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Over the rooftops of the world.

GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Charlie Dalton Gerard Pitts Steven Meeks Todd Anderson
13.01.2014
08.04.2014
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„Das war nur etwas aus unserer Welton-Zeit. Wir haben uns heimlich getroffen und Gedicht gelesen.“, erklärte Pitts. Er versuchte es zumindest. Wenn man es so ausdrückte, dann klang es irgendwie echt bescheuert. Aber er wusste auch nicht, wie man den Club der toten Dichter richtig beschreiben sollte. Es ging einfach nicht wirklich.
„Aha. Und weiter?“, fragte Hannah. Die drei waren wieder auf dem Weg zurück zu einem der Vorlesungssäle, um ihre Vorlesung in Physik nicht zu verpassen.
„Naja, nichts weiter. Es ist schwer zu erklären. Es ging im Prinzip darum, das Mark des Lebens einzusaugen. Das ist von…“, begann Meeks, wurde aber von Hannah unterbrochen.
„Von Thoreau, ja, das weiß ich.“
„Ja, genau. Wir haben Gedichte vorgetragen und das Ganze auf uns wirken lassen… Das klingt völlig bescheuert, wenn man es nicht erlebt hat.“, schloss Meeks. Hannah sah mit einem leichten Lächeln zu den beiden Jungen.
„Das klingt gut. Wenn  ihr nichts dagegen habt, würde ich gern mitkommen.“, meinte sie und lächelte unschuldig. Meeks und Pitts sahen sich an.
„Ich weiß nicht…“, meinte Meeks dann.
„Keine Ahnung, was die anderen Jungs sagen würden…“, stimmte Pitts ihm zu.
„Gut. Dann fragt sie am besten und sagt mir dann Bescheid. Ich liebe Literatur und Poesie. Das wird klasse.“, erwiderte Hannah und gluckste leise vor sich hin.
„Warum studierst du dann nicht Literatur?“, wollte Pitts von ihr wissen.
„Ich will mir doch nicht vorschreiben, was ich zu lesen habe. Das ist mir zu dumm. Außerdem… wenn man Literatur eingetrichtert bekommt, dann ist das ganze so staubtrocken. Das ist nichts für mich.“, antwortete Hannah.
„Aber warum dann gerade Physik? Ich meine, es ist wirklich nicht üblich, dass ein Mädchen Physik studiert.“, meinte Pitts.
„Weil es absolut faszinierend ist. Stellt euch doch bloß mal vor, wie viele kleine unsichtbare Teilchen hier durch die Luft schweben, was hier alles passiert, ohne dass wir es mitbekommen, ist das nicht faszinierend?!“
Hannahs Augen hatten einen etwas irren Ausdruck angenommen und sie lächelte selig, während sie abwesend in die Luft starrte. Meeks und Pitts sahen sich verunsichert an.
„Ja, das klingt… interessant. Ich war nur immer der Ansicht die meisten Mädchen würden heutzutage nur aufs College oder auf die Universität gehen, um sich einen ordentlichen Mann zu suchen.“, meinte Meeks dann. Hannah warf ihm einen bösen Blick zu.
„Mich interessiert nicht, was die meisten Mädchen machen, Mister Meeks. Ich weiß, dass ich hier bin, um Wirtschaft zu studieren, damit mein Vater Ruhe gibt und um Physik zu studieren, weil es mich interessiert. Ich habe nicht vor, jemals zu heiraten.“, sagte sie und ging dann mit langen Schritten in Richtung Hörsaal.
„Wenn du mich fragst, ist sie völlig durchgeknallt.“, murmelte Pitts. Meeks sah ihr schon beinahe ehrfürchtig hinterher.
„Pitts, ich habe keine Ahnung von Frauen, aber ich glaube, dass diese hier kein gewöhnliches Exemplar ist. Aber egal, jetzt müssen wir jedenfalls Charlie fragen, ob  sie mitkommen kann.“, meinte Meeks.
„Der wird nichts dagegen haben. Nicht, wenn sie Ginny Danburry mitbringt. Du weißt, wie fertig Charlie war, als sie sich getrennt haben.“
„Ja, das stimmt. Und mit Todd müssen wir reden. Ich schätze, er muss jetzt die Treffen abhalten. Jetzt, wo Neil nicht mehr da ist.“
„Ja.“
Die beiden schlenderten eine Zeit lang schweigend nebeneinander her, jeder in seinen eigenen Gedanken versunken und die Welt um sich herum nicht wahrnehmend. Und so standen sie bald, ohne vom Weg viel mitbekommen zu haben, im Hörsaal und sahen sich nach freien Plätzen um.
