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Die Schülerin H.

von Caligula
OneshotDrama / P18
Eiji Hoshi Haruka Akechi
17.01.2014
17.01.2014
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~Die Schülerin H.~

Was sehen deine Eltern in dir?
Wen willst du sie sehen lassen?
Und wer willst du wirklich sein?

Einst war auch ich Mamis und Papis kleiner Liebling. Ein niedliches, kleines Mädchen, in hübsche Kleidchen gesteckt und mit albernen Spangen im Haar. Mamas überdimensionale Barbiepuppe. Und so wie meine äußere Erscheinung, hatten sie auch die Kontrolle über mein Verhalten. Ich wollte meinen Eltern gefallen. Ich wollte ein gutes Mädchen sein. Ja, sie hatten mich gut im Griff. Doch irgendwann entglitt ich ihnen. Irgendwann begann ich mein Leben selbst zu leben.
In der Mittelstufe begann ich, mich zu verändern. Statt mich von meiner Mutter einkleiden zu lassen, orientierte ich mich fortan an den anderen Mädchen in der Schule. Schnell begriff ich, dass man sich der Masse anpassen und mit dem Strom schwimmen musste, um in dieser Welt zu überleben. Wer wollte denn schon zu den Ausgestoßenen gehören? Es war ein bisschen wie mit meinen Eltern; ich wollte den Anderen gefallen. So verdiente ich mir meinen Platz unter ihnen, kämpfte mich sogar bis an die Spitze der Nahrungskette hoch. Ich fand einen Mittelweg das beliebte und angesagte Mädchen in der Schule und gleichzeitig Mamis und Papis kleiner Liebling zu sein; ließ sie alle sehen, was sie sehen wollten, ohne mein wahres Ich zu offenbaren...
Nur zwei Dinge fehlten mir zu meinem persönlichen Glück: Geld und Jungs. Markenklamotten, Schmuck, immer das neueste Handy, Ausgehen - irgendwann reichte das Taschengeld einfach nicht mehr aus, was bei mir nicht selten für schlechte Laune sorgte. Und heiße Typen schienen auch nur in der Medienwelt zu existieren! Erst als ich in die Oberstufe wechselte, erfüllten sich meine Wünsche mit einem Schlag.
Shinya Kanagi.
Wir begegneten uns zum ersten Mal in einem Club, wo er mich an der Bar ansprach. Offensichtlich hatte er gewartet, bis meine Begleitung - ein Mädchen aus der Schule, dass davon überzeugt war, wir seien Freunde - auf die Toilette verschwunden war.
"Was willst du?", zeigte ich mich von meiner coolsten und abweisensten Seite, weil mir der Typ echt gefiel. Er war heiß und hatte eine sexy Stimme.
"Ich sehe dich hier immer mit anderen Leuten", sagte er. Er war sehr nahe an mich herangerückt, sodass sich unsere Schultern berührten. Unerschrocken wich ich keinen Millimeter zurück und sog seinen verführerischen Duft ein. Aus dem Augenwinkel konnte ich erkennen, dass er hartnäckig den Augenkontakt mit mir suchte, was ich aber noch nicht zuließ.
"Du stalkst mich also", stellte ich bloß nüchtern fest und nahm genüsslich einen weiteren Schluck von meinem Drink, um anschließend langsam mit der Zunge über meine glänzenden Lippen zu fahren. Der Typ ließ mich nicht eine Sekunde aus den Augen.
"Ich find dich eben interessant", rechtfertigte er sich lächelnd. Seine selbstbewusste Art gefiel mir und endlich schenkte ich ihm einen längeren Blick. Er lehnte sich vor und flüsterte mir, mit heißem Atem, ins Ohr:
"Soll ich dir verraten, welchen Namen du heute Nacht schreien wirst?" Ich lächelte.
Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, die schnelle Nummer, die wir keine Minute später auf dem Klo geschoben hatten, wäre der beste Sex meines Lebens gewesen. Genau genommen war es schmutzig und unbequem gewesen und doch hatte es sich absolut richtig und gut angefühlt. Ich war vollkommen spitz auf den Typen gewesen und noch dazu angetrunken. Die skeptischen und empörten Blicke der anderen Weiber, die sich vorm Spiegel ihre Näschen puderten, nahm ich kaum wahr. Auch als wir uns durch die tanzende Menge zum Ausgang kämpften, wich dieser Shinya nicht von meiner Seite. Er nahm meine Hand und führte mich aus dem lauten und stickigen Laden. Draußen sog ich die frische Luft der sternenklaren Nacht dankbar ein, wie ein Ertrinkender; gleichzeitig fror ich in meiner knappen Jeans und dem dünnen Top. Erst jetzt ließ Shinya meine Hand los.
"Also Haruka, hm?", sprach er zum ersten Mal meinen Namen aus, dem ich ihn auf seine Frage hin auf den Toiletten heiser ins Ohr geflüstert hatte.
"Haruka Akechi", stellte ich mich in aller Höflichkeit mit vollem Namen vor.
"Shinya Kanagi", ahmte er mich nach. Noch immer hing mir sein Geruch in der Nase und auch außerhalb des flackernden, bunten Lichts der Party sah er unheimlich attraktiv aus.
"Willst du mich gar nicht nach meiner Nummer fragen?", antwortete ich amüsiert. Anspruchsvoll wie ich war, hatte ich diese bislang an nicht viele Jungs rausgegeben; er aber hätte zweifelsfrei zu den Glücklichen gezählt.
"Das hat Zeit bis später", erklärte er locker und zündete sich eine Kippe an. Irgendwie gefiel er mir immer besser.
"Später?", hakte ich verwundert nach.
"Du hast noch nicht meinen Namen geschrien", sagte er und blies cool den Qualm seiner Zigarette aus. "Die Nacht ist noch jung..."
Natürlich ging ich mit ihm mit, ungeachtet, wie gefährlich und dumm es eigentlich gewesen war. Doch ich war diesem Typen vollends verfallen.
Er machte seine Prophezeiung wahr und stellte direkt die nächste auf: Dies würde nicht unsere letzte Begegnung sein. Und auch damit sollte er recht behalten.
Das nächste Mal trafen wir uns tagsüber und nüchtern. Er lud mich ins Kino und zum Essen ein und wir begannen uns gegenseitig genauer unter die Lupe zu nehmen. Er zeigte sich überrascht, dass ich noch zur Schule ging; er hatte mich auf Anfang zwanzig geschätzt. Schmeicheln konnte er gut.
Wie ich in unserer ersten Nacht bereits feststellen durfte, lebte Shinya allein. Nicht weiter verwunderlich mit seinen zwanzig Jahren. Er verlor kein Wort über seine Familie und ich war respektvoll genug auch nicht weiter nachzuhaken. Das Fehlen irgendwelcher Fotos in der gesamten Wohnung, verriet schon genug über ihr Verhältnis zueinander. Das Appartment war recht klein, dafür aber stilvoll eingerichtet und voll mit den neuesten, technischen Errungenschaften, wie etwa einem riesigen Flatscreen. Augenblicklich war mir durch den Kopf geschossen, dass der Junge Geld haben musste.
"Also, was machst du, wenn du nicht mehr zur Schule gehst?", wollte ich nun, beim Essen, von ihm wissen. Er grinste.
"Ich verdiene Geld."
"Womit?"
"Du bist ganz schön neugierig..."
"Ich find dich eben interessant", zitierte ich ihn und musste ebenfalls grinsen. Er ergriff meine Hand und küsste sie.
"Das ist nichts für kleine Mädchen." Empört zog ich meine Hand zurück, während ein angenehmes Kribbeln meinen ganzen Körper durchzog. Nicht nur sein Kuss hatte mich nervös gemacht; auch seine mysteriöse Warnung, die auf gefährliche Abenteuer schließen ließ, machte mich unheimlich an. Vielleicht war ich ja an einen Drogendealer geraten?
"Ich bin kein kleines Mädchen!", erwiderte ich schließlich patzig. Plötzlich lehnte Shinya sich vor, packte mich - beabsichtigt oder nicht - grob am Kinn, zog mich zu sich und küsste mich. Dafür, dass wir in einem gut besuchten Laden saßen, steckte er mir die Zunge ziemlich tief in den Hals. Aber ich leistete keinen Widerstand. Und wieder fühlte ich mich von seiner herrischen, bestimmenden Art angezogen.
"Du wirst es schon noch herausfinden", beendete er die Diskussion fürs Erste.

Fast ein Jahr war seit unserer ersten Begegnung vergangen und wir waren immer noch glücklich zusammen. Meine Eltern hatten Shinya bis heute nicht persönlich getroffen; sie kannten lediglich seinen Vornamen. Ich hielt es für klüger sie weitesgehend unwissend zu lassen, zu ihrem eigenen Schutz. Denn das kleine Mädchen war groß geworden und spielte nun mit den bösen Jungs. Den ganz bösen Jungs.
Sobald ich mir sein Vertrauen verdient hatte, hatte Shinya mich in all seine Geheimnisse eingeweiht; mich in sein Leben eingeführt. Ein Leben, das von Kriminalität beherrscht wurde. Ich hatte mit meiner anfänglichen Vermutung, er sei ein Drogendealer, gar nicht so weit danebengelegen. Tatsächlich dealte er und kaum etwas von dem Zeug, das er vertickte, warf er sich nicht selbst gerne mal ein. Doch Drogen waren nicht seine einzige Einnahmequelle. Er verdiente sich sein Geld außerdem noch als Zuhälter; und davon nicht gerade wenig. Ich staunte nicht schlecht, als ich herausfand, dass mein Freund Anführer einer richtigen Bande war. Ihm gehörten zwei ganze Viertel in Tôkyo, er war gewalttätig, rücksichtslos und stand in gefährlicher Rivalität mit anderen Banden. Es fühlte sich ein bisschen wie in einem abgedrehten Film an, doch es war vollkommen real! Und trotz meiner leisen Angst und Sorge um meine Eltern, gefiel mir dieser Umstand. Manch ein Mädchen hätte damals vielleicht die Notbremse gezogen; wäre ausgestiegen, solange es noch möglich war. Ich hatte genau das Gegenteil getan. Ich wollte ein Teil seiner Welt sein. Und Shinya nahm mich mit offenen Armen auf.
Nun, nach knapp einem Jahr, konnte ich endlich von mir behaupten wirklich alles zu haben und wahrlich an der Spitze der Nahrungskette zu stehen. Ich hatte Geld, Macht und sogar Frauen, wie ich sarkastisch feststellte, denn Shinya hatte mich offiziell zu einer Zuhälterin gemacht. Meine Aufgabe bestand darin ein wachsames Auge auf ´unsere´Mädchen zu haben, die Kohle abzukassieren und den Mädchen ihren Anteil auszuzahlen, sowie die Erpressung von Schweigegeld von den armen Trotteln, die sich das Vergnügen verbotenerweise leisteten. Und ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, dass mir meine Position innerhalb der Bande, an Shinyas Seite und mein neues Leben nicht gefallen hätten!
Gerade erst waren uns zwei Mädchen abgesprungen; eines aus dem 27ten Stock, eines hatte eine Überdosis Schlaftabletten heruntergekippt, und ich versuchte die finanzielle Lücke so schnell wie möglich wieder zu schließen, indem ich nach neuen Einnahmequellen Ausschau hielt. Es war Sommer, die Sonne schien warm vom Himmel und ermöglichte mir damit einen einwandfreien Blick auf meine potenziellen Bewerberinnen, in ihren knappen und freizügigen Klamotten. Abschätzend ließ ich den Blick über den offenen Platz wandern, die glücklichen Familien, die die Eisdielen oder das Kino stürmten, die gelangweilten Kids, die in irgendeiner Ecke rumhingen und nichts anderes taten als zu trinken und dabei schlechte Musik über Handylautsprecher zu hören. Und zwischen all diesen Menschen liefen Rohdiamanten herum. Dabei kam es mir weniger auf ihr Aussehen an; ein durchschnittlicher Körper und ein annehmbares Gesicht, das nicht gleich nach einer Plastiktüte verlangte, reichten eigentlich vollkommen aus. Mein Blick galt eher den Menschen, die sich hinter dieser Fassade verbargen. Es brauchte nicht viel Übung, um die Persönlichkeit wildfremder Menschen grob zu durchschauen. Es gab zu offensichtliche Verhaltensmuster, die sich immer und immer wieder wiederholten. Ich hatte noch nie sonderlich danebengelegen, seit Shinya mich damals eingewiesen hatte. Nun suchte ich den Platz nach meinem typischen Beuteschema ab; ein unsicheres, leicht zu manipulierendes Ding mit möglichst kleinem Bekanntenkreis, und wurde bald schon fündig.
Rasch bewegte ich mich aufs Kino zu, das auf der gegenüberliegenden Seite in einem der, den Platz einschließenden, Hochhäusern ansässig war. Zwei Mädchen, ungefähr in meinem Alter, kamen aus dem Gebäude. Beide waren schlicht gekleidet; lediglich auf ihren Schuhen prangte ein Markenname. Einfacher, ablätternder Nagellack und eine unscheinbare Ausstrahlung - genau das, was ich suchte. Sobald ich mich den beiden soweit genähert hatte, dass ich ihrem Gespräch lauschen konnte, zog ich mein Handy aus der Hosentasche, tat so, als würde ich mir darauf etwas anschauen und folgte ihnen, vermeintlich abgelenkt, langsam hinter ihnen herschleichend. Ihrer Unterhaltung nach zu urteilen, lag ich mal wieder goldrichtig. Es war Segen und Qual zugleich, ihnen zuzuhören. Sie waren genau von dem Schlag, den ich suchte - Außenseiter, was aber zwangsläufig bedeutete, dass ich mit irgendwelchen Anime und Conventions zugetextet wurde, die mich absolut nicht interessierten. Die meiste Zeit hatte ich nicht einmal eine Ahnung, wovon sie überhaupt sprachen.
Irgendwann trennten sie sich schließlich und schlugen verschiedene Wege ein. Ich musste mich blitzschnell entscheiden, welche von den beiden den wehrloseren Eindruck gemacht hatte. Ich wählte die Kleinere mit der Brille und folgte ihr weiter. Erst nach knapp zwei Minuten, schloss ich zu dem anstrengend schleichenden Mädchen auf und sprach sie an. Sie erschrak richtig.
"Ja?"
"Hey, mein Name ist Haruka", stellte ich mich freundlich vor und reichte ihr die Hand, die sie zögerlich ergriff.
"Mei..." Offensichtlich hatte ich mich nicht in ihr getäuscht.
"Mei, hast du Lust dir ein bisschen Taschengeld nebenbei zu verdienen?" Ich war mir sicher, dass sie die hatte. Ich hatte nicht viel aus ihrer freakigen Unterhaltung herausgehört, wohl aber, dass sie ein sehr kostspieliges Hobby hatte.
"Wie denn?" Sie hegte nicht den leisesten Verdacht, weil ich eine Frau war.
"Es ist keine große Sache", fuhr ich lapidar fort. "Du vergnügst dich ein bisschen mit Jungs und wirst dafür bezahlt..." Jetzt ging dem naiven Ding dann doch mal ein Licht auf, wie ich an ihren erschrocken aufgerissenen Augen erkennen konnte.
"Mo...moment... damit will ich nichts zu tun haben...", stammelte sie panisch. Sie gefiel mir immer besser.
"Ganz ruhig. Es ist, wie gesagt, keine große Sache und wird unverschämt gut bezahlt."
"Nein, ich... muss gehen..." Den vor Schamesröte glühenden Kopf gesenkt, wollte sie eilig weitergehen, doch ich packte sie am Handgelenk und hielt sie fest. Sie war kein Gegner.
"Hey!", zischte ich eindringlich. "Hiergeblieben."
"Lass mich! Ich will gehen!" Zum Glück war sie viel zu schüchtern, um wirklich laut zu werden, sogar in dieser Situation. Andernfalls hätte ich inmitten dieser Wohngegend vielleicht auch ein geringfügiges Problem bekommen.
"Wenn du keinen Ärger willst, tust du was ich dir sage..." Dem armen Mädchen standen schon die Tränen in den Augen. Sie machte es mir wirklich nicht allzu schwer.
"Bitte..."
"Sag mir, Mei, hast du eine grobe Vorstellung davon, was für Typen sonst noch so in diesem Business vertreten sind?", fragte ich locker. Ich hielt ihren Arm immer noch fest umklammert, versuchte es aber für Außenstehende wie ein harmloses Gespräch aussehen zu lassen. Zum Glück leistete die kleine Mei keinen nennenswerten Widerstand, sodass kaum einer Verdacht schöpfen würde. Und deshalb konnte ich auch so bedenkenlos mit der Tür ins Haus fallen. Mei jedenfalls schien eine Vorstellung zu haben, denn sie wurde schlagartig völlig ruhig. "Wenn du mit denen keine engere Bekanntschaft schließen willst, arbeitest du besser mit uns zusammen", drohte ich lächelnd. Ich genoß meine Überlegenheit.
"Wieso gerade ich...?", wollte Mei schluchzend wissen.
"Oh...", machte ich gespielt mitleidig und strich dem verängstigten Mädchen sanft über die Wange, wischte ihr zärtlich eine Träne weg. "Du bist ein hübsches Mädchen, Mei. Das ist alles." Sie blickte mich verstört aus tellergroßen Augen an. Die Männer würden sie lieben. In dem Moment als ich die Hand wieder von ihrem Gesicht nahm, wurde mein Blick wieder eiskalt. "Ich weiß wo du wohnst, wann du allein zuhause bist, wo du zur Schule gehst, deinen Schulweg - du kooperierst besser. Sonst wirst du deines Lebens nicht mehr froh."
"Bitte...!", jammerte sie.
"Es ist ja nicht für die Ewigkeit", ermutigte ich sie wieder lächelnd. "Ist nur ein Aushilfsjob."
"Aber ich... kann sowas nicht...", schluchzte sie verzweifelt, klammerte sich an jeden noch so dünnen Strohhalm, um aus dieser brenzligen Situation zu entkommen.
"Hervorragend." Ich bediente mich ihres Handys und sicherte mir damit alle wichtigen Telefonnummern, unter anderem auch ihre Handynummer, dann ließ ich das aufgelöste Mädchen endlich gehen. Sie bettelte noch erfolglos, ob wir sie nicht in Ruhe lassen könnten. Als ich darauf allerdings nicht reagierte, ging sie zügig, immer noch heulend, davon. Ein weiteres Mal heftete ich mich unauffällig an ihre Fersen, um herauszufinden, wo sie wohnte und wählte auf dem Rückweg glücklich Shinyas Nummer.
"Hey, Schatz. Ein Problem weniger", sagte ich zufrieden.

Glücklich kuschelte ich mich an die nackte Brust meines Freundes. Es war Morgen, eigentlich hätte ich schon in der Schule sein müssen, doch ich brachte meine Zeit lieber in Shinyas Bett zu. Die paar Fehlstunden interessierten ohnehin niemanden. Shinya war vor mir aufgewacht, hatte sich eine Zigarette angezündet, einen Arm um mich gelegt und tippte nun schon seit Minuten auf seinem Handy herum.
"Morgen...", murmelte ich verschlafen und küsste den nächstbesten Fleck Haut, den ich in meiner Position erreichen konnte.
"Morgen", erwiderte Shinya und strich mir zärtlich durchs Haar. Ich liebte diese Tage. An Tagen wie diesen wurde mir immer erst richtig bewusst, wie gut es mir ging. Ich hatte an die Seite eines Zuhälters und Drogendealers gefunden, ohne dass ich mich als eine seiner Schlampen im Geschäft hätte hocharbeiten müssen. Es war reine Liebe, die uns verband. Egal wie rücksichtslos und brutal er mitunter war, so war er für mich doch stets der liebende Freund, der mich so nahm wie ich war.
"Mit wem schreibst du?", wollte ich müde wissen. Shinya seufzte.
"Es gibt ´n bisschen Ärger mit der Bande von Hoshi...", erklärte er missmutig. Hoshi - was für ein lächerlicher Nachname - war unser, Shinyas, größter Rivale. Er und seine Leute machten sich überall in Tôkyo breit und behinderte neuerdings unsere Geschäfte in unserem eigenen Gebiet. Man spürte, dass sie es auf einen Krieg anlegten; dass sie Shinya stürzen und sich seine Gebiete unter den Nagel reissen wollten. "Diese Hurensöhne haben schon wieder ein paar von unseren Jungs hochgenommen. Scheiße..." In letzter Zeit fluchte er ständig. Hoshis Leute hielten ihn ganz schön auf Trab und ich fing langsam an, mir Sorgen um Shinya zu machen. Ich schmiegte mich enger an ihn und kraulte ihn, um ihn wieder etwas zu besänftigen. Er seufzte zufrieden.
"Wie macht sich die Neue?", wechselte er sehr entgegenkommend das Thema.
"Sie macht ihren Job." Ich zog mich ein Stückchen zu ihm hoch, beugte mich über ihn und küsste ihn leidenschaftlich. Er ließ seine Kippe in den Aschenbecher auf dem Nachttisch fallen und griff mit beiden Händen nach meinem Körper. Als ich mich auf ihn draufsetzte, unterbrach er kurzzeitig seine Streicheleinheiten und löste seine Silberkette vom Hals. Er trug dieses Schmuckstück stets am Körper, auch nachts. An der Kette waren zwei Erkennungsmarken mit seinem Namen, wie Soldaten sie trugen, angebracht. Diese legte er nun mir um den Hals, woraufhin ich ihn fragend ansah.
"Ich möchte, dass du mich immer in deinem Herzen trägst... Symbolisch diese Kette mit meinem Namen um deinen Hals...", erklärte er lächelnd und strich sanft über meine Wange. Ich war eigentlich kein besonders sentimentaler Mensch, aber in diesem Moment hätte ich glatt losheulen können. Er konnte so unglaublich sensibel sein. Kein Wunder, dass ich darüber gerne seine gelegentlichen Wutausbrüche mir gegenüber vergaß. Dass er mich angeschrien hatte. Dass er mich geschlagen hatte. Dass er mich verletzt hatte. Er liebte mich.
"Shinya..."
Ich hatte im Traum nicht daran gedacht, dass dieses Glück jemals enden würde. Erst recht nicht so bald...

Mei! Hätte ich diese verfluchte kleine Hure bloß niemals angeschleppt! Dieses widerspenstige Gör hatte sich einem Kunden verweigert - das Resultat war, dass wir ohne Geld aus dem Geschäft gingen. Hinzu kam, dass man diesen Typen nicht einmal erpressen konnte, da er nichts und niemanden hatte; schlussendlich hatten wir also nicht einen müden Cent gesehen! Und ich durfte die Angelegenheit Shinya erklären!
"War wohl doch nicht so ´n Glücksgriff, die kleine Brillenschlange, was?", fragte Shinya spöttisch. Im Mundwinkel eine Kippe, spielte er mit seinem Taschenmesser rum, ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen. Er saß in seinem Sessel vorm ausgeschalteten Fernseher, während ich wie ein dummes Schulmädchen in der Tür stand und seine Reaktion beobachtete. Die Jalousien waren heruntergelassen und ließen nur spärlich Licht ins Appartment, das voll mit bläulichen Rauch war. Shinya flößte mir immer Angst ein, wenn er so sprach, ohne mich anzusehen. Als ob ich einer seiner vielen Schergen wäre und nicht seine Geliebte. "Sei´s drum. Passiert." Ich konnte immer noch nicht aufatmen; im Gegenteil, verkrampfte ich mich sogar noch mehr, als er plötzlich aufsprang und seine Jacke überzog. "Bring mich zu ihr", forderte er mit kaltem Blick.
"Zu Mei?", hakte ich verwundert nach.
"Ja. Ich werde der kleinen Hure persönlich einen Besuch abstatten."
Wir fingen Mei auf ihrem Schulweg ab. Nach ihrem Versagen war sie heulend nachhause gerannt, wo sie, ob sie sich dessen nun bewusst war oder nicht, für uns unantastbar gewesen war. Doch statt sich dort zu verkriechen, war die kleine Streberin brav wieder zur Schule gegangen. Vermutlich hatte sie vor ihren ahnungslosen Eltern keine Ausrede gefunden, nicht zu gehen. Gerade hetzte sie die Straße entlang Richtung sicheres Elternhaus, als sie plötzlich erstarrte. Nur wenige Meter trennten uns und die kleine Verräterin voneinander. Ihre vor Schreck aufgerissen Augen hafteten an mir.
"Darf ich dir deinen Boss vorstellen? Shinya", machte ich Mei vermeintlich freundlich mit Shinya, den sie bis heute noch nie zu Gesicht bekommen hatte, bekannt.
"Bitte... nicht...", wimmerte Mei. Sie wusste, dass sie keine Chance hatte zu fliehen und unternahm daher gar keinen dahingehenden Versuch. Ich folgte Shinya die letzten Meter zu Mei, die zögerlich einen Schritt zurückwich. Da hatte er dem einen Kopf kleineren Mädchen auch schon einen Arm um die Schulter gelegt und flüsterte ihr ins Ohr:
"Würdest du uns wohl kurz begleiten?"
So schnell konnte sie gar nicht gucken, da hatte er sie in eine nahegelegene, abgedunkelte und stinkende Wohnung bugsiert. Sie schien einem seiner Leute zu gehören; in diesem Moment war jedoch niemand außer uns dreien hier. Er stieß Mei in den verdreckten Raum, der, den Möbeln nach zu urteilen, ein Wohnzimmer war und schloss die Haustür ab.
"Hilfe!!!", kreischte Mei, womit sie Shinya nur ein amüsiertes Lächeln abgewann.
"Die Mühe kannst du dir sparen, Schätzchen." Ich lehnte mich an die Wand und beobachtete die beiden stumm. Shinya ging auf Mei zu, packte sie am Kragen und stieß sie unsanft zu Boden. Anschließend hockte er sich auf sie drauf, drückte sie mit seinem Gewicht nach unten, griff mit einer Hand nach ihrem Unterkiefer und zwang sie, ihm in die Augen zu sehen. "Hast du wirklich gedacht, du kannst mich verarschen und kommst einfach so damit davon?", zischte er bedrohlich.
"Es... tut mir leid...!", schluchzte sie flehentlich, doch es würde ihr nichts nutzen. Shinya kannte keine Gnade. Plötzlich riss er die Bluse ihrer Schuluniform auf, wobei einige Knöpfe abfielen und neben dem wimmernden Mädchen auf dem dreckigen Boden landeten.
"Noch nicht, aber das werde ich ändern...", sagte er leise, während seine Hand ihren Oberschenkel raufwanderte und schließlich unter ihrem Rock verschwand.
"Shinya...?", warf ich beunruhigt ein. Er hatte nicht wirklich vor, was ich gerade befürchtete, oder? Er ignorierte mich und zog Mei grob das Höschen herunter, bis es nur noch an einem ihrer zitternden Beine hing. Das Mädchen schrie und strampelte, konnte Shinya aber nicht aufhalten. Zu unser beider Leidwesen. Ein weiteres Mal meldete ich mich ungeduldig zu Wort. "Shinya, was hast du..."
"HALT DIE KLAPPE!", fuhr er mich an, ohne sich die Mühe zu machen, sich zu mir umzudrehen und versetzte mir einen Stich ins Herz. Auch desweiteren schien er sich nicht mit mir abmühen zu wollen, denn er fuhr unbeeindruckt mit Mei fort; öffnete seine Hose und holte sein Ding raus. Während er dieses kurz selbst bearbeitete, spuckte er seinem Opfer zwischen die Beine und verteilte seinen Speichel grob, als er auch schon ohne Rücksicht auf Verluste in sie eindrang. Mei kreischte auf..., heulte..., schrie..., brüllte..., schlug... und trat wild um sich... bis ihr Widerstand irgendwann erstarb und sie nur noch wimmernd und schluchzend dalag, jeden Stoß ohne Gegenwehr über sich ergehen ließ. Und ich? Ich hockte immer noch an dieser verdammten Wand, stumme Tränen rannen mir die Wangen hinunter und ich hatte die Arme um den Körper geschlungen, als würde ich frieren; den Blick stur auf den Boden gerichtet. Ich wollte das nicht sehen, wollte das nicht hören, wollte nicht wahrhaben, dass mein Freund vor meinen Augen dieses billige Stück fickte. Ich gönnte ihr den Schmerz von ganzem Herzen! Nur Shinya gönnte ich ihr nicht! Warum musste er mir das antun?
Sein Keuchen war zu einem unerträglichen, nicht abbrechenden Hintergrundgeräusch geworden. Als würde dieser Alptraum überhaupt kein Ende mehr nehmen wollen. Doch schließlich konnte ich hören, dass er kam. Eilig wischte ich mir die Tränen aus dem Gesicht, ehe er sich umdrehte und diese bemerken konnte. Wir erhoben uns fast synchron und während er das reglose Mädchen zu seinen Füßen betrachtete, betrachtete ich den Mann, der mir gerade das Herz aus der Brust gerissen hatte. Ohne sich zu mir umzudrehen, richtete er seine Klamotten. Dann fiel sein Blick wieder auf Mei, die alle Gliedmaßen von sich gestreckt und das Gesicht abgewendet, vollkommen ruhig dalag. Und unverhofft trat er zu; genau zwischen ihre Beine. Schlagartig kam wieder Leben in das Mädchen, als sie aufschrie und sich vor Schmerzen krümmte.
"Das wird dir eine Lehre sein, mich zu verspotten, du kleine Drecksau!", schimpfte er ungehalten auf sie ein, während er immer wieder auf die kreischende Mei eintrat. Ihre verzweifelten Versuche, sich vor seinen Tritten zu schützen, waren vergebens. Am liebsten hätte auch ich mich an ihr abreagiert, allerdings befürchtete ich, dass Shinya den Spaß für sich allein haben wollte und mich sicher nur wieder anschreien würde. Keuchend ließ er wieder von Mei ab, blickte sich kurz im Raum um und griff dann zielstrebig nach einem Baseballschläger, mit dem er dann wieder zu dem Mädchen zurückkehrte.
"Shinya!", rief ich fassungslos, als er die Waffe über den Kopf hob. Er würde sie umbringen! Schon ließ er den Schläger auf Mei niederrasen und ein markerschütternder Schrei, der in der ganzen Nachbarschaft zu hören gewesen sein musste, durchdrang die Wohnung. Dann wurde es still. Übelkeit stieg in mir auf. Als nächstes nahm ich Shinyas schweren Atem und, zu meiner großen Erleichterung, auch Meis Schluchzen und Jammern wahr. Shinya warf den Schläger zur Seite, welcher mit einem überlauten Knall gegen die Wand prallte und schließlich auf dem Boden landete.
"Machst du mir noch ein einziges Mal irgendwelchen Ärger, bring ich dich um!", zischte er.
Er spuckte noch einmal auf Meis geschundenen Körper, bis er sich schließlich abwendete und die Haustür ansteuerte. Ich warf Mei noch einen unsicheren Blick zu, als er mich im Vorbeigehen anfuhr:
"Wir sind hier fertig!" Ein letzter, hasserfüllter Blick und ich folgte Shinya nach draußen.

"Meinst du nicht, sie wird zur Polizei gehen...?", wagte ich irgendwann in die Stille hinein zu fragen. Wir saßen in seinem Auto, welches er unweit der Wohnung geparkt hatte. Statt den Motor zu starten, hatte er sich noch eine Zigarette angezündet und saß seitdem einfach nur da, gedankenverloren aus dem Fenster starrend. Wir mussten minutenlang so dagesessen haben.
"Die macht keinen Ärger", versicherte er sehr überzeugt, ohne sich zu mir umzudrehen. "Weiber wie die kenn ich; die ist zu nichts mehr zu gebrauchen. Und selbst wenn, sie hat nichts in der Hand."
Nichts, außer dein Sperma, dachte ich verbittert und spielte nervös mit dem Saum meines Rockes.
"Die ist eingeschüchtert", beharrte er stur. Er nahm noch einen tiefen Zug von seiner Zigarette und schmiss den Stummel anschließend aus dem Fenster.
"Es tut mir leid...", gab ich kleinlaut von mir. Zum ersten Mal seit langem sah er mich wieder an, wie ich aus dem Augenwinkel mitbekam. "Ich hätte sie gar nicht ins Geschäft bringen sollen..." Ich machte mir schreckliche Vorwürfe. Das alles war meine Schuld. Ich war für den finanziellen Verlust verantwortlich, hatte Shinya in ihren Schoß getrieben und auch meine Sorge, die ganze Geschichte könne noch ernsthafte Konsequenzen nach sich ziehen, wollte nicht weichen. Ich würde es nicht ertragen, sollte Shinya ins Gefängnis gehen müssen, ebenso wie ich selbst Angst vor einer Strafe hatte. Krampfhaft starrte ich auf meine Hände.
"Hey", sagte Shinya plötzlich. Als ich den Kopf hob, packte er mein Kinn, zog mich zu sich und küsste mich stürmisch. "Ich liebe dich." Ich sah ihn an und nickte.
"Ja, ich dich auch."

Doch mein Fehler war nicht wieder gutzumachen. Diesmal war ich es, die Shinyas Schlag, der mich fast von den Füßen riss, abbekam. Er war vollkommen außer sich vor Zorn.
"Es tut mir leid!", flehte ich und konnte nur knapp einem Glas ausweichen, das er wütend nach mir geworfen hatte. Entgegen seiner Prognose hatte Mei sich doch jemandem anvertraut. Doch fast noch schlimmer, als wenn sie zur Polizei gelaufen wäre, hatte ihr Bruder Verbindungen zu Hoshis Bande. Und die sahen nun die perfekte Gelegenheit, einen blutigen Rachefeldzug zu üben. In diesem Moment trafen beide Banden zu einem offenen Kampf in einer abgelegenen, ungenutzten Lagerhalle aufeinander. Nur Männer konnten auf die Idee kommen, Konflikte banal zu lösen!
"Das ist allein deine Schuld, du dämliche Kuh!", spie er verachtend.
"Es tut mir so leid, Shinya..." Er schnalzte bloß abwertend mit der Zunge und wandte sich ab. "Was hast du jetzt vor...?", wisperte ich.
"Na, was wohl? Ich mach das Beste aus der Situation! Ich werde diese Bastarde heute ein für allemal aus dem Verkehr ziehen!"
"Du willst dahin? Das ist viel zu gefährlich!", versuchte ich sofort ihn vom seinem Vorhaben abzuhalten, traute mich jedoch nicht ihn mit Körperkraft zurückzuhalten.
"Hoshi wird dort sein...", ignorierte er mich völlig und verstaute gerade sein Messer.
"Shinya..."
"Du bleibst, wo du bist. Du hast schon genug angerichtet." Sein Blick war kalt und ohne mich noch einmal zu berühren, verließ er das Apartment. Nun war ich diejenige, die wütend ein Glas gegen die Tür warf, ehe ich weinend auf die Knie sank.
Schließlich war ich ins Bett gegangen. Es war bereits früher Abend gewesen, als Shinya fortgegangen war. Als ich am nächsten Morgen wieder erwachte, war er immer noch nicht wieder aufgetaucht. Verwundert setzte ich mich auf und betastete die leere Betthälfte. Nichts deutete darauf hin, dass er im Laufe der Nacht noch einmal hier gewesen war. Augenblicklich stieg Panik in mir auf. Ich sprang aus dem Bett, schaltete den Fernseher ein und wollte mich gerade auf den Weg ins Badezimmer machen, in der Hoffnung, dass die Flimmerkiste keine unangenehmen Neuigkeiten für mich auf Lager hatte. Doch ich hatte erst einen Fuß ins Bad gesetzt, als ich den Nachrichtensprecher sagen hören konnte:
"... den wohl schlimmsten Fall von Jugendgewalt in den vergangenen Jahren. Zwischen den verfeindeten Gangs kam es zu einer Massenschlägerei mit mehr als einhundert Beteiligten, die auf beiden Seiten eine große Anzahl von Verletzten forderte. Nach aktuellem Stand gibt es einundvierzig Leicht- und zwölf Schwerverletzte..."
Wie versteinert stand ich in der Badezimmertür und starrte mit weit aufgerissenen Augen auf den Bildschirm, der die blutigen Spuren des Schlachtfeldes zeigte. Mein Herz raste wie wild. Shinya!
Ich machte mich sofort auf den Weg; erkundigte mich im Krankenhaus und bei der Polizei. Sie wussten nichts über seinen Aufenthaltsort, geschweige denn über seinen Zustand - stattdessen wollten diese unsensiblen Wichser mich noch ausquetschen, wer ich war und ob ich etwas wüsste! Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis ich mich wieder losreissen konnte und mich hektisch auf die Suche nach Shinya machte. Erst jetzt warf ich einen Blick auf mein Handy und bemerkte die vielen verpassten Anrufe. Alle von Shinya. Mit zitternden Finger drückte ich die Rückruftaste und hielt mir das Telefon in ängstlicher Erwartung ans Ohr.
"Bitte... bitte geh ran...", flüsterte ich verzweifelt. Dann, nach dem ungefähr zehnten Klingeln, klackte es in der Leitung.
"Haru...?"
Ich stieß einen erleichterten Seufzer aus und hätte vor Glück und Erleichterung laut jubeln können.
"Shinya! Bin ich froh! Ich hab mir solche Sorgen gemacht!"
"Bitte komm her...", hauchte er schwach ins Telefon.
"Shinya... Bist du verletzt?!"
"Bitte... komm her..." Seine Stimme jagte mir einen Schauer über den Rücken. Ich wollte sofort zu ihm!
"Wo bist du?!", drängte ich panisch.
Er hatte sich in seinem Wagen verschanzt, der einige Kilometer von der Lagerhalle entfernt stand. Er saß nicht, er hing regelrecht auf dem Fahrersitz und bot einen erschreckenden Anblick. Er war übel zugerichtet. Leichenblass, schwach, die Augen halb geschlossen, die Kleidung voller Blut... Er presste eine Hand auf seinen Bauch, genau an der Stelle, an der der größte dunkle Fleck seine Kleidung verfärbte.
"Shinya!" Sofort stürzte ich zu ihm. "Um Gottes Willen... Du musst sofort ins Krankenhaus!" Er musste schon eine ganze Weile in diesem erbärmlichen Zustand sein. Dieser Idiot! Er griff nach meiner Hand und zog sie kraftlos an sein Gesicht.
"Ich bin so froh... dass du da bist..."
"Du bist verletzt! Du musst ins Krankenhaus!"
"Ich... liebe dich... dass weißt du... oder...?" Unwillkürlich stiegen mir Tränen ins Gesicht, als ich mit meiner freien Hand mein Handy ungeschickt aus der Tasche fischte und den Notruf wählte.
"Halt durch, Shinya! Ich hole Hilfe!"
"Hoshi...", krächzte er und sah mich so eindringlich an, wie es in seinem Zustand nur möglich war. "Du musst..."
"Hallo?! Bitte, kommen Sie schnell! Mein Freund ist schwer verletzt! Er braucht sofort Hilfe!" Die Frau am Telefon war vollkommen ruhig und meinte auch mich wieder beruhigen zu können. Jetzt musste ich ihr doch allen Ernstes noch schildern, um was für eine Verletzung es sich handelte, während Shinya hier gerade elendig krepierte! Schließlich hatte sie alle Informationen, die sie brauchte und ich konzentrierte mich wieder allein auf Shinya. "Die sind sofort da", versicherte ich ihm und zwang mich zu einem zuversichtlichen Lächeln.
"Nicht... die Bullen...", erklärte er ernst. Das Leben wich immer mehr aus seiner Stimme.
"Sei nicht so ein Idiot", schluchzte ich. Natürlich hatte er Angst vor der Polizei, bei all dem Dreck, den er stecken hatte. Doch sollte ich ihn hier etwa verbluten lassen? Er brauchte dringend medizinische Versorgung. Mit beiden Händen umklammerte ich seine leblose Hand.
"Haru..."
"Psst... Ruh dich aus, Shin..." Seine Augen waren direkt auf mich gerichtet und doch schienen sie durch mich hindurchzusehen.
"Es ist... Hoshi... Eiji... hörst du...?" Ich schüttelte bloß den Kopf, den gewaltigen Kloß in meiner Kehle niederkämpfend.
"Nicht... Sprich nicht... Alles wird gut..." In der Ferne konnte ich die Sirenen des Rettungswagens hören. Doch sie kamen zu spät.

Nach dem neuerlichen Medienrummel war mir, fortan in den Nachrichten erwähnt als Schülerin H., nichts anderes übrig geblieben, als nachhause zu meinen Eltern zu gehen. Das Land beklagte das einzige Todesopfer der erschreckenden Massenschlägerei zweier Jugendgangs. Shinya war tot. Ich hatte mich in meinem Zimmer eingeschlossen und ließ meine Mutter vergeblich gegen die Tür hämmern. Die Knie angezogen, den Blick ins Leere gerichtet, saß ich einfach nur reglos in dem abgedunkelten Raum. Die Polizei hatte mich ein weiteres Mal mit Fragen gelöchert, doch obwohl mir ein Name brennend heiß auf der Zunge lag, hatte ich beharrlich geschwiegen.

Eiji Hoshi.

Er hatte es getan. Er hatte Shinya ermordet.

Und ich würde mich an ihm rächen.

Es war noch nicht vorbei.
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