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Die Sage der Lygeia: "Finstere Mächte"

GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P16 / MaleSlash
Gabrielle Joxer OC (Own Character) Xena
18.01.2014
16.09.2016
8
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18.01.2014 2.270
 
Dritter Gesang




Lygeia war froh, als sie den Bacchaewald endlich hinter sich ließen. Vor ihnen in einem Tal lag die Stadt Eeris. Vor den Toren waren mehrere Marktstände aufgereiht, die allerlei Tand zum Kauf anboten. Menschen in sonderbaren Kleidern und Kostümen tanzten über die Straße, die nach Eeris führte.

„Die feiern ein Fest.“ sagte Gabrielle

Joxer stellte sich neben sie. „Die Leute hier feiern jedes Jahr ein Fest um die Bacchae einzuschüchtern.“

„Wir haben so etwas Ähnliches.“, sagte Lygeia, „Aber bei uns heißt das ‚Frühlingsfeuer‘.“

„Bei dem Bacchaefest gibt es sogar einen Preis für das beste Kostüm.“, erzählte Joxer weiter, „Ich weiß aber schon wer dieses Jahr gewinnt.“

„Haha, sehr witzig.“ Sagte Orpheus.

Eines musste man Joxer lassen. Basteln konnte er. Orpheus Kopf saß auf einer aus Stroh, Seil und Lumpen zusammengebauten Puppe und die Puppe auf Argo.

Auf dem Weg in die Stadt begegneten ihnen noch viele andere Gestalten, die in abstrusen und manchmal sehr freizügigen Kostümen umhertanzten.

Lygeia leckte sich über die Lippen. Vielleicht könnte sie sich hier eine hübsche junge Frau suchen, die für eine Nacht mit ihr offen wäre.

Aber keine Prostituierte.

In ihrer Jugend hatte Lygeia ein- zweimal Nutten besucht und gemerkt, dass ihr bezahlter Sex nicht gefiel. Vor allem kam sie sich dabei schäbig und schmutzig vor.

Außerdem fehlte dieses Hochgefühl, das sie jedes Mal bekam, wenn sie ein Mädchen erfolgreich verführt hatte. Am besten war es bei Mädchen, von denen Lygeia wusste, dass sie noch nie etwas mit einem Mädchen gehabt hatten oder sich selbst für absolut hetero hielten.

In Anbetracht der Feierlaune, in der sich die Menschen hier befanden, sollte es doch nicht so schwer sein, eine Geliebte für die Nacht zu finden.

Doch ihr Instinkt riet ihr zur Vorsicht. Sie wusste nicht mehr genau, was hier passieren würde, aber irgendetwas würde hier passieren. Also sollte sie besser die Augen offen halten.



Das Haus von Orpheus Freund Melodus befand sich direkt am Stadtzentrum, wo die eigentliche Feier stattfand. Xena brachte Argo zu einem Stall in der Nähe, während Joxer Orpheus trug.

„Melodus!“ rief Orpheus.

Lygeia sah sich um. Das Haus bestand eigentlich nur aus drei Räumen. Das Schlafzimmer war mit Instrumenten zugepflastert, die sogar auf dem Bett lagen. Neben dem Schlafzimmer befand sich eine kleine Küche.

„Er muss im Hinterzimmer sein.“ Sagte Orpheus.

Joxer riss den Vorhang beiseite.

Lygeia schrie auf und stolperte nach hinten. An der Wand, einen Meter über dem Boden, war ein Mann mit einem Pfahl, der ihm mitten durch die Brust getrieben worden war, festgenagelt. Die ganze Kleidung des Toten war blutgetränkt. Aus seinem Hals war ein großes Stück Fleisch herausgebissen, direkt dort, wo die Halsschlagader saß. Hätte man sich neben ihn gestellt, dann hätte man seine geöffnete Luft- und Speiseröhre sehen können. Das Blut war an in Strömen die Wand herunter gelaufen und hatte eine Lache auf dem Boden gebildet.

„Die Bacchae waren hier.“, sagte Xena und ging zur Tür, „Also haben sie auch die Lyra“.

Lygeia sackte auf einem Stuhl zusammen und legte den Kopf in die Hände. „Diese kranken Schweine.“ sagte sie zu sich selbst.

Gabrielle wollte Xena folgen. „Xena, ich komme mit dir.“ Sagte sie.

