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Die Sage der Lygeia: "Finstere Mächte"

GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P16 / MaleSlash
Gabrielle Joxer OC (Own Character) Xena
18.01.2014
16.09.2016
8
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Achter Gesang






Als Xena am nächsten Morgen aufwachte fühlte sie sich erschöpft. Nicht im negativen Sinne. Eher das Gegenteil. Und der Grund dafür schlief mit dem Rücken eng an sie geschmiegt.

Vorsichtig, um sie nicht zu wecken, zog Xena ihren Arm unter Gabrielles Kopf hervor und stützte ihr Gesicht auf die Hand. Das Licht der aufgehenden Sonne fiel auf das Gesicht der Bardin und ließen die Haut fast golden schimmern. Ihr blondes Haar lag noch im Schatten und wirkte wie Bronze.

Sie sah wunderschön aus.

Mit einem Lächeln auf den Lippen dachte Xena an die letzte Nacht.



Gabrielle hatte sie aus dem Zimmer in den Baderaum geführt, wo man einen großen Zuber mit heißem Wasser vorbereitet hatte. Rosenblätter und andere Blüten schwammen auf dem leicht schaumigen Wasser. Ein milder Duft stieg empor und verbreitete sich im ganzen Raum.

Sie hatten sich unter vielen heimlich zugeworfenen Blicken ausgezogen und waren in den Zuber gestiegen. Und wie immer hatte Gabrielle es sofort übernommen Xena mit dem Schwamm einzuseifen und abzuwaschen. Doch diesmal hatte Xena, anders als bei vorherigen Gelegenheiten, in Gabrielles Bewegungen deutlich das Verlangen gespürt.

Nach dem gemeinsamen Bad, das viel länger dauerte als sonst, waren sie wieder auf ihr Zimmer gegangen. Und kaum, dass die Tür ins Schloss gefallen war, hatte Gabrielle Xena ins Bett geschubst und war über sie hergefallen.

Am Anfang ihrer Beziehung hatte meistens Xena den ersten Schritt gemacht. Für Gabrielle war das alles Neuland. Es war das erste Mal, dass sie mit einer Frau intim wurde. Sie ließ sich von Xena lieben, war aber auch begierig darauf zu lernen, wie sie Xena lieben konnte. Hier hatte die Kriegerprinzessin ein weiteres Mal erkannt was für eine gelehrige Schülerin Gabrielle war.

Und welche Leidenschaft in der sonst so unschuldigen Bardin schlummerte.

Nach einer Weile war Gabrielles Passivität immer mehr in eigenes Zutun übergegangen, auch wenn sie noch zu schüchtern war, um offen darüber zu sprechen. Aber sie lernte wie sie sich Xena ohne Worte mitteilen konnte.

Inzwischen hatte Gabrielle jede Zurückhaltung und Schüchternheit abgelegt. Wenn sie Xena nun küsste, so tat sie dies nicht mehr verschämt oder hastig, als täte sie etwas Unschickliches. Sie wusste, wie sie ihre Kriegerpinzessin küssen musste, um eine bestimmte Reaktion zu erhalten, oder um ihr deutlich zu machen, was sie gerne mit ihr tun wollte.

Doch auch Xena hatte mit ihrer gemeinsamen Beziehung gelernt. Sie hatte gelernt, dass es auch sehr schön sein konnte einfach nur liegen zu bleiben und sich treiben zu lassen. Nicht ständig aktiv zu sein, sondern auch mal still zu halten.

Sie lernte, sich lieben zu lassen.

Die letzte Nacht war eine Schlacht gewesen. Anders konnte es Xena nicht ausdrücken. Gemeinsam hatten sie sich auf dem Bett herumgewälzt, ständig im Kampf um die Oberhand, während sie sich gegenseitig die Kleider vom Leib rissen und den so vertrauten Körper der anderen mit Händen und Lippen erkundeten.

Xena wusste nicht mehr wie oft sie letzte Nacht gemeinsam zum Höhepunkt gekommen waren. Aber wenn sie daran dachte, wie es sich zwischen ihren Beinen anfühlte, dann mussten es viele Male gewesen sein.



„Xena?“

Gabrielles verschlafene Stimme riss die Kriegerprinzessin aus ihren Gedanken. Sanft lächelnd beugte sie sich herunter und küsste Gabrielle auf die Lippen.

„Guten Morgen, Schlafmütze.“ Sagte sie. Gabrielle lächelte zurück, legte einen Arm um Xena und ihr Gesicht an ihre nackte Brust.

„Hast du Hunger?“ fragte Xena.

Gabrielle schüttelte den Kopf. „Ich will kuscheln.“

Xena fühlte wie ihr warm ums Herz wurde. Liebevoll nahm sie Gabrielle in die Arme und ließ sich wieder ins weiche Kissen sinken.

„Xena?“

„Hm?“

„Ich liebe dich.“ Sagte Gabrielle.

„Ich liebe dich auch.“ Antwortete Xena.



Es war bereits Mittag als sie endlich nach unten in den Gastraum kamen. Xena wusste nicht woran es lag, ob es vielleicht eine Nachwirkung des Bacchaebisses war, jedenfalls war Gabrielle an diesem Tag außergewöhnlich liebesbedürftig. Die ganze Zeit über hatte sie ihre Finger mit Xenas verschlungen, streichelte ihr übers Haar oder küsste sie auf die Wange, obwohl Gabrielle wissen musste, dass Xena dieses offene Zeigen von Gefühlen nicht mochte.

In dem wenig besuchten Gastraum achtete niemand auf die beiden, wofür Xena sehr dankbar war. Sie setzten sich an einen Tisch etwas abseits in der Ecke. Ein Serviermädchen kam und brachte ihnen das Frühstück.

Nach dem Essen wollte Xena aufstehen, wurde aber von Gabrielle zurückgehalten.

„Wohin gehst du?“ fragte sie.

„Ich will nach Lygeia sehen. Sie müsste inzwischen schon wach sein.“, als Gabrielle nicht reagierte, schob sie hinterher, „Keine Angst, ich lauf dir nicht weg.“

Für einen Moment konnte die Kriegerpinzessin einen Schimmer Eifersucht in den Augen der Bardin sehen. Aber das war nur kurz, und tatsächlich ließ Gabrielle Xenas Hand los, wenn auch mit einigem Widerwillen.  

Xena stieg die Treppe hinauf und klopfte an Lygeias Tür. Es rührte sich nichts, also öffnete Xena leise die Tür.

Von Lygeia war nichts zu sehen. Xena wollte gerade wieder gehen, als ihr Blick auf das Bett fiel. Die Decke war zu einem Haufen aufgetürmt und durcheinander. Xena ging weiter in das Zimmer bis sie neben dem Bett stand und musste grinsen. Lygeias Haarschopf ragte unter der Decke hervor. Anscheinend hatte sie sich im Schlaf eingegraben.

„Lygeia, wach auf.“ Sagte Xena.

Die Antwort war ein genervtes Stöhnen. „Geh weg, lass mich in Ruhe.“

Xena legte eine Hand auf die Decke. „Komm schon, Lygeia. Du kannst nicht den ganzen Tag im Bett bleiben.“

„Doch.“ Kam es trotzig zurück.

„Gut, wie du meinst.“

Mit beiden Händen griff Xena die Bettdecke und riss sie von Lygeia herunter. Für einen kurzen Moment war sie von dem plötzlichen Lichteinfall geblendet. Als sie wieder klar sehen konnte, rollte sie sich zu einer Kugel zusammen und schien fest entschlossen weiterzuschlafen.

„Lygeia, steh jetzt auf, oder ich hole Joxer.“

Die Drohung schien zu wirken, denn Lygeia rollte sich auf den Rücken und setzte sich auf. „Sadistin.“ Zischte sie.

Xena ging in die Hocke und nahm Lygeias Kinn in die Hand. „Lass mich mal sehen.“

Gehorsam drehte die junge Frau den Kopf nach rechts.

Die Schwellung über Lygeias linkem Auge war unverändert. Die Gesichtshälfte war immer noch ein buntes Farbenspiel aus Lila und Dunkelblau. Aber es sah nicht mehr so schlimm aus, wie am Abend zuvor.

„Wie fühlst du dich?“ fragte Xena.

„Noch ein bisschen mau.“ Antwortete Lygeia. Als sie Xenas fragenden Gesichtsausdruck bemerkte, seufzte sie einmal tief und sagte: „Ich bin müde und mein Kopf tut noch ein bisschen weh.“

„Hast du Hunger?“

„Ein wenig.“

Xena stand auf und ging zurück in ihr Zimmer, um die Heilkräuter und Verbände zu holen. Als sie wieder in Lygeias Zimmer kam, war diese gerade dabei sich umzuziehen. Sie saß mit nacktem Oberkörper auf dem Bett und knöpfte sich das Oberteil zu.

Die Kriegerprinzessin ging zum Tisch, gab ein paar Kräuter in den Mörser und zerrieb sie solange mit dem Stößel bis eine weißlich-grüne Masse herauskam.

„Halt bitte still.“ Bat sie Lygeia und begann die Masse auf die Schwellung und Lygeias Gesicht aufzutragen. Dann verband sie das Gesicht und den Kopf.

„Einen Schönheitswettbewerb gewinne ich jetzt nicht mehr.“ Bemerkte Lygeia sarkastisch.

„Keine Sorge, die Schwellung vergeht bald wieder.“ Antwortete Xena.

Xena und Lygeia gingen nach unten in den Gastraum und setzten sich zu Gabrielle. Es hatten sich bereits andere Gäste eingefunden, die von den drei Frauen jedoch keine Notiz nahmen.

Gabrielle hatte bereits das Frühstück bestellt. Röstbrot, Honig, Früchte. Es mangelte an nichts.



Joxer sahen sie erst am Nachmittag wieder, als Xena von Gabrielle über den Marktplatz geschleift wurde. Die Bardin hatte ihrer Freundin so ziemlich mit allem gedroht, was ihr eingefallen war: Sie in Honig zu ersäufen, ihr heimlich nachts Zöpfe zu flechten, nicht mehr mit ihr zu reden, ab sofort ohne Unterlass auf sie einzureden.

Und das waren nur vier Drohungen, die Gabrielle ausgesprochen hatte.

Xena hatte schließlich doch nachgegeben, jedoch mit einer Bedingung: Auf keinen Fall würde sie sich von Gabrielle in ein Kleid zwängen lassen!

„Gabrielle, wir hatten eine Abmachung!“

„Oh bitte, Xena. Du wirst wunderbar darin aussehen.“

Die Kriegerprinzessin musterte das Kleid mit unverhohlenem Abscheu. Es war rosa, hatte einen tiefen Ausschnitt und bestand aus mehreren Schichten Seide. Goldene Fäden waren in den Stoff gewoben und ließen ihn im Sonnenlicht schimmern. Eine Haube aus dünner Seide hing wie eine Kapuze am Kleid herunter.

An sich war es ein sehr schlichtes Kleid. Und gerade daraus zog es seine Schönheit. Aus kleinen Details, die nicht sofort, erst beim zweiten oder dritten Blick ins Auge sprangen.

Trotzdem. Niemals würde sie dieses Kleid anziehen.

„Ich habe Nein gesagt!“

„Bitte, Xena.“

Missmutig verschränkte Xena die Arme vor der Brust. „Warum ziehst du es nicht an?“ fragte sie.

„Machst du Witze?“, fragte die Bardin und streckte beide Arme zur Seite aus, „Sieh mich doch mal an.“

Xena tat, wie ihr geheißen und betrachtete Gabrielle von oben bis unten. Sie verstand, was Gabrielle meinte. Die Bardin war von zierlicher Statur. Das Kleid war vom Schnitt für jemanden in Xenas Größe gemacht. Gabrielle hatte kleine Brüste, mit denen sie das Kleid nicht richtig ausfüllen konnte. Auch fehlte es ihrer Haltung an der Grazie und Hoheit, die man für ein solches Kleidungsstück benötigte.

Gabrielle hatte Recht. Würde sie dieses Kleid tragen, es sähe einfach nur lächerlich aus.

Die Kriegerprinzessin schüttelte den Kopf. „Ich werde es trotzdem nicht anziehen.“

„Hey, Xena! Gabrielle!“

Nein! Das durfte jetzt nicht sein! Joxer war der Letzte, den sie jetzt gebrauchen konnte. Wenn er erfuhr, was Gabrielle mit ihr vorhatte…

Fröhlich kam Joxer über den Marktplatz gehüpft und legte seine Arme um Xenas und Gabrielles Schultern. „Na, ihr beiden, was macht ihr hier?“

Xena fixierte Gabrielle und versuchte der Bardin telepathisch einen Gedanken zu senden. Sag nichts! Sag nichts! Sag bloß nichts!

„Xena will unbedingt, dass ich dieses Kleid anziehe, und ich versuche seit Stunden ihr zu erklären, dass ich es nicht möchte.“ Sagte die Bardin leichthin.

Wenn es Gabrielles Rache für Xenas Verweigerung war, dann hatte sie ihr Ziel genau ins Schwarze getroffen. Soviel Frechheit – gerade von Gabrielle - machte die Kriegerprinzessin einfach sprachlos.

Joxer musterte mit einem übertriebenen Kennerblick das Kleid, nahm an Gabrielle Augenmaß – besonders von ihren Brüsten – und sagte: „Ich finde Gabrielle hat Recht, Xena. Das Kleid ist nichts für Gabrielle.“

Die Kriegerprinzessin entschloss sich mitzuspielen und zog einen Schmollmund. Gabrielle legte ihr tröstend einen Arm um die Hüfte und lehnte sich bei  ihr an.

„Aber wie wäre es denn mit diesem hier?“ Joxer hatte sich an dem kleinen Stand etwas umgesehen und ein weißes Kleid aus Leinen und Baumwolle gefunden. Es hatte einen runden Ausschnitt, sodass man nur wenig, aber doch ein bisschen was sehen konnte. Die Schnürung im vorderen Bereich sorgte dafür, dass man das Kleid in der Enge variieren konnte. Der Saum war vorne, hinten, links und rechts bis zum Oberschenkel eingeschnitten, damit man viel Beinfreiheit hatte.

Xena betrachtete das Kleid etwas genauer. Sie konnte sich Gabrielle in einem solchen Kleid vorstellen.

Gabrielle löste sich von Xena und untersuchte das Kleid nun ebenfalls. „Ich weiß nicht.“

Die Kriegerprinzessin sah ihre Chance auf Rache gekommen. Sie setzte den besten Hundeblick auf, den sie hatte, und sagte übertrieben flehend. „Bitte, Gabrielle, tu’s für mich.“

„Komm schon, Gabrielle. Und wenn schon nicht für Xena, dann tu es für mich.“ Sagte Joxer.

Gabrielle wirkte noch einen Moment unsicher, aber dem Bettelblick ihrer Freundin hatte sie noch nie widerstehen können. Zögernd drückte sie Joxer ihren Stab in die Hand und verschwand mit dem Kleid in einer abgetrennten Umkleide.

Während sie auf Gabrielle warteten, fragte Joxer. „Wo habt ihr denn Lygeia gelassen?“

„Sie ist in der Taverne geblieben.“ Antwortete Xena.

„Geht es ihr gut? Sie sah ziemlich mitgenommen aus.“

„Sah schlimmer aus, als es ist. In ein paar Tagen ist sie wieder auf den Beinen.“

In diesem Moment trat Gabrielle aus der Umkleide. Xena drehte sich um und erstarrte, während Joxer das Kinn runter fiel.

Gabrielle hatte den Zopf gelöst, der ihr die Haare aus dem Gesicht hielt, sodass ihre blonde Mähne nun offen über die Schultern fiel. Das Kleid saß gut, aber nicht zu fest. Die Schlitze im Saum des Kleides ließen einen Blick auf Gabrielles starke Beine erhaschen.

Sie sah wunderschön aus.

Sich der unverhohlenen Bewunderung ihrer beiden Freunde bewusst, zupfte Gabrielle unsicher das Kleid zu recht.

„Und? Was sagt ihr?“ fragte die Bardin.

Xena war die erste, die ihre Sprache wiederfand. „Du siehst hinreißend aus, Gabrielle.“ Sagte sie.

Joxer schien etwas sagen zu wollen, doch alles was er herausbrachte, waren unsinnige Aneinanderreihungen von Vokalen und Konsonanten, die sich wie eine Halskrankheit anhörten.

Gabrielle lächelte Xena und Joxer an und betrachtete sich in dem mannshohen Spiegel in der Ecke.

Xena merkte, dass sie den Blick nicht von Gabrielle lassen konnte, so schön war sie in dem Kleid…



…Für einen Moment tauchte ein Bild in ihrem Kopf auf. Sie sah die Halle eines Tempels, ohne zu erkennen, welchem Gott oder Göttin er geweiht war. Sie stand mit Gabrielle vor dem Altar, ihr zugewandt und hielt ihre Hände, während ein Priester unverständliche Worte murmelte. Trotzdem schien es Xena, als verstünde sie, was er sagte.

Gabrielle trug das weiße Kleid und lächelte sie liebevoll und in freudiger Erwartung an. Xena spürte, dass sie aufgeregt war. Ihr Herz schlug so schnell wie nie zuvor.

Der Priester hörte auf zu sprechen und verstummte.

Mit Tränen in den Augen schlang Gabrielle ihre Arme um Xenas Hals und küsste sie.

Es war eine Trauzeremonie…



„Xena?“

Gabrielles Stimme holte sie aus dieser Fantasie heraus, in der Xena zu gerne noch länger geblieben wäre. Sie schüttelte den Kopf um wieder klar zu werden und bemerkte, dass Gabrielle sie mit besorgtem Blick musterte.

„Ist alles in Ordnung?“ fragte sie.

Schnell schüttelte Xena den Kopf. „Ja, ja, alles in Ordnung.“ Beeilte sie sich zu sagen. Ihre Stimme klang kratzig und ein wenig unkontrolliert. Xena spürte, wie sie rot wurde.

Gabrielle kicherte über Xenas Verlegenheit und betrachtete sich noch ein bisschen im Spiegel. Dann verschwand sie wieder in der Umkleide und kehrte umgezogen wieder zurück.

„Warum hast du das Kleid nicht gekauft?“ fragte Joxer entsetzt.

„Weil mir der Verkäufer gesagt hat wie viel es kostet.“ Antwortete die Bardin.

Sie schlenderten weiter über den Markt. Joxer machte sich irgendwann dünn, vermutlich auf der Suche nach einem Abenteuer.

Xena und Gabrielle holten Argo vom Hufschmied ab. Die Stute hatte wirklich mal neue Eisen gebraucht. Bei einem Stand etwas abseits fanden sie für Gabrielle ein Paar Stiefel, die sehr gut fürs Gelände geeignet, aber trotzdem leicht und bequem waren. Von einem Händler kaufte Xena einige Streifen eines robusten und dehnbaren Stoffes, mit denen man das Haar zusammenbinden konnte.

Es passierte selten, dass sich Xena oder Gabrielle etwas kauften, was nicht in erster Linie ihr Leben in der Wildnis erleichtern sollte. Aber sie brauchten auch nicht viel. Zu essen und zu trinken fand Xena überall. Sie war eine gute Jägerin und kannte viele Quellen.

Ausnahmen waren die Zutaten für Xenas Lieblingsnascherei – kleine Teigknödel mit Erdbeermarmelade – die Gabrielle ihr manchmal zubereitete, und ätherische Öle mit denen sie sich gegenseitig massierten.



Xena kam wieder zurück in das Zimmer, das sie sich mit Gabrielle teilte. Sie hatte Lygeia einen neuen Verband angelegt und die Heilsalbe neu aufgetragen. Die junge Frau war kurz darauf eingeschlafen.

Als die Kriegerprinzessin das Zimmer betrat, stand Gabrielle mit hinter dem Rücken versteckten Händen vor ihr und blickte sie schalkhaft an.

„Was ist los?“ fragte Xena misstrauisch.

Gabrielle kam einen Schritt näher. „Mach die Augen zu.“

„Warum?“

„Tu es einfach.“ Grinste Gabrielle.

Xena tat, worum die Bardin sie gebeten hatte, schloss die Augen und wartete ab.

Ein süßer und bekannter Duft stieg ihr in die Nase. Xena schnupperte und öffnete ihre Augen. Der Duft kam von einer ganzen Schüssel voll mit jenen runden Teigknödeln, die Xena so liebte.

„Gabrielle…“

„Ich hab den Koch um einen kleinen Gefallen gebeten.“ erklärte sie.

Xena streckte die Hand nach den Knödeln aus, doch Gabrielle zog die Schüssel weg und Xenas Hand ging ins Leere.

„Dafür musst du aber heute Abend besonders lieb zu mir sein.“ Verlangte die Bardin.

Mit einem lüsternen Blick nahm Xena Gabrielle die Schüssel aus der Hand und stellte sie auf den Tisch.

„Alles für meine Königin.“ Hauchte sie und zog Gabrielle an sich.

Mehr Worte wurden an diesem Abend nicht gesprochen.



Sie blieben noch zwei Tage im Rahel’s, bevor sie in eine etwas bescheidenere Herberge zogen. Xena wollte die Großzügigkeit ihres Gastgebers nicht überstrapazieren. Außerdem ging ihr die pompöse Einrichtung und der Luxus auf die Nerven.

Joxer blieb im Rahel’s, tauchte jedoch einen Tag später wie ein geprügelter Hund in Xenas und Gabrielles Herberge auf. Von dem was er bereit war zu sagen schloss die Kriegerprinzessin, dass Joxer während seines Aufenthaltes offenbar auf seine gute Kinderstube vergessen hatte.

Lygeias äußere Verletzungen hatte Xena mit der Salbe und Verbänden behandelt. Die Schwellung war inzwischen abgeheilt, der Bluterguss in Lygeias Gesicht war noch gut zu sehen, sah aber nicht mehr zu schlimm aus.

Und sie begann wieder zu trainieren. In ihrem alten Leben war Lygeia mehrmals die Woche in ein Fitnessstudio gegangen und hatte zusätzlich zu Hause trainiert. Dazu kamen das Joggen und das Training mit Jimmy.  Seit Lygeia bei Xena und Gabrielle gelandet war, hatte sie keinen wirklichen Sport mehr gemacht, sah man von den langen Fußmärschen ab.

Nun begann sie ihren Tag mit Liegestützen auf den Fäusten und Händen, Sit-ups, Übungen für die Rückenmuskulatur und Dehnübungen für den Körper. Jimmys Trainingsplan, den sie wie ein Ritual vor jeder Einheit absolviert hatten, zog sie rigoros durch.

Dazu gehörte auch das sogenannte Old School Training. Mit Faust und Handkante schlug sie auf Steine und Bretter ein, knallte ihre Unterarme gegen Steinsäulen und trat mit den Schienbeinen und Füßen gegen Holzbalken. Bald sprach ganz Eeris von der verrückten jungen Frau, die stundenlang auf Holz und Stein einschlug.

Xena wusste von Lygeias harten Trainingsmethoden. Und wo andere nur entsetzt den Kopf schüttelten und Lygeia als verrückt bezeichneten, sah Xena einen Sinn. Das Einschlagen auf Materialien, die einem Menschen normalerweise Knochen brechen konnten, sollte den Körper stärken und weniger schmerzempfindlich machen. Xena hatte ein ähnliches Training gehabt, wenn auch nicht so strukturiert wie Lygeias.



Insgesamt verbrachten sie noch eine Woche in Eeris. Dann zog es Xena langsam weiter. Sie war nun mal noch nicht so weit, sich niederzulassen.

„Eines Tages.“ Sagte sie immer. Aber wann dieser Tag sein würde, das sagte sie nie.

Athos, der Stadthalter von Eeris verabschiedete sie zusammen mit seiner Tochter an den Toren der Stadt.

„Noch einmal vielen, vielen Dank.“ Sagte er.

Xena winkte ab und ließ sich von Athos in eine enge Umarmung ziehen.

Nachdem er auch Gabrielle, Lygeia und sogar Joxer umarmt hatte, trat seine Tochter vor.

„Ich hab euch ein paar Vorräte eingepackt.“ Erklärte sie und überreichte Gabrielle einen prall gefüllten Beutel.

„Danke sehr.“ Antwortete Gabrielle.

„Denkt daran.“, erinnerte sie Athos noch einmal, „Solltet ihr jemals in der Nähe sein und eine Unterkunft brauchen, mein Haus ist das Eure.“



Sie verließen Eeris und folgten zunächst dem Weg Richtung Norden.



Weit war die Gruppe noch nicht gekommen, als Joxer voller Tatendrang fragte: „Und wohin gehen wir jetzt?“

Reflexartig packte Lygeia Joxers Arm und zog ihn ein Stück von Xena und Gabrielle weg. Sie sah sich kurz um, als fürchtete sie, man könnte sie belauschen.

„Kannst du ein Geheimnis bewahren?“ fragte sie leise.

Joxers Augen begannen zu leuchten. „Aber natürlich. Nur raus damit.“ Sagte er begierig.

Erneut sah sich Lygeia um. Dann schluckte sie und holte tief Luft. „Ich dürfte dir das eigentlich nicht erzählen.“, begann sie, „Xena hat es mir streng verboten, und du weißt, wie sie ist, wenn sie sauer wird.“

Joxer nickte.

„Weißt du, was…also hast du…verdammt, es ist so schwer…“ druckste Lygeia herum.

„Spuck’s schon aus.“ Löcherte Joxer.

„Hast du schon einmal den Namen ‚Cthulhu‘ gehört?“

„Cthu-was?“

„Cthulhu.“ Wiederholte Lygeia.

Joxer schüttelte den Kopf. „Kenn ich nicht.“

Lygeias Augen weiteten sich vor Schreck. „Cthulhu ist ein riesiges Monster, das aus einer Welt jenseits der Unseren stammt. Und das schon Äonen gelebt hat, lange bevor die Götter auf dem Olymp waren. Sein Körper ist menschlich, aber sein Kopf besteht aus einem riesigen Tintenfisch, mit hunderten von Tentakeln. Er hat riesige Flügel auf dem Rücken mit denen er um die ganze Welt fliegen kann. Wenn er es wollte könnte er den Olymp vom Boden abreisen und wie einen Zweig über das Knie brechen.“

Während Lygeias Erzählung war Joxers Gesicht immer bleicher geworden. Inzwischen war er so weiß wie Marmor.

„U-u-u-und w-w-w-wi-i-i-i-r…“ stotterte er.

„Sind unterwegs um gegen ihn zu kämpfen.“ ,beendete Lygeia den Satz, „Wahrscheinlich werden wir alle dabei draufgehen. Aber trotzdem“, Lygeia warf sich in Pose, „Wir werden einen heldenhaften Tod sterben.“

Joxer brachte kein Wort mehr heraus.



Als sie wieder zu Xena und Gabrielle stießen, meldete sich Joxer wieder. „Hört mal.“, sagte er mit peinlichem Gesichtsausdruck, „Mir ist gerade eingefallen, dass meine Mama in ein paar Tagen Geburtstag hat. Ich geh am besten schnell los, damit ich rechtzeitig da bin.“

Noch bevor Xena oder Gabrielle ein Wort erwidern konnten, hatte Joxer auf dem Absatz kehrt gemacht und war wie ein Hase den Berg hinaufgesprungen. Dort drehte er sich noch einmal um, zog sein Schwert und rief mit dramatischer Stimme: „Lebt wohl, tapfere Kriegerkameradinnen. Nie wird Joxer der Mächtige Euer mutiges Opfer vergessen.“

Dann war er verschwunden.

Xena und Gabrielle sahen sich verwundert an. Keiner von beiden konnte sich erklären, warum Joxer es so eilig gehabt hatte plötzlich wegzukommen. Und was hatte er mit dem ‚mutigen Opfer‘ gemeint? Xena blickte zu Lygeia, die erleichtert ausatmete.

„Er hat’s geschluckt.“ Sagte die junge Frau.

Xena begriff sofort was los war.

„Na los, raus damit, Lygeia. Was hast du ihm erzählt?“ fragte die Kriegerprinzessin gar nicht böse.

„Och, nur ein bisschen was von H.P. Lovecraft.“

„Wer ist H.P. Lovecraft?“ fragte Gabrielle.

Lygeia öffnete den Mund um etwas zu sagen, doch dann stockte sie und ging an Gabrielle vorbei.

„Erzähl ich euch ein andermal.“
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