Was lauert im Dunkel...

GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P12
Andreas Kringge Michael "Mick" Brisgau
19.01.2014
02.02.2014
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19.01.2014 1.688
 
Ein Mord - Der allen Polizisten der Kripo Essen nahegeht. Einer ihrer Kollegen wurde erschlagen, es wurde ausgeschlossen, dass es einer seiner Kollegen war. Aber wer dann? Mick und Andreas teilen sich auf, um den Mörder zu finden. Andreas besucht einen Verdächtigen, der in der Nähe des Tatortes gesehen wurde, um ihn zur Rede zu stellen. Nicht ahnend, dass er dem Mörder dabei schon zu nah ist. Viel zu nah.

Es war ungewöhnlich still im Präsidium.
Alle sprachen gedämpft, keiner wagte es, die Stimmung aufzuheitern. Wie auch? Sie hatten ihren Kollegen respektiert, ihn geschätzt.
Andreas und Mick saßen sich stumm in ihrem Büro gegenüber. Sie brauchten nichts zu sagen, beide wussten, was der Andere dachte. Sie würden den Mörder schnappen und ihn am besten für immer hinter Gitter bringen. Schließlich stand Andreas auf und nahm sich seine Jacke, die dunklen Augen ausdruckslos. Mick nickte ihm zu und erhob sich ebenfalls. Mal sehen, ob die Alibis der Verdächtigen stand hielten.

Während Mick die Frau, die den Polizisten entdeckt hatte, befragte, stattete Andreas einem Mann namens James Laurel einen Besuch ab. Er war ganz in der Nähe der Leiche gewesen und einige Leute hatten eine Beschreibung abgegeben, wodurch die Polizei feststellen konnte, dass James Laurel aus den USA nach Deutschland gezogen war.
Korrupte Polizisten hatten seinen Bruder dort getötet. Rache war ein 1a Mordmotiv.
Der Verdächtige lebte in einer kleinen Hütte am Waldrand. Nicht sehr vertrauenswürdig.
Das kleine Vordach ruhte von morschen Balken gestützt über der Veranda, zu der eine knarzende Treppe hinaufführte. Andreas war fast froh, als er sah, dass kein leerer verlassener, im Wind vor und zurück wippender Schaukelstuhl neben der Haustür stand. Das Holz aus dem die Hütte bestand hatte einen leichten Grünstich und roch modrig. Wie hielt der Kerl es hier nur aus?
Die Tür sah nicht besonders massiv aus, aber weil es keine Klingel gab, klopfte Andreas an. Ein Wunder, dass das Ding nicht bei der kleinsten Berührung aus den Angeln fiel.
Während er wartete, sah sich der junge Polizist weiter um. Vor den Fenstern hingen zugezogene dreckige Vorhänge. Die Fenster selbst waren staubig, das Glas von einer milchigen Farbe. Das Geländer, das rund um die Veranda reichte, war zerkratzt und drohte an manchen Stellen auseinander zu fallen. Ehemals kunstvolle Schnitzereien bis zur Unkenntlichkeit von steil einfallendem Regen durchweicht. Schatten lagen in jeder Ecke.
Auf der Lauer.
Andreas schauderte. Die Tür blieb geschlossen. Aber gerade als der Kommissar ein zweites Mal klopfen wollte, erschien ein blasses Gesicht an der Fensterscheibe. Es hatte in etwa dieselbe Farbe wie das Glas, nur die rotgeränderten Augen stachen braun, fast schwarz hervor. Erschrocken machte Andreas einen Schritt zurück.
Und zweifelte eine Sekunde später daran, ob er das Gesicht wirklich gesehen hatte, denn jetzt war es wieder verschwunden. Da hörte er eilige Schritte im Innern. Sie entfernten sich, kamen wieder und wanderten durch das ganze Haus, als ob…
Jemand alles Nötige zusammenpacken würde um zu fliehen. Andreas fluchte und trat einen Schritt zurück. „Sie war offen“, murmelte er beschwörend und ließ den Fuß dann in die Tür knallen. Holz splitterte und Andi brauchte einen Moment um seine Augen an das dämmrige Licht im Innern des Hauses zu gewöhnen.
Stille.
Eine Sekunde lang.
Dann knarzte der Boden und James Laurel flüchtete. Andreas drang in das schwarze Herz des Hauses vor, je weiter er kam, desto dunkler wurde es. Dinge, sie stießen gegen seine Oberschenkel, Hüften, Füße.
Tisch, Stuhl, Schrank? Er wusste es nicht, folgte nur dem Geräusch der knarrenden Schritte.
Er sog scharf die Luft ein, als er gegen einen Türrahmen stieß. Plötzlich war da weißes Licht vor ihm. Trübes Tageslicht. Es gab eine Hintertür. Andreas zog die Waffe, als er dem Licht näher kam. „Bleiben Sie stehen!“, schrie er. Der junge Polizist brach aus der Dunkelheit hervor, tauchte aus dem schwarzen Meer auf.
Laurel floh in den Wald hinein. Andreas folgte ihm mit langen Sätzen. Seine Schuhe waren nicht für so etwas gemacht, aber er war es.
Er war ausgebildeter Polizist, da würde er ja wohl noch eine wandelnde Leiche schnappen können!
Sein Puls stieg, Adrenalin brachte ihn dazu, Gedanken zu vergessen und dem Instinkt die Leitung zu überlassen. Mit jedem Herzschlag, jedem Atemzug kam er näher. Wich gewandt dem Gestrüpp und dem Unterholz, den Bäumen und ihren Wurzeln aus.
So blass wie Laurel war, kam er wohl nicht oft heraus und obwohl er den Wald gut zu kennen schien, trieb er wohl nicht viel Sport. Andreas setzte über eine Senke und sprintete den Abhang auf der anderen Seite weiter hinauf. Nun lief er eine Ebene höher als der Flüchtende, er konnte seine Gestalt immer wieder zwischen den Bäumen aufblitzen sehen.
Das Gewicht auf die Ballen verlagernd und sich kräftig vom Boden abstoßend, erhöhte Andreas das Tempo. Er schwitzte nicht, die Waldluft kühlte ihn sofort, floss in seine Lungen, ohne zu brennen.
Kalt und klar.
Andreas sprang mit einem gigantischen Satz von dem Abhang hinab, kam dicht hinter Laurel auf und rollte sich ab.
Die Waffe hatte er wieder weggesteckt, er würde den Kerl auch so kriegen. Er streckte die Hand aus, wollte ihn packen, als er plötzlich scharf abbog.
Vor ihnen erhob sich ein Maschendrahtzaun, der Andreas weit überragte. Der Kommissar wurde langsamer, als auch er die Richtung änderte und am Zaun entlang rannte. Ein Tor kam in Sicht, ebenso bedrohlich und kahl wie der restliche Zaun.
Wollte Laurel sich etwa dahinter verstecken? Wenn ja, wäre das das Ende seiner Flucht. Andreas würde die Kollegen rufen und der Verdächtige in der Falle sitzen.
