Für ein bißchen Sternanis…

von - Leela -
KurzgeschichteAllgemein / P12
Eddie GB Jake Jessica Prime Evil Tracy
06.01.2014
06.01.2014
1
5190
 
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
 
Diese Geschichte gehört zu dem Wettbewerb »Sechserpack« von Pooky, und ist noch ein wenig durch die Weihnachtszeit inspiriert. ^^ Dies ist mein Beitrag zu Runde 1. Viel Spaß dabei!

________________________________________________________________________________________________________



Für ein bißchen Sternanis…

Irgendwo zwischen den Zeiten, in einer anderen Dimension, stand ein prachtvoller Palast. Dies war die Heimat unzähliger Geister, die alle einem einzigen mächtigen und ehrfurchtgebietenden Geist dienten – Prime Evil. Niemand wußte genau, woher er kam; es stellte aber auch niemand die Frage, denn keiner wollte sich den Zorn des bösen und durchtriebenen selbsternannten »Herrn aller Geister« zuziehen.
      Prime Evils einziges Bestreben konnte man wie folgt zusammenfassen: Möglichst viel Chaos und Schrecken in der Welt zu verbreiten, sich die Herrschaft über alle Welten zu sichern, – und natürlich den ewigen Kampf gegen seine ärgsten Widersacher, die Ghostbuster, ein für allemal mit einem vernichtenden Schlag zu Ende zu bringen. Und dabei legte er eine Kreativität an den Tag, die ihresgleichen suchte, denn wenn es eines gab, was er mit der Zeit gelernt hatte, dann war es, die Ghostbuster nicht zu unterschätzen. Bislang hatten sie es noch immer geschafft, ihn zu bekämpfen und seine Pläne zu vereiteln, so ausgefuchst seine Ideen auch gewesen sein mochten. Aber er würde nicht aufgeben. Niemals!
      Die große Halle des Palastes war von warmen Licht durchflutet. Dort, an einem mächtigen Lesepult stand der Dämonenfürst persönlich.
      Prime Evil blätterte aufmerksam bei dem Kerzenlicht in einem großen Buch. Schließlich fand er, wonach er suchte. „Ah. Dieses Rezept scheint mir nützlich zu sein. Ein Tonikum, mit dem man Menschen in der Zeit erstarren lassen kann. Wie genial!“ Ein boshaftes Lachen füllte die Halle. Schnell überflog er die Beschreibung und schnaubte kurz abfällig, als er las, daß das Tonikum einige Zeit gelagert werden mußte, bis es seine Wirkung entfaltete. Seine Augen verengten sich. „Macht nichts!“ murmelte er. „Irgendwann werde ich es brauchen können!“ Er wußte, daß er in seinem Job vorausschauend denken mußte, um sich viele Möglichkeiten offen halten zu können, und so ließ er sich in seiner Faszination nicht trüben. Irgendwann würde das Mittel zum Einsatz kommen, und wenn es so wirkte, wie es in der Beschreibung stand, war es Lohn genug für die Wartezeit. Doch jetzt mußte er es erst einmal herstellen. „Mal sehen, was brauche ich dafür…“ Aufmerksam studierte er die Liste der Zutaten und nickte hin und wieder. Plötzlich aber stutzte er. „Sternanis… Sternanis? Wo, zur Hölle, bekomme ich jetzt Sternanis her?“
      Abrupt wandte er sich um und schwebte zur anderen Seite der Halle, wo die große Orgel, der »Bonetroller«, stand, mit der er nicht nur Musik machen konnte, sondern über jeden Akkord nach Belieben diverseste Funktionen in Gang setzen konnte, je nachdem, was er gerade brauchte. Er drückte einen schrägen Akkord, der nur für einen Dämonenfürsten wie ihn Musik in den Ohren sein konnte und aktivierte dadurch den kleinen ovalen Bildschirm, der auf der Stirnseite direkt über den Tasten eingelassen war. Schnell gab er die Daten ein, die er brauchte, um seine Frage zu klären.
      Zuerst stutzte er sichtlich, als die Darstellung auf dem Monitor wechselte. „Feuerzangenbowle? Feuerzangenbowle…“ murmelte er vor sich hin, dann schaltete er plötzlich. „Ah! Für Feuerzangenbowle wird offensichtlich Sternanis benötigt. – Aber wo gibt es jetzt Feuerzangenbowle…?“ Als er genauer darüber nachdachte, fiel es ihm wieder ein. „Natürlich!“ entfuhr es ihm leise. In seinen Augen glomm es gefährlich auf. „Sehr gut! Das wird ja spannender, als ich dachte! Der Sternanis ist leicht besorgt, und wenn ich schon einmal dabei bin, kann ich gleich noch ein bißchen Unheil, einfach so zum Spaß, über die Menschen bringen!“
      Diabolisches Gelächter verhallte in den Gemäuern des Palastes.

In New York, einige spektrale Ebenen unter der Dimension des Bösen auf der Erde, tobte indes der Winter. Der ging auch an den Ghostbustern nicht spurlos vorüber.
      „Verfluchter Mist!” Kraftvoll trat Jake gegen die Seite des Ghostbuggies.
      „He, was soll denn das?“ beschwerte sich GB. „Ich habe mir das Wetter auch nicht ausgesucht!“
      Eddy zuckte unter dem krachenden Geräusch zusammen. „Jake! Du weißt doch wie sensibel GB ist!“
      „Sensibel?“ ereiferte sich das Auto. „Ich geb’ dir gleich sensibel! Laß dir mal ordentlich in die Seite treten, dann sehen wir mal, wie sensibel du bist!“
      Eddy machte eine beschwichtigende Geste. „So war das ja gar nicht gemeint…“
      Mittlerweile kam Tracy mit einem Ladegerät dazu.
      Jake lief vor der Garage auf und ab. „Daß GB aber auch ausgerechnet jetzt streiken muß, wo wir doch Jessicas Reportage über den Weihnachtsmarkt nicht verpassen wollen!“
      „Tracy kriegt das schon wieder hin!“ bemühte sich Eddy, ihn zu beruhigen.
      „Ja, aber wir kommen zu spät!“ beschwerte sich Jake.
      „Denk doch mal an GB!“ versuchte Eddy, ihn zu besänftigen. „Wie er sich gerade fühlt. Dagegen ist unsere kleine Verspätung lächerlich.“ Jake schmollte vor sich hin, während Eddy sich zu GB umdrehte. „Wie geht es dir, GB?“
      „Langsam besser!“ antwortete das rote Auto. „Ich gebe es ja nicht gerne zu, aber der Gorilla hat wirklich heilende Hände.“
      Tracy grinste gewinnend.
      „Ganz im Gegensatz zu deinen demolierenden Füßen!“ kommentierte Eddy an Jake gewandt.
      „Es hätte auch helfen können!“ grummelte Jake.
      Eddy stieß ihn an. „Jake, Tracy hat GB wieder in Gang! Los, komm’!“
      Das weckte Jake aus seiner Frustration, und schnell beeilte er sich zum Wagen, als hätte er Angst, daß GB vorher wieder ausgehen könnte.
      Innerhalb weniger Momente saßen die drei Freunde angeschnallt in dem nun wieder funktionierenden und wohlig seufzenden Ghostbuggy. Dann konnten sie endlich losfahren.

Prime Evil war mittlerweile ebenfalls auf dem Weihnachtsmarkt angekommen und sondierte den Platz gründlich. Den Feuerzangenbowlenstand hatte er genau im Blick. Er beobachtete die Leute auf dem Markt und die ganze Dynamik konzentriert. ‚Ich muß die Aufmerksamkeit von dem Stand ablenken.’
      Der Dämonenfürst schwebte lautlos hinter einigen Buden entlang und fixierte den Weihnachtsbaum, der in der Mitte des Platzes aufgestellt war. Es bedurfte nur eines gut abgepaßten Energiestoßes in die richtige Richtung, und alle Welt würde sich auf die entgegengesetzte Seite seines Zielobjektes konzentrieren. Er rieb sich die Hände und drückte die Finger durch, bevor er sich sorgfältig die richtige Position auf dem Markt aussuchte.
      Von alldem bekamen die Ghostbuster nichts mit, als sie gut gelaunt auf dem Markt ankamen und sich mit der Reporterin trafen.
      Jessica begrüßte die Jungs fröhlich und beruhigte bei der Gelegenheit auch Jake. „Nein, ihr seid nicht zu spät. Wir fangen erst in ein paar Minuten an, wenn die Technik getestet ist.“
      Jake atmete erleichtert durch.
      Eddy lachte. „Man könnte meinen, du bist der Hauptdarsteller in dem Film! Wir müssen uns doch keinen Streß machen! Laß uns doch einfach den Weihnachtsmarkt genießen, und Jessica macht währenddessen ihre Reportage!“
      „Aber mich interessiert es eben!“ hielt Jake dagegen.
      Indessen bekam Jessica ein Handzeichen aus ihrer Crew, das bedeutete, daß sie nun auf Sendung gehen konnte. Sie lächelte den Jungs noch einmal zu und machte sich dann bereit. Kurz darauf begann die Reportage. „Meine sehr verehrten Damen und Herren!“ sagte Jessica ins Mikrophon. „Ich begrüße Sie heute zu einer Live-Reportage vom New Yorker Weihnachtsmarkt, der sich auch dieses Jahr wieder selbst übertroffen hat. Mit Harmonie und Lichterglanz lädt er zu einem gemütlichen Rundgang ein, und bei frischem Gebäck und heißem Glühwein kann man sich seine Zeit bei den vielen Attraktionen vertreiben.“
      Eddy nahm die letzten Worte schon gar nicht mehr auf. „Also, ich finde es jetzt nicht so interessant. Ich möchte lieber zum Maronistand.“
      „Dann mach’ das doch!“ meinte Jake. „Wir finden uns hier schon wieder! – Jessica ist gleich mit dem ersten Teil der Reportage fertig. Ich gehe mal zu ihr rüber!“
      Eddy verdrehte leicht die Augen und wandte sich in die andere Richtung, während Tracy noch überlegte, wem von beiden er sich anschließen wollte.
      Sehr weit kam jedoch keiner von ihnen, denn plötzlich hielten die Besucher des Marktes kollektiv inne. Es begann mit einem bedenklichen Knacken, dann neigte sich der große Weihnachtsbaum im Zentrum des Platzes zur Seite, und während die Menschen auf dem hinteren Teil des Marktes entsetzt unter dem bedrohlich näherkommenden Nadelwerk flohen, begrub er mit einem ohrenbetäubenden Krachen die umstehenden Buden auf der Seite unter sich.
      Eddy stand geschockt da und starrte auf das Desaster, daß sich nur wenige Meter von der Gruppe entfernt abgespielt hatte. „Oh, verdammt! Es hat den Crêpe-Stand erwischt! Und den Süßwaren-Stand!“
      „Viel wichtiger ist doch erst mal, daß die ganzen Leute da rausgekommen sind!“ rief Jake aufgewühlt.
      Jessica hatte indes sofort wieder zum Mikrophon gegriffen. „Meine lieben Zuschauer, unglaubliches ereignet sich hier gerade auf dem Weihnachtsmarkt! Eben ist der elf Meter hohe Weihnachtsbaum umgekippt und hat so manche Bude unter sich begraben. Ob es Verletzte, oder gar Todesopfer gibt, ist bislang noch unklar…“
      Eddy hatte Jessica nur einen Augenblick fassungslos angestarrt, dann war er Jake gefolgt, der sich bereits einen Überblick am Tatort verschaffte, während im Hintergrund die Sirenen von Feuerwehr, Polizei und Rettungswagen heulten.
      Von jetzt an wurde die Sache ernst. Menschen rannten hektisch durcheinander und versuchten, die Situation unter Kontrolle zu bekommen. In dem Chaos aus Tannenzweigen wurde nach Personen gesucht, und einige Verletzte wurden bereits von den gerade eingetroffenen Sanitätern behandelt. Die Polizei sondierte den ganzen Platz.
      In dem Tumult ließ Prime Evil die Feuerzangenbowlenbude nicht aus den Augen. Augenblicklich war dort jedoch noch zu viel Trubel. Seine Rechnung ging nicht ganz auf, hatte er doch darauf gehofft, daß alle Welt zu der Seite strömen würde, auf der sich das Unglück ereignet hatte. Doch viele blieben bei den Buden auf der gegenüberliegenden Seite stehen und besahen sich das Geschehen von dort aus, sehr zum Groll des Dämonenfürsten. ‚Was ist nur aus der guten alten Schaulust der Menschen geworden?’
      Er entschied, sich nun doch erst einmal vorsichtig etwas im Hintergrund zu halten, um sein eigentliches Vorhaben nicht zu gefährden. Dafür war die Aufgabe, wegen der er hier war einfach zu wichtig. Er entfernte sich von der Seite mit den Einsatzwagen und suchte Schutz bei dem nun verlassenen Kinderkarussell. Hier konnte er sich einen Moment verbergen, in der Hoffnung, daß sein Plan aufging, und der Feuerzangenbowlenstand bald doch für einen Moment verlassen sein würde.
      Als er aufmerksam den Blick über den Platz streifen ließ, hielt er plötzlich inne, als er in einiger Entfernung drei allzu bekannte Personen ausmachte. „Was, zum Henker…“ Er ließ sich einen mißvergnügten Laut vernehmen. „Die Ghostbuster! Können die nicht einmal ihre Nasen aus meinen Angelegenheiten raushalten?“ Nun wurde er erst recht aufmerksam. Sie durften ihm nicht in die Quere kommen, diesmal nicht!
      Gerade beobachtete er sie, als sie ratlos vor dem quer über dem Platz liegenden Baum standen.
      Jake hatte sich zu seinem Unmut von einem Absperrband zurückdrängen lassen müssen, das gerade von einem Polizisten gespannt wurde. Der etwas strafende Blick des Beamten wühlte ihn innerlich noch zusätzlich auf. „Denken die, wir sind hier nicht im Einsatz?“ grummelte er leise vor sich hin.
      „Ob der Baum nur nicht stabil genug aufgebaut war…?“ mutmaßte Eddy unterdessen.
      Jake schüttelte den Kopf. „Die Erklärung ist mir zu banal. Da steckt etwas anderes dahinter, da bin ich mir sicher.“
      Tracy ließ den Blick einmal über den ganzen Platz wandern.
      „Meinst du, ein Geist?“ fragte Eddy unsicher.
      „Ich weiß es nicht! Aber ich schließe es nicht aus. Wenn, ist es ein großer Geist, so wie Prime Evil!“
      „Kann auch eine andere Ursache sein!“ warf Tracy ein.
      „Sicher, ich sage ja auch nur, daß wir…“ Jake unterbrach sich und hielt sich die Hände an die Nase. „Meine Nase zuckt!“
      Eddy sah ihn elektrisiert an. „Deine Geisterallergie?“
      Jake funkelte ihn kurz wütend an. Seit sich seine Gabe, Geister aufzuspüren als simple Geisterallergie herausgestellt hatte, hatte es etwas sein Selbstbewußtsein angekratzt, und er haßte es, daran erinnert zu werden. „Ja!“ knurrte er.
      „Also doch ein Geist!“ seufzte Eddy.
      „Und was für einer!“ bestätigte Jake und zog ein Taschentuch.
      Tracy sah sich mißmutig um. Mittlerweile war der ganze Platz so mit Absperrband versehen, daß sie Mühe haben würden, ihre eigenen Ermittlungen anzustellen. Welcher Geist auch immer für das Chaos verantwortlich war, im Augenblick hatte er immens gute Chancen, um ihnen zu entkommen.
      In der Zwischenzeit wanderte Jessica mit ihrem Kamerateam an ihnen vorbei und berichtete konsequent weiter. „Mit seinen gut elf Metern stand dieser Baum seinen Vorgängern der letzten Jahre nichts in der Größe nach. Fakt ist, was hier passiert ist, ist kein Zufall. Die ultimative Frage, die sich jetzt stellt ist: Was genau ist hier passiert? Bleiben Sie dran, wir halten Sie auf dem laufenden! Das war Jessica Wray mit einer Live-Reportage vom New Yorker Weihnachtsmarkt!“ Jessica beendete den aktuellen Teil ihrer Sendung, sah sich zu dem Geschehen hinter ihr um und sprach dann ihren Kameramann an. „Wir sollten noch einmal zur anderen Seite gehen. Vielleicht kann mir bei den Rettungskräften schon jemand neue Auskünfte über die Situation geben. Das würde die Zuschauer sicher interessieren.“
      Die beklommenen Blicke der drei Ghostbuster lagen auf ihr.
      „Sag’ mal, hast du überhaupt kein Mitleid?“ fragte Eddy fassungslos. „Da sind gerade ein paar Buden in sich zusammengestürzt!“
      „Sicher habe ich Mitleid!“ erklärte die Reporterin. „Aber in unserem Beruf muß man lernen, dem Mitleid die richtige Form zu geben.“
      „In Form einer emotionslosen Reportage?“ fragte Eddy entgeistert.
      „Damit informiere ich die Leute. Und das ist wichtig.“ erklärte Jessica.
      „Jessica!“ keuchte Jake. „Du hast die ganze Zeit live berichtet?“
      Sie nickte irritiert.
      Eddy verdrehte die Augen. „Jetzt fängst du auch noch damit an! Hier ist gerade etwas schreckliches passiert, und ihr denkt nur daran, die Bilder in der ganzen Welt zu verbreiten!“
      „Gott verdammt noch mal, Eddy! Verstehst du’s nicht?“ fuhr Jake auf. „Das bedeutet, der Platz wurde die ganze Zeit über mitgefilmt!“
      „Ja, und?“ fragte Eddy mit einer hilflosen Geste.
      „Wir haben zumindest eine kleine Chance, etwas über den Hergang zu ermitteln!“ erklärte Jake. „Wenn Jessica die ganze Zeit ihre Reportage von dort drüben aus geführt hat, während der Weihnachtsbaum umgekippt ist, dann sehen wir vielleicht in der Reportage, wie das zustande gekommen ist!“
      „Ah…!“ Langsam mischte sich Verstehen in Eddys Züge.
      „Eine kühne Idee!“ meinte Jessica. „Aber den Versuch ist es wert!“
      „Na, sicher! Jede kleine Spur, die uns helfen kann, ist es wert!“ erklärte Jake entschieden. „Meinst du, wir können uns die Aufnahmen gleich mal in Ruhe ansehen?“
      „Ja, sicher!“ sagte sie etwas unverbindlich. „Laß mich nur schnell mit den Rettungskräften reden. Dann habe ich einen aktuellen Stand für die Zuschauer!“
      Jake biß leicht die Zähne zusammen. „Na gut, aber bitte bedenke, daß das hier wirklich wichtig sein kann! Wir wissen, daß ein Geist dahintersteckt, und wenn wir den nicht gleich selber lokalisieren können, ist das unsere einzige Chance, der Sache auf den Grund zu gehen!“
      Der Ernst in Jakes Stimme verfehlte seinen Zweck nicht. Jessica nickte unbehaglich. „Gut!“ sagte sie schließlich. Sie wußte, es würde ein Spagat werden zwischen ihrem Job und der Unterstützung wichtiger Ermittlungen. Doch sie würde alles tun, was möglich war. In dem Moment wurde sie aber schon wieder abgelenkt, als ihr ein Mitglied ihres Teams winkte, und sie die Chance sah, die ersten Informationen über Zahlen zu bekommen. „Ich gebe euch nachher Bescheid!“ Damit war sie schon wieder verschwunden, um ihre Reportage weiterzuführen.
      „Reporter!“ Eddy atmete durch.
      „Wie dem auch sei. Wir können auch noch ein paar Ermittlungen anstellen. Vielleicht finden wir ja etwas heraus.“ meinte Jake und sah sich um.
      Tracy machte plötzlich eine unsichere Geste.
      Eddy nickte. „Ja, ich habe auch schon seit einiger Zeit das Gefühl, als wenn wir beobachtet werden.“
      In Jakes Augen lag ein entschlossener Ausdruck. „Jetzt gilt es zu beobachten, wer uns beobachtet.“ sagte er bedächtig.
      Die drei sahen sich möglichst unauffällig auf dem Platz um, so weit es ging, und vermieden es dabei, das Absperrband schlicht zu ignorieren, das ihnen mittlerweile den Zutritt zu einem weiten Teil des Geländes verwehrte.
      Jake legte nachdenklich den Zeigefinger an den Mund. „Nehmen wir mal an, die Indizien stimmen, und der Baum wurde von einem Geist umgebrochen.“ begann er mit seinen Überlegungen, während er langsam an dem Absperrband entlang patrouillierte, das ihn daran hinderte seine eigenen Untersuchungen durchzuführen. „Was könnte der Geist damit bezweckt haben?“
      „Chaos und Anarchie?“ schlug Eddy vor.
      „Ja, aber die Erklärung ist mir zu simpel!“ meinte Jake. „Nur weil ein Geist Unfrieden stiften will, kommt der doch nicht her, wirft den Weihnachtsbaum um und geht wieder.“ Er hielt sich die Hände vor die Nase und nieste.
      „Gesundheit!“ meinte Tracy.
      „Offensichtlich ist er ja auch noch nicht wieder gegangen!“ kommentierte Eddy dazu.
      „Siehst du? Also muß etwas anderes dahinter stecken!“ bekräftigte Jake, der mit jedem Meter, den er ging, immer heftiger mit dem Zucken seiner Nase zu kämpfen hatte.
      Tracy deutete in die Richtung, in der Jake unterwegs war. „Scheint die richtige Richtung zu sein.“
      Jake und Eddy wechselten einen Blick, der so viel sagte wie, daß sie sich nicht ganz sicher waren, ob sie das beruhigen sollte.
      Wie richtig sie mit ihrer Vermutung lagen, wußte derzeit nur der Geist selbst, der sich in einigen Metern Entfernung zwischen dem Pferd und dem Hubschrauber auf dem Karussell verborgen hielt. Prime Evil beobachtete von seinem Posten aus mißgestimmt die Lage. Die Ghostbuster kamen ihm langsam gefährlich nahe, und noch immer standen Leute beim Feuerzangenbowlestand. Das war ungünstig, denn egal wieviel böse Energie er gerne für seinen eigenen Spaß eingesetzt hätte; der Sternanis war elementar, und alles hing davon ab, daß er diesen bekam. Mittlerweile wurde ihm bewußt, daß er kaum seine gut bedachte Strategie würde umsetzen können, unbeobachtet zu dem Stand hinüberzuschweben, sich das gewünschte einfach zu nehmen und ungesehen wieder zu verschwinden.
      Er ballte die Hände zu Fäusten. „So ein verteufelter Mist! Warum kann man nicht einmal in Ruhe arbeiten, um einen bösen Plan zu verwirklichen!“ Er stöhnte auf. Er würde in die Offensive gehen müssen, koste es was es wolle – und das schnell, sonst bekam er keine Gelegenheit mehr dazu, bevor die Ghostbuster sich ihm wieder entgegenstellten und seinen Plan zunichte machten. Er schätzte rasch die Entfernung zum Feuerzangenbowlenstand und zu den Ghostbustern ab. Dann ging alles sehr schnell. Während auf der anderen Seite des Marktes noch immer ein aufgeregtes Durcheinander herrschte, in dem die Helfer versuchten, den Schaden zu beheben, rauschte ein roter Schatten vom Kinderkarussell zur Feuerzangenbowlenbude herüber.
      Eddy bemerkte es zuerst, der paralysiert stehen geblieben war und nach vorne zeigte. „Jake! Prime Evil!“
      „Dann hatte ich also Recht!“ stieß Jake hervor, als der Dämonenfürst auf die Bude zuhielt, und die Leute schreiend zur Seite sprengten, um ihm nicht in die Quere zu kommen. Der Besitzer schrie erschrocken auf und wich an die Rückwand der Bude zurück, wo er zitternd bemerkte, daß seinem Rückzug dort ein Ende gesetzt war.
      Doch Prime Evil kümmerte sich gar nicht um ihn, sondern durchstöberte nur mit lautem Geschepper die Behälter mit den Zutaten, bis er gefunden hatte, was er suchte. Zufrieden griff er sich die Dose und rauschte dann durch die Menge ab, ehe die Ghostbuster überhaupt Gelegenheit bekamen zu reagieren. Ein paar Menschen mußten zur Seite springen, um nicht vom Herrn des Bösen förmlich über den Haufen gerannt zu werden, als er die Flucht ergriff.
      Eddy zuckte unwillkürlich zusammen, als eine bekannte Stimme plötzlich hinter ihm proklamierte: „Wie wir eben sehen konnten, steckte anscheinend tatsächlich niemand anderes als Prime Evil, der gefürchtete Dämonenfürst hinter dem Anschlag auf den Weihnachtsbaum. Der Zusammenhang ist noch nicht eindeutig bewiesen, aber die Vermutung liegt nahe! Sobald wir neue Erkenntnisse haben, werde ich darüber berichten!“
      Jake und Tracy waren indes zu den Seiten auseinandergestoben, um sich dem Geist entgegenzustellen, doch dafür war es bereits zu spät, denn Prime Evil war ihnen in dem Gemenge entkommen und schon auf dem Weg zurück in seine eigene Dimension, und bald war er aus der Reichweite entschwunden, die das menschliche Auge noch erfassen konnte. Aus der Bahn geworfen blieben sie stehen und sahen ihrem Widersacher hinterher.
      Langsam schlossen Eddy und Jessica zu ihnen auf.
      „Also, ich brauche mir das Band jetzt nicht mehr anzusehen.“ bemerkte Jake.
      Jessica schaute nachdenklich in die Richtung, in welche der Geist verschwunden war. „Nein, das ist wohl jetzt entbehrlich…“
      „Aber was wollte Prime Evil hier?“ fragte Eddy.
      „Tja, wenn ich das wüßte!“ Jake zeigte zu der Bude, welche das letzte Ziel Prime Evils gewesen war. „Laßt uns dort mal fragen, vielleicht bekommen wir ja etwas heraus.“
      Sie gingen gemeinsam zu dem noch immer zitternden Besitzer der Feuerzangenbowlenbude herüber, und Jake erkundigte sich: „Können Sie uns vielleicht sagen, was Prime Evil, also der Geist von eben, hier gesucht hat?“
      „Das war ganz merkwürdig!“ erklärte der Mann noch immer geschockt. „Er kam hierher, griff sich eine Dose mit Sternanis, als wenn es um sein Leben ginge und verschwand wieder!“
      „Sternanis?“ wiederholte Eddy irritiert.
      „Das ist ein Gewürz, das zur Herstellung von Feuerzangenbowle verwendet wird.“ erklärte der Mann.
      „Jaja, das ist soweit klar!“ erwiderte Eddy. „Aber was will Prime Evil damit? Will er bei sich zu Hause Feuerzangenbowle herstellen?“
      „Das glaube ich kaum!“ bemerke Jake. „Was auch immer er damit vorhat, es wird sicher etwas unheilvolleres sein, als Feuerzangenbowle.“ Gedankenvoll sah er in den Himmel. „Aber das werden wir wohl so schnell nicht herausfinden.“
      „Irgend ein neuer teuflischer Plan?“ schlug Tracy vor.
      „Ja, vermutlich. Wir sollten in der nächsten Zeit wachsam bleiben.“ meinte Jake bedächtig. Er überlegte einen Moment und meinte dann: „Im Augenblick sollten wir uns freuen, daß nicht mehr passiert ist.“
      Bei diesen Worten wandten sich alle zu dem umgestürzten Weihnachtsbaum um, der gerade von den Einsatzkräften vom Platz geräumt wurde.

Prime Evil kehrte zufrieden in seine Residenz zurück. „War etwas besonderes in meiner Abwesenheit?“ fragte er den Wächter am großen Eingangsportal.
      Doch der Wächter schüttelte den Kopf.
      „Sehr gut! Ich werde jetzt in der Halle an einem Experiment arbeiten! Schicke mir in einer Stunde einen meiner dienstbaren Geister vorbei.“
      „Sehr wohl, Herr!“ bestätigte der Wächter sofort.
      Zurück in der Halle seines Palastes bereitete Prime Evil alles für das Tonikum vor. Vor sich auf dem Arbeitstisch hatte er eine Schale stehen, in der er nun die Mischung ansetzte. Nun hieß es für den Dämonenfürsten, präzise Aufmerksamkeit walten zu lassen. Die Zutaten mußten in der richtigen Menge und Reihenfolge gemischt werden, das eine mußte vorher erhitzt, das andere auf eine bestimmte Temperatur gekühlt werden, und nach und nach gelangten die verschiedenen Ingredienzien in eine große Glasflasche.
      Nach einiger Zeit kam einer der Geister aus seinem Dienstbotenpersonal zu ihm und musterte ihn mit wachsamer Vorsicht. „Ihr habt nach mir geschickt, Herr?“
      „In der Tat!“ Er sah seinen Diener an, der sehr rechtzeitig in der Halle erschienen war. „Du bleibst hier und wartest auf weitere Anweisungen!“
      Der Geist an seiner Seite sah verhalten auf die aufgebaute Versuchsreihe und nickte. Während sein Herr sich wieder seinem Rezept zuwandte, versuchte er, sich so unauffällig wie möglich zu beschäftigen.
      Prime Evil begutachtete das Tonikum in der gläsernen Flasche immer wieder, ohne die Zubereitungsanweisung aus den Augen zu verlieren. Es durfte einfach nichts schiefgehen, nicht bei diesem Experiment! Als alles zu seiner Zufriedenheit bestellt war, las er noch einmal den letzten Absatz der Seite. Der letzte Punkt war der einzige, der ihm nicht so sehr zusagte, denn da hieß es: „Nun, nach fertiger Mischung, muß das Tonikum für mindestens ein Viertel des Jahres an einem dunklen, warmen Ort aufbewahrt werden, damit es seine ganze Wirkung entfalten kann. Anschließend ist es fertig und kann beliebig eingesetzt werden!“
      Prime Evil seufzte. Er konnte die Geschicke nicht beschleunigen, und er konnte nicht einmal die Wirkung des Rezeptes vorab testen um zu erkunden, ob sich ein zweiter Ansatz schon lohnen würde. Er würde sich in Geduld üben müssen – etwas, was ihm besonders schwer fiel. „Sei es drum!“ kommentierte er und rief seinen Diener zu sich, der aufgeschreckt und mit deutlichem Unbehagen zu ihm aufschloß. „Nimm die Flasche an dich und bringe sie heil in die untersten Kellergewölbe in den Schrank nahe der Höllenzellen! Und gnade dir meiner, wenn etwas schiefgeht!“
      „Das ist alles?“ fragte der Geist erstaunt.
      „Das ist alles!“ herrschte Prime Evil ihn an. „Und jetzt mach’ dich damit auf den Weg!“
      Der Diener zog die Augenbrauen hoch und steckte das Gefäß ein. Kurz darauf war er damit verschwunden.
      Prime Evil schlug das große Buch zu, wandte sich vom Arbeitstisch ab und schwebte in die Halle. Er war zu neugierig, ob das Mittel tatsächlich so wirkte, wie im Rezept beschrieben. Doch das würde er erst in mehr als drei Monaten ausprobieren können. In der Zwischenzeit mußte er sich mit anderen Dingen beschäftigen. Da fiel ihm etwas ein. Nur zu seiner eigenen Belustigung schaltete er den Monitor ein, um sich mit einem kleinen Grinsen an dem Chaos zu erfreuen, das dank ihm noch immer auf dem Weihnachtsmarkt herrschte – dann schlug er noch einmal das Rezept für die Feuerzangenbowle auf. Vielleicht war ja noch genug Sternanis übrig…

________________________________________________________________________________________________________



Vorgaben:
● Genau 6 mal muß geflucht werden.
● Mindestens 6 verschiedene Namen müssen fallen.
● Genau 6 verschiedene Steigerungen regelmäßiger Adjektive im Komparativ müssen vorkommen.
● Genau 6 verschiedene Geräusche müssen zu hören sein.
● Folgende 6 Worte müssen in der Geschichte vorkommen: Fakt, Mischung, Schale, Kerzenlicht, Winter und banal.
● Es müssen 6 Buchzitate mit mindestens 6 Wörtern, jeweils von Seite 66 des Buches genau so in die Geschichte eingearbeitet werden.


Buchreferenzen:
● Von jetzt an wurde die Sache ernst.   → siehe »Die unendliche Geschichte« von Michael Ende, K. Thienemanns-Verlag, Seite 66
● Aber in unserem Beruf muß man lernen, dem Mitleid die richtige Form zu geben.   → siehe »Gevatter Tod« von Terry Pratchett, Heyne-Verlag, Seite 66
● Doch sie würde alles tun, was möglich war.   → siehe »Hüter der Träume« von Andre Norton und Marion Zimmer Bradley, Heyne-Verlag, Seite 66
● Jetzt gilt es zu beobachten, wer uns beobachtet.   → siehe »Sherlock Holmes und das Geheimnis der Sachertorte« von Gerhard Tötschinger, Ullstein-Verlag, Seite 66
● Doch der Wächter schüttelte den Kopf.   → siehe »Leo & Leo« Fall 1 »Mann mit Hund« von Tobias Bungter und Andrea Köhrsen, moses.-Verlag, Seite 66
● Der Diener zog die Augenbrauen hoch und steckte das Gefäß ein.   → siehe »Die Zeitdetektive« Band 1 »Verschwörung in der Totenstadt« von Fabian Lenk, Ravensburger-Verlag, Seite 66


Rundenreferenz:
● Eine Plazierung gab es erst in der Endrunde. Von 27 (ursprünglich 29) Teilnehmern sind 11 (unter anderem ich) weitergekommen.
Review schreiben