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Die Sage der Lygeia: "Finstere Mächte"

GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P16 / MaleSlash
Gabrielle Joxer OC (Own Character) Xena
18.01.2014
16.09.2016
8
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18.01.2014 1.992
 
Sechster Gesang




Der Gang wurde immer breiter und verengte sich schließlich zu einem kleinen runden Eingang, hinter dem Lygeia deutlich Gestalten erkennen konnte.

Xena drückte sich in den Schatten nahe beim Eingang und versuchte sich einen Überblick zu verschaffen.

In der Mitte der Höhle lag ein steinerner, kreisrunder Altar, in dessen Mitte ein kleines Feuer loderte. Säulen führten die Wände entlang und endeten bei einem Alkoven aus dessen Decke ein helles Licht fiel, von dem Xena nicht erkennen konnte, ob es natürlich war oder durch eine Fackel erzeugt wurde. Zwischen den Säulen waren dunkelrote Stoffbanner aufgehängt. Der Boden bestand aus fein gehauenen Felsenplatten. An den Wänden standen bequem aussehende Liegen, wie sie die Römer benutzten. Früchte und Weinkelche standen auf kleinen runden Tischen herum. An den Wänden hingen kostbar aussehende Teppiche.

Ein Platz, wie geschaffen, um eine Orgie zu feiern, dachte Lygeia.

„Dort oben, auf Bacchus Thron ist die Lyra. Seht ihr sie?“ Xena deutete auf eine Empore, die etwa zwei bis drei Meter über dem Boden lag. Bacchus Thron war ein aus Stein gehauener, mit dunklen Kissen, Fellen und Decken überhäufter Sessel. Und zwischen all den Kissen glitzerte die Lyra hervor.

Lygeia überlegte, wie sie da hoch kommen sollten, als ihr etwas weiter rechts eine kleine Leiter auffiel.

Sie legte Xena eine Hand auf die Schulter. „Hör zu, Xena. Kümmere du dich um Bacchus. Das gibt Joxer und mir genug Ablenkung, damit wir uns die Lyra schnappen können.“

Xena nickte und drückte Lygeias Arm. „Passt auf euch auf. Ihr beide.“ Sagte sie zu Joxer und Lygeia.

„Es wird alles gutgehen. Ganz sicher.“ Sprach Lygeia ihrer Freundin Mut zu.

Noch einmal holte die Kriegerprinzessin tief Luft.

Dann trat sie entschlossen ins Licht der Höhle.

In diesem Moment hörte Lygeia zum ersten Mal Bacchus Stimme. „Und nun du, Freundin von Xena. Es ist Zeit, mein Kind. Trink und werde unsterblich. Werde für immer eins mit mir.“ Lygeia musste Schlucken. Sie schloss die Augen und versuchte so gut es ging ihre Muskeln und Gelenke zu lockern.

Und sie versuchte nicht daran zu denken, dass dies ein Kampf auf Leben und Tod werden würde.

Das schneidende Geräusch des Chakrams hallte durch die Luft.

„Sie ist nicht interessiert, Bacchus.“ Hörte sie Xena sagen.

„Xena, ich bin froh, dass du doch noch kommen konntest.“, donnerte Bacchus Höllenstimme, „Holt sie euch!“

Sofort stürzten sich die Bacchae auf Xena.

Lygeia packte Joxer am Kragen und stieß ihn aus der Höhle. „Los!“ rief sie.

Jetzt stellte sich heraus, dass Joxer nicht nur basteln konnte. Er konnte auch sehr schnell rennen. Wie ein kleines Wiesel schoss er quer durch die Höhle auf die Leiter zu und kletterte hinauf. Lygeia war gerade dabei ihm zu folgen, als sie von einer Bacchae am Arm gepackt wurde. Innerhalb eines Augenzwinkerns entwand sich Lygeia dem Griff der Bacchae, packte ihr Genick und schlug den Kopf einmal hart gegen die Höhlenwand.

Joxer hatte inzwischen den Thron erreicht und holte eilig Orpheus aus dem Beutel. „Orpheus, was soll ich spielen?“ fragte er.

„Egal! Nur spiel schon!“ rief Orpheus.

Lygeia erreichte Joxer in dem Moment als dieser zu spielen anfing. Kaum, dass er den ersten Ton gezupft hatte, hielten sich Bacchus und seine Bacchae schmerzvoll stöhnend die Ohren zu. Orpheus machte irgendeinen „La-la-la“ Gesang dazu. Lygeia stand daneben und kratzte sich verwirrt am Kopf.

Irgendwie war sie jetzt ein wenig enttäuscht. Sie hatte sich das ganze spektakulärer vorgestellt.

Das erinnerte sie an die Scene aus dem Roman „Harry Potter und der Stein der Weisen“, in der Harry irgendeinen Blödsinn auf der Flöte zusammenspielt, Fluffy, der dreiköpfige Hund, aber trotzdem einschläft.

Lygeia schüttelte den Kopf. Das was Joxer da zusammengrapschte hätte sie auch hinbekommen.

Plötzlich tauchte ein riesiger Schatten über ihnen auf. Joxer hörte auf zu spielen. Gleichzeitig mit Lygeia drehte er sich langsam um.

Der Weingott Bacchus war ein zwei Meter großer Schrank von einem Mann, auch wenn man ihn nicht als solchen bezeichnen konnte. Denn bis auf die Tatsache, dass er auf zwei Beinen ging hatte seine Erscheinung nichts mit der eines Menschen zu tun.

Große gewundene Hörner wuchsen aus seinen Schläfen und bildeten für jede Kopfseite fast eine Art Panzer. Auf seinem dämonischen roten Kopf, aus dem eine lange, schwarze Haarmähne wuchs, pulsierten unzählige Adern. Der Blick aus seinen kleinen, orangen Augen, die aus dem Gesicht herausstrahlten, war brennend und gleichzeitig eiskalt. Er öffnete den Mund und offenbarte ein Maul voller kleiner, spitzer Zähne.

„Oh Scheiße.“ Hauchte Lygeia, wurde von Bacchus gepackt und beiseite geworfen.

Joxer erwachte aus seinem Schock und sah sich nun dem Weingott selbst gegenüber. Jetzt konnte er nichtmehr weglaufen. Er war gefangen.

Und in dieser ausweglosen Situation übernahm sein angeborener Humor die Führung.

„Was darf’s sein?“ fragte er unsicher lächelnd.

Bacchus hob mit einem Wutschrei seine Pranke, um Joxer niederzustrecken. Doch gerade als er zuschlagen wollte wurde er herumgerissen und bekam einen harten Tritt zwischen die Beine.

Lygeia hatte den Zusammenstoß mit der Höhlenwand, zu dem Bacchus Wurf eigentlich hätte führen sollen, geschickt durch eine Ein-Arm-Rolle über den unebenen Steinboden des Balkons abgewendet und war dadurch unverletzt geblieben.

Mit aller Kraft die sie aufbringen konnte, packte sie Bacchus an den Hörnern und warf nun ihn gegen die Höhlenwand. Noch bevor Bacchus Zeit hatte sich zu orientieren, begann Lygeia damit seinen Oberkörper mit gut gezielten Boxschlägen zu bearbeiten.

Doch Bacchus hatte sich schnell erholt und schlug nun ebenfalls zu. Lygeia tauchte ohne Probleme unter seinem massigen Arm hindurch, landete eine Dreierkombination auf Niere, Bauch und Leber und ging dann wieder auf Distanz.



Lygeia Abigail Johansson hatte in ihrem jungen Leben schon viele Kämpfe ausgetragen. Kein Einziger davon hatte in einem Boxring oder einem MMA-Käfig stattgefunden.

Jeder Einzelne dieser Kämpfe war ein Straßenkampf gewesen. Dort gab es keine Regeln. Es gab kein Zeitlimit, keinen Referee, keine Seile, keinen Gong. Auf der Straße kämpfte man weiter bis der Gegner das Weite suchte, bewusstlos am Boden lag, oder tot war.

Sie hatte jeden dieser Kämpfe gewonnen, auch wenn sie manchmal ordentlich was abbekommen, oder es mit einem anderen Kampfsportler zu tun hatte. Doch diese Typen hatten, obwohl sie es eigentlich besser wissen mussten, immer einen entscheidenden Fehler gemacht.

Sie hatten Lygeia unterschätzt, weil sie eine Frau war. Und bis diese Idioten mal kapiert hatten, dass sie es nicht mit einem wehrlosen Mädchen, sondern einer Kriegerin zu tun hatten, waren sie meistens schon erledigt, oder kurz davor k.o. zu gehen.

Ihr letzter richtiger Kampf – das Geplänkel mit dem Pumba zählte sie nicht mit – lag acht Jahre zurück.

Kurz vor Mias Tod.

Jeder einzelne dieser Kämpfe spielte sich in Lygeias Kopf noch einmal ab. Sie hatte es mit Gegnern aller Art zu tun gehabt. Männern, die teilweise doppelt so groß oder dreifach so schwer waren wie sie, und die vielleicht ein Messer oder einen Knüppel bei sich hatten und nur auf die Gelegenheit warteten die Waffe einzusetzen.

Sie konnte sich noch an Jeden erinnern, gegen den sie jemals gekämpft hatte.

Aber keiner von denen war mit dem Gegner zu vergleichen, mit dem sie es jetzt zu tun hatte.

Schon nach den ersten Sekunden wusste Lygeia, dass Bacchus von Nahkampf keine Ahnung hatte. Er schlug nicht gezielt oder kontrolliert zu. Er schwang seine Arme mit den großen, klauenbesetzten Händen und hoffte Lygeia zu treffen. Doch dabei war er so langsam, dass sie keine Probleme hatte unter seinen Schlägen durch zu tauchen und ihm selbst ein paar zu verpassen.

Und noch etwas wusste Lygeia. Nämlich, dass sie Bacchus möglichst bald besiegen musste, andernfalls würde er gewinnen. Jeder Schlag gegen Bacchus muskulösen Körper fühlte sich an wie ein Schlag gegen bloßes Gestein. Jedes Mal, wenn ihre Faust mit den Muskeln kollidierte, schoss ein starker Schmerz durch ihren Arm bis hinauf in die Schulter, und obwohl Lygeias Attacken keine sichtbare Wirkung zu haben schienen, schlug sie weiter auf Bacchus ein. Dieser versuchte bloß sich mit unbeholfenen Schlägen und Griffversuchen seine Gegnerin vom Hals zu schaffen.

Als Lygeia wieder in die Distanz ging, warf sie einen kurzen Blick auf ihre Fäuste. Ihre Knöchel waren aufgerissen und blutüberströmt.

Diesen einen Moment, in dem sie nicht auf ihren Gegner achtete, nutzte Bacchus sofort aus. Mit der Kraft eines Holzbalkens schlug seine Faust gegen Lygeias Kopf und schickte die junge Frau zu Boden.

Lygeia wusste nicht mehr wo oben und unten war. Ihr Kopf fühlte sich an, als wäre er explodiert. Sie versuchte aufzustehen, aber ihr Körper verweigerte den Gehorsam. Alles war nur noch schemenhaft und verzerrt zu erkennen.

Sie sah Bacchus über sich aufragen.

Das war es also. Sie hatte den letzten Fight ihres Lebens gekämpft.

Lygeia schloss die Augen und übergab sich der Dunkelheit.

Schatten…Finsternis…dort war nur schwarz…keine Angst, kein Zweifel…keine Zeit und kein Raum, nur Leere…



Und da war Mia…



Bacchus sah die Frau bewusstlos vor sich liegen und stieß ein grausames Lachen aus, das von den Wänden der Höhle wiederhallte.

Langsam, jeden Moment bis zur Vernichtung seines Feindes genüsslich auskostend, trat Bacchus näher. Mit einem lauten Schaben zog er sein Schwert und blieb vor Lygeias reglosem Körper stehen.

„Nun stirb, du wertloses Menschenkind.“ Grollte er, hob das Schwert und schlug zu.

Plötzlich hielt er inne. Das Schwert stoppte mitten über Lygeia.

Bacchus sah an sich herunter. Ein Dryadenknochen steckte in seiner rechten Brust. Dieser Knochen wurde von einer Hand gehalten.

Und diese Hand gehörte Xena.

Mit einem hasserfüllten Gesicht drückte sie den Knochen noch etwas tiefer hinein. „Wie wäre es wenn du dich mit jemandem in deiner Größe anlegst.“ Zischte sie und riss den Knochen wieder heraus.

Sein Schwert glitt Bacchus aus der Hand. Er griff sich dorthin, wo der Dryadenknochen gesteckt hatte.

Xena warf sich mit der Schulter gegen Bacchus und stieß ihn vom Balkon herunter.

Mit einem dumpfen Geräusch schlug der Weingott auf dem Boden der Höhle auf und blieb reglos liegen.

Fassungslos starrten die Bacchae auf ihren gefallenen Anführer. Ein paar Mutige wagten sich an ihn heran und suchten nach einem Lebenszeichen.



Ein Donner hallte durch die Höhle.

Als wäre nichts geschehen öffnete Bacchus seine Augen und stand auf.

Xena schüttelte ungläubig den Kopf. Ihre blauen Augen waren aufgerissen und ihre Mund halbgeöffnet. Wieso war Bacchus noch am Leben? Sie hatte ihm einen Dryadenknochen in die Brust gestoßen. Er müsste tot sein.

Bacchus Blick suchte Xena und seine dicken Lippen verzogen sich zu einem grässlichen Grinsen. „Oh Xena.“, sagte er höhnisch, „Weißt du das denn nicht? Nur eine Bacchae kann mich töten. Und du bist keine Bacchae…noch nicht.“

Gabrielle tauchte neben ihm auf. Ihr gieriger Blick war auf Xena fixiert, während sie sich die roten Lippen leckte.

„Beiß sie!“ befahl Bacchus.

Eine Sekunde später landete Gabrielle auf dem Balkon und umschlang Xena mit ihren Armen. Die Kriegerprinzessin hob halbherzig drohend den Dryadenknochen, worauf Gabrielle schützend ihre Hände vors Gesicht hielt.

Langsam ließ Xena den Knochen sinken und entspannte sich. Sie hatte einen Plan.

„Gabrielle, tu es.“ Sagte sie leise.

Einen Moment strich Gabrielle noch über ihren Hals, schnüffelte nach der Halsschlagader.

Dann biss sie zu.

Ein kurzer Schmerz, so stark, dass er kaum auszuhalten war, schoss von dort wo Gabrielle sie gebissen hatte durch ihren Körper und machte sofort einer langsamen, fast angenehmen, Lähmung Platz. Ihre Muskeln reagierten nicht mehr. Hätte Gabrielle sie nicht gehalten, Xena wäre zu Boden gefallen. Die Kriegerprinzessin fühlte wie Finsternis sie umgab. Sie spürte das Saugen an ihrem Hals.

Dann spürte Xena das Ziehen in ihrem Mund, als die Zähne anfingen zu wachsen. Ihre Augen fühlten sich an als würden sie aus ihren Höhlen hinaus in die Freiheit drängen wollen.

Doch sie war noch sie selbst. Sie setzte ihr Gehirn wieder zusammen. Sie dachte noch immer so wie vorhin. Und sie fühlte noch immer so wie vorhin.

Und sie wusste noch immer was sie zu tun hatte.

Mit einem Schrei riss sie sich von Gabrielle los und stürzte sich von dem Balkon hinab auf Bacchus.

Das Letzte was der Weingott spürte, bevor er in einem hellen Blitz aus Licht, Funken und Feuer verging, war der Dryadenknochen in seinem dunklen Herzen.
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