Spaz saß in einer Ecke, neben ihm Hannah, um die sich die anderen drei Mädchen geschart hatten, die jetzt untereinander tuschelten und kicherten. Hannah saß zwischen ihnen, als ginge sie das alles nichts an. Sie redete lieber mit Spaz.
Der große Muskelprotz saß auch ganz in der Nähe und die restlichen Mädchen schauten immer wieder verstohlen und kichernd zu ihm herüber.
„Vielleicht sollten wir uns auch dorthin setzen, vielleicht bekommen wir ja was von seiner Aufmerksamkeit ab.“, meinte Pitts und nickte in die Richtung des Großen. Meeks nickte nur und folgte Pitts.
Schon kurz darauf kamen die drei Mädchen auf den Muskelprotz zugelaufen und scharten sich um ihn. Eine kleine, schlanke Blondine mit großen Rehaugen fragte ihn nach seiner Hilfe bei den Aufgaben und die anderen beiden nickten eifrig und warfen Pitts und Meeks ein paar verstohlene Blicke zu.
„Um was geht es denn?“, fragte Meeks und ging zu der kleinen Menschenansammlung.
„Hier in der Aufgabe. Ich weiß nicht, wie ich die rechnen soll.“, sagte eine mittelgroße Brünette, die ihre Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte. Sie lächelte zuckersüß und Meeks hatte alle Mühe, seine Augen von ihr loszureißen und  sich der Aufgabe zuzuwenden.
Während er versuchte, sich zu konzentrieren, hörte er Hannahs schallendes Lachen ein paar Tische weiter. Meeks wandte sich dem Blatt Papier zu, das vor ihm lag.
„Also, du nimmst einfach die gegebenen Werte und setzt sie in die Gleichung da ein. Und dann…“
„Wie komme ich denn auf dieses F da?“, fragte das Mädchen. Meeks sah sie verwirrt an. War das ihr Ernst oder wollte sie ihn verarschen?
„Das ist die Gewichtskraft.“, sagte Meeks. Das Mädchen sah ihn weiter fragend und unschuldig an. Wahnsinn. Sie wusste es anscheinend wirklich nicht.
„Masse multipliziert mit Fallbeschleunigung ergibt die Gewichtskraft. Die Fallbeschleunigung ist 9,81 m/s².“, erklärte Meeks trocken. Es war unglaublich. Wie konnte man Physik studieren, ohne das zu wissen?
„Und dann?“, fragte sie weiter.
„Dann muss man die Werte einfach einsetzen. Und ausrechnen.“, erwiderte Meeks, Resignation und Unglauben in seiner Stimme mitschwingend. Das Mädchen sah immer noch nicht aus, als wüsste sie besser Bescheid, aber sie  lächelte süßlich, kicherte leise und sagte: „Danke.“
Dann ging sie zurück zu ihrem Platz und schaute mit einem Fünkchen Neid zu ihren Freundinnen, die sich um den Muskelprotz scharten. Meeks schaute zu Pitts und wirkte erschöpft.
„Wenigstens hast du ein Minimum an Chancen.“, meinte Pitts nur und grinste schief.
„Auf DIE Chance kann ich verzichten.“, erwiderte Meeks und musste lachen. Er wusste selbst nicht, warum. Meeks lachte vor sich hin und als er Pitts belämmertes Gesicht sah, musste er noch mehr lachen. Er hörte erst auf zu lachen, als ihn ein Papierknäuel am Kopf traf.
Er drehte sich um, in die Richtung, aus der das Geschoss geflogen kam. Dort sah er, wie Hannah und Spaz einschlugen. Meeks glaubte, Spaz noch nie so glücklich gesehen zu haben. Und seit wann erlaubte Spaz es sich – gerade Spaz! – ihn mit Papierkügelchen zu bewerfen?
„Guck nicht wie so ein Trauerkloß!“, rief Hannah ihm zu und strahlte ihn an. Meeks sah verwirrt zu Pitts, der vor sich hin kicherte. Meeks schüttelte den Kopf und schmunzelte. Das war sein erster richtiger Tag an der Uni und die Leute waren noch genauso verrückt, wie eh und je. Das war ein gutes Gefühl.
„Am besten, wir suchen nach der Stunde Todd und fragen ihn wegen dem Club. Dann können wir uns gleich am Wochenende treffen.“, schlug Pitts vor. Meeks nickte nur, da im nächsten Augenblick der Professor den Hörsaal betrat.
*
„Todd? Todd!“, rief Meeks über den Gang, als er Todd entdeckt hatte, der mit einem Stapel Bücher in der Hand aus einem der Seminarräume kam. Meeks und Pitts stürzten ihm hinterher und rempelten dabei eine Menge anderer Studenten an, die sich teilweise lautstark beschwerten. Todd schien ein bisschen langsamer zu werden, lief aber immer noch weiter.
„Todd!“, versuchte Meeks es noch einmal und diesmal blieb er endlich stehen und drehte sich um. Pitts winkte ihm über die Menschenmassen hinweg kurz zu, während Meeks den beiden einen Weg durch die Masse an Studenten bahnte.
„Meeks? Pitts?“, fragte er erstaunt, als die anderen beiden schließlich keuchend und leicht außer Atem vor ihm standen.
„Ja, wir sind’s. Haben gehört, du studierst auch hier. Literatur, oder?“, erwiderte Meeks in einem jämmerlichen Versuch, Smalltalk zu betreiben.
„Ja, genau. Ich hab gar nicht mitbekommen, dass ihr auch in Yale angenommen wurdet.“, meinte Todd und lächelte nervös. Meeks konnte sich das gut vorstellen. Immerhin hatte er sich nach Neils Tod ziemlich in sich zurückgezogen. Er hatte im letzten Schuljahr einen neuen Mitbewohner bekommen und hatte wieder angefangen, ein wenig offener zu werden, aber er hatte trotzdem nicht mehr so viel von den anderen mitbekommen.
„Wir studieren Physik.“, erwiderte Pitts. Die drei standen sich peinlich schweigend gegenüber, nickten und lächelten von Zeit zu Zeit.
„Äh, ja… also… war nett, euch mal wieder gesehen zu haben, aber ich muss dann auch langsam weiter. Also… man sieht sich.“, murmelte Todd, ein wenig verlegen.
„Äh, nein, warte, Todd. Also, was wir eigentlich wollten, ist… Charlie ist auch hier und studiert Jura und er hat vorgeschlagen, dass wir… dass wir den Club der toten Dichter wieder aufleben lassen.“, sagte Meeks. Todd sah ihn erschrocken an. Den Club hatte ihm gegenüber seit Ewigkeiten niemand mehr erwähnt.
„Ich… ich weiß nicht, Meeks. Ich glaube nicht, dass es eine gute Idee ist.“, erwiderte Todd und wollte so schnell wie möglich weitergehen. Er wusste, wo diese Unterhaltung hinführen würde und er hatte jetzt keinen Nerv über Neil zu reden.
„Aber warum nicht?“, wollte Pitts wissen. Todd drehte sich mit einem genervten Blick um.
„Hört zu, ohne Neil wird es einfach nicht mehr dasselbe sein. Der Club ohne Neil ist… ist…“
Todd brach ab und schluckte geräuschvoll. Er hatte mit niemandem über Neil gesprochen, nachdem… Jedenfalls war er noch immer nicht darüber hinweg.
„Wir wissen, dass es nicht dasselbe sein wird, aber – so hart es jetzt klingen mag – es ging dabei nie um Neil. Es ging darum, frei zu denken, Todd. Und ich glaube nicht, dass Neil wollen würde, dass wir das nur wegen ihm aufgeben.“, meinte Meeks. Todd sah ihn immer noch ein wenig ungläubig an und schüttelte den Kopf.
„Ich weiß wirklich nicht, Jungs. Vielleicht… wisst ihr denn schon, wo ihr die Treffen abhalten wollt?“, fragte Todd.
„Nein, noch nicht ganz, aber…“
„Gut. Sagt mir Bescheid, wenn ihr etwas habt und dann werde ich mir überlegen, ob ich kommen werde. In Ordnung?“, schlug Todd vor. Meeks und Pitts sahen sich an.
„Klar. Geht in Ordnung. Ach, und noch etwas. Da ist dieses Mädchen, aus unserem Physik-Kurs – sie war dabei, als Charlie den Vorschlag gebracht hat und hat gefragt, ob sie mitkommen darf. Was meinst du dazu?“, erwiderte Meeks. Aus irgendeinem Grund hoffte er, dass Todd kein Problem damit haben würde.
„Bringt sie ruhig mit. Dazu ist der Club doch gedacht, oder?“, meinte Todd mit einem leichten Lächeln. Meeks strahlte.
„Alles klar. Dann bis bald, Todd!“, sagte er und winkte ihm zum Abschied, während Todd sich mit seinen Büchern unterm Arm wieder auf den Weg in seine Studentenwohnung machte.
„Du magst diese Hannah wirklich, oder? Und das obwohl sie Spaz zur Rebellion animiert…“, murmelte Pitts. Meeks sah ihn schockiert an.
„Ich?! Unsinn. Sie hat gefragt. Ich war nur nett und habe mich drum gekümmert.“, entgegnete er, aber Pitts grinste nur wissend.
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