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.hack//REALITY

von Caligula
GeschichteDrama, Familie / P16 / Het
Bear BT Mimiru Sora Subaru Tsukasa
05.01.2014
09.10.2017
5
17.861
3
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05.01.2014 3.672
 
Die junge Frau schlüpfte aus ihren Hausschuhen, die sie gegen kniehohe Stiefel austauschte. Von einem zippenden Geräusch begleitet, zog sie den Reißverschluss hoch. Dann warf sie sich die kleine Handtasche über die Schulter und verließ ihre dunkle Wohnung.

//Treffen

Ihr Ziel war ein Eiscafé, das bei dem sonnigen Wetter der letzten Wochen gut besucht war. Der Außenbereich war gefüllt mit lachenden, schwatzenden Menschen und keiner der Tische war unbesetzt geblieben. Die junge Frau ließ suchend den Blick über die Menge schweifen. Nach einigen Sekunden schoss schließlich an einem der Tische eine winkende Hand in die Höhe. Sie steuerte auf den, von nur einer einzigen Frau besetzten, Tisch zu und wurde sogleich mit einem abschätzenden Lächeln begrüßt.
„So treffe ich also die große Subaru in der Realität“, ließ Subarus Verabredung verlauten. „Aber für mich hättest du dich nicht so aufbrezeln müssen.“
„Habe ich auch nicht“, erwiderte Subaru in nüchternem Tonfall. „Zufälligerweise treffe ich mich später noch mit jemand anderem.“
Beide Frauen waren Teilnehmerinnen desselben Onlinerollenspiels, The World, und hatten durch die Tsukasa-Affäre und ihren gemeinsamen Freund Bear schließlich Bekanntschaft miteinander gemacht. Subaru hatte sich lange gegen ein Treffen im realen Leben gesträubt, da sie BT, deren richtigen Namen sie nicht kannte, nicht besonders leiden konnte. Alles was sie von dieser Frau kennengelernt hatte, war ein selbstsüchtiger Charakter, der Verantwortung gerne weit von sich zu schieben schien und erschreckend viel Zeit im Spiel verbrachte. Bear, der schon länger mit BT befreundet war und sich auch außerhalb des Spiels mit ihr traf, hatte diesen Eindruck nur bestätigen können. Er hatte angedeutet, dass BT es im realen Leben nicht ganz einfach habe.
Nun saß der blonde Wavemaster tatsächlich vor Subaru. BT war schlank und hübsch, hatte aber etwas sehr arrogantes an sich. Wie im Spiel trug sie ihr langes Haar offen, jedoch war es braun statt blond. Ihre Bluse ließ ihren Bauch unbedeckt und ihr Ausschnitt ließ tief blicken. Die Frau in den Zwanzigern entsprach ungefähr dem Bild, das Subaru sich von ihr gemacht hatte.
„Mit wem triffst du dich denn noch? Einem Kerl?“, hakte BT nun neugierig nach, als wären sie alte Freunde.
„Und wenn schon. Das gleiche kannst du ja wohl auch von dir behaupten, oder?“, erwiderte Subaru mit einem vielsagenden Blick.
„Ja, aber im Gegensatz zu dir ist das bei mir nichts Ungewöhnliches.“
Es war typisch für BT mit Sticheleien aufzuwarten. Es war Subaru nicht entgangen, dass auch sie sie nicht besonders mochte, vermutlich weil sie das genaue Gegenteil von ihr war. Dass die pflichtbewusste Subaru, Anführerin der roten Ritter, und nur selten mit anderen Spielern interagierend, auch ein reales Leben, Freunde und Männergeschichten haben könnte, schien nicht in ihr Weltbild zu passen. Sie musste an Crim, ihren besten Freund und Speerkämpfer in The World, denken, der sich ebenfalls verbissen gegen den realen Kontakt mit BT wehrte. Sie hatte deutliches Interesse an ihm bekundet und tatsächlich hatte Crim sich ein paar Mal mit ihr getroffen, vermied allerdings weiteren realen Kontakt mit dem Wavemaster. Jetzt, wo Subaru die echte BT kennengelernt hatte, konnte sie die Entscheidung ihres Freundes gut verstehen.
„Also, warum wolltest du dich hier mit mir treffen?“, wollte Subaru zum Wesentlichen kommen.
„Nichts weiter. Ich wollte bloß ein wenig quatschen“, gestand BT freiheraus und lächelte. Sie ignorierte Subarus verblüfften Blick und plapperte munter drauflos. „Also... Mein richtiger Name ist Satomi, aber es wäre mir lieber du würdest mich weiter BT nennen. Ich bin sechsundzwanzig Jahre alt und Single. Und wie alt bist du, Subaru?“
„Ähm... Siebenundzwanzig...“, gab Subaru, immer noch perplex, zurück.
„Was?!“ Nun zeigte sich BT erstaunt. „Du bist siebenundzwanzig?“
„Warum überrascht dich das?“
„Naja... ich dachte, du wärst jünger. Du siehst aus als würdest du noch zur Schule gehen!“ Dieser Fehleinschätzung fiel Subaru dank ihrer geringen Körpergröße ständig zum Opfer, doch sie nahm es als Kompliment und regte sich nicht darüber auf. „Aber so jung schon schon Anführerin der roten Ritter?“
Die roten Ritter waren die Ordnungshüter in The World. Sie ahndeten Regelverstöße und besaßen die Macht einzelne Spieler zu sperren und sogar zu löschen. Doch ehe Subaru sich dazu durchringen konnte, von ihrer Aufnahme bei den Rittern zu erzählen, wechselte BT abrupt wieder das Thema. Sie hätte ihre Oberflächlichkeit gar nicht besser unter Beweis stellen können. Und schlagartig wurde Subaru bewusst, was der wahre Grund für ihr plötzliches Interesse war.
„Eigentlich wollte ich dich ein wenig über Crim ausfragen“, gestand BT. Daher wehte der Wind also.

Sie verließen das Café und gingen im nahegelegenen Park spazieren, wo BT gleich in die Vollen ging. „Bist du mit ihm zusammen, oder nicht?“ Ein Gerücht, das Subaru schon öfters über den Weg gelaufen war.
„Bin ich nicht.“
„Dann bist du seine Schwester?“ Subaru und Crim hatten im Spiel beide blaugrünes Haar, aber verdammt, es war nur ein Spiel!
„Auch falsch.“ Sie beschloss BT ein wenig über ihre Beziehung zu Crim zu erzählen, bevor diese noch auf die Idee kam, sie auch noch aufgrund von unnötiger Eifersucht zu hassen... „Crim und ich kennen uns schon sehr lange. Er ist... der wichtigste Mensch in meinem Leben.“
„Und ich wette, ihr habt doch was miteinander“, beharrte BT betont gleichgültig, die Hände hinterm Kopf verschränkt. Als sie merkte, dass Subaru stehen geblieben war, drehte sie sich mit fragendem Blick zu ihr um. „Was ist?“
Subaru schob ihre Handtasche zurecht und wandte sich bereits zum Gehen um. „Tut mir leid, aber ich muss los“, verabschiedete sie sich kühl und ließ BT stehen.

Als BT am späten Abend nachhause kam, entledigte sie sich ihrer unbequem engen Jeans und griff sofort nach dem Telefon.
„Hi, Sora, ich bin´s“, meldete sie sich forsch. „Bin in ´ner halben Stunde online. Bis dann, ciao.“ Schon hatte ihr Gesprächspartner wieder aufgelegt. Wütend legte BT das Telefon beiseite.
Diese blöde Subaru! Wer könnte sich schon mit der treffen wollen?, dachte sie verbittert. Diese arrogante kleine Zicke!

„P-E-R-V-E-R-S-L-I-N-G!!!“, hallte Mimirus Stimme am frühen Morgen laut durchs ganze Haus. Sie war stinksauer! Diesmal hatte Kazuo sich wirklich selbst übertroffen!
„Was fällt dir ein...“, zischte sie bedrohlich. „... mich auszuziehen, während ich schlafe?!“ Zugegeben, er hatte sie nicht gänzlich entblößt; ihr Hemd war zwar aufgeknöpft, lag aber noch um ihre Schultern und darunter trug sie auch immer noch ihre Unterwäsche. Wütend und mit geballten Fäusten schimpfte sie auf ihren neuen Mitbewohner ein, auf den sie sich draufgesetzt hatte, damit er bloß nicht auf die Idee kam zu fliehen und seiner Predigt zu entgehen.
„Echt toll...“, fuhr Mimiru ruhiger, aber immer noch gereizt, fort. „Dabei haben wir Wochenende... Ich hätte ausschlafen können...“
„Ja, hättste das bloß gemacht, dann wär ich auch fertig geworden“, gab Kazuo frech zurück, ganz so als wäre er der Leidtragende in dieser Angelegenheit.
„Wie bitte?!“
„Mimiru!“, rief ihr Vater die Treppe rauf. „Deine Freundinnen sind da!“
„Deine Freundinnen kommen?“, hakte Kazuo nach, eine Augenbraue neugierig erhoben. Mimiru wandte sich panisch zur Zimmertür um.
„Shit! Die hab ich ja ganz vergessen!“
„Unmensch!“, rief Kazuo theatralisch aus. „Wie kann man nur seine Freunde vergessen!“
„Na, dass dir das noch nie passiert ist, glaub ich gern“, konterte Mimiru mit einem höhnischen Lächeln, als sich ihre Freundinnen vor der Zimmertür auch schon meldeten.
„Mimiru? Wir kommen jetzt rein!“
„Nein, einen Moment!“
Mimirus panische Protestrufe und ihre Bitten wurden ignoriert; die Zimmertür wurde geöffnet und Rie und Misa bot sich ein groteskes Bild. Mimiru, die halbnackt auf Kazuos Beinen saß und mit ihren Händen seine Arme unten hielt - und das auch noch auf ihrem Bett.
„Das... sieht jetzt falsch aus...“, stammelte sie mit hochrotem Kopf. Kazuo grinste schadenfroh.

Die Gruppe verließ gemeinsam das Haus. Kazuo hatte sich den Mädchen, sehr zu Mimirus Leidwesen, angeschlossen. Ihr Vater hatte regelrecht darauf bestanden. Die quirlige Misa führte die Gruppe an Kazuos Seite an; sie schien sofort Gefallen an dem Jungen gefunden zu haben, wenngleich er ein Stückchen kleiner war als sie selbst. Mimiru und Rie gingen hinter den beiden her.
„Toll, dass du mitkommst, Kazuo!“, tat Misa ihre Begeisterung fröhlich kund.
Kazuo gab sich erstaunlich verhalten. „Ach was...“, winkte er ab. „Wo gehen wir denn hin?“
„Mimiru sagt, sie hätte ´ne stressige Woche gehabt und darum gehen wir jetzt einfach ein wenig in der Stadt bummeln! Dann kann sie den ganzen Stress vergessen!“ Immer wieder sah sie strahlend zu Kazuo rüber, der ihr Lächeln erwiderte. Man könnte meinen, er wäre ein ganz anderer Mensch.
„Na, da haben sich ja zwei gefunden...“, sagte Mimiru leise, während sie die beiden missmutig beobachtete. „Die flirtet echt mit Kazuo! Die hat doch keine Ahnung...“
Sie ließen sich in einem Eiscafé nieder. Dank der warmen Temperaturen konnten sie sich an einen Tisch im Außenbereich des Café setzen und bestellten sich jeweils einen großen Eisbecher; alle, bis auf Misa.
„Du, Misa, warum isst du nichts?“, wollte Kazuo wissen.
Misa hob abwehrend die Hände und errötete. „Nein, nein! Ich mach ´ne Diät!“
Du machst eine Diät? Mach dich nicht unglücklich!“
„Ach, hör auf!“
Es war fast schon widerlich wie Kazuo sich bei Mimirus Freundin einschleimte und wie er sich vor ihr verstellte. Auch Mimiru hatte zu Beginn den Fehler gemacht, Kazuo zu unterschätzen; einen ruhigen, schüchternen Jungen in ihm zu sehen. Es nervte sie tierisch, dass Misa auf seine Masche auch noch hereinzufallen schien.
Irgendwann erhob Kazuo sich und ging wortlos davon.
„Halt!“, hielt Mimiru ihn streng auf. „Wo willst du hin?“
„Aufs Klo. Darf ich?“, erwiderte Kazuo patzig ohne sich umzudrehen und ging weiter ohne auf ihre Erlaubnis zu warten.
„Hey, Mimiru“, wandte Misa sich an sie. Überrascht drehte Mimiru den Kopf wieder zu ihr herum. „Hör gefälligst auf, Kazuo wie ein Kleinkind zu behandeln. Er ist immerhin schon vierzehn!“
„Bitte?!“ Mimiru wollte ihren Ohren nicht trauen. Nicht genug damit, dass Misa sie wegen einer Kleinigkeit regelrecht anpflaumte, wie bitte sollte sie Kazuo nicht wie ein Kleinkind behandeln? Er quengelte wie ein Kleinkind, wenn er Hunger hatte oder ihm zu kalt war, scheuchte Mimiru durch die Gegend, gab patzige Widerworte, fing Diskussionen an, wenn etwas nicht so lief, wie er es sich vorstellte, behauptete alleine nicht schlafen zu können und lief heulend zu Mimirus Vater, wenn diese ihn angeblich wieder ungerecht behandelt hatte. Der Typ besaß höchstens die geistige Reife eines Grundschulkindes!
„Sag mal, wie redest du überhaupt mit mir?!“, fuhr sie nun Misa an. „Magst du ihn, oder was?“
„Ja, allerdings! Was dagegen?“
„Was?! Du magst ihn wirklich?!“
Rie lauschte dem Streit ihrer Freundinnen, ohne sich einzumischen. Sie kannte ihre kurzzeitigen Zankereien bereits zur Genüge und wusste, dass sie sich bald wieder einkriegen würden. Das erste Anzeichen der bevorstehenden Versöhnung war, dass sie beleidigt die Gesichter voneinander abwandten. Damit war der Streit schon so gut wie vergessen.
Misas Blick blieb an Kazuo fast unberührtem Eisbecher hängen, bis sie der Versuchung nicht länger widerstehen konnte. „Hach, scheiß auf die Diät!“ Glücklich machte sie sich über das Eis her.
„Ich würde sagen, wenn Kazuo endlich zurückkommt, gehen wir weiter“, schlug Rie vor.
„Apropos...“, warf Mimiru besorgt ein. „Der braucht ziemlich lange... Ich werd lieber mal nach ihm sehen.“
Damit erhob sie sich und folgte Kazuo ins Café, wo sie auf ein unvorhergesehenes Problem stieß...

Unentschlossen und mit ihrem Gewissen kämpfend stand sie vor der Herrentoilette. Das war Terrain, das sie als Mädchen unmöglich betreten konnte! Was, wenn sie jemand sah? Aber sie hatte ihrem Vater versprochen auf Kazuo aufzupassen und der Junge war unberechenbar. Sie musste es tun! Zögerlich ergriff sie die Türklinke, drückte diese vorsichtig herunter und setzte langsam einen Fuß nach dem anderen in den gefliesten Raum. Sie hatte es getan...
Zu ihrer Erleichterung stellte sie fest, dass nur eine Kabine besetzt war; theoretisch konnte es sich nur um Kazuo handeln. Doch um sicherzugehen und sich im Zweifelsfall nicht zu blamieren, kniete sie auf dem Boden nieder und lugte unter dem großen Spalt der Tür hindurch...
„Leute!“ Leichenblass stürmte Mimiru zu ihren Freundinnen zurück, die bereits bezahlt hatten und aufbruchbereit waren. Eine Bedienung räumte ihren Tisch ab. „Kazuo ist verschwunden!“
„Was?“
„Er ist weder auf der Herren- noch auf der Damentoilette!“, berichtete Mimiru atemlos.
„Warum sollte er abhauen?“, versuchte Rie sie wieder zu beruhigen, was ihr jedoch nicht wirklich gelingen wollte.
„Tatsache ist: Er ist abgehauen!“, entgegnete sie aufgebracht. „Wir müssen ihn suchen!“
„Hört sich ja an, als würdest du dir Sorgen machen“, meinte Misa spitz.
„Ach was! Aber wenn ihm irgendetwas passiert werde ich dafür verantwortlich gemacht!“, drohte ein neuerlicher Streit zu entfachen. Rie hatte nachdenklich eine Hand ans Kinn gelegt. Verzweifelt ging Mimiru in die Hocke und schlang die Arme um die Knie. „Ich kriege Riesenärger! Ich sollte doch auf ihn aufpassen!“
„Ganz ruhig“, sprach Rie sanft auf sie ein. „Er ist erst vor ein paar Minuten verschwunden. Weit kann er nicht sein.“
„Aber hier fährt auch alle paar Minuten ein Bus!“, jammerte Mimiru. Direkt gegenüber des Eiscafés befand sich eine Bushaltestelle. Da hier auch der Eingang zur Einkaufspassage lag, herrschte viel Verkehr an der Haltestelle, die von mehreren Buslinien angefahren wurde. Rie zog die zerknirschte Mimiru wieder auf die Beine und führte sie Richtung Einkaufsstraße.
„Na, komm. Fangen wir einfach an zu suchen.“
Sie passierten einen Jungen in ihrem Alter, der an einer der Häuserwände eines Geschäfts lehnte und finster auf sein Handy starrte und verschmolzen mit der bunten Menschenmenge.

Wütend spuckte der siebzehnjährige Kuro seinen Kaugummi auf die Straße und steckte sein Handy zurück in die Hosentasche.
„Verdammt!“, zischte er gereizt. „Dieser Drecksack versetzt mich schon wieder! Bestimmt rennt der Hurensohn wieder in The World rum!“, fluchte der Junge unbeachtet von den vielen Menschen, die geschäftig die Einkaufspassage durchquerten. „Tss... Wenn ihm diese verfickte Scheinwelt wichtiger ist als sein Sohn!“
So war sein Vater schon immer gewesen, auch bevor Kuros Eltern sich hatten scheiden lassen und die Familie noch unter einem Dach gelebt hatte. Sein Vater war ihnen so gut es ging aus dem Weg gegangen und hatte sich hinter seiner Arbeit versteckt. Nun nahm er trotz seines fortgeschrittenen Alters auch noch an diesem weltweit erfolgreichen Onlinerollenspiel teil. Er war fast jede freie Minute eingeloggt, wie der allerletzte Suchti! Nicht einmal Kuro, als Teenager, verbrachte so viel Zeit im Spiel wie sein Vater! Dass dieser wieder einmal keine Zeit für ihn aufbringen konnte oder wollte machte Kuro sauer.
Er wollte seinen Frust an irgendjemandem auslassen. Sich abreagieren. Da fiel sein Blick auf einen unscheinbaren Jungen mit hellem Haar, der mutterseelenallein durch die Menge trottete. Grinsend stellte er sich dem Knirps in den Weg.
„Hey, Kleiner“, sprach er ihn an. Der Junge sah neugierig zu ihm auf. „Komm mal eben mit.“

„Und wenn er mit jemandem mitgegangen ist...?“, fragte Mimiru ängstlich, mit hängendem Kopf.
„Keine Sorge! Sowas Dummes macht er sicher nicht!“, wiegelte Rie sofort ab.

Kazuo wusste selbst nicht so genau, weshalb er auch noch gehorcht hatte, aber letztendlich war er dem seltsamen Jungen, der ihn in der Einkaufspassage angesprochen hatte, bis in den Park gefolgt. Der Junge sah gefährlich und kriminell aus; er trug eine Mütze und einen weite Sweatjacke, von seinem angriffslustigen Blick ganz zu schweigen. Trotzdem verspürte Kazuo keine Angst, nur Genervtheit, dass der gelangweilte Teenager sich ausgerechnet ihn für sein Machtspielchen ausgesucht hatte.
„Toll, und jetzt?“, fragte er unbeeindruckt und ließ den Blick über den großen See schweifen, der sich hinter dem metallenen Geländer erstreckte.
„Jetzt rückst du schön brav dein ganzes Geld raus!“, zischte sein Entführer bedrohlich. Kazuo drehte sich mit resigniertem Blick zu ihm um. „Witzig. Ich bin pleite“, gab er platt zurück.
Der Erpresser durchsuchte Kazuos sämtliche Taschen, musste aber feststellen, dass sein Opfer die Wahrheit sprach. „Wieso rennt jemand ohne einen müden Cent in der Tasche durch eine Einkaufspassage?!“, entrüstete er sich, fand seine Fassung aber schnell wieder. Er schob die Hände tief in die Taschen seiner Jacke und erklärte mit düsterer Miene: „Hör zu, ich bin ziemlich angepisst. Mein Alter hat mich wieder mal versetzt...“
„Und... was hab ich damit zu tun...?“
Der Junge hatte sich lässig auf das Geländer gesetzt. „Eigentlich nichts, aber wenn dir dein Leben lieb ist, tust du was ich dir sage. Du wirst der nächstbesten Oma die Handtasche klauen. In der Einkaufspassage. Ich werde dich unauffällig beobachten. Dann kommst du ohne Verfolger hierher zurück und gibst mir die Tasche.“
„Und was hab ich davon?“
„Dein Leben. Das muss dir genügen“, grinste der Junge dreckig. Offensichtlich war ihm richtig langweilig und er schien sich für unglaublich einschüchternd zu halten.
Ehe er wusste wie ihm geschah, hatte Kazuo seine Füße gepackt und der zappelnde, brüllende Junge fiel rücklings, mit einem lauten Platschen, in den See.
Aus einem Versteck heraus beobachtete Kazuo wie der Junge sich am Geländer wieder hochzog und sich zurück aufs Land zerrte, nicht ohne Kazuo noch lautstark zu beschimpfen und zu verfluchen. Aber als er sich, von oben bis unten durchnässt, auf dem Weg umsah, konnte er von Kazuo keine Spur mehr entdecken.
„DER PENNER IST ABGEHAUEN!“, stellte er brüllend fest. Kazuo machte sich in dem Gebüsch, in dem er sich versteckte, so klein wie möglich, um nicht doch noch von dem tobenden Rowdy entdeckt zu werden und wartete geduldig bis dieser schlurfend von dannen zog. Sobald er außer Sichtweite war, schlug Kazuo die entgegengesetzte Richtung ein.

Mit einem schlechten Gewissen kehrte Mimiru am frühen Abend schweren Herzens allein nachhause zurück. Trotz stundenlanger Suche hatten sie Kazuo nicht finden können und schließlich aufgegeben. Nachdem Misa und Rie sich von ihr verabschiedet hatten, hatte Mimiru noch alleine weitergesucht, doch mit jeder weiteren verstreichenden Minuten erschien ihr ihr Vorhaben immer sinnloser. Nun verkündete sie kleinlaut ihre Heimkehr und schlich mit einem mulmigen Gefühl ins Wohnzimmer. Wie sollte sie ihrem Vater ihr Scheitern erklären? Wenngleich sie sich nicht daran erinnern konnte, dass sie jemals wirklich Ärger von ihm bekommen hatte, fürchtete sie sich trotzdem. Immerhin ging es hier um Kazuo, der geistig nicht ganz auf der Höhe war...
Ihr Vater kam ihr bereits entgegen. Sein Haar war nass und ein Handtuch hing um seine Schultern. „Wieder zurück?“, meinte er lächelnd. „Und? Habt ihr euch gut amü...“
Ehe er zu Ende sprechen konnte ließ sich Mimiru schluchzend in seine Arme fallen. Durch die Wucht ihres Zusammenstoßes rutschte ihm sogar das Handtuch von den Schultern.
„Es tut mir leid, es tut mir leid, es tut mir leid! Ich habe versagt!“, rief Mimiru.
„Na hör mal, Mäuschen...“, sagte er sanft, schloss die Arme um sie und drückte sie schützend an sich. „Eine Zwei in der Mathearbeit ist doch wirklich keine Schande.“ Er verstand ihre Reaktion falsch und bezog sie auf ihre kürzlich geschriebene Mathearbeit. Ein Schweißtropfen rann Mimiru die Schläfe hinunter. „Außerdem haben dir ja bloß drei Punkte bis zur Eins gefehlt. Also, versagen würde ