Kalt und unbarmherzig

von baronesse
KurzgeschichteFamilie, Tragödie / P12
Goldy Samwell Tarly
12.01.2014
12.01.2014
1
2127
 
Alle Kapitel
3 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
 
 
Dies ist mein Beitrag zum Entweder ... Oder - Wettbewerb. Vorgaben werden bitte dem Forumsbeitrag entnommen, da es zu viele wären, hier alle aufzuzählen ;).


* * *


Gilly wusste es nicht, hatte von diesen Begriffen niemals gehört, aber es war ein kalter, windiger Montag, als sie mit ihrem Baby im Schnee unter dem Wehrholzbaum saß und versuchte, so viel Wärme wie möglich abzugeben. Die Welt um sie herum war alles, was sie kannte. Kälte, Schnee, Eis. Hier oben im Norden war es immer Winter und die Welt, in der Gilly lebte, kalt und unbarmherzig.

In der einen Hand hielt sie das zerknüllte Pergament, das sie gestohlen hatte, mit einer Botschaft, die sie nicht verstand. Niemand hatte ihr jemals das Lesen beigebracht, dafür war sie nicht wichtig genug. Craster sagte, so etwas taten die hohen Lords aus dem Süden, aber nördlich der Mauer musste man nicht lesen und schreiben können. Alles, was sie wissen musste, würde er ihr sagen. Gilly, hol dies. Gilly, mach das. Gilly, pass auf Daisy auf. Ihre Schwester, die nach den Gänseblümchen benannt worden war, während Gilly lediglich eine Pflanze bekommen hatte, die zu kompliziert war, als dass sie ihren Namen sprechen konnte; gesehen hatte sie sie auch noch nie. Gänseblümchen wuchsen manchmal im Schatten der Bäume, geschützt von deren Laubdächern, wenn der Schnee nachgelassen hatte und gnädiger wurde.

Wie würde sie ihr Kind nennen? Das Kind, das sie von Craster bekommen hatte, das Kind, was sie um jeden Preis auf der Welt schützen würde?
Sie hatte immer gewusst, was mit den Söhnen ihres Vaters und Ehemanns passierte. Craster hatte ein Abkommen mit den Göttern, so sagte ihre Mutter. Er behält nur die Mädchen. Krieg ein Mädchen, kleine Gilly, und werde glücklich damit. Mach ihn glücklich, wenn er eine neue Tochter kriegt, die er eines Tages heiraten kann, so wie er dich genommen hat und mich.
Aber sie hatte einen Jungen bekommen, einen kleinen, süßen, perfekten Jungen und nun saß sie hier in der Kälte und wiegte das Baby und dachte über einen Namen nach, während sie darauf wartete, dass Sam kam.

Sam Tarly, einer der Männer der Nachtwache, die seit ein paar Tagen bei ihnen untergekommen waren, ihre Vorräte auffraßen, ihr und ihren Schwestern unangenehme Blicke zu warfen und Craster beleidigten, obwohl der nur ein gottesfürchtiger Mann war und freundlich genug, ihnen Obdach zu gewähren.
Nein, Craster war nicht freundlich. Gilly schüttelte unter der dicken Kapuze ihren Kopf und starrte auf das friedlich schlafende Baby hinab. Ihr Baby. Er würde es ihr wegnehmen und den Göttern opfern, wenn sie nichts dagegen tat. Sam! Sam konnte ihr helfen, musste ihr helfen, musste bei seinen Brüdern von der Nachtwache ein gutes Wort für sie einlegen, dass sie ihr halfen, ihren Mann und Vater zu verlassen, damit sie ihr Baby in Sicherheit bringen konnte. Nur darum ging es ihr.

In der Ferne hörte sie einen Schrei und ein Fauchen, vermutlich eine der Katzen, die den Winter bislang überlebt hatte und ihnen die Mäuse fernhielt. Dann sah sie Licht zwischen den Bäumen und hörte unmelodisches, schräges Pfeifen. Sam.
Lächelnd rappelte Gilly sich auf, hoffnungsvoll, nervös. Sie durfte eigentlich gar nicht mit ihm sprechen, Craster hatte es verboten. Also musste sie vorsichtig sein und hatte mit Sam das Zeichen ausgemacht, damit sie wusste, dass er es war, und dass er allein war, wenn er kam.

Sam trug eine Lampe bei sich, obwohl es nicht dämmerte. Ein leichter Film hatte sich auf das Glas gelegt und trübte den Schein, dennoch war es hier oben im Norden klüger, auf alles vorbereitet zu sein.

„Wie geht es dem Baby?“, war das Erste, was Sam fragte.
Und dafür mochte Gilly ihn. Meist war er nervös, manchmal wurde er rot, und er sah sie nie an, wie einige seiner Brüder es taten. Sam schien eher verlegen, dass er mit einer Frau sprach und war sich genau wie sie des Verbotes bewusst. Dennoch wagte er es, weil er ihre Sorge um ihr Baby kannte, auch wenn er die Gefahr nicht verstand. Wie sollte er auch? Niemand aus der Nachtwache wusste, welches Abkommen Craster mit seinen Göttern geschlossen hatte.

„Ich habe etwas gefunden“, offenbarte Gilly und öffnete die Faust. „Eine Nachricht, glaube ich.“
Sam streckte die Hand danach aus und sie beobachtete mit klopfendem Herzen, wie er die ihr unbekannten Zeichen studierte. Er war so klug! Sam kam aus dem Süden und er wusste lauter Dinge, von denen sie noch nie gehört hatte. Er las ihr vor.

„Craster. Wir sind dir zu ewigem Dank verpflichtet, weil du uns aufgenommen hast und deine Vorräte mit uns teilst. Strapaziere die Dankbarkeit nicht. Ich weiß, warum die Weißen Wanderer dich und die deinen in Ruhe lassen, ich weiß, was du dafür tust. Es ist nicht an uns, dich dafür zu kritisieren, denn es sind deine Frauen und deine Kinder und an dir über sie zu entscheiden. Dir ist ein weiterer Sohn geboren. Um des Friedens willen warte mit diesem Opfer bis wir weitergezogen sind, damit die Brüder es nicht mitbekommen und keine Unruhe aufkommt.
Jeor Mormont, Lord Kommandant der Nachtwache“

Entsetzt starrte Gilly ihn an. Niemals hätte sie geahnt, dass der Lord Kommandant der Nachtwache von diesem Geheimnis wusste! Sie hatte ihnen vertraut, sie hatte auf ihren Schutz gebaut und die ganze Zeit über wusste Lord Mormont, welches Schicksal ihr Baby erwartete. Die weißen Wanderer…

Auch Sam war bleich geworden. „Ein Opfer?“, quiekte der dicke Mann.
Gilly konnte nicht antworten. In diesem Moment hasste sie ihn, hasste ihn wie alle Männer der Nachtwache, die herkamen und ihnen eine bessere Welt vorgaukelten, ein Leben, das im Süden möglich war, während sie wussten, mit welchem Preis Craster seinen Frieden bezahlte. Er opferte seine Söhne. Er gab sie an die Anderen, jene kalten Wesen mit den stechend blauen Augen, denen Gilly nur entgangen war, weil der Zufall gewollt hatte, dass sie ein Mädchen war.

Ihr Sohn hatte dieses Glück nicht. Er würde nie seinen ersten Geburtstag erleben, nie einen Namen erhalten. Heiße Tränen fielen auf die Felle, in denen sie ihn eingewickelt hatte und froren dort fest. Es war eisig kalt im Wald. Bald musste sie zurück ins Haus, zurück zu Craster und ihren Schwestern; aber noch war sie nicht bereit, ihr Kind aufzugeben.

Mit der einen Hand hielt sie ihr Baby, die andere tastete hinter sich. Sie brach einen der Äste von dem Wehrholzbaum ab und schleuderte ihn in den Schnee. Sie fühlte sich so hilflos, so verloren! Einen Ast werfen, das war alles, was ihr gegen die Weißen Wanderer einfiel. Man konnte sie nicht besiegen. Man konnte nicht gegen sie kämpfen. Deshalb flohen alle Wildlinge nördlich der Mauer und rotteten sich zusammen. Deshalb hatte Craster mit ihnen ein Abkommen und opferte ihnen seine Söhne. Damit sie es nicht mussten. Damit sie ihre Ruhe hatten. Aber wie konnte Gilly ihren Frieden finden, wenn sie dafür ihr Baby abgeben musste? Zurücklassen im Schnee?

„Vielleicht finden wir einen Weg“, quiekte Sam Tarly. Unbehaglich drehte er das Stück Pergament zwischen den behandschuhten Fingern und starrte überall hin, nur nicht zu ihr. Das mochte Gilly auch an ihm. Er behielt seine Blicke für sich. Er gab ihr die Zeit, ihre Tränen abzuwischen.

Mit steifen Gliedern erhob sie sich und drückte das Neugeborene enger an ihren Körper. Wenn die Kälte für sie schon beißend war, umso unerbittlicher musste sie für den Winzling in ihren Armen sein, der nach der Geborgenheit in ihrem Schoß vollkommen unvorbereitet auf die Schrecken der Welt war. Vielleicht sollte sie ihn gehen lassen. Vielleicht war es gnädiger, ihn jetzt sterben zu sehen als ihn auf eine harte Welt loszulassen.

„Wir könnten nach Süden gehen“, schlug Sam vor, die Stimme ängstlich, die Augen leuchtend. „Ich rede mit dem Lord Kommandanten, dass ich dich begleiten darf, bis zur Mauer und dann in den Süden, wo es sicher einen Platz für dich gibt.“ Er sagte nicht, was dann war und für Gilly klang die große weite Welt südlich der Mauer nach noch größeren Schrecken als der Norden. Sie war nie weiter als bis zum See gewesen. Das hier war ihre Welt.

Trotzdem wollte sie dem Mann von der Nachtwache glauben, wollte so gern, dass es ein wenig Hoffnung gab. Fast konnte sie die Bilder sehen, wie sie mit Samwell Tarly gen Süden reiste, wie sie seine Frau wurde statt Crasters und ihren Sohn großziehen konnte, der einen Namen bekam und älter wurde.

Auf dem Rückweg begann es zu schneien, wieder einmal. Sie hörten die Stimmen aus der Ferne, wild, gröhlend. Einmal blieb Gilly zitternd stehen, nicht bereit, sich wieder den Blicken der Männer auszusetzen, der Wut ihres Vaters.
„Sie singen ein Lied“, erkannte Sam. „Kennst du es?“
Gilly konnte nur den Kopf schütteln.

„Es heißt „Roar“. Brülle, wie der Löwe, das Wappentier der Lannisters. Ich weiß nicht, wer dieses Lied geschrieben hat, aber einst hörte ich auf der Burg meines Vaters eine Sängerin Katy Perry aus den Sturmlanden und sie hatte eine bezaubernde Stimme…“ Nervös redete er weiter und weiter, aber Gilly verstand nicht. Sie wusste nicht, was für ein Tier ein Löwe sein sollte oder wer die Lannisters waren. Sie hatte nie die ausgebildete Stimme eines Sängers oder einer Sängerin gehört und die Lieder, die sie hier oben sangen, hießen „Der Letzte der Riesen“ oder „Weißer Tod“ und waren melancholisch und traurig, nicht so wild und rau wie das Lied, was aus dem Haus ihres Vaters erscholl. Ob Craster das gut hieß?

Sie sahen schon die Lichter, jetzt hell und einladend in der diffus werdenden, kalten Welt. Sam hielt sie zurück, sah sie schüchtern und eindringlich an. Gilly mochte seine Augen, das breite, ehrliche Gesicht. Im Gegensatz zu Craster, der verschlagen und boshaft war, hatte Sam nie gelernt, sich zu verstellen. Wenn ihr Kind eines Tages einen Vater brauchte, dann hoffte sie, war er mehr wie Sam und weniger wie Craster.

„Gilly, noch ist nicht aller Tage Abend“, meinte Sam leise und eindringlich. Er gab ihr die Nachricht zurück.

Was sollte das bedeuten? Sie sah die Dämmerung und wurde unruhig, aber das konnte er nicht meinen. Die Dunkelheit kam zu rasch. Hatte er es auch bemerkt?
„Sam.“ Ihre Stimme klang schrill, unbekannt in ihren Ohren. Ihr Atem war eine weiße Wolke in der Luft. Rasch kontrollierte sie, wie es dem Baby ging.

Aus den Schatten der Schneeflocken schälte sich eine weiße Gestalt, dürre, bleiche Haut über Knochen und leuchtend blaue Augen, die ihnen kalt und grausam entgegen leuchteten.

Sam, der Tor, blieb stehen und zerstob all ihre Träume von einer besseren Zukunft im Süden.

Gilly stolperte ein paar Schritte weiter, drückte ihr Baby an sich, weinte, keuchte und achtete nicht auf den stechenden Schmerz in ihrer Mitte. Die Angst hatte sich in ihr breit gemacht und mit blinden Augen stolperte sie über etwas, was im Schnee verborgen lag und stürzte zu Boden. „Bitte, bitte nicht“, flüsterte sie.
Ihr Baby war aufgewacht, wimmerte leise vor Kälte, vor Schreck; oder wusste es, was ihm blühte?

Als sie sich umdrehte, sah sie Sam nicht mehr, nur noch ein dunkles Bündel im Schnee. Der Weiße Wanderer kam langsam auf sie zu. In einer knarrenden, kaum menschlichen Sprache sagte er zwei Worte. Gilly wusste genau, was der Andere wollte. Das Baby.

„Ich kann dich nicht hergeben“, wisperte sie und drückte ihr Kind an ihre Brust. Sie wusste, was das Klügere war. Craster hatte ein Abkommen. Wenn sie das Baby hergab, würde sie gehen können, umdrehen, zurück zum Haus, wo die Brüder der Nachtwache lustig ein Lied aus dem Süden sangen und keine Ahnung hatten von den Schrecken des Nordens. Wo ihr Lord Kommandant die Augen davor verschloss, was Craster seiner Familie antat.

Und Sam?

Und ihr Baby?

„Ich kann nicht. Du vervollständigst mich. Ich kann dich nicht hergeben“, weinte sie, den Mund an die warme, weiche Haut des Babys gepresst, die Arme beschützend um den winzigen Körper gelegt. Sie würde es niemals hergeben. Sie würde für ihren Sohn kämpfen, ihn beschützen, ihm eine Zukunft im Süden geben, mit Sams Hilfe.

Aber tief drin wusste Gilly, dass es zu spät war. Diese Chance, diese Träume, die Sam mit seinen weisen Reden und klugen Wörtern aus dem Süden geweckt hatte, hatten nie bestanden. Das hier war der Norden. Kalt und unbarmherzig. Wie die Klinge des Weißen Wanderers.
Review schreiben