Der Mann schob das Tor auf, aber anstatt in das eingezäunte Gelände zu rennen, trat er zur Seite und blieb stehen. Auch Andreas wurde langsamer und kam nur wenige Meter vor dem Amerikaner zum Stehen.
„Es ist vorbei, ich nehme sie vorläufig fest wegen…“ Er stockte, nicht weil ihm nichts einfiel, was er dem Kerl vorwerfen konnte, sondern weil er ein Bellen hörte.
Ein Bellen?! Wölfe waren hier keine, außerdem hörte es sich nicht wie das Bellen eines Wolfes an. Seine Aufmerksamkeit wurde wieder auf Laurel gelenkt, als dieser einen Pfiff ausstieß.
Pfoten trommelten auf den weichen Waldboden, Blätter stoben auf und dann aufgeregtes Gebell.
Blutdurstiges Gebell.
„Run my little friend or they’ll eat you!*” lachte Laurel. Andreas sprach natürlich Englisch und was er hörte, gefiel ihm nicht.
Nicht im Geringsten. Er zog die Waffe, doch es war zu spät, die Hunde waren bereits zu nah. Andi wirbelte herum und rannte los, doch er musste zuerst wieder an Tempo zulegen, während die Meute bereits mit Höchstgeschwindigkeit heran preschte.
Der Leithund warf sich in den Rücken des Polizisten und dieser wurde gegen einen Baum geschleudert. Die Schusswaffe fiel ihm dabei aus der Hand. Andreas rappelte sich auf und jagte keuchend los, die Hunde dicht auf den Fersen.
Diesmal war er der Gejagte.
Diesmal stolperte er über Wurzeln und Unterholz.
Diesmal lief er fast gegen einen Baum, verhedderte sich im Gestrüpp.
Er durfte nicht langsamer werden, nicht anhalten. Panik schnürte ihm die Kehle zu, machte jeden Atemzug zur Qual.
„So muss sich James Laurel vorhin gefühlt haben“, dachte Andreas, „nur dass er nicht zerfleischt worden wäre, wenn er stehen geblieben wäre.“ Er spürte noch die scharfen Krallen des Leithundes in seinem Rücken, als dieser sich auf ihn warf.
Er hatte Angst, eine lauernde Angst vor diesen Krallen. Er wollte nicht wissen, wie scharf dann erst die Zähne waren.
Andi konnte nicht mehr. Ihm war heiß und seine Muskeln brannten. Jeder Schritt fühlte sich an, als würde er auf Feuer gehen. Er hielt dieses Tempo nicht mehr weiter durch. Da kam ihm die rettende Idee.
Ein Baum. Er musste auf einen Baum klettern!
Während er seine letzten Kräfte mobilisierte, sah er sich nach einem Baum um, der niedrige Äste hatte, an denen er sich hinaufziehen konnte. Eine Buche kam ihm gerade recht. Der junge Polizist sprang hoch und griff nach einem Ast, auf den er sich hinaufzog. Unter ihm tobten die Hunde, kamen ihm gefährlich nahe.
Er war noch zu niedrig, also kletterte er weiter nach oben. Dabei überschätzte er einen Ast, der sein Gewicht nicht tragen konnte. Er brach unter seinen Füßen weg und er hing nun in der Luft, die Beine baumelten herab, denn er konnte es nicht riskieren, sich auf den Ast unter sich fallen zu lassen und in der Nähe war sonst keiner mehr.
Seine Arme protestierten. Fast hätte Andreas gelacht, denn diese Situation war einfach zu absurd.
Er hing nur noch an einem Ast und unter ihm knurrte ein Rudel mit mehr als einem halben Dutzend zähnefletschender Köter.
„Was jetzt?“,
fragte sich Andreas. Er könnte es schnell hinter sich bringen und vielleicht noch eins von diesen Biestern mit sich ins Jenseits nehmen…
Aber seine Waffe war ja weg. Dafür war das Handy noch da. Er löste eine Hand von dem Ast und die Hunde unten gerieten in Aufruhr.
Vielleicht dachten sie, dass er gleich fallen würde.
Doch der Kommissar biss die Zähne zusammen und fischte das Handy aus seiner Tasche. Dann wählte er.
„Komm schon… Komm schon…“
„Brisgau?“
„Mick, Andreas hier!“
„Amigo, ich hab mich schon gefragt, wo du bleibst, was-“
„Ich glaub ich hab den Mörder, nur versucht er gerade mich zu ermorden…“
Andreas schnappte verzweifelt nach Luft, er hatte sich ja nicht von der Hetzjagd erholen können.
„Scheiße, wo bist du?“
„Wald, hänge an einem Baum, der Ast unter mir… weggebrochen, Hunde unter mir…“
Andreas keuchte heftig, sein Arm musste gleich abfallen, irgendeine Sehne reißen… Der Gedanke ließ ihn schaudern.
„Wenn der Ast unter dir weggebrochen ist und du telefonierst, womit hältst du dich dann fest?!“
„Rechte Hand.“
„Okay warte, halt durch, ich hab mir die Koordinaten von deinem Handy ausgedruckt. Bin schon auf dem Weg!“
Er bekam keine Antwort. Mick stieg in seinen Diplomat und raste mit Blaulicht los.
„Andreas? Was ist?“
„Hab meine Waffe vorhin fallen gelassen, der Kerl hat sie…“
Micks Herz setzte einen Schlag aus, als ein Knall ertönte und dann noch einer. Er hörte ein leises Rascheln, als das Handy auf dem Waldboden aufschlug. „Andreas…?“
Und dann ein lauteres, dumpferes Geräusch, als etwas Schwereres auf den Boden prallte.


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Für die, die lieber in ihrer Sprache verweilen ;)

*Renn mein kleiner Freund, oder sie werden dich fressen!