Frühling in Avonlea

von Mimi1984
GeschichteAllgemein / P12
18.01.2014
18.01.2014
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Disclaimer: Die Originalcharaktere gehören Lucy Maud Montgomery (1874-1942).

Ich borge mir die Figuren nur aus und verdiene kein Geld damit.

A/N: Die Handlung ist schon etwas älter, sie stammt aus dem Jahr 2011.

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Die Vögel zwitscherten und die Bienen summten. Anne konnte es kaum abwarten, bis die Veilchen wieder zu sehen waren. Nichts gegen den Winter, aber der Frühling war nun einmal ihre liebste Jahreszeit. Nun stand die Sonne von Tag zu Tag länger am Himmel.

Anne war sehr romantisch veranlagt. Zu ihrem Glück fehlte ihr nur noch der passende junge Herr. Da saß doch einer namens Gilbert Blythe in der obersten Klasse.
„Oh, diese braunen Locken.“, seufzte Anne.“Wenn er mich doch nur beachten würde.“

Plötzlich schlenderte Gilbert auf dem Weg oberhalb des Feldes vorbei. Er pfiff ein Lied und schob den Hut in den sonnengebräunten Nacken. Trockenen Staub wirbelten seine Füße auf. Der Mais stand nur wenig hoch, so dass Anne jeden Schritt von Gilbert beobachten konnte.

Dunkle Wolken zogen am Himmel auf. Der junge Herr versuchte, Anne etwas zu sagen. Aber der Wind verwehte seine Worte. Schon prasselten die Regentropfen auf die Erde.
„Mein schönes, neues Seidenkleid. Es ist ruiniert.“, jammerte Anne und lief zum Wald. Gilbert lehnte an einem Baumstamm.
„Kennen wir uns?“Höflich streckte er seine Hand entgegen. Nun stellten sich beide vor.
Insgeheim dachte Gilbert:“Wie konnte ich nur so blind sein?Diese roten Haare und diese grau-grünen Augen. Einfach zum Verlieben.“

Anne’s Zähne klapperten:“Mir ist so kalt. Ich will nach Hause.“
Nur aus Höflichkeit, obwohl sein Herz bis zum Hals schlug, fragte Gilbert, ob er die junge Dame dorthin begleiten dürfe.
„Ich weiß nicht recht.“, stammelte Anne verlegen.“Vater hat bestimmt nichts dagegen. Aber dafür seine zweite Frau umso mehr.“

Blitze zuckten und der Donner grollte. Bedrohlich schwankten die Wipfel der Bäume hin und her.
„Komm, Anne. Lass uns fortgehen. Sonst erschlägt uns noch ein Ast.“
Gibert kannte den Weg zu Anne’s Zuhause nicht. So musste er wohl oder übel danach fragen.
„Hier ist es schon. Das Haus mit den grünen Giebeln.“
„Es sieht wunderschön aus. Genau wie du, Anne.“

Sie spürte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg. Ob das für eine knapp 16 Jahre alte junge Dame normal war? Noch bevor Gilbert sein Lippen auf ihre pressen konnte, öffnete sich mit einem lauten Quietschen die Haustüre.

„Was tust du um diese Zeit noch im Freien?!“, schimpfte eine weibliche Stimme. „Das Abendessen ist schon kalt!Wasch dir die Hände!“
Anne besaß nicht genug Mut, um Gilbert und die Frau miteinander bekannt zu machen. Widerwillig betrat sie das Haus. Schon fiel die Türe krachend ins Schloss.

Gekränkt verliess Gilbert das Anwesen. Ihm war es verwehrt, einen letzen Blick auf Anne zu werfen. Tapfer schluckte er die aufkommenden Tränen hinunter.
„Ein junger Herr weint nicht.“, fiel ihm gerade noch rechtzeitig ein. Ob er Anne wohl wiedersehen würde?

Doch am nächsten Tag war dazu keine Gelegenheit. Es war ein Sonntag. Gilbert’s Eltern waren sehr gläubig und legten viel Wert darauf, dass ihr einziger Sohn dem Beispiel folgte. Fast alle Leute aus Avonlea gingen zur Kirche. Nur Kranke oder Alte blieben zu Hause. Gilbert blickte nach links und nach rechts. Anne konnte er nirgends entdecken. Oder sah er nicht genau hin?

Schon drang das Läuten der Glocke durch das kleine Dorf. Anne blickte stumm aus dem Fenster. Das Leben mit der zweiten Frau ihres Vater war nicht gerade leicht. In diesem Fall aber hatte die junge Dame keine Chance gegen die Strafe.
„Womit habe ich das nur verdient?“, schluchzte sie leise. „Es war doch wirklich nichts dabei. Bloss weil Gilbert mich im Regen nach Hause gebracht hat, damit ich mich nicht erkälte.“

Anne’s Vater war sehr streng und gerecht. Doch in diesem Fall fand auch er die Entscheidung seiner zweiten Gattin angemessen. Nun kleidete er sich für die Kirche um.
„Wir sind schon wieder so spät dran.“
„Lass dir nur Zeit, Rachel. Ich muss noch die Krawatte binden. Das geht viel schneller, wenn du mir dabei hilfst.“

Ehe die beiden aus dem Haus gingen, schloss er sorgfältig alle Türen ab. „Nun hat Anne genug Zeit, über ihre Untat nachzudenken. Ich hoffe, dass sie alles bald bereut.“
In seiner Stimme schwang ein Hauch von Triumph mit. Er hatte es bisher vermieden, seine Tochter aus erster Ehe mehr als notwendig zu bestrafen. Doch irgendwann hatte alles seine Grenzen.

Gilbert sorgte sich sehr um Anne. Seine Gedanken schweiften von der Predigt einfach ab.
„Das kann mir niemand verbieten, nicht einmal Mr. Bentley.“, dachte er zufrieden. „Sobald die Kirche zu Ende ist, werde ich Mr. Shirley fragen, was mit Anne los ist. Eine Antwort muss er mir so oder so geben.“

Die Leute verließen die Kirche rasch. „Bitte warten Sie, Mr. Shirley!“, rief der junge Herr verzweifelt.
„Du bist doch Gilbert Blythe, nicht wahr? Meine Gattin hat mir alles von dir erzählt. Was ist geschehen.“
Erst nach und nach kam ihm die wahre Geschichte zu Ohren. „Gut, du kannst mit Anne reden. Doch nicht heute. Es ist Sonntag. Dieser Tag ist der Familie und dem Herrn geweiht.“

„Aber das weiß ich doch, Sir.“, stammelte Gilbert verlegen. „Sie haben Recht. Meine Eltern warten schon auf mich. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag, Mr. Shirley – Mrs. Shirley.“
„Ein wohlerzogener junger Herr. Hast du gesehen, wie er seinen Hut vor uns gelüpft hat?“
„Wenn er tatsächlich in Anne verliebt ist, sind wir sie endlich los.“, meinte Rachel und lächelte hasserfüllt.

„Das möchte ich überhört haben. Bei deinen eigenen zwei Töchtern bist du doch auch nicht so darauf aus, sie bald wie möglich unter die Haube zu bekommen.“
Während Mr. und Mrs. Shirley darüber diskutierten, kreisten Gilbert’s Gedanken nur um Anne. Er zählte seufzend die Stunden, bis zum nächsten Wiedersehen. Hoffentlich geschah das bald.

ENDE