Argo

GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P12
Gabrielle Xena
19.01.2014
19.01.2014
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Inhalt: Diesmal möchte Gabrielle von Xena eine wahre Geschichte hören - wie sie ihrer treuen Stute Argo kam.

Genre: Freundschaft, Prequel

Disclaimer: Xena und Co gehören Universal/Renaissance Pictures

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Argo

von Alistanniel


„Da gibt es etwas, das ich dich schon lange fragen wollte.“
Gabrielles Tonfall war bemüht nebensächlich, doch ihr kecker Blick von der Seite her ließ Xena Übles schwanen. Sie betrachtete höchst interessiert den ausgetretenen Pfad, der durch hohes Gras und dürre Sträucher führte. Es war ein heißer Tag. Am Himmel standen nur wenige Wolken, die das Sonnenlicht mit seiner ganzen Kraft herab scheinen ließen. Vor ihnen lagen noch mehrere Stunden Fußmarsch, ehe der Abend Kühlung versprach. Xena spürte immer noch die Augen ihre Gefährtin auf sich ruhen. Die Bardin konnte äußerst hartnäckig sein, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte.
„Und das wäre?“
„Wie bist du zu Argo gekommen?“
Die Kriegerin hob die Braue. Sie warf unwillkürlich einen Blick auf die Stute, die sie am Zügel neben sich her führte. „Du weißt doch, ich bin keine gute Geschichtenerzählerin. Das überlasse sich gerne dir.“
Im selben Moment versetzte ihr Gabrielle einen neckischen Schubs in die Rippen. „Oh nein! Diesmal bist du dran, keine Ausflüchte. Ich will das jetzt wissen.“
„Nun gut. Ich habe sie einem Bauern abgekauft. Keine große Sache und wohl kaum Stoff für eine interessante Geschichte.“
Ein schalkhaftes Grinsen huschte über das Gesicht der Jüngeren. „Netter Versuch, aber ich glaube dir kein Wort. Erzähl es mir, oder koch dir dein Abendessen selbst!“
Diese Wahl stellte Xena vor ein kleines Problem, weil sie eine ausgesprochen miserable Köchin war. Wenn sie also etwas halbwegs Genießbares auf dem Teller haben wollte, konnte sie nur nachgeben. Sie rollte demonstrativ mit den Augen, was Gabrielle dazu veranlasste, sie siegessicher anzugrinsen. Ihr würde schon eine geeignete Retourkutsche einfallen, doch für den Moment beschloss sie, sich ihrem Schicksal zu fügen und begann zu erzählen.

Ein erneuter Blitz erhellte die Gegend, gefolgt von einem dumpfen Donnerschlag. Das Gewitter war noch ein Stück weit entfernt, doch es rückte bedrohlich näher. Für die regennasse Gestalt, die im Eiltempo einer aufgeweichten Handelsstraße folgte, wurde es allerhöchste Zeit, einen Unterschlupf zu finden. Xena war durchgefroren und so hungrig, dass es ihr schwer fiel, ihren zügigen Schritt zu halten. Für gewöhnlich mied sie die Routen, auf denen Kaufleute und Reisende von Dorf zu Dorf zogen, um keine unliebsamen Überraschungen zu erleben, doch bei diesem Wetter wagte sich kaum jemand ins Freie. Eine Zeit lang hatte sie gespürt, dass jemand ihren Schritten wie ein Schatten folgte, doch Wind und Regen, die bereits seit mehreren Tagen vorhielten, verwischten ihre Spuren so gründlich, dass der Jäger sein Wild verloren hatte. Das Gefühl, jemandes Beute zu sein, berührte sie so wenig, wie alles auf dieser Welt. Der Zorn und der Hass, der sie stets vorangetrieben hatte, war verloschen. Zurückgeblieben war ein leerer seelenloser Körper. Seit sie sich von Hercules verabschiedet hatte, und jeder seiner eigenen Wege ging, fühlte sie sich ausgebrannt und völlig verloren. Die Straße führte an einem heruntergekommenen Bauernhaus vorbei. Drinnen war es mit Sicherheit trocken, aber die Kriegerin zögerte. Wer immer darin lebte, würde sie kaum wohlwollend aufnehmen. Ihr Ruf war ihr weit vorausgeeilt. In der letzten Siedlung hatte sie versucht ein paar Kaninchenfelle auf dem Markt zu verkaufen, ehe sie mit Steinen davon gejagt worden war wie ein geprügelter Hund. Sie verstand diese Menschen. All das unschuldige Blut, mit dem sie ihre Hände getränkt hatte, ließ sich niemals wieder fort waschen. Diese Schuld würde auf ihr lasten, solange sie lebte, und sie auch im Tod keine Erlösung finden lassen. Sie wanderte ohne Ziel und ging anderen Menschen so weit wie möglich aus dem Weg. In bewohnte Gegenden wagte sie sich nur, wenn es unbedingt nötig war. Ihre bedeutungslose Existenz zu erhalten war ein Instinkt, ein natürlicher Trieb, wie ihn jedes Wesen besaß. Im Grunde kümmerte es sie nicht, ob sie lebte oder starb. Ein erneutes Aufflammen der Landschaft in grellem Licht und ein deutlich näheres Grollen brachte sie dazu, doch bei dem Bauernhaus nach einem Unterschlupf zu suchen. Daneben stand ein zweites ebenso verwahrlostes Gebäude, bei dem es sich um eine Scheune oder einen Stall handeln musste. Das heranziehende Gewitter würde den Besitzer des Grundstücks bestimmt in seiner trockenen Stube halten. Schnell wie ein Schatten huschte sie zum Tor, das mit einem breiten Riegel verschlossen war. Das Öffnen verursachte ein langgezogenes Knarren, das im Prasseln des Regens auf Holz völlig unterging. Drinnen herrschte düsteres Halbdunkel. Schon nach wenigen Schritten schlug Xena der Gestank von Mist, angefaultem Stroh und Tieren entgegen. Dieser Stall musste lange nicht mehr gesäubert worden sein. Das Dach war nicht dicht, irgendwo tropfte Wasser ins Innere des Gebäudes. Auf der Suche nach einem Fleckchen, auf dem sie ihre Decke zum Schlafen aufbreiten konnte, bemerkte sie gegenüber einigen aufeinander gestapelten muffig riechenden Strohballen einen Verschlag, von dem der beißende Geruch ausging. Vorsichtig trat sie näher, um zu erkennen, was sich dort drinnen befand. Ihr stockte beinahe der Atem. Ein mageres Pferd lag auf dem völlig verdreckten Boden. Es schien obendrein krank zu sein. Xena öffnete das aus mehreren Holzlatten gezimmerte Gatter und näherte sich dem Tier behutsam. Als es ihre Gegenwart bemerkte, kämpfte es sich auf die dürren Beine, die sein Gewicht gerade noch zu tragen schienen. Ein dunkles Augenpaar blickte sie scheu an.
„Ganz ruhig“, sagte Xena sanft. „Ich tue dir nichts.“
Das Pferd versuchte zurück zu weichen, doch der Verschlag ließ dafür keinen Platz. Die Kriegerin näherte sich ihm nicht weiter. Sie blieb dort stehen, wo sich vor Kurzem noch das Gatter befunden hatte, und versuchte dem verängstigten Tier mit ihrer ruhigen Stimme zu signalisieren, dass sie es gut meinte. Schließlich ließ es sich von ihr hinaus in den größeren helleren Bereich des Stalls führen. Es lahmte am linken Hinterlauf. Sie verteilte sauberes Stroh auf dem Boden und fand einen Eimer, den sie im Freien mit Regenwasser vollaufen ließ, um dem Pferd etwas zu trinken zu geben. Es hielt sich auf den Hufen, während sie es wusch und anschließend trocken rieb. Am lahmen Bein fand sie eine Wunde, die zwar nicht tief, aber verschmutzt war. Die Stute hatte scheinbar ein wenig Vertrauen gefasst, sie ließ zu, dass Xena den verkrusteten Riss säuberte und versorgte. Mehr konnte sie nicht tun. Das Pferd knickte kraftlos ein. Wenn es Wundbrand hatte, würde auch das bisschen Pflege es nicht retten.
„Du bist ein zähes Mädchen, nicht wahr?“ murmelte Xena, die sich neben dem Tier im Stroh niedergelassen hatte. Es brauchte dringend Nahrung und damit war es nicht allein. Auch sie selbst war völlig ausgehungert, weil es bei dem strömenden Regen unmöglich war, zu jagen oder wilde Beeren und Früchte zu finden. Außerdem war die Nässe so tief unter ihre Haut gekrochen, dass sie erbärmlich fror. Die zugigen Holzlatten, aus denen der Stall gezimmert war, hielten die Kälte kaum ab. Erschöpft sank ihr Oberkörper schließlich nach vorne auf den warmen Leib des Pferdes. Draußen tobte das Gewitter inzwischen mit aller Kraft. Mehrere Blitze schlugen donnernd in der Nähe ein. Die Stute schien sich in ihrer Gegenwart jedoch nicht zu fürchten. Irgendwann übermannte sie endlich ein traumloser Schlaf.

Xena hatte sich über die Jahre die Fähigkeit angeeignet, hellwach zu sein, sobald sie die Augen aufschlug. Ihre geschärften Sinne erfassten pfeilschnell die Umgebung und die Eindrücke des vergangenen Tages strömten auf sie ein. Das Unwetter war vorbei, durch die Ritzen in der Stallwand und die Löcher an der Decke blitzen helle Sonnenstrahlen. Draußen konnte sie Vögel hören, die den neuen Morgen besangen. Das Pferd hob den Kopf und schnaubte leise. Jetzt konnte sie sehen, dass sein struppiges Fell von honiggelber Farbe war, Mähne und Schweif jedoch schmutzig weiß. Es war noch ein junges Tier und in besserem Zustand gewiss auch ein schönes. Langsam streckte sie ihm die Hand entgegen, sodass es ihren Geruch aufnehmen konnte. Sie spürte die weichen Nüstern mit den feinen Härchen auf der Haut und streichelte ihm über den Nasenrücken.
„Guten Morgen, Pferd“, sagte sie ruhig. „Wenigstens dir ist es gleich, wer ich bin... oder wer ich war. Du bist froh, dass jemand gut zu dir ist. Das ist noch nicht oft vorgekommen, oder?“ Das Tier wackelte mit den Ohren und schnaubte Xena ins Gesicht, was sie zu einem matten Lächeln veranlasste. „Du hast wohl Hunger. Mir geht es genauso. Ich werde für den Anfang etwas Wasser für dich holen, wenn ich mir dein Bein angesehen habe.“
Mit gutem Zureden gelang es ihr jedoch nicht, die Stute zum Aufstehen zu bewegen. Erst als sie Anstalten machte, den Stall zu verlassen, rappelte sie sich auf, als wollte sie nicht allein zurückgelassen werden. In der Helligkeit zeigte sich, dass die Wunde nur oberflächlich war und wahrscheinlich gut abheilen würde, wenn man sie regelmäßig reinigte. Das Pferd benötigte in erster Linie genügend Nahrung, damit es wieder an Gewicht zunehmen und Muskeln aufbauen konnte. Mit dem Vorhaben im Haus nachzusehen, ob dort überhaupt noch jemand lebte, trat sie ins Freie hinaus. Die Luft war vom Regen ganz klar und roch nach wilden Kräutern. Sie musste blinzeln, weil ihr die noch tief stehende Sonne genau ins Gesicht schien. Diese winzige Unaufmerksamkeit genügte. Etwas riss sie von den Beinen und schmetterte sie mit voller Wucht zurück gegen die Bretterwand des Gebäudes. Der harte Aufprall mit dem Hinterkopf ließ schwarze Schatten vor ihren Augen tanzen.
„Hab ich dich endlich, Kriegerin!“ höhnte eine raue Männerstimme.
Im Gegenlicht erkannte sie den Angreifer nur als dunklen Schemen. Instinktiv warf sie sich beiseite und sein Schwert traf krachend auf Holz. Mit ihrer raubkatzenhaften Schnelligkeit rollte sie sich ab, sprang wieder auf die Beine und langte nach dem Griff ihrer eigenen Waffe, die sie auf dem Rücken trug. Doch sie zögerte das Schwert zu ziehen, an dessen Klinge das Blut zu vieler Unschuldiger klebte. Wenn sie gewollt hätte, wäre es ihr nicht schwer gefallen, sich ihres Gegners zu erwehren, aber etwas hielt sie davon ab. Im nächsten Moment drückte seine Klinge hart gegen ihre ungeschützte Kehle.
„Was willst du von mir?“ fragte sie den kräftig gebauten dunkelblonden Mann gepresst. Sie wagte es kaum zu atmen, weil eine winzige Bewegung genügte, um ihr die Kehle aufzuschlitzen. Sein Gesicht war noch recht jung, sogar hübsch, aber in seinen Augen lag jenes fiebrige Funkeln, das sie gut kannte, weil sie es früher oft an ihrem eigenen Spiegelbild gesehen hatte. Er war ein kaltblütiger Mörder.
„Dein Kopf ist viel Geld wert“, erwiderte er mit völlig unbewegter Miene. „Dass dein Körper noch daran hängt, ist allerdings keine Bedingung. Stirb, Xena!“
Es war nicht so, dass sie seit der Begegnung mit Hercules den Tod suchte, obwohl sie ihn verdiente. Vielleicht würden die Seelen ihrer Opfer so etwas wie Frieden finden, wenn sie starb und im Tartaros für alle Ewigkeit büßte. Ja, vielleicht sollte es so enden. Sie schloss die Augen und erwartete den tödlichen Schwerthieb. Doch Hades kam nicht, um sie der Verdammnis zu übergeben. Sie hörte das schrille Wiehern eines Pferdes, das Fluchen des Mannes und der Druck des Schwertes gegen ihre Kehle verschwand. Keuchend sank sie auf die Knie. Luft strömte in ihre Lungen und brachte das Leben zurück in ihren Körper. Ihr Angreifer lag auf dem Boden. Über ihm bäumte sich mit angriffslustig zurückgelegten Ohren die Stute auf. Xena schnellte in die Höhe, sodass sie vor ihr auf die Füße kam, und versuchte sie an der Mähne beiseite zu reißen, doch es gelang ihr nicht. Die harten Hufe trafen den Brustkorb des Mannes, der mit einem scheußlichen Knacken nachgab.
"Ruhig, Mädchen!" sprach sie mit sanfter Stimme auf das Tier ein, dessen braune Augen sie aufmerksam anblickten. "Alles ist gut, hab keine Angst."
Dieses Pferd hatte ihr gerade das Leben gerettet! Der junge Mann, der jetzt mit gebrochenen Knochen im Staub lag, war ein Kopfgeldjäger, der ihr ohne mit der Wimper zu zucken den Hals durchgeschnitten hätte. Sie schluckte, als ihr bewusst wurde, wie knapp sie dem Tod entronnen war. Wollte das Schicksal, dass sie weiterlebte?

„Was ist da los?“ rief auf einmal eine tiefe heisere Stimme. Vom Bauernhaus näherte sich ein älterer hagerer Mann mit hastigen Schritten. Als er den blutenden Toten erblickte, schrak er zurück. „Bei Zeus! Was hast du getan? Du hast ihn getötet!“
Die Kriegerin schüttelte den Kopf. Sie legte eine Hand auf die honigfarbene Flanke der Stute. „Es war Notwehr. Der Kerl hat mich angriffen, um ein Haar hätte er mich umgebracht.“
„Was suchst du überhaupt auf meinem Land?“ Der Bauer blickte unruhig zwischen ihr und dem Kopfgeldjäger hin und her. „Kann es sein, dass er dich dabei überrascht hat, wie du den Gaul stehlen wolltest? Du bist eine verdammte Diebin!“
Sie hob abwehrend die Hände. „Das ist nicht wahr! Ich bin nur eine Reisende, die in deinem Stall einen Unterschlupf für die Nacht gesucht hat. Du solltest dein Pferd öfter pflegen und ihm etwas zu fressen geben.“
„Der Gaul ist zu nichts nutze. Er beißt und tritt nur, anstatt zu gehorchen. Vor den Wagen lässt er sich auch nicht spannen, deswegen kommt er zum Metzger.“
Xenas Herz sagte ihr, dass ihr das Pferd ein kostbares Geschenk gemacht hatte, welches sie nun erwidern musste. "Halt! Ich kaufe dir die Stute ab."
"Zwanzig Dinar. So viel gibt mir der Abdecker."
"Ich biete dir Hasenfelle zum Tausch", entgegnete sie mit ihrem überzeugendsten Lächeln. "Anderenfalls brauche ich etwas Zeit, bis ich sie im nächsten Dorf verkaufen kann. Danach bringe ich dir das Geld."
"Nein, nein! Entweder gibst du mir jetzt zwanzig Dinar auf die Hand, und keinen weniger, oder der Gaul endet beim Metzger."
In einem Anflug von Zorn zogen sich ihre Brauen zusammen. Dieser alte Dummkopf. Wäre sie im Besitz des Geldes, hätte sie es ihm bereits gegeben. Der Blick des Bauern glitt erstmals über Xenas schlanken Körper in Leder und Harnisch.
"Du bist schön. Wenn dir so viel an dem nutzlosen Vieh liegt, werden wir uns sicherlich einig."
Die Art und Weise, wie er sie ausgiebig betrachtete, missfiel ihr zutiefst. Sie ahnte, welchen Handel er im Sinn hatte. Ihre Hand strich beinahe liebevoll über den kalten Metallring, den sie an der Hüfte trug. Es juckte sie im kleinen Finger, ihm das Chakram aus nächster Nähe in den Hals zu rammen. Aber sie tat es nicht. Mochte er noch so abstoßend und lästig sein, er war nur ein harmloser Bauer. Dass er nie gelernt hatte, in einem Pferd mehr als ein Nutzobjekt zu sehen, rechtfertigte nicht, ihn einfach umzubringen. Die bösartige zügellose Kriegsherrin, die mit aller Gewalt ihren Willen durchsetzte, war von Hercules vertrieben worden. Doch Xena fürchtete den Dämon noch immer, weil sie wusste, dass er niemals völlig verschwinden würde. Sie konnte ihn nur tief in ihrem Inneren wegsperren. Die Stute schnaubte und stupste sie sacht mit der Nase an, ehe sie den Kopf senkte, um das vom Regen feuchte frische Gras zu rupfen.
„Also?“ fragte der Bauer mit wachsender Ungeduld. „Ich würde auch für dich dafür sorgen, dass den dort niemand findet.“ Er nickte in Richtung des toten Kopfgeldjägers.
Mit hochgezogener Braue nickte sie schließlich. „Ich zahle deinen Preis, wenn du mir das Pferd überlässt.“ Ihre Stimme wurde leise und drohend. „Wage es ja nicht, mich zu hintergehen. Du würdest es bereuen.“
Der Mann zögerte für einen Moment, aber dann grinste er sie schmierig an. Seine Hand glitt über ihre Wange, als wollte er ausprobieren, wie sie reagierte. Als die Kriegerin es beinahe reglos über sich ergehen ließ, drängte er sie gegen die raue Stallwand. Xena wollte das nur möglichst rasch hinter sich bringen, ehe sie es sich doch noch anders überlegen und Gebrauch von ihrem Chakram machen konnte. Die Arbeit im Freien unter Sonne und Wind hatten deutliche Spuren im Gesicht des Bauern hinterlassen. Sein dunkles Haar und der Bart waren bereits stark angegraut. Sie versuchte sich vorzustellen, wie er in seiner Jugend ausgesehen haben mochte.
„Mach schon“, zischte sie ungehalten.
Das Grinsen auf seinen aufgesprungenen Lippen wuchs in die Breite, während seine Hände gierig über ihren Körper zu wandern begannen. „Wie heißt du eigentlich?“
„Xena“, erwiderte sie mit einem leichten Augenrollen.
Abrupt ließ er von ihr ab und starrte sie an. „Die Kriegsherrin??“
Sie lachte amüsiert auf. „Und du bist wohl Ares als Bauer verkleidet.“
Verwirrt öffnete er den Mund, schloss ihn wieder und schüttelte den Kopf. Es schien ihm wirklich lächerlich, dass die gefürchtete Kriegsherrin Xena ihm ihren Körper für einen unnützen Gaul überlassen konnte. Dass das kurze Vergnügen für ihn ein angemessener Preis war, konnte ihr nur recht sein, weil es das einfachste und günstigste war.
Mit gerötetem Gesicht schloss der Bauer seine Hosen, während Xena ihr Lederkleid wieder in Ordnung brachte und den Harnisch zurecht rückte. Sie nahm sich vor, später ausgiebig im Fluss zu baden. Seine Finger berührten sie an der Wange, woraufhin sie den Kopf mit einem Ruck zur Seite wandte.
„Du hast deine Bezahlung, jetzt halte Wort“, zischte sie kühl. Ihre Hand glitt hinab zu dem Chakram, bereit es zu ergreifen.
Der Bauer grinste sie an. „Aber natürlich. Wie ich schon sagte, ist der Gaul störrisch. Du solltest das Halfter mitnehmen, das im Stall neben der Tür hängt.“
Sie nickte leicht und ließ ihn wortlos stehen, um das Gebäude zu betreten, in dem sie die Nacht verbracht hatte. Tatsächlich hing auf einem Haken beim Eingang ein rissiges ledernes Halfter mit einem groben Strick daran. Nachdem sie es dem Pferd angelegt hatte, wandte sie sich dem Bauern zu, der sich daran machte, den toten Kopfgeldjäger wegzuschleppen. Sie lächelte versonnen, ehe sie sich wieder auf ihren Weg machte. Das Pferd trottete am Führstrick gemächlich neben ihr her.

Bald führte die Straße an einer Furt über den Fluss, der nach dem Regen über die Ufer trat. Xena suchte eine geeignete Stelle abseits der Handelsroute und nahm das ersehnte Bad im kalten Wasser. Nachdem sie sich einigermaßen sauber fühlte, machte sie sich daran, die Stute, die sich inzwischen am reichhaltigen Gras gütlich getan hatte, gründlich zu waschen.
„Du hast mir das Leben gerettet, weißt du das eigentlich?“ sagte sie zu dem Pferd, während sie seine Mähne vom Dreck befreite. Es stupste sie an und schnaubte freundlich. „Ich weiß, du kannst mich nicht verstehen, aber ich danke dir. Wenn das Schicksal wirklich will, dass ich weiterlebe, gibt es vielleicht noch etwas, das ich tun muss. Ich wüsste nur gerne was das ist. Was ich auf der wahnsinnigen Suche nach Ruhm und Macht verbrochen habe, kann durch nichts gesühnt werden. Aber es stimmt schon, mein Tod würde daran auch nichts ändern. Du hast keine Ahnung von Schlachten und was Menschen einander anzutun in der Lage sind. Deine Augen sind ohne Verachtung, ohne Hass. Du siehst in mir nur jemanden, der es gut mit dir meint. Ich werde versuchen, dich nicht zu enttäuschen.“ Sie streichelte der Stute über den Hals. Das Fell war nun weich und sauber. „Argo. So nenne ich dich. Vor uns liegt auch eine Reise, so wie Iasons Suche nach dem Goldenen Vlies, aber ich habe keine Ahnung, wohin sie uns führen wird.“
Im Dorf tauschte Xena ihre Hasenfelle gegen Kraftfutter für die Stute und ein bisschen zu essen für sich selbst. Schon nach ein paar Tagen begann Argo stärker zu werden und ihr Fell glänzender. Sobald die honigfarbene Stute gesund und kräftig genug war, wagte Xena den Versuch, sie zu reiten. Überraschenderweise gestaltete sich das als schwierig. Argo duldete sie zwar auf ihrem Rücken, aber sie verstand die Hilfen nicht. Sie war noch nicht zugeritten. Xena brachte ihr mit viel Geduld bei, einen Reiter zu tragen und auf Pfiffe zu reagieren. In einer Siedlung erstand sie einen alten gebrauchten Sattel und einen Zaum. Die Gesellschaft der sensiblen Stute gab ihr eine neue Perspektive im Leben. Sie war nicht länger wie ein Blatt, das ziellos vom Wind getrieben wurde. Erstmals konnte sie sehen, dass irgendetwas vor ihr lag. Es gab einen Weg, der noch zu gehen war. Der eine Ort, an den es sie zog, war zugleich der, der ihr am meisten Angst machte. Amphipolis. Die Stadt, in der sie geboren worden war. Ihre Heimat. Sie musste sich ihrer Vergangenheit stellen und ihrer Mutter gegenüber treten. Ihre Waffen brauchte sie nun nicht mehr.

„Das heißt, ohne Argo hättest du dich nicht entschlossen nach Hause zu gehen und du wärst nie in die Gegend von Poteidaia gekommen.“ Gabrielle musterte ihre Freundin neugierig.
Xena nickte amüsiert über die Bardin. „Ohne Argo wären wir beide einander wahrscheinlich nie begegnet. Wir schulden ihr also eine Menge.“
„Ich werde daran denken, wenn sie mich das nächste Mal so hinterhältig ansieht.“ Gabrielle seufzte leise. „Aber zumindest verstehe ich jetzt, warum sie dir so viel bedeutet. Du hast sie einem Bauern abgekauft, damit wolltest du mich abspeisen. Hast du eigentlich öfter auf diese Art und Weise für etwas bezahlt?“
Ein wissenden Grinsen erschien auf Xenas Lippen. Ihre Augenbraue wölbte sich nach oben. „Jedenfalls für nichts, für das es so lohnenswert war.“
Diese Antwort irritierte die Jüngere und das Lächeln der Kriegerin wuchs in die Breite. Gabrielle wusste mehr über sie als irgendein anderer Mensch auf der Welt und war trotzdem unerschütterlich in ihrer Treue. Wie Argo. Beide halfen ihr jeden Tag, sich zu erinnern, was Freundschaft und Liebe waren, und es nie wieder zu vergessen.
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