Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Over the rooftops of the world.

GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Charlie Dalton Gerard Pitts Steven Meeks Todd Anderson
13.01.2014
08.04.2014
14
20.976
 
Alle Kapitel
8 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
13.01.2014 1.891
 
Steven Meeks saß mit einem Notizblock, Bleistift, Kugelschreiber und Lineal auf einer alten, quietschenden Holzbank. Nein, nicht alt… traditionsreich. Pitts war zu faul gewesen, früh genug aufzustehen, um sich einen guten Platz zu sichern, also musste Meeks sich darum kümmern, ihm einen Platz frei zu halten.
Der Seminarraum war noch ziemlich leer – es war ja auch noch viel zu früh. Aber… Carpe diem. Je mehr Tag da war, desto mehr konnte man ihn nutzen, oder? Die einzigen anderen Leute, die noch da waren, waren ein großer, grimmig dreinblickender Muskelprotz und Spaz, das kleine Häufchen Elend aus Welton.
Meeks hatte sich auf dieselbe Bank wie Spaz gesetzt. Er war immerhin eigentlich ganz okay gewesen, nur war er irgendwie auf alles allergisch. Und ein bisschen seltsam war er auch. Aber Meeks war froh, ein bekanntes Gesicht zu sehen, auch wenn es nur das von Spaz war.
Spaz schnaubte sich gerade geräuschvoll aus, als Meeks das Geräusch von Schritten hörte. Hatte sich Pitts etwa doch noch aufgerafft, nicht erst in letzter Minute zu kommen? Er drehte sich um. Aber da war nicht Pitts. Da war ein junges Mädchen, das sich verstohlen umsah und dann auf die Bank zuging, an der Meeks und Spaz saßen.
„Jungs, kann ich mich zwischen euch setzen?“, fragte sie die beiden und schob ihre Brille nach oben. Spaz und Meeks sahen sie mit offenen Mündern an. Natürlich wussten sie, dass auch Mädchen auf Universitäten gingen, aber… Physik war doch kein Fach, das ein Mädchen studierte, oder?
Sie sah die beiden immer noch erwartungsvoll an. Dann zuckte sie mit den Schultern und kletterte über die Banklehne. Sie setzte sich, strich ihren Rock glatt und packte ihre Schreibsachen aus ihrer Tasche aus.
„Ich nehm das einfach mal als ein Ja.“, sagte sie dann und lächelte die beiden an.
„Ich bin Steven Meeks.“, stellte Meeks sich vor, als er seinen ersten Schock überwunden hatte. Er brachte sogar ein Lächeln zustande. Dann sah er zu Spaz, der den Eindruck machte, gleich wieder niesen zu müssen.
„Und das ist Spaz… ähm… “, fügte er hinzu. Spaz nickte leicht und lächelte ein bisschen. Er trug also immer noch seine Zahnspange.
„Eigentlich Matthew Coleman. Aber an Spaz bin ich einfach besser gewohnt. Ich gehe mal davon aus, dass ihr es nicht so meint.“, erklärte er noch. Meeks wurde ein wenig rot und nickte verlegen. Hannah zog eine Augenbraue hoch und lächelte amüsiert.
„Hannah Foster. Kennt ihr euch von der High School?“, wollte sie wissen.
„Wir waren zusammen in Welton.“, antwortete Meeks. Hannah stieß einen leisen Pfiff aus und nickte anerkennend.
„Mein Bruder sollte eigentlich auch nach Welton gehen, ist aber abgelehnt worden. Zu viel Matsch in der Birne.“, erwiderte sie grinsend. Dann lehnte sie sich zurück und betastete ihren Haarknoten. Hannah Foster hatte hellbraune, leicht lockige Haare, die sie zu einem sehr straffen Knoten zusammengebunden hatte. Meeks konnte sich kaum vorstellen, dass dieser Knoten jemals locker werden könnte.
„Und… du studierst Physik?“, fragte Spaz nach, der einerseits verwirrt wirkte, andererseits freudig überrascht. Meeks musste sich eingestehen, dass es schon irgendwie lächerlich klang, dass eine Frau Physik studieren sollte. Die meisten jungen Mädchen studierten, um einen passenden Ehemann zu finden, aber dann suchten sie sich meistens Fächer wie Literatur aus.
„Ja.“, meinte sie mit einem Seufzen, „aber ohne dass mein Vater davon weiß. Eigentlich sollte ich nur Wirtschaft studieren, aber ich hab mich auch für Physik eingeschrieben. Das ist um einiges spannender.“
Sie setzte sich aufrecht hin und sagte leise: „Ich bin froh, dass ich bei euch Jungs sitzen darf. Ich hab auf dem Gang drei andere Mädchen gesehen, die wohl auch gedacht haben, dass sie Physik studieren sollten. Mir kamen die eher dumm wie Brot vor.“
Spaz grinste ein wenig, Meeks war verwirrt. Außer seiner Mutter hatte Meeks noch nicht mit vielen Mädchen zu tun gehabt. Hannah Foster war sehr irritierend. Hätte man ihr nicht eindeutig angesehen, dass sie ein Mädchen war – vom Verhalten her hätte Meeks sie für einen ganz normalen jungen Mann gehalten.
„Meeksie, hast du mir einen Platz freigehalten?“, hörte er auf einmal eine Stimme hinter sich. Er drehte sich um und sah Pitts dort stehen. Der Raum hatte sich sichtlich gefüllt. Schien, als würden sämtliche Studenten in Yale in der letzten Minute kommen.
„Ja… ja, setz dich. Hier ist noch einer frei.“, antwortete er und deutete auf den Platz neben sich.
„Kennt ihr euch auch von Welton?“, wollte Hannah wissen. Meeks nickte und Pitts warf einen kurzen, betont unauffälligen Blick auf sie.
„Ja, das ist Gerard Pitts. Mein Mitbewohner.“, entgegnete Meeks. Hannah nickte nur. Jetzt sah Pitts sie mit unverhohlener Neugier an.
„Pitts, das ist Hannah Foster.“, erklärte Meeks, der nebenbei mit einem Bleistift auf den Tisch klopfte, bis Hannah ihm den Bleistift aus der Hand riss und beiseite legte.
„Hör auf damit, das macht einen ja ganz wahnsinnig.“, sagte sie und packte einen Stapel Bücher aus. Die Jungs sahen sie verdattert an, während sie ihre Bücher sortierte. Zwei ließ sie auf dem Tisch liegen, der Rest verschwand wieder in ihrer Tasche.
„Ist noch irgendjemand aus Welton hier, den ich kennen sollte?“, fragte sie dann. Meeks und Pitts schauten sich an.
„Hopkins ist hier und Cameron. Von den anderen weiß ich nichts.“, antwortete Spaz und sah ein wenig nervös aus. Er hatte nie so besonders viel mit anderen zu tun gehabt, deswegen machten ihn Menschen – vor allem Frauen – nervös.
„Ich weiß, dass Nuwanda hier ist. Und Todd.“, sagte Pitts.
„Todd? Was studiert er denn?“, fragte Meeks überrascht.
„Literatur, wenn ich das richtig mitbekommen habe. Knox und Chris sind in Harvard.“, erklärte er weiter.
„Nuwanda? Was ist das denn für ein Name?“, wollte Hannah interessiert wissen. Meeks wurde ein wenig rot.
„Lange Geschichte.“, murmelte er. Zu seinem Glück betrat in dem Moment der Professor den Raum und die Gespräche verstummten.
*
Nach der Stunde war Hannah mit einer unglaublichen Geschwindigkeit verschwunden, da sie am Vormittag eine Vorlesung in Wirtschaft hatte. Meeks und Pitts liefen währenddessen ein wenig planlos über den Campus.
Sie hatten frei, bis zu einer Vorlesung, die um elf beginnen würde. Bis auf ihr Zimmer und den Seminarraum hatten die beiden noch nicht viel von der Universität gesehen, daher schauten sie sich jetzt, in ihrer freien Zeit, ein wenig um.
„Wer war das denn eben?“, wollte Pitts wissen, nachdem sie eine Weile schweigend gelaufen waren. Meeks zog eine Augenbraue hoch.
„Wer?“
„Na, diese Hannah Foster.“
„Ach so. Keine Ahnung. Sie kam relativ früh und hat gefragt, ob sie sich mit zu uns setzen kann.“, meinte Meeks und zuckte mit den Schultern.
„Ich fand sie seltsam.“, erwiderte Pitts.
„Ja. Hat gesagt, sie will Physik studieren, weil es spannender ist, als Wirtschaft. Aber scheinbar macht sie beides irgendwie zusammen.“
„Seltsam. Wie gesagt.“, schloss Pitts das Thema ab. Meeks war derselben Meinung. Sie war seltsam, aber sie würden nun einmal damit leben müssen. Wenigstens war sie hübsch. Allerdings waren die anderen drei Mädchen auch ziemlich hübsch und die schienen sich relativ normal zu verhalten. Auch wenn sie dadurch ein wenig dumm wirkten.
„Warum macht sie denn Wirtschaft, wenn sie lieber Physik studieren will?“, wollte Pitts dann wissen. Meeks zuckte mit den Schultern.
„Sie hat gesagt, ihr Vater will nicht, dass sie Physik studiert. Was weiß ich.“, antwortete Meeks.
„Hey, wen haben wir denn da?“, hörten die beiden eine Stimme neben sich. Meeks und Pitts drehten sich um und sahen Charlie Dalton auf der Wiese liegen und rauchen. Neben ihm saß Hannah Foster, auch mit einer Zigarette in der Hand.
„Dalton?“, fragte Meeks überrascht und sah dann zwischen ihm und Hannah hin und her.
„Meeksie. Pittsie. Kommt, setzt euch her. Kennt ihr Hannah Foster schon?“, erwiderte Charlie.
„Allerdings. Müsstet ihr nicht in einer Vorlesung für Wirtschaft sein?“, wollte Pitts wissen und setzte sich zu den beiden.
„Ja, müssten wir.“, antwortete Hannah nur und nahm einen tiefen Zug von ihrer Zigarette. Dann hielt sie den beiden anderen ihr Zigarettenetui hin.
„Wollt ihr auch eine?“, fragte sie. Die beiden nahmen sich eine Zigarette und bedankten sich. Es waren ziemlich gute selbst gedrehte Zigaretten. Der Tabak schien kein billiger zu sein.
„Hannah hier ist die Mitbewohnerin von Ginny. Ginny Danburry!“, rief Charlie aus und lachte laut. Hannah lächelte nur und stieß eine Rauchwolke aus.
„Ich dachte, du hättest sie letztes Jahr aufgegeben?“, wollte Pitts wissen. Meeks begnügte sich damit, zuzuhören und den Tabak zu genießen. Er war wirklich gut.
„Habe ich auch, aber scheinbar sind wir zufällig an derselben Uni gelandet. Lustig, oder? Vielleicht versuche ich es noch einmal.“, meinte Charlie mit einem spitzbübischen Grinsen. Pitts schüttelte den Kopf. Hannah lächelte leicht.
„Ich hab es dir schon gesagt. Ginny ist mit einem anderen so gut wie verlobt. Der schmeißt übrigens nächste Woche eine riesige Party. Ginny meint, ich wäre eingeladen und kann so viele Leute mitbringen, wie ich möchte. Also, wenn ihr wollt, seid ihr alle eingeladen.“, sagte sie.
„Ich weiß nicht…“, murmelte Meeks. Er hatte sich eigentlich nicht von seinem Studium ablenken lassen wollen.
„Ach, komm schon, Meeks! Carpe diem! Eine Party, Meeks, vielleicht findest du endlich mal ein Mädchen.“, erwiderte Charlie, grinste und machte eine kurze Pause, „Oder vielleicht auch nicht…“
Meeks warf ihm einen verärgerten Blick zu. Was hatte Charlie denn für ein Problem? Nur weil Meeks ein bisschen…  unerfahren war, was das anging? Gut, die wenigsten Mädchen fanden es sonderlich beeindruckend, dass er in Welton mit Pitts zusammen unerlaubterweise ein Radio gebaut hatte. Aber irgendwo würde es sicher das richtige Mädchen für Meeks geben, da war er sich sicher.
„Ihr habt immer noch nicht gesagt, warum ihr die Vorlesung sausen lasst.“, meinte Pitts dann, um vom Thema abzulenken.
„Wir haben sie ja gar nicht sausen lassen. Ich hatte wirklich vor, sie mir anzuhören, aber dann bin ich einfach abgedriftet und bin mal kurz rausgegangen und jetzt bin ich hier.“, entgegnete Hannah und schnippte den Stummel ihrer Zigarette quer über die Wiese.
„Ich bin nur ihrem Beispiel gefolgt.“, sagte Charlie und grinste. Eine Weile lang schwiegen die vier jungen Leute und schauten einfach nur in die Herbstsonne.
„Habt ihr gewusst, dass Todd auch hier ist?“, fragte Charlie dann und sah die anderen beiden gespannt an. Sie waren nach dem Tod von Neil zwar immer noch gute Freunde gewesen und hatten langsam wieder angefangen, so weiterzumachen, wie zuvor, aber irgendwie war es doch nicht dasselbe gewesen. Während den Ferien, bevor das erste Semester an der Universität begann, hatten sie sich zum größten Teil aus den Augen verloren.
„Ja, Pitts hat es mir heute früh gesagt. Er studiert Literatur, oder?“, meinte Meeks. Charlie nickte, nahm einen letzten Zug von seiner Zigarette und schnippte sie dann auch weit weg.
„Hab gehört, er will danach Lehrer werden. Englisch.“, sagte er dann mit einem bedeutungsvollen Blick. Die anderen nickten nur und schwiegen.
„Wisst ihr, ich hab mir letztens gedacht… warum sollten wir den Club der toten Dichter nicht wieder aufleben lassen? Jetzt sind wir ja raus aus Welton. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass Neil nicht gewollt hätte, dass wir einfach wieder… naja, stinknormal weiterleben. Also, was meint ihr?“, fragte Charlie die anderen beiden Jungs. Hannah lehnte sich interessiert zu den Jungen herüber, um so viel wie möglich mitzubekommen.
„Ich weiß nicht, Charlie…“, erwiderte Pitts und sah ein wenig nervös aus. Charlie war aufgestanden und lächelte sie verschmitzt an.
„Nicht Charlie. Nuwanda.“, sagte er, lachte und ging davon. Hannah zog eine Augenbraue hoch und sah zu den beiden Jungs.
„Okay, hier besteht Klärungsbedarf. Was ist der Club der toten Dichter?“
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast