Missglückte Heiratsanträge

von Mimi1984
GeschichteAllgemein / P12
Anne Shirley/Blythe Gilbert Blythe
18.01.2014
18.01.2014
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Disclaimer: Die Originalcharaktere gehören Lucy Maud Montgomery (1874-1942).

Ich borge mir die Figuren für die FF nur aus und verdiene kein Geld damit.


A/N: Der kursive gedruckte Teil stammt aus "Anne auf Green Gables" (Band 1) der Anne Serie.

Die Geschichte ist schon etwas älter, sie stammt aus dem Jahr 2008.

-

"Anne", sagte sie sehr ernsthaft. "Ich möchte dir etwas sagen. Darf ich?"
"Natürlich."
"Anne", sagte Jane, jetzt noch ernster. "Was hältst Du von meinem Bruder Billy?"
Anne zog die Luft ein, vor Überraschung über diese unerwartete Frage, und überlegte angestrengt. Meine Güte, was hielt sie denn nun wirklich von Billy Andrews?
"Ich... ich verstehe nicht, Jane", stammelte sie. "Was... meinst du denn genau?"
"Magst du Billy?", fragte Jane sie direkt.
"Ja... also, also... ja, natürlich mag ich ihn", stieß Anne aus und fragte sich, ob sie da wirklich die ganze Wahrheit sagte. Worauf wollte Jane nur hinaus?
"Gefällt er dir als Ehemann?", fragte Jane ruhig.
"Als Ehemann! Wessen Ehemann?"
"Deiner natürlich", antwortete Jane. "Billy möchte dich heiraten. Er war schon immer verliebt in dich - und jetzt hat ihm Vater den oberen Hof überschrieben und nun hält ihn nichts mehr vom heiraten ab. Aber er ist so schüchtern, er konnte dich nicht selbst fragen, ob du ihn nehmen willst, also hat er mich dazu gebracht, dich zu fragen. Ich hätte das ja lieber nicht gemacht, aber er hat nicht nachgegeben, bis ich gesagt habe, ich würde dich fragen, wenn ich eine Gelegenheit habe. Was hältst du davon, Anne?"


Anne zögerte mit der Antwort. Doch im nächsten Augenblick schalt sie sich für ihre Reaktion. Warum sollte sie Billy eigentlich nicht heiraten ? Er verfügte als Farmer über ein geregeltes Einkommen, sein Ruf war makellos, was wollte der junge Mann mehr. Die Sache hatte allerdings einen Haken: Anne kannte Mrs. Harmon Andrews vom Sehen her recht gut, doch sie schauderte schon bei dem flüchten Gedanken daran, diese resolute und praktisch denkende Frau zur Schwiegermutter zu haben.

Jane rümpfte innerlich die Nase. Was dachte sich dieses dahergelaufene „Waisenkind“ dabei, die Tochter eine der reichsten und angesehensten Familien so lange auf eine Antwort warten zu lassen? Jane sagte nie etwas, dass die Gefühle anderer verletzte, aber sie dachte sich ihren Teil und zog dabei die Stirn in Falten. Draußen ging allmählich die Sonne unter. Der Mond kam langsam hervor.

„Ich äh .... Jane .....“, begann Anne nun, nach sie sich die ganze Sache nocheinmal durch den Kopf gehen hatte lassen. „.... nehme Billys Antrag gerne an. Es ist wohl das beste für mich. Ich kann Marilla und Matthew nun nicht länger auf der Tasche liegen. Sie haben beinahe zuviel des Guten für mich getan. Jetzt wird es Zeit, dass ich meinen eigenen Haushalt führe und selbst eine Familie gründe.“

„Dann wollen wir hinuntergehen und es den anderen sagen.“, meinte Jane. Dann erhob sie sich und folgte Anne in die Küche. Vermutlich trocknete Marilla in diesem Augenblick das Geschirr vom Abendessen ab. Und Matthew war vermutlich über eine landwirtschaftlichen Zeitschrift eingenickt. Im Kamin brannte das Feuer langsam herunter. Marilla klapperte mit den Tassen, doch Matthew schnarchte friedlich vor sich hin. Seine Kräfte ließen leider, je älter er wurde, mehr und mehr nach.

Marilla räumte das letzte Stück in den Schrank. Dann drehte sie sich zu den beiden jungen Damen verwundert um: „Nanu, was wollt ihr von mir? Der Nachtisch ist leider schon alle. Und die Speisekammer bereits verschlossen. Wartet, ich binde mir rasch die Schürze ab. Anne, du hast mir bestimmt etwas Wichtiges zu erzählen, so wie ich dich kenne. Ja, komm’ ruhig mit uns, Jane.“

Drüben nahm Marilla auf dem Sofa Platz und ihre Stricknadeln zur Hand: „Setzt euch doch, Mädchen.“
Anne, welche sonst oftmals plauderte wie ein Wasserfall, verhielt sich heute ungewöhnlich ruhig. Rote Flecken waren auf ihren blassen Wangen zu sehen. Sie würde doch nicht etwa krank werden ? Das hatte Marilla gerade noch gefehlt und sie seufzte leise deshalb, ohne es eigentlich zu merken. Diana Barry, Annes beste Freundin, litt an einer schweren Bronchitis. Sie wurde von ihrer Mutter gepflegt.

„Miss Cuthbert ....“, durchbrach Jane mit energischen Worten die Stille. „.... Anne hat Ihnen etwas Wichtiges mitzuteilen. Eigentlich geht es nun ja auch ein wenig um mich, jedenfalls am Rande.“
„Hast du ein Stipendium für das Redmond College gewonnen?“, grübelte Marilla halblaut vor sich in. „Das wäre fein, dann müsste ich nicht auch noch meine letzten Ersparnisse für die Ausbildung opfern.“

Anne schluckte mehrmals und räusperte sich hastig, ehe sie antworten konnte: „Jane hat mir im Namen ihres Bruders Billy, der so schüchtern wie Matthew ist, einen Heiratsantrag gemacht.“
„Ich muss schon sagen ....“, ergriff nun Marilla wieder das Wort und ein lustiges Zwinkern trat in ihre Augen. „.... zu meiner Zeit hätte es das nicht gegeben. Da fragte der junge Mann bei den Eltern der Braut höchstpersönlich nach, ob diese denn für ihn frei wäre. Andererseits besser einen Heiratsantrag von einem Stellvertreter, als gar keinen. Wenn ich da an John Blythe denke. Der hat mich nie gefragt.“
Nach dem Marilla sich von dem ersten Schock erholt hatte, teilte sie ihrem Bruder die Neuigkeit mit. Dieser gab seiner Freude in der Form Ausdruck, in dem er versprach, am Tag der Hochzeit ein Kalb zu schlachten: „Das wird ein guter Braten für die Hochzeit. Es kommen bestimmt viele Gäste, die drei Tage und mehr an diesem Kalb essen können. Ich bin stolz auf dich, mein Anne-Mädchen.“

Wenige Tage später verkündete Mr. Allan das Aufgebot in der Kirche. Billy strahlte über das ganze Gesicht, als er Anne als seine Braut vorstellte. Jeder gönnte ihnen das Glück. Außer Mrs. Rachel Lynde, welche aus gesundheitlichen Gründen nicht bei der Messe anwesen sein konnte. Die Hochzeit wurde für den kommenden Juli festgesetzt. Bis dahin arbeitete Anne in ihrer Freizeit an ihrer Aussteuer und beendete dann den vierjährigen Unterricht an der Dorfschule von Avonlea.

Endlich war der große Tag gekommen. Die Sonne stand hoch am Himmel und die Vögel zwitscherten. Marilla bereitete einen großen Plumpudding zu, während Anne ein letztes Mal in ihrem Stübchen im Ostflügel stand und sich von ihreren Brautjungfern Diana und Jane in das weiße Kleid helfen ließ. Der Schleier war bereits kunstvoll auf Annes roten Locken befestigt worden. Ihre grau-grünen Augen leuchteten vor Freude. Billy wartete bereits auf der Veranda und blickte ungeduldig nach oben.

Anne schritt die Treppe herunter. Marilla putzte sich noch einmal die Nase. Sei es aus Freude für Anne, weil diese das Glück gefunden hatte, welches ihr selbst einst verwehrt geblieben war. Oder aus Trauer darüber, dass die junge Dame von heute an nur noch zu Besuch hier sein würde. Matthew stand ruhig daneben, als ob ihn das alles gar nichts anging und scheinbar nur wenig berührte.

„Willst du Anne Shirley .....“, sprach Mr. Allen die Trauungsformel. Wieder schnäuzte sich jemand. Jetzt kam die Reihe an Billy oder vielmehr: „Willst du William John Andrews ....“ Im nächsten Augenblick wurden die Ringe gewechselt. Die Andrews waren eine große Familie. Janes jüngste Nichte Patricia, „Patty“, gerade einmal süße vier Jahre alt, streute den Reis quer über den Rasen.

„Ich bin so glücklich, Marilla.“, mit diesen Worten verabschiedete sich Anne von ihrer Pflegemutter, während der jungen Braut unaufhaltsam die Tränen über die Wangen kullerten. „Und kann dir mit Worten gar nicht genug dafür danken, was du in den letzten Jahren alles getan hast. Matthew würde ich auch gerne noch einmal sehen. Wo steckt er? Am Tisch sitzt er nicht. Und der Stall ist auch leer.“

Anne ging ins Haus zurück, um ihre Aussteuertruhe zu holen. Wie angewurzelt blieb sie an der Türe zu Matthews Zimmer stehen. Ihr Pflegevater lag auf dem Fußboden und bewegte sich nicht mehr.
„Marilla, komm’ schnell ....“, rief Anne mit einer schrillen Stimme aus. In ihrem Kopf begann sich ein Gedanke zu formen, doch ein andere drängte sich dazwischen: „Nein,um Gottes Willen, nein, nein.

Selbst der junge Gilbert Blythe, Johns Sohn aus der Ehe mit Mary Carter, und ein Medizinstudent im vorletzten Semester konnte trotz all seiner ärztlichen Kunst leider nichts mehr für Matthew tun. „Es war sein Herz. Er hat nicht gelitten. Für ihn muss der Tod offenbar rasch und schmerzlos gekommen sein.“
Marilla zuckte zusammen. Diese gutgemeinten Worte, welche John wohl gesagt hätte, taten ihr weh.

Anne und Billy reisten beinahe überstürzt aus Avonlea in die Flitterwochen ab. Und kamen erst zwei Monate später wieder zurück. Matthew ruhte im Schatten einer alten Buche in einem grauen Eichensarg. Zum Begräbnis waren viele Leute gekommen. Endlich hatte der sonst so schüchterne Matthew einmal im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gestanden. Doch nun war es dafür zu spät.

„Wodurch wurde der der Herzinfarkt ausgelöst?“, erkundigte sich Anne bei Marilla, welche sie kurz auf Green Gables besuchte. „Ich hab’ das damals in der Eile irgendwie gar nicht so richtig mitbekommen.“
„Du erinnerst dich vielleicht noch daran, dass Matthew seine gesamten Ersparnisse auf der Henderson-Bank liegen hatte? Diese ist in den ersten Juliwochen in Konkurs gegangen. Matthew muss davon in der Zeitung gelesen haben. Die Aufregung dürfte zuviel für sein Herz gewesen sein.“

Taktvoll verschwieg Anne ihre gute Nachricht, welche sie Marilla eigentlich erzählen wollte. Der Herbst zog ins Land. Billy arbeitete fleißig auf seiner Farm und erwirtschaftete im ersten Jahr bereits geringe Erträge. Stolz meinte er eines Abends, genüßlich seine Pfeife rauchend. „Irgendwann wird unser Sohn das alles hier erben. Und gewiss sehr stolz auf mich äh ich meinte natürlich auf uns beide sein.“
Anne erwartete ihr erstes Kind für den April des kommenden Jahres. Sie freute sich sehr darauf.

„Wenn es ein Junge wird, soll er Matthew heißen.“, schlug Billy vor, der von Anne viele Details über ihren Pflegevater an den langen Winterabenden vor dem Kamin sitzend erzählt bekommen hatte.
Die werdende Mutter konnte ihr Glück kaum fassen. Schließlich berichtete sie nun auch Marilla davon.
„Das ist eine gute Idee.....“, meinte diese, während sie noch etwas von dem Gebäck nahm. „.... Matthew wäre bestimmt stolz auf dich, Anne. Er hat sich immer gefreut, wenn es dir gut gegangen ist.“
Billy zog den Pflug durch das Feld, während die beiden Frauen beim Tee in der Stube saßen. Anne wurde im Haushalt geschont, so gut sie konnte. Erica Johnson, ein fünfzehnjähriges Mädchen aus der Nachbarschaft, kümmerte sich um die groben Arbeiten, während Anne eifrig Babyjäckchen strickte.

„Billy ist so ein guter Mann. Er trägt mich auf Händen und liest mir jeden Wunsch von den Augen ab.“, schwärmte sie derweilen eifrig. „Ich bin so sehr glücklich, dass ich am liebsten laut schreien möchte.“
Marilla verkniff sich eine Bemerkung. Die Geburt eines Kindes lief nie schmerzfrei ab. Anne würde in dieser Situation wohl noch genug schreien oder stöhnen oder ihrem Schmerz freien Lauf lassen.

Billy war großzügig. Und hatte Anne erlaubt, Marilla zum Tee einzuladen. Es sollte nur noch wenige Tage dauern, bis das Baby zur Welt kam. Anne konnte daher keine langen Strecken zu Fuß mehr zurücklegen. Daher war sie für jeden Besuch dankbar, der auf die Andrews Farm und sei es auch nur für zehn Minuten oder eine halbe Stunde zum Austauschen von Neuigkeiten aus Avonlea kam.

„Gilbert Blythe, du weißt ja, der Medizinstudent, der damals bei deiner Hochzeit auf Green Gables war, hat sich mit Christine Stuart, einer reichen Industriellentochter aus Kingsport, verlobt. Die Hochzeit soll im Herbst stattfinden.“, berichtete Marilla. „Mary erzählt allen, welche gute Partie Gilbert gemacht hat. Dabei müsste es doch eigentlich umgekehrt sein. Was meinst du dazu, liebe Anne?“

„Ich kenne Gilbert Blythe kaum. Er besuchte die Dorfschule in Avonlea und war dann auf dem Remond College. Mehr ist mir leider nicht bekannt.“, antwortete Anne. Dann schenkte sie Marilla eine zweite Tasse Tee ein. „Was gibt es Neues von den Wrights ? Diana ist mit Fred verheiratet, Billy hat mir neulich beim Frühstück davon erzählt. Jane unterrichtet noch immer an der Schule, stimmt’s?“

Billy kam nach Hause und warf seine schmutzigen Stiefel in eine Ecke. Hoffentlich bemerkte Anne das nicht. Einmal hatte sie solch einen Wutanfall bekommen, dass man sie noch drei Häuser weiter hören konnte. Wenig später stand Anne jedoch mit niedergeschlagenen Augen vor ihm und bat kläglich um Verzeihung. An den Stimmungsschwankungen mochte ihr Zustand wohl nicht ganz unschuldig sein.

„Guten Tag, Miss Cuthbert .....“, begann der Hausherr und gab Marilla die Hand. Noch eher er sich nach ihrem Befinden, sei es aus Höflichkeit oder aus einem wahren Interesse, erkundingen wollte, wurde Billy, was er gar nicht mochte, mitten im Satz aus einem guten Grund, grob unterbrochen.
Marilla runzelte halb ärgerlich, halb mit einem Lächeln auf den Lippen die faltendurchzogene Stirn: „Wie oft muss ich dir noch sagen, dass du mich gerne duzen und beim Vornamen nennen darfst.“

„Dann eben ....“, ergriff Billy wieder das Wort. „.... guten Tag äh Marilla. Wie geht es dir heute? Wisst ihr schon das Neueste, was bei den Gillis passiert ist? So eine Tragödie. Ich kann es nicht fassen.“
Anne legte behutsam die Hand auf ihren Bauch. Von Kummen und Sorgen wollte sie im Augenblick nichts hören. Mühsam stemmte sich Anne aus ihren Sessel hoch und ging langsam nach oben.

So versäumte sie die Neuigkeiten, dass Jenny Gillis, gerade einmal sechzehn Jahre alt, kürzlich mit Zwillingen niedergekommen und ihre Schwester Ruby, eine ehmalige Schulkollegin, an einer schweren Form der Schwindsucht erkrankt war. Sie würde vermutlich den Sommer nicht überleben. Billy wusste was sich gehörte und vermied daher dieses heikle Thema in Gegenwart seiner Frau.

Marilla kehrte noch am gleichen Abend nach Green Gables zurück. In der Nacht setzten bei Anne, viel zu früh, die Wehen ein. Erica wurde sofort losgeschickt, um einen Arzt zu holen. Schon eilte Gilbert Blythe herbei. Er hatte schon oft bei einer Geburt assistiert und wusste daher über den praktischen Ablauf mehr als Bescheid. Anne war bei ihm in den besten Händen, während Billy im Salon wartete.

Kurz nach drei Uhr morgens, durchbrach ein krähender Schrei die Anspannung. Billys Herz schlug bis zum Hals. War alles gut gegangen? Oder hatte es wider Erwarten doch Komplikationen gegeben?
„Ich gratuliere dir, Anne .....“, meinte Gilbert, während er sich die Hände mit einer Seife wusch. „....es ist ein strammer Junge. Und er hat sogar rote Haare. Diese Farbe ist heutzutage ziemlich selten.“

Anne erwiderte Gilberts höflichen Händedruck nur schwach, ebenso wenig später, als der Medizinstudent, das kleine Schlafzimmer im ersten Stock bereits verlassen hatte und zu einem weiteren Patienten gerufen worden war, Billys von ganzem Herzen kommende Umarmung und seine lieben Worte: „Oh, Anne, Anne ich bin heute so stolz auf dich. Du war mehr als tapfer und mutig. Hör nur, wie Matthew schreit. Der wird einmal bestimmt nicht so schüchtern, wie sein Namensvetter.“

ENDE