtung.
»HEY!« Lovino richtete sich ruckartig auf, kümmerte sich jedoch noch vorsichtshalber um sein Fahrrad, um es nicht auch noch zu verlieren.
»EIN DIEB!«, rief er mit Leibeskräften in die Menschenmenge und versuchte schneller denn je, mit dem Fahrrad voranzukommen.
»Bleib stehen! Mein Rucksack...!!«
Und schon verlor Lovino den Hinterkopf des Diebes aus den Augen. Er tauchte einfach in dem Gewirr unter.
Noch ein Weilchen tastete sich Lovino weiter vor, doch nirgends erkannte er den Kerl wieder.
Eine Welle der Emotionen durchfloss ihn.
»VERDAMMTER SCHEIß!!!«, brüllte er und ignorierte die entsetzen Gesichter der Leute oder die rennenden Frauen, die mit größter Eile ihre Kinder wegzogen.
»Wieso musste das mir passieren?! WIESO?! ARGH!«
Lovino sah, dass er den Markt sogleich hinter sich hatte und stolperte die letzten Meter eher, als zu laufen. Noch einmal wandte er seinen Kopf in alle Richtungen, doch der Taschendieb war wie vom Erdboden verschluckt.
Ein kleines Stück ging Lovino noch auf den nahenden Bahnhof zu, den er nun erreicht hatte, blieb jedoch genau vor dem Eingang stehen, stellte sein Fahrrad an die Seite und  brach schluchzend auf dem Boden zusammen.

Das Einzige, was Lovino noch besaß, war sein Handy, welches in der Hosentasche getragen hatte.
Aber das war das Unwichtigste, wie er niedergeschmettert feststellen musste. Seine Brieftasche mit dem gesamten ersparten Geld vieler Monate und dem wichtigen Zugticket waren verloren.
Er rieb sich die Schläfen, als wolle er aus einem Traum erwachen.
500€ Bargeld hatte er zusammengesammelt und in sein Portmonee gesteckt. 500€!
Um diese Summe noch einmal aufzutreiben, brauchte er ewig!
Die letzten Monate hatte er fast tagtäglich in einem Supermarkt gejobbt. Hätte er Taschengeld bekommen, wäre es viel schneller gegangen, doch er hatte mit Feliciano und Romulus nicht gerade in Wohlhaben gelebt. Nicht einmal Ansatzweise.
Selbst, wenn Romulus es gewollt hätte; Taschengeld war nie übrig gewesen.
Mir rumorendem Kopf richtete sich Lovino auf. Der Südländer griff nach seinem Rad, schob es allerdings nur. In den Bahnhof brauchte er ja nicht mehr zu gehen, also schlug er einfach irgendeine Straße ein.
Wo sollte er nun hingehen? Zu Kyle zurück? Es wäre eine echt große Blamage und auch, wenn Kyle ihn noch einmal aufnahm, konnte er ja nicht für die nächsten Monate bei ihm leben.
Nach Hause? Lovino schluckte. Das hieß, er würde aufgeben und seine Chance zur Flucht wäre wahrscheinlich vertan. Aber ihm würde wohl nichts anderes übrig bleiben, als aufzugeben.
Feliciano würde beigebracht werden müssen, der Brief wäre ein Scherz gewesen oder Feliciano hätte ihn ganz falsch gedeutet.
Und wieder schwang sich Lovino auf den Sattel, aber diesmal, um sich geschlagen auf den Weg zu Romulus zu machen.

Mit einer Laune, die noch tiefer als im Keller war, fuhr Lovino die Straßen entlang.
Diesmal nahm er allerdings den Radweg gleich neben der Strecke für die Fußgänger. Er wollte überhaupt nicht schnell ankommen.
Der Gedanke an sein verlorenes Geld ließ ihn nicht mehr los. Die Demütigung, einen billig bezahlten Job im Supermarkt anzunehmen war schon groß genug gewesen, doch zu guter Letzt hatte er dies auch noch umsonst getan.
Die Welt war ungerecht.
Lovino fuhr gerade durch einen kleinen Park, als er entdeckte, dass sich vor ihm eine Gruppe von Jugendlichen befand. Sie trugen typisch schwarze Bikerklamotten und trotz der wärmenden Frühlingsluft die gleichen, von dunklem Leder glänzenden Jacken.
Es war eine relativ kleine Gruppe - Lovino zählte sechs Jugendliche - , die sich halb über ihre polierten Motorräder beugten oder laut über irgendetwas unterhielten und zwischendurch in schallendes Gelächter ausbrachen. Vier rauchten und pusteten den Qualm ihrer langen Zigaretten aus.
Manche waren sogar im Gesicht tätowiert und die, die es nicht waren, zeigten dafür unzählige Piercings.
Lovino wurde es plötzlich unangenehm zumute, weiterzufahren. Er spielte mit dem Gedanken, umzukehren und eine andere Richtung einzuschlagen. Doch nun war er nur noch ein paar Meter von der Gruppe entfernt und es würde äußerst komisch rüberkommen, jetzt wieder den Rückzug anzutreten.
Vielleicht würden ihm die Biker sogar folgen, weil sie merkten, dass er Angst hatte.
Also Augen zu und durch. Schließlich war der Park für jeden öffentlich zugänglich.
Lovino fuhr etwas langsamer, um es natürlich erscheinen zu lassen. Nun fuhr er an dem ersten Jugendlichen vorbei und beruhigte sich innerlich, als niemand ihn beachtete und alle einfach mit ihren kratzigen Stimmen weiterredeten.
Doch plötzlich grinste einer der Biker hämisch und deutete mit einer Augenbewegung auf Lovino.
»Ein echt süßer Helm, den du da hast, Kleiner.«
Die anderen lachten. Empört drehte sich Lovino zu der Stimme um, doch als er in das kantige und fies grinsende Gesicht des Typen blickte, lief ihm eine Schweißperle die Stirn hinunter.
Und da geschah es. Genau, als Lovino seinen Kopf wieder vorwärts richten wollte, stellte er entsetzt fest, geradewegs gegen ein Bike zu fahren. Er riss ein Fahrrad herum, doch es schleifte trotzdem das breite Fahrzeug. Lovino atmete zwar erleichtert auf, es nur geschleift zu haben, doch beim Herumreißen rutschten seine Reifen zu sehr auf dem Schotterweg und Lovino kippte um.
Augenblicklich erklang lautes und schrecklich gehässiges Lachen der Biker.
»He, Schwächling, wie kannst du es wagen, mein Motorrad zu streifen und dich dann einfach hinzupacken?!« Ein riesiger Kerl mit schwarzen Rasterlocken löste sich von der Bank, die er bis eben noch für sich allein beansprucht hatte, und beugte sich über Lovino.
»Steh auf!«
Lovino versuchte, seine zittrigen Beine beim Aufrichten zu verbergen und schaute zu Boden. Dem Typ vor ihm schien das gar nicht zu gefallen.
»Schau mich gefälligst an, wenn ich mit dir rede!«, meinte er mit bedrohlich aufbauender Stimme und schlug Lovino kurz entschlossen ins Gesicht. Dieser stolperte kurz aufjaulend ein wenig zurück und musste stark damit Kämpfen, keine Tränen zu vergießen.
Seine Kumpanen schien das nur noch mehr zu amüsieren. Sie versammelten sich alle um den wehrlos erscheinenden Lovino.
»E-entschuldigung«, brachte dieser kläglich heraus und hielt sich die vor Schmerz pochende Wange.
»Was hast du gesagt? Ich konnte dich gar nicht hören!«
»Es t-t-tut mir l-leid!«, versuchte es Lovino einmal lauter.
»Siehst du den Kratzer?!« Der riesige Typ zeigte auf das völlig unversehrte Motorrad und tat so, als würde er mit den Fingern einen vorhandenen Riss nachziehen. »Dafür wirst du garantiert nicht mit einer gestotterten Entschuldigung davonkommen! Wieso wagst du es überhaupt, in unser Gebiet einzudringen?!«
»Das ist doch nur ein Par-«
»Fresse!«
Ein anderer, etwas kleiner, aber umso breiterer Biker trat vor. »Und was machen wir jetzt mit dem da?«
Lovinos Herz setzte einen Schlag aus, als der Rasterlockige ohne zu zögern und völlig gleichgültig erwiderte: »Wir spielen ein bisschen mit ihm, ganz einfach.«
Zustimmendes Gelächter.
»Der Winzling wird mit seinem Dreirad einen kleinen Vorsprung bekommen. Wir hingegen folgen ihm nach einer Weile und versuchen, ihn einzukesseln. Wer zum Schluss dabei ist, darf ihm eine drauf geben!«
Während sich die Biker ihre Motorräder griffen, beschleunigte sich Lovinos Puls so hoch wie sonst nie.
»Jetzt schwing deinen Arsch auf das Rad!«, brüllte ihn einer an, während er seinen Motor kurz aufheulen ließ.
Lovino musste wohl oder übel das tun, was sie von ihm verlangten. Aber er hatte nicht den Hauch einer Chance, das wusste er sofort. Vielleicht konnte er jemanden auf sich aufmerksam machen, damit ihm geholfen wurde, doch er zweifelte, dass dies geschah.
Er hörte nacheinander, wie die nächsten Motoren ansprangen.
»Wir geben dir dreißig Sekunden Vorsprung, also fahr um dein Leben, Codardo*!«
Das ließ sich Lovino nicht zweimal sagen.


*ital. für Feigling bzw. Hetare ^^


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Ein Hallöchen an alle! c:
Ich bin im Großen und Ganzen zufrieden mit dem Kapitel, aber... eigentlich sollte Antonio noch vorkommen, doch ich konnte mich nicht kürzer fassen. Dafür kommt er im nächsten Chap endlich vor, versprochen.

Lovi hat's nicht leicht...
In Rom wird tatsächlich viel geklaut. Wenn ihr einmal dort seid, dann passt gut auf eure Taschen auf, vor allem in großen Menschenmengen.

Ich sehe ab und zu Rechtschreib- oder Grammatikfehler, die ich erst nicht wahrgenommen habe. Sollten euch übermäßige Fehler auffallen, sagt es nur, denn dann lese ich beim nächsten Mal gründlicher oder besorge mir irgendwie einen Beta-Leser.
Fortsetzung folgt nächste Woche. Hasta la Pasta bis dahin! \^-^
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