Der Wolf und das Mädchen

von baronesse
DrabbleFantasy, Freundschaft / P12
Jaenelle Angelline Lucivar Yaslana
09.01.2014
09.01.2014
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Dies ist mein Beitrag zur zweiten Runde des Drabble-Wettbewerbs. Diesmal waren vier Drabbles zu schreiben, 100 Wörter, die mit "A" anfangen, dann 200 mit "B" am Anfang, 300 mit "C" als erstem Buchstaben und zum Schluss ein Quadruple mit "D".
Das erste Drabble darf keine wörtliche Rede enthalten, das vierte muss wörtliche Rede enthalten und folgende Schlagwörter untergebracht sein:
Riss, Gewohnheit, Lauf, Geäst, Wind, Felsbrocken, Groll, Rauch
Die Drabbles müssen den selben Hauptcharakter haben. Ich hoffe diesmal hab ich nicht wieder Vorgaben verloren unterwegs...


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 Abendlicht flutete die Wiese und zauberte goldene Tupfen auf das im Wind wehende Gras.
Der große Wolf legte den Kopf schief und betrachtete die Farben und die Bewegung. Die Ohren gespitzt, die Schnauze am Boden, verließ sich der Wolf nicht allein auf seine körperlichen Sinne. Er war mehr als ein Wolf.
 Mithilfe der Kunst griff er hinaus und durchsuchte seine Umgebung nach Beute. Es war ihm zur Gewohnheit geworden mit diesem zusätzlichen Sinn zu jagen. So konnte er sein Rudel ernähren, so konnte er mehr Zeit mit seiner Lady verbringen, einer zierlichen Fähe namens Asche.
 Der Wolf begann zu jagen.

* * *


 Beinahe hätte er den Hasen erwischt. Groll stieg in dem Tier auf, aber er konnte nicht lange böse sein. Der Grund, warum seine Jagd heute ohne Erfolg gewesen war, war das Menschenmädchen, was plötzlich aufgetaucht war. Der Wolf kannte es bereits.
 Fahl und zerbrechlich, mit viel zu kurzem Fell, aber so waren die Menschen. Wie er war sie mehr als ein Mensch. Ihr wunderbar berauschender Duft kündete davon. Sie war die Königin und deshalb akzeptierte der Wolf, dass sie kam und seine Jagd störte, auch wenn er Lady Asche später keinen Hasen als Zeichen seiner Wertschätzung und Zuneigung vor die Füße legen können würde.
 Sie war jung, ein Welpe nach seinen Maßstäben. Deshalb ließ er zu, dass sie die Arme um ihn schlang.
„Spielen wir heute wieder, Rauch?“, fragte sie ihn lachend und zog die Bänder aus ihrem Haar. Er sah sie im Wind davon flattern und knurrte. Dann setzte er zum Sprung an, jagte ihnen hinterher, doch nicht zu schnell. Ihre Beine waren kurz und schwach.
 Gemeinsam tobten Mädchen und Wolf über die Wiese und verscheuchten alle möglichen Beutetiere. Es machte ihm nichts aus. Er war mehr als ein Wolf und die Nähe dieser Königin genauso lebenswichtig wie Fressen.

* * *


 Chaos herrschte auf der Wiese vor dem großen Bau der Menschen.
Rauch beobachtete, wie Jaenelle, die Königin, sich mit einem großen Menschenmännchen balgte, das sie ihren Bruder nannte. Dann entschied er, dass sie gut genug beschützt war.
 Er trottete um einen Felsbrocken herum und verschwand im Geäst. Es war Zeit, ein paar Büsche zu wässern.
 Plötzlich blieb der große Wolf stocksteif stehen. Etwas war nicht richtig; etwas war geschehen. Vorsichtig schnupperte er, dann streckte er seine Sinne aus und schickte die Botschaft auf einem Speerfaden, von Mann zu Mann, an Jaenelles Bruder. *Yas?*
 Kurz blitzte das Bild in seinem Kopf auf, welches Yaslana sehen musste. Jaenelle, wie sie reglos auf der Wiese stand und in die Gegend starrte. Rauch rannte los.
 In der Zeit, seit er Jaenelle nun kannte, hatte er sich an ihre Männchen gewöhnt. Er kannte und akzeptierte sie; genauso hatten sie ihn akzeptiert und kennengelernt. Deshalb regte Yaslana sich nicht, als Rauch im fliegenden Tempo näher kam, obwohl dem raubtierhaften Menschenmann sonst fast nichts entging. Der Mann wusste, dass der Wolf keine Gefahr für Jaenelle war.
*Ich finde nichts*, teilte Yaslana ihm schließlich mit.
 Rauch schmeckte die Ungeduld. Yas hatte feine Sinne, aber eine kleine Nase, also schnüffelte er ebenfalls. Die Lady roch ein wenig komisch. Nach Angst und etwas anderem. Leise knurrte der Wolf. Er konnte nicht finden, was die Lady beunruhigt hatte.
 „Jaenelle.“ Behutsam trat ihr Bruder auf sie zu.
Jetzt löste sie sich aus ihrer Starre. Starrte erst auf den Mann, dann auf den Wolf.
 „Eine Erinnerung“, flüsterte sie. „Ein Kelch. Aber der Kelch hat einen Sprung, ich sehe einen Riss… was bedeutet das?“
 Yaslana sprach nicht, sondern führte sie schweigend in die Menschenhöhle. Rauch starrte ihnen nach und machte sich seine eigenen Gedanken. Er wusste, dass man behutsam mit der Lady umgehen musste.

* * *


 Der Thronsaal des Schwarzen Askavi war dunkel und voller Schatten. Unruhig schnupperte Rauch, aber die vielen, fremdartigen Gerüche vermischten sich zu einem Odeur, in dem man niemanden mehr ausfindig machen konnte. Viel Zeit war vergangen, seit er mit dem Mädchen auf der Wiese getollt hatte. War sie noch dieselbe? Was würde sie ihnen heute sagen, in dieser Zeit, in der scharfe Zähne nötig waren?
 Rauch hatte Glück. Er hatte sein Rudel in die nördlichen Wälder in der Nähe der Menschenhöhle umsiedeln lassen. Asche ging es gut. Die graue, zierliche Wölfin stand neben ihm und stupste ihn mit der Schnauze an. Sie wusste genau, was ihn unruhig werden ließ.
 Kurz blitzte ein Bild vor ihm auf. Ein gemeinsamer Lauf durch den Wald. Sie und er, wie sie um die Wette rannten, bis alle nagenden Sorgen mit der Anstrengung hinter ihnen blieben.
Und dann das Grauen, als sie die geschlachteten Einhörner sahen.
 Jaenelle saß im Dunkeln, doch wie alle verwandten Wesen, deren Nasen besser waren als die der Menschen, hatte Rauch sie schon gerochen. Der Geruch von Blut haftete an ihr und ließ ihn unruhig werden.
 „Ich habe euch rufen lassen“, begann sie mit ruhiger Stimme und plötzlich sah der Wolf, was sie in den Händen trug. Das Horn eines Einhorns; ein Andenken an einen toten Freund, der wie Rauch ein verwandtes Wesen gewesen war. Getötet, weil manche Menschen nicht glauben mochten, dass sie ebenfalls über Kunst verfügten und ein Territorium regieren konnten.
 Er hätte an der Stelle des Einhorns sein können. Asche und sein Rudel die Toten.
 Jaenelle verkündete, dass sie einen Hof aufstellen würde und er wusste sofort, warum. Sie würde sie schützen. Übermächtige Freude über die Königin, die sich vor sie stellte und mit all ihrer dunklen Macht für sie kämpfte, durchflutete den Wolf.
 Einen nach dem anderen rief sie auf. „Lord Rauch, wollt Ihr mir im ersten Kreis dienen?“
*Ja*, sandte er auf einem offenen Faden, nachdem er vorgetreten war.
 „Lord Kaelas?“, richtete sie die Frage ans nächste verwandte Wesen und Rauch sah zu, wie ihr Hof sich mit einer wilden Mischung aus Menschen und Tieren füllte; Macht, die sich unter ihr versammelte und ihr willenlos folgen würde.
 Sie war fleischgewordene Träume. Sie hatten Recht gehabt, von ihr zu träumen. Sie war das Mädchen, mit dem er über die Wiese tobte; die Königin, die ermöglichen würde, dass er auch weiterhin ungestört jagen konnte und nicht der Gejagte wurde.
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