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Die Sage der Lygeia: "Finstere Mächte"

GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P16 / MaleSlash
Gabrielle Joxer OC (Own Character) Xena
18.01.2014
16.09.2016
8
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18.01.2014 1.501
 
Vierter Gesang




Wenn Lygeia schon geglaubt hatte der Bacchaewald sei unheimlich, dann erlebte sie jetzt noch eine Steigerung.

Dunkler Nebel hing tief über dem Boden, der nahezu mit Gräbern und Grabsteinen übersäht war. Die Steine waren so verwittert, dass es unmöglich war zu sagen, wer, oder ob hier überhaupt etwas gelegen hatte. Zwischen den Gräbern hatten sich verknotete Geäste an die Oberfläche gekämpft. Doch keines von ihnen, auch wenn sie manchmal einige verdorrte Blätter trugen, sah im Mindesten einer Pflanze ähnlich, die Lygeia kannte. Das, was auf diesem Friedhof wuchs, schien ebenso tot zu sein wie alles hier.

Lygeia achtete ganz genau darauf, wo sie hintrat. Der Boden war merkwürdig weich, obwohl er aus dunkler Erde bestand. Es war als würde man über Staub laufen.

Als ihr dieser Gedanke kam, musste sich Lygeia davon abhalten sich umzudrehen und wegzulaufen. Das Zeug, über das sie hier liefen war Staub. Und zwar der Staub, der von den Toten hier übriggeblieben war.

Vorsichtig öffnete Xena das quietschende Eisentor, welches den Eingang zum Friedhof markierte, und betrat langsam den Platz.

Joxer sah sich zweifelnd um. „Ein Friedhof?“, fragte er zweifelnd, „Du hast doch von Waffen gesprochen. Ich dachte, wir gehen zu einer Schmiede.“

Xena nahm einen kleinen, länglichen Lederbeutel von Argos Sattel und ging an Joxer vorbei. „Für das, was wir vorhaben, nützen Schwerter nichts. Wir brauchen etwas anderes.“ Die Art wie sie das sagte, machte Lygeia Angst. Sie hatte zwar schon einiges in ihrem Leben abgefackelt.

Aber Grabschändung war definitiv eine Nummer zu groß.

„Xena…“

„Seid still.“, befahl die Kriegerprinzessin, „Und tretet nicht auf die Gräber.“

Das hätte sie Lygeia nicht sagen müssen, das wusste sie auch so.

Vorsichtig schlich sie Xena hinterher, die sich vorsichtig zwischen den Gräbern und umgestürzten Säulen hindurchschlängelte.

Joxer hingegen schlenderte interessiert über den Friedhof und sah sich um. Vor einem der Grabsteine blieb er stehen, um zu entziffern, was darauf stand.

„Dry…Drya…Drya..de. Dryade? Was ist eine Dryade?“ fragte er.

„Sie sind verschworene Feinde von Bacchus.“, antwortete Xena, „Man kann eine Bacchae nur töten, wenn man ihr einen Dryadenknochen ins Herz stößt.“

„Klingt ungemütlich.“, sagte Lygeia zu sich selbst, „Müssen wir die Dinger ausgraben?“

Xena hatte offenbar gefunden was sie suchte. Einen langen mit Meißelungen verzierten Grabstein, der noch gut erhalten war. Vorsichtig strich sie etwas Dreck und verdorrtes Pflanzenwerk herunter und griff dann am unteren Ende zu. „Eigentlich nicht.“ Sagte sie.

Lygeia ging einen Schritt rückwärts. „Aber wenn wir sie nicht ausgraben, wie kommen wir dann da dran?“ Sie war sich nicht sicher, ob sie auf diese Frage eine Antwort haben wollte.

„Sie werden uns ja wohl kaum entgegenspringen.“ Meine Joxer sarkastisch.

Kaum dass er ausgesprochen hatte, schrie er auf. Ohne zu überlegen sprang Lygeia zu ihm und packte ihn am Arm.

„Helft mir, es zieht mich runter!“ schrie Joxer verzweifelt.

„Nein tut es nicht!“ schrie Lygeia zurück und verstärkte ihren Griff an Joxers Arm, der ihr trotzdem immer mehr zu entgleiten drohte.

Xena und Gabrielle kamen Lygeia zu Hilfe. Xena ergriff Joxers anderen Arm und Gabrielle umfasste seinen Körper.

„Hilfe! Helft mir!“

Lygeia schaffte es sich auf die Beine zu stellen und stemmte sich mit aller Kraft gegen den Zug an Joxers Körper. Plötzlich wurde sie mit einem Ruck nach vorne gerissen und gegen Gabrielle geworfen. Sie verlor den Halt an Joxers Arm und riss die Bardin mit zu Boden. Beide rappelten sich wieder auf und sahen sich nach Joxer um. Doch alles, was sie sahen, war ein großes Loch, dort wo Joxer eben noch gewesen war.

Xena, Gabrielle und Lygeia begannen, wie wild mit ihren Händen Erde beiseite zu schaufeln. Lange mussten sie nicht graben, als einer von Joxers Armen aus der Erde ragte. Sofort packten die drei Frauen zu, entschlossen ihren Freund diesem – was auch immer es sein mochte – zu entreißen.

Und tatsächlich. Langsam, aber doch stetig, wurde immer mehr von Joxer an die Oberfläche gezogen. Zuerst sein Kopf, dann sein Körper, bis er schließlich ganz befreit war.

„Bestien! Ungeheuer sind das!“ jammerte er. Joxer sah an sich herunter, um nach eventuellen Schäden zu suchen. Sein Blick blieb an seinen Füßen hängen. „Seht euch das an!“, rief er empört, „Die haben mir die Stiefel geklaut! Die haben fünfzig Dinar gekostet!“

Zack!

Lygeias Kopfnuss gegen Joxer war so stark, dass er einknickte und sich mit beiden Händen den Kopf hielt.

„Der Kerl wird fast von irgendeinem Monster umgebracht und alles wofür er sich interessiert sind seine Stiefel!“ rief sie.

Joxer stand auf und trat einen Fuß Erde gegen das Grab. „Du blöder, nichtsnutziger Sack Knochen!“

Kaum hatte er zu Ende gesprochen ertönte ein lautes, furchterregendes Kreischen, verbunden mit dem Geräusch explodierender Erde. Über ihnen schwebten drei hässliche, fürchterliche Ungeheuer wie sie Lygeia in ihrem Leben noch nie gesehen hatte. Ihre Körper schienen nur aus mit Dreck und Schmutz verklebten Knochen zu bestehen. Ihre dunklen Schädel mit den schwarzen Augen und den grässlichen Zahngrinsen sahen aus wie die Schädel menschlicher Skelette, waren jedoch größer und abstoßender. Auf dem Rücken trugen sie Schwingen, die denen von Drachen ähnelten, aber mit vielen Löchern zerfressen waren. Am Rumpf entwickelte sich das Steißbein in einen langen Knochenschwanz, der bedrohlich hin und her peitschte.

Xena zog ihr Schwert, während sich Joxer, Gabrielle und Lygeia hinter ihr versteckten.

„Was sind das für Bestien?“ fragte Gabrielle.

„Na jetzt denk mal nach!“ rief Lygeia.

Kreischend und fauchend näherten sich die Dryaden der Gruppe und versuchten mit ihren Klauen nach ihnen zu grapschen. Joxer zog ebenfalls sein Schwert, doch anstatt es einzusetzen und sich zu verteidigen, verlor er die Nerven und suchte sein Heil in der Flucht.

„Lygeia! Geh zu Orpheus!“ befahl Xena.

Lygeia schüttelte den Kopf. „Ich bin doch nicht lebensmüde!“ rief sie zurück.

„Tu was ich sage!“

„Na gut, aber wenn ich sterbe, bringe ich dich höchstpersönlich um!“

Wäre die Situation eine andere gewesen, hätte die Kriegerprinzessin über diesen Witz vielleicht sogar gelacht, doch im Augenblick war ihre ganze Aufmerksamkeit darauf gerichtet, die Dryaden abzuwehren, die immer wieder von allen Seiten angriffen.

Eine der Dryaden hatte inzwischen Orpheus entdeckt und versuchte nun unter lautem Gezeter, seinen Kopf von dem Puppenkörper loszumachen. Doch Joxer hatte gute Arbeit geleistet und Orpheus Kopf sehr gut auf dem Körper fixiert.

Lygeia hatte keine Zeit lange zu überlegen, griff blind nach unten und hob einen der vielen Steine auf, die überall herumlagen. Sie stellte sich breitbeinig auf, zielte über den ausgestreckten Arm und warf den Stein mit aller Kraft in Richtung der Dryade.

Das Geschoss traf punktgenau den Kopf und brach mit einem durchdringenden Knacken ein großes Loch in den wie es schien hohlen Schädel. Die Dryade ließ Orpheus los, trudelte mit einer Art keuchendem Schreien durch die Luft und knallte schließlich auf den weichen Erdboden. Noch bevor das Monster sich wieder gesammelt hatte kniete Lygeia über ihm, einen weiteren großen Stein in der Hand, mit dem sie immer wieder auf den Schädel der Dryade einschlug, bis dieser völlig zu kleinen Stücken gehauen war.

Erst als ihre Kraft nachließ, hörte Lygeia mit den Schlägen auf. Schweratmend und schwitzend, mit den Händen auf die Oberschenkel gestützt, kniete sie neben dem toten Körper der Dryade und versuchte nicht an den ekelhaft vermoderten Gestank, der von diesem Ungeheuer ausging oder an die Hässlichkeit des Leichnams vor ihr zu denken.

Was für eine kranke Welt war das hier eigentlich?

„Hey.“

Lygeia hob den Kopf und sah Orpheus von unten herauf an.

„Danke.“ Sagte er.

Lygeia lächelte und nickte ihm zu. „Gern geschehen.“ Erst jetzt bemerkte sie, dass die Dryade sich offenbar nicht kampflos hatte totschlagen lassen. Ihre Arme waren mit dutzenden Kratzern verschiedener Länge übersäht. Ihr Oberteil hatte an der Seite einen langen Riss abbekommen unter dem sich ein weiterer langer Kratzer versteckte. Lygeia beendete ihre Selbstuntersuchung mit dem Ergebnis, dass sie nicht ernstlich verletzt war. Um diese Lappalien konnte sie sich später kümmern.

Plötzlich hörte Lygeia einen Laut, der ihr durch Mark und Bein schoss, obwohl er bei weitem nicht so schrecklich war, wie das Gekreisch der Dryaden. Es klang wie das leise Knurren eines Wolfes, gemischt mit dem Keuchen eines Menschen, der unter einer extremen Anstrengung steht. Und was Lygeia an diesem Geräusch erschrak war die Tatsache, dass sie ganz genau wusste, woher dieser Laut kam.

Und was es mit ihm auf sich hatte.

Langsam erhob sich Lygeia und drehte sich um. Gabrielle kniete auf dem Boden ungefähr einen Meter vor ihr. Xena und Joxer standen etwas weiterhinten.

Lygeia beobachtete Gabrielle. Die Bardin war in ein fast tranceartiges Hin- und Herwiegen verfallen. Dabei gruben ihre Hände sich immer wieder in den lockeren Erdboden, ballten sich zur Faust und streckten sich wieder. Und dazwischen hörte man immer wieder dieses merkwürdige Knurren.

Lygeia holte Luft. Sie wusste was los war. „Gabrielle?“ fragte sie.

Die Bardin hielt mit ihrem Hin- und Herwiegen inne und erhob sich.

„Gabrielle?“

Gabrielle hob den Kopf. Ihr Gesicht war weiß wie Marmor. Die Farbe ihrer Augen hatte sich in ein monströses, leuchtendes Orange verwandelt. Mit weit geöffnetem Mund zeigte sie ihre langen Fangzähne, während sie tiefe und animalische Laute ausstieß.

Sie war eine Bacchae.
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