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Zeit der Jagd

GeschichteHumor, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Magneto / Eric "Magnus" Lehnsherr Professor X / (Professor) Charles Francis Xavier Wolverine
06.01.2014
01.09.2014
45
70.214
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06.01.2014 3.004
 
Kapitel 34: Pure          „Willst du wirklich, dass ich es sage?“

Eigentlich hatte ich keine Lust, Xavier wiederzusehen. Jeder Moment, in dem ich in seiner Nähe war, erinnerte mich an meine Schmach und Schande. Am liebsten wollte ich mich verkriechen und ihn niemals wieder sehen. Oder wenigstens alles vergessen, was jemals zwischen uns passiert war.
Warum also befand ich mich nun – übrigens verbotenerweise – auf dem Weg zu seiner Geburtstagsparty? Weil ich ihm aus dem Weg gehen wollte sicher nicht.
Vielleicht war es die Euphorie des Augenblicks gewesen. Tide und ich hatten in der vergangenen Nacht diesen Streich begangen, der mich so an unsere frühere Zeit erinnert hatte (und ich hatte Xavier sogar eins auswischen können!). Mein Körper schien den Adrenalin-Kick zu vermissen.
Doch war das hier wirklich die Suche nach dem Kick? Zu einer Party zu gehen, in dem Wissen, Ärger zu bekommen? Oder wollte ich mich schon wieder besinnungslos trinken?
Ich starrte aus dem Fenster, während der Fahrer unseres Taxis langsam die Stadt erreichte, wo Xaviers Feier anscheinend veranstaltet wurde. Draußen rauschten dunkel die Bäume vorbei, denn die Sonne war schon fast hinter dem Horizont verschwunden.
Was stimmte nicht mit mir?
Freute ich mich auf den heutigen Abend, oder nicht? Sandra vor und Tide neben mir lachten schon jetzt vergnügt, und ich war gewillt, an ihrer Stimmung teilzuhaben.
Aber komischerweise hatte ich das Gefühl, dass der heutige Abend verhängnisvoll enden würde. Nun ja, wahrscheinlich würde er schon verhängnisvoll anfangen, sobald unser Schulleiter uns erblicken würde.
Also, warum fühlte ich mich so … so vorfreudig?

Es war schon halb 10, als wir bei der Party ankamen. Sandra und Havock waren zwar hier verabredet, aber Sandra, Tide und ich hatten uns überlegt, dass es besser war, etwas später zu kommen, in der Hoffnung, Xavier hätte die ersten Hemmungen schon durch das ein oder andere Bier hinter sich gelassen.
Die Erinnerung an ihn im betrunkenen Zustand ließ mich schaudern. Wahrscheinlich sollte ich heute nicht nur wegen der bevorstehenden Strafe möglichst viel Abstand zwischen uns wahren.
„Ist alles in Ordnung, Pure?“, fragte meine leider viel zu aufmerksame beste Freundin, als wir vor der Kneipe standen. Sie hatte schon von Anfang an mein Unbehagen erkannt, als ich ins Auto gestiegen war, aber glaubte mir wohl noch die Geschichte, dass ich Xavier eine verpasst hatte.
Ob es sie wohl wunderte, dass man keine Wunde oder einen blauen Fleck sah?
Ich schüttelte den Kopf. „Ich habe gerade überlegt, mit welcher Strafe wir wohl zu rechnen haben. Aber das hat uns ja noch nie abgehalten, nicht wahr?“ Das war wenigstens … ein bisschen wahr.
„Natürlich nicht.“, lachte Tide, während ich schwören könnte, Sandra schnauben zu hören.
Es war schon erstaunlich genug, dass sie uns bei unserem illegalen Ausbruch geholfen hatte. Sie musste echt nervös sein.
„Also Leute, seid ihr bereit?“
Von drinnen schallte die Musik bis vor die Tür, genau wie zahllose Stimmen. Anscheinend war die Stimmung gut.
Ich schluckte. Okay, ich würde das schaffen. Xavier war es egal, mir war es egal. Und ich würde auf jeden Fall – auf jeden Fall! - keinen Alkohol anrühren.
„Ich bin bereit“, antwortete ich.

„Das macht ihr denn hier?“, fragte Sam, nachdem wir uns – anscheinend leider nicht ganz so erfolgreich – durch die Tür geschlichen hatten.
Er wahrte seinen distanzierten Blick, und vermied es, Tide anzusehen. Ich wusste, wie er sich fühlte … Wobei … Moment mal!
„Ihr solltet euch besser bedeckt halten.“, riet er uns, ohne auf unsere Antwort zu warten. „Xavier ist nicht gerade gut auf euch zu sprechen.“
„Danke, das wissen wir schon.“, konterte ich. Ich hatte eh nicht vorgehabt, mich hier mit Xavier abzugeben.
„Na dann ist gut.“, sagte er etwas muffelig und trottete dann davon, in Richtung Kira. Zu Tides Leidwesen, so wie ich ihren kühlen Blick einschätzte.
„Ist mir so was von egal, was er sagt.“, bemerkte meine Freundin spitz. „Lasst uns einfach so viel Spaß haben wie möglich!“
Als wäre das sein Stichwort gewesen, tauchte auf einmal Havock auf und Sandras Gesicht fing an zu leuchten. Auf die positive Art und Weise.
„Hi, Süße.“, bemerkte er, glücklich darüber, sie zu sehen. „Und hallo. Ich hab mich schon gefragt, wann ihr auftaucht.“
Vielleicht sollten wir weniger Small Talk machen, und uns stattdessen mal von der Tür wegbewegen … immerhin waren wir hier wie auf dem Präsentierteller. Allerdings hatte ich das Geburtstagskind noch nicht gesehen.
Nicht, dass ich ein Geschenk hätte.
„Pst, dich hört noch jemand.“ Sandra konnte ihr Lächeln trotz dem gewohnten Argwohn gegen das Regel-Brechen nicht verstecken.
„Du bist meine Begleitung, Süße. Sehr viel offensichtlicher kann es nicht sein, oder?“ Er legte einen Arm um sie. „Komm, lass uns tanzen gehen – ist es für euch in Ordnung, wenn ich sie sofort entführe?“, fragte er dann noch uns.
„Klar. Viel Spaß.“ Tide schien langsam wieder bessere Laune zu bekommen.
Havock war ein netter Typ, das konnte man direkt sehen. Er wirkte zwar wie ein Macho oder Mädchenschwarm (letzteres war er wohl auch), aber er war echt gelassen und nett (nicht so wie andere, doofere Lehrer).
„Und was machen wir beide jetzt?“, schaute ich sie fragend an, als wir alleine waren.
„Vielleicht sollten wir uns erst einmal kurz umschauen? Du weißt schon – um die riskanten Ecken umgehen zu können.“ Ganz offensichtlich meinte sie Xavier und Sam. Und vielleicht Logan. Ja, gute Idee.
Ich nickte und folgte ihr durch den Raum. Sam und Kira hingen mittlerweile in einer Ecke des Raumes herum und tuschelten miteinander. Seit wann waren die denn so dicke?
Wir stahlen uns schnell weiter durch den großen Saal. Es war rappelvoll, auch wenn außer uns anscheinend wirklich keine Schüler anwesend waren. Traurig, dass unsere Altersgenossen sich nicht auf fremde Partys schlichen. Schlichtweg – langweilig.
„Ich seh ihn immer noch nicht.“, entglitt es mir. Vor Schreck biss ich mir natürlich sofort auf die Zunge, aber glücklicherweise nickte Tide nur. Sie wusste, wen ich meinte, aber vermutete nicht mehr dahinter. Sie erkannte nicht, dass ich wie eine Irre nach ihm Ausschau hielt. Warum eigentlich?
„Schau mal, dahinten.“, sagte sie schließlich, als wir uns gerade durch ein paar Tanzende schoben. Tatsächlich stand Xavier gerade lachend etwas abseits neben dem Buffet und unterhielt sich angeregt mit einer Brünetten. Was mich natürlich gar nicht ärgerte.
„Weißt du, wer das ist?“, platzte es aus mir heraus, bevor ich richtig nachdenken konnte.
„Ne, sorry. Vielleicht einfach jemand, mit dem er – außerhalb der Schule befreundet ist?“
Dass Xavier außerhalb seiner Akademie auch noch ein Leben hatte, hatte ich gar nicht bedacht, um ehrlich zu sein. Eigentlich hatte ich gedacht, dass es sein ein und alles war. Aber da hatte ich mich wohl geirrt.
Ich konnte nicht länger hinsehen. Sie hatte ihn gerade am Arm berührt.
Unruhig fuhr ich mir durch meine Haare. Was sollte das alles? In mir stauten sich Gefühle auf, die ich nicht länger unterdrücken konnte. Wut, vor allem. Irgendwie. Keine Ahnung.
Erst zu spät viel mir auf, dass ich anscheinend viel zu intensiv an ihn gedacht hatte. Denn wie gewohnt flackerte sein Blick zu mir herüber. Und ich flackerte direkt mit, vor lauter Schreck.
„Scheiße.“, murmelte ich, und mein Arm zuckte automatisch zu Tide, woraufhin sie ebenfalls verschwand. Natürlich würde uns das nichts bringen, aber …
„Irgendwas stimmt da nicht.“, flüsterte Tide neben mir. Wie ich auch hatte sie anscheinend Xaviers Blick gesehen, der von sauer auf ungläubig gewechselt war. Was war denn da los?
Dann glitt sein Blick wieder zu seiner Begleiterin. Ein paar Sekunden später schaute er wieder in unsere Richtung, schüttelte dann aber den Kopf und wandte sich ganz ab.
Als er uns den Rücken zugewandt hatte, flackerte ich noch einmal und wurde dann wieder sichtbar. „Das war echt merkwürdig.“, kommentierte Tide.
„Vielleicht wollte er sich vor seiner Freundin keine Blöße geben, indem er uns anschreit.“, bemerkte ich spitz.
„Nein, ernsthaft.“, antwortete meine Freundin. „Es war fast so, als … als würde er uns nicht sehen. Schau mal, wir reden über ihn. Er müsste uns spüren. Es war so, und dann auf einmal nicht mehr.“
Ein weiteres Mal in meinem Leben stand ich auf der Leitung. „Wie meinst du das?“
„Na – Moment.“ Sie zog ihren Arm von meiner Berührung weg. Sofort schnellte Xaviers Blick wieder zu uns. „Oh mein Gott, du Wunderkind! Er kann dich nicht mehr hören. Und mich auch nicht, wenn du mich berührst … oh, Scheiße.“
„Oh mein Gott!“ Ich wusste nicht, ob der Ausruf von meiner Freude herrührte oder von der Tatsache, dass Xavier jetzt bedrohlich auf uns zu marschierte.

Nach der Standpauke – anscheinend hatte er schon getrunken, aber noch nicht genug – standen wir drei unschlüssig herum. Xavier war immer noch sauer, aber gleichzeitig war er auch schockiert.
Darüber, dass er meine Gedanken nicht mehr hören konnte. Ich meine, ich konnte es selbst gar nicht glauben.
„Nun ...“, schloss er seinen bisweilen hitzigen Vortrag. „Das ist äußerst ungewöhnlich ...“
Anscheinend hatte ich seine Männlichkeit in Frage gestellt. Ha!
Ich machte mir nicht wirklich Hoffnungen, dass wir noch hierbleiben durften. Wahrscheinlich war es doch eine dumme Idee gewesen.
„Wahrscheinlich hast du sie gut … trainiert.“, bemerkte Tide grinsend. Wie konnte die noch so gute Laune haben?
„Vermutlich ...“ Ob er sich gerade über sich selbst ärgerte? Mist, keine Duschszenen mehr!
Ich zuckte schon vorsorglich zusammen, aber tatsächlich konnte er mich anscheinend nicht hören.
Einen Moment blieb es still.
„Was ist los, Xavier? Lass die Mädchen doch hier. Sei mal was lockerer. Du bist immerhin keine 50.“, warf Havock ein, der gerade mit Sandra zu uns getreten war und die Situation wohl direkt analysiert hatte.
Xavier schien davon nicht allzu viel zu halten, allerdings hatte er schon genug Diskussionen mit uns geführt, dass er sich wahrscheinlich denken konnte, dass wir nicht so leicht klein beigeben würden.
„Ist ja gut.“, murmelte er beinahe ermüdet. „Aber verhaltet euch unauffällig. Ich will keine weiteren Ausfälle.“ Beim letzten Wort fühlte ich mich merkwürdig angesprochen, obwohl er Blickkontakt zu mir ganz offensichtlich vermied.
„Die wird es nicht geben.“, erwiderte ich kühl. Sollte er doch Spaß mit seiner Bekanntschaft von eben haben. Ich würde mir anderen Spaß besorgen.
Ein wenig freute ich mich ja darüber, dass er mich nicht mehr hören konnte. Ich könnte jetzt ganz offen denken über – über was eigentlich?
Während er langsam davontrottete und auch Havock sich selbstzufrieden wieder zu Sandra begab, dachte ich darüber nach. Ich konnte mich nackt im Spiegel ansehen, ohne dass er mich direkt sah. Ich konnte …. ich konnte über ihn lästern! Oh ja.
Ich konnte über ihn nachdenken, ohne dass er es wusste.
Moment – nicht dass ich viel über ihn nachdenken wollte! Mist!
Vielleicht sollte ich doch etwas trinken. So etwas wie letztes Mal würde garantiert eh nie wieder passieren.
„Ich brauche Wodka“, sagte ich in dem Moment, in dem Tide meinte: „Schau mal, Beast und Mystique sind voll süß zusammen.“
Dann lachte sie über meine Aussage, während ich mir das augenscheinliche Paar auf der Tanzfläche ansah. Beast hatte ich irgendwie nie so richtig bemerkt, vermutlich, weil er nicht so oft mit Sam und den anderen zusammen war. Und Mystique – die hatte etwas unheimliches an sich. Nicht wegen ihres Aussehens, nein, das war richtig cool. Eher die Tatsache, wie kalt ihre Augen manchmal aussahen. Aber im Moment, da sah sie ganz leicht aus, frei. Das freute mich.
Nach diesem kurzen Moment, in dem ich an ihrem Glück teilhaben konnte, schüttelte ich kurz den Kopf und machte mich seufzend wieder an meine eigenen Probleme. Das erste:
mein Körper hatte dringend ein paar Drinks nötig.
Mein Gott, war ich diszipliniert … Hammer …
Ich fragte Tide, ob sie auch etwas wollte, und machte mich dann auf den Weg, uns beiden Wodka-E zu besorgen. Xavier hatte sich derweil wieder zu seiner Gesellschaft begeben, allerdings standen nun einige andere noch bei ihnen.
Ich versuchte, möglichst viel Abstand zu wahren. Allerdings war das Buffet direkt neben der Theke, weswegen ich unweigerlich in ihre Nähe musste. Zum Glück bemerkte mich der Olle jetzt nicht mehr.
Der Barkeeper, der sich nach einigen Sekunden mit meiner Bestellung auseinandersetzte, lächelte mir beinahe aufmunternd zu, als er meinen düsteren Blick in Richtung der anderen bemerkte. Im Moment war nicht allzu viel los, deswegen hatte er Zeit zu fragen: „Nicht so gut aufs Geburtstagskind zu sprechen?“
Er sprach mir aus der Seele. Ich bemühte mich um ein halbwegs freundliches Gesicht, verzog es aber wohl eher: „Beruht auf Gegenseitigkeit.“
Ich dachte darüber nach, dass er mich vielleicht anmachen wollte und riskierte einen zweiten Blick. Er war wohl um die 25 Jahre alt, hatte wilde blonde Haare und war braun gebrannt. Eigentlich sah er wirklich gut aus. Und anscheinend war er einfühlsam und nett. Anders als andere Menschen, mit denen ich mehr zu tun hatte. Vielleicht sollte ich meinen Freundeskreis wechseln.
„Das glaub ich nicht.“ Sein Lächeln wurde noch breiter. Seine Worte verwirrten mich allerdings.
„Wie meinst du das?“
Während er mir die Getränke auf den Tresen stellte, meinte er leise: „So oft, wie der in deine Richtung guckt, kann das gar nicht aus Gegenseitigkeit beruhen.“
Ich murmelte etwas von wegen „Böse Blicke vielleicht“, nahm mir meine Getränke und versuchte, mich schnell davonzustehlen. „Tschüss.“, brachte ich noch heraus.
Er hatte sich vermutlich geirrt. Oder, eigentlich war es sogar wahrscheinlich, dass Xavier mich im Blick haben wollte, um sicherzugehen, damit ich nicht wieder irgendwas „ruinierte“.

„Was hat denn da so lange gedauert?“, fragte Tide mich grinsend. Anscheinend hatte sie den gut gebauten Barkeeper auch gesehen.
„Ach, nichts.“, murmelte ich und leerte mein Glas fast in einem Zug. Der süße Geschmack des Energy-Drinks vermischte sich mit dem Wodka und verbesserte meine Laune schlagartig. Alkohol = Party-Zeit. Traurig genug.
Nachdem auch Tide ihr Glas leer hatte, hatte ich genug von der traurigen Person, die ich in den letzten Tagen gewesen war. Ich hatte genug davon, mir dauernd Gedanken zu machen. Stattdessen bugsierte ich uns beide auf die Tanzfläche. Fast fühlte ich mich wie auf der ersten Feier, die wir zusammen in der Schule erlebt hatten. Und so vergingen die Stunden …
Wir gingen Xavier erfolgreich aus dem Weg. Sam ebenfalls. Und Logan war sogar ganz handzahm und besorgte uns noch was zu trinken, als wir ihn aus Spaß fragten. Alles in allem war es ein guter Abend.
Irgendwann um drei meinte Tide, dass sie mal eine Pause brauchte und nach draußen müsste. Ich konnte es gut nachvollziehen, fand aber die Couch in einer Ecke des Raums sehr viel einladender als die Kälte da draußen. „Bis gleich.“, rief sie mir noch zu, während sie aus der Tür verschwand und ich mich auf das Sofa schwang.
Von hier aus hatte ich eine gute Sicht über den Raum, ohne dass irgendjemand mich bemerken würde. Beaste und Mystique hatten sich mittlerweile dazu durchgerungen, eng miteinander zu tanzen. Sam und Kira sah ich nirgendwo. Ob …? Nein, bestimmt nicht.
Ich bemerkte, wie ich den Raum unauffällig nach dem Geburtstagskind absuchte. Aber irgendwann in der Mitte wurde mein Blick immer verschwommener, bis ich mich auf die Seite fallen ließ und auf der Couch zusammenrollte.
Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen war, bis ich wieder wach wurde. Oder eher – geweckt wurde.
„Und du sagst mir, du bist kein Kind.“, murmelte jemand, der mich an der Schulter berührte und leicht schüttelte. „Siehst aber immer aus wie eins.“
Ich meckerte leise. Warum weckte mich jetzt jemand? Unterricht war mir egal. Auch wenn ich dazu zu spät kam. Training eh. Ich wollte einfach schlafen.
„Lass mich.“, grummelte ich.
„Dann wachst du morgen hier ganz alleine auf. Das willst du doch bestimmt nicht.“
Alleine sein? Nein, eigentlich nicht. Automatisch griff ich nach oben – ich war wohl wirklich ein Kind. „Dann bleib hier.“
Die Person über mir versteifte sich, während ich sie nach unten ziehen wollte.
„Nein.“
„Doohoch.“, murmelte ich. Komm her und dann können wir beide hier schlafen.
Warum dieses Sträuben? Obwohl ich mich am Schlaf festklammerte, wurde ich langsam wach. Und endlich bemerkte ich, wer mich da so schockiert ansah.
Sofort ließ ich meine Arme fallen und war schlagartig wach. Vielleicht hätte ich mir darüber mal vorher Gedanken machen sollen.
Wer hatte ich denn gedacht, wer das sein könnte? Tide? Sandra? Männerstimme – schon klar. Wie spät war es? Wie viel hatte ich getrunken?
Geschockt blickte ich nach links und rechts, doch außer uns waren nur noch einige Leute in anderen Ecken und unterhielten sich leise. Außerdem baute gerade jemand das Buffet ab.
Xavier bemerkte meinen geschockten Blick. Seiner wechselte von Überraschung zu der gewohnten Distanziertheit. „Ist eigentlich auch egal. Bleib einfach hier liegen. Du findest schon den Weg.“
In diesem Moment brach mir das Herz.
Xavier war verklemmt, er hatte mich belauscht und bespannt, er behandelte mich wie ein Kind, er war arrogant und eingebildet. Aber ich wollte nicht, dass er mich immer so ansah.
„Warum hasst du mich so?“, platzte es aus mir heraus.
Er hatte gerade gehen wollen, aber jetzt zog er stattdessen eine Augenbraue hoch und sah mich von oben herab an. „Ich … hasse dich?“, fragte er trocken. Der Blick in seinen Augen blieb.
„Ich versteh schon, dass du bereust, was passiert ist.“ Ich glaubte kaum, dass ich es selbst ansprach. „Ist ja in Ordnung. Aber -“
„Moment.“, unterbrach er mich. „Ich bereue, was passiert ist? Wer von uns beiden ist denn mitten in der Nacht verschwunden?“
„Ich hab dir nur die Bürde abgenommen, mir sagen zu müssen, dass es falsch war. War doch nett von mir, oder nicht?“
Sein Mund wurde ganz schmal. „Falsch, ja. Natürlich.“
Als er sich gerade umgewandt hatte, kamen seine Worte von vorhin endlich in meinem Kopf an. „Du – du wärst nicht weggegangen?“, fragte ich erstaunt seinen Rücken.
Ich hatte das Gefühl, wenn ich jetzt nichts gesagt hätte, wäre alles vorbei gewesen. Nicht, dass da etwas gewesen war. Aber ich musste es sagen. Auch wenn ich mir die Schmach, dass er es mir ins Gesicht sagte, kaum aushielt. Das gerade war schon …
„Du verstehst gar nichts, Pure, weißt du das? Ich werde aus dir nicht schlau.“ Er drehte sich nicht noch einmal um, allerdings blieb er stehen. „Willst du wirklich, dass ich es sage?“ Ob er wieder getrunken hatte? Er sah eigentlich ganz nüchtern aus …
„Pure, ich ...“
Auf einmal riss jemand die Tür auf. „Hilfe! Ich hab draußen Lillia gefunden, und sie – sie ist – sie ist tot!“
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