„Nein, du bleibst hier und passt auf Orpheus auf.“

„Aber Lygeia kann doch…“

Xena zeigte auf Lygeia. „Jetzt sieh sie dir doch an.“

Lygeia saß noch immer wie in sich zusammengefallen auf dem Stuhl, hatte das Gesicht in den Händen vergraben und schüttelte immer wieder den Kopf, so als wollte sie sich weigern das soeben gesehene zu akzeptieren.

Xena ging zu Lygeia, packte ihr Gesicht und drehte es so, dass die junge Frau ihr in die Augen sehen musste. „Lygeia! Du musst dich jetzt zusammenreißen! Konzentrier dich, hast du verstanden?“ befahl die Kriegerprinzessin.

Einen Moment reagierte Lygeia nicht. Dann nickte sie. „Ok. Ok. Ich bin konzentriert.“

„Du musst mit Gabrielle zusammen Orpheus beschützen, klar?“

Lygeia nickte. „Klar.“

Damit verließ Xena das Haus.

Lygeia stand auf und ging langsam zum Hinterzimmer. Eine ganze Weile lang starrte sie Melodus Leiche an.

Plötzlich war das Jucken wieder da. Mit dem Handballen rieb sich Lygeia fest über die Handgelenke und Arme.

Das war nicht der erste tote Mensch, den sie sah.

Je länger sie ihn betrachtete, desto mehr verlor der Anblick seinen Schrecken. Sie hatte sich nicht vor dem Toten selbst erschrocken, sondern vor der Art wie man ihn zugerichtet hatte. Vor einem Toten musste man keine Angst haben, auch wenn er so abgeschlachtet war. Die Toten konnten einem nichts mehr tun.

Lygeia atmete noch einmal tief durch und schloss dann den Vorhang. Kurz darauf gab ihr Magen ein lautes Grollen von sich. Sie tippte Joxer, der gerade die verschiedenen Instrumente ausprobierte, auf die Schulter. „Ich sehe mal nach ob es hier was zu essen gibt.“



Gabrielle war beleidigt. Xena ging los, um die Welt zu retten und sie musste hier die Aufpasserin für eine Zeitreisende, einen Möchte-gern-Helden und einen verfluchten Musiker spielen. Was gab es denn hier für sie zu tun? Rein gar nichts.

Missmutig verließ sie das Haus und lehnte sich mit den Armen auf die Balustrade über dem Stadtplatz. Auf dem Platz und auch um sie herum tanzten Männer und Frauen, tranken Wein aus großen Holzkelchen und ließen es sich gut gehen.

Plötzlich fielen ihr zwei Frauen auf, die eine andere Frau in einen abgetrennten Bereich des Platzes zogen. Die beiden Frauen trugen große, merkwürdig aussehende Masken und schwarze wallende Umhänge. Die Frau, die sie hinter sich herzogen, hatte lange lockige Haare und ein mehr als freizügiges Kostüm.

Einer Eingebung folgend stürmte Gabrielle zurück ins Haus. „Ich komme gleich wieder.“, sagte sie zu Joxer, „Bleib hier.“ Dann ging sie nach unten auf den Platz und folgte den Frauen.

An den Wänden standen unzählige Kerzenhalter. Über dem Boden hingen Lampions, die ein sanftes buntes Licht verstrahlten. Es war ein dämmriges Licht, das eine geheimnisvolle Stimmung verbreitete.

Was hier geschehen würde, würde auch hier bleiben.

Vorsichtig, und möglichst unauffällig, betrat Gabrielle den Platz und sah sich nach den Frauen um.

Lange musste sie nicht suchen bis sie die Frauen entdeckte. Die Eine hatte ihre Maske abgenommen, sodass Gabrielle ihr Gesicht sehen konnte. Die Frau hatte stoppelkurze schwarze Haare, leicht schräg stehende Augen und einen vollen roten Mund.

Nun nahm auch die andere Frau ihre Maske ab und zeigte ein junges frauliches Gesicht mit langen braunen Haaren.

Beide Frauen lächelten Gabrielle lasziv an und begannen mit ihr zu tanzen. Die Frau mit den kurzen Haaren nahm sanft ihre Hand und drehte sie einmal im Kreis, während die andere Frau zärtlich ihren Arm streichelte. Gabrielle bewegte sich etwas zaghaft, kam aber den Aufforderungen der beiden Frauen nach. Sie bewegte leicht ihre Schultern, ihre Hände und Hüften, während sie von den beiden Frauen umkreist wurde.

Der Rhythmus der Musik, die von einer kleinen Bühne auf Trommeln und Schlaginstrumenten gespielt und von leisen Gesängen untermalt wurde, nahm sie immer mehr gefangen.

Die Frau mit den kurzen Haaren stand nun vor ihr, bewegte lasziv ihre Hüften und fixierte Gabrielle mit ihren Blicken. Gabrielle schaute der Frau in die Augen. Ein helles Orange, wie das Orange eines Sonnenuntergangs, starrte ihr entgegen.

Ohne es selbst zu merken, überließ sie sich immer mehr den beiden Frauen, ihren Bewegungen und ihren Berührungen. Mit geschlossenen Augen genoss sie die zarten Hände, die überall auf ihrem Körper zu sein schienen und ihn in einen angenehmen Rausch versetzten.

Jetzt tanzte sie wirklich und aus tiefstem Herzen.

Die mit den kurzen Haaren berührte sanft Gabrielles Lippen. Sie öffnete wieder ihre Augen, sah das Orange so nah vor sich, spürte den warmen Atem der Frau.

Gabrielles Herz schlug schneller. Die altbekannte Hitze stieg in ihr auf, aber stärker und machtvoller, als sie es je erfahren hatte. Die beiden Frauen strahlten eine Anziehungskraft aus, der sich Gabrielle nicht entziehen konnte. Und wenn sie ehrlich war wollte sie das auch nicht mehr.

Sie lehnte sich der Frau vor ihr entgegen, immer noch gefesselt von der Intensität ihres Blickes, während sie ihr leicht entgegengedrängt wurde. Gabrielle starrte auf die Lippen der Frau, die blutrot zu leuchten schienen.

Gabrielle wollte diese Lippen küssen. Noch nie hatte es sie so sehr danach verlangt geküsst zu werden. Sie wollte von diesen Lippen geküsst werden.

Die Frau vor ihr schien zu wissen, was Gabrielle wollte. Ohne ihre Bewegungen zu unterbrechen kam sie Gabrielle entgegen, legte ihr sanft die Hände auf die Hüften und zog sie langsam näher. Gabrielle war unfähig etwas zu tun. Sie konnte nur fühlen.

Ihr Körper tanzte von allein weiter, schwamm weiter in dem Strom aus Gefühlen und Verlangen.

Dann endlich wurde sie geküsst.



Lygeia suchte in den Töpfen und Schränken nach etwas Essbarem. Aber alles was sie fand, waren ein paar Scheiben Brot und verdorbenes Obst.

„Ist wohl nicht zum Einkaufen gekommen.“ Schmunzelte sie und nahm einen Bissen vom Brot.

Eigentlich gehörte es sich nicht, den Besitz eines fremden Toten zu durchwühlen, oder schlechte Witze über ihn zu machen.

Aber Lygeia hatte schon Schlimmeres getan, als das.

Sie ging zurück zu Joxer und Orpheus und hielt dem Kopf eine Scheibe Brot hin. „Möchtest du was essen?“ fragte sie.

„Würde ich wirklich gerne, aber wo soll ich das Essen bitte schön hinschlucken?“ fragte Orpheus gereizt.

„Ich hab’s nur gut gemeint.“ Antwortete Lygeia.

„Dafür danke ich dir.“ Sagte Orpheus. Lygeia lächelte ihn kurz an. Plötzlich fiel ihr etwas ein. Orpheus war hier, Joxer war hier…Wo war Gabrielle?

„Wo ist Gabrielle?“

Joxer zuckte die Schultern. „Keine Ahnung. Sie wollte mal kurz weg.“

„Du hast sie allein weggehen lassen?!“

„Ich musste doch auf Orpheus aufpassen.“ Empörte sich Joxer.

Lygeia stürmte nach draußen. „Gabrielle!“ rief sie, doch ihr Rufen ging in der Musik und dem Feierlärm unter. Schnell überblickte sie den Platz und suchte mit ihren Augen nach der Bardin.

Da hinten, da war Gabrielle.

Aber wer waren diese Frauen?

Bacchae!

Mit einem Satz sprang Lygeia über die Balustrade und landete auf dem Platz. Ohne auf die Menschen um sich herum zu achten, die immer noch feierten, drängte sie sich über den ganzen Platz, stieß Menschen und Gegenstände beiseite, was so gut wie niemand zur Kenntnis nahm.

Als Lygeia kurz davor war die Bardin zu erreichen, sah sie wie eine der Frauen Gabrielle auf die Lippen küsste.

„Gabrielle!“ rief Lygeia, packte die Bardin und riss sie von den Frauen fort.

„Lygeia?“ Gabrielles Gesicht war gerötet und ihr Atem unregelmäßig. Ihr Blick ging zwischen Lygeia und den beiden Frauen hin und her. „Was machst du da?“

„Dir das Leben retten.“ Sagte Lygeia und drängte Gabrielle durch die Menge zurück, die beiden Frauen, die inzwischen wieder angefangen hatten zu tanzen, fest im Blick.

„Wieso das Leben?“ fragte Gabrielle.

„Weil Xena dich umbringen wird, wenn sie erfährt, dass du eine andere Frau geküsst hast. Und ich werde mit draufgehen, weil ich nicht aufgepasst hab.“

„Xena?“ Es war als würde Gabrielle vom Blitz getroffen, als ihr die Erkenntnis kam. Hastig wischte sie sich mit den Händen über die Lippen, um den Geschmack loszuwerden. Dann ließ sie sich auf eine Bank fallen und vergrub ihr Gesicht in den Händen. „Was hab ich nur getan?“

Lygeia nahm Gabrielles Hände von ihrem Gesicht fort und kniete sich vor die Bardin. „Gabrielle, hör mir zu. Du musst dich jetzt zusammenreißen. Konzentrier dich.“ Wiederholte sie Xenas Worte.

Einen Moment blieb Gabrielle noch regungslos sitzen, dann nickte sie.

„Bist du konzentriert?“ fragte Lygeia streng.

Gabrielle nickte und presste die Lippen zusammen, um ein Schluchzen zurückzuhalten.

„Also, hör mir jetzt zu, Gabrielle. Wenn du willst, dann bleibt das, was dort passiert ist, zwischen uns beiden. Und du hast dir nichts vorzuwerfen. Die haben dich nach allen Regeln der Kunst verführt. Da wäre jeder drauf reingefallen, sogar Xena.“

„Glaubst du wirklich?“ fragte Gabrielle hoffnungsvoll.

Lygeia nahm das Gesicht der Frau vor ihr in die Hände und strich ihr mit den Daumen eine Träne weg, die sich aus ihrem Auge geschummelt hatte. „Ich glaube es nicht nur. Ich weiß es.“ Noch einmal streichelte sie der Bardin über das Gesicht, dann sagte sie: „Und jetzt lach wieder. Du bist viel schöner wenn du lachst.“

Tatsächlich erschien ein kleines Lächeln auf Gabrielles Gesicht.

„Na also. Das ist doch schon besser.“ Lygeia stand auf, zog Gabrielle auf die Füße und ging mit ihr zu Melodus Haus zurück.



Kurz darauf kam Xena zurück.

„Hast du die Lyra?“ fragte Orpheus.

„Ich hab die Bacchae gefunden, die sie gestohlen haben.“, antwortete sie, „Aber wir holen sie uns wieder.“

„Wir holen sie wieder?“, fragte Joxer, „Moment mal, nur dass ich das richtig verstehe. Wir holen uns die Lyra zurück, suchen jemanden, der darauf spielen kann, Orpheus singt, die Bacchae schlafen, wir gehen rein, töten Bacchus und retten die Mädchen?“

Xena nickte. „Ganz genau.“

„Na wenn’s weiter nichts ist.“ Sagte Lygeia achselzuckend.

„Seid nicht so dumm!“, rief Orpheus, „Die Lyra ist inzwischen in Bacchus Höhle. Wenn ihr dort reingeht, seit ihr tot.“

„Restrisiko.“ Antwortete Lygeia.

„Wie war das noch mal mit dem ‚seit ihr tot‘?“ fragte Joxer ängstlich.

Xena musste lachen. „Schon gut Joxer, du bleibst hier. Gabrielle, Lygeia und ich machen das.“

„Hey, wenn die beiden mitkommen, gehe ich auch mit!“

Xena drehte sich um und starrte ihn mit ‚dem Blick‘ an. Lygeia hatte dafür nie einen passenden Ausdruck gefunden. Sie nannte ihn einfach nur ‚den Blick‘.

„Ich hab die Truppe zusammengeholt.“ Sagte Joxer kleinlaut.

Xena starrte ihn weiter nieder.

Plötzlich erschien ein Ausdruck der Entschlossenheit auf Joxers Gesicht. „Du brauchst wohl niemanden, der die Lyra spielt.“ Sagte er deutlich.

Allen, bis auf Xena, fiel die Kinnlade runter.

„Du kannst spielen?“ fragte Gabrielle ungläubig.

„Ja, ich gebe es zu, ich hatte Musikunterricht, aber erzählt es nicht überall herum, ich hab einen Ruf zu verlieren.“

Lygeia und Gabrielle schauten zu Xena. Die Entscheidung lag bei ihr.

„Na schön.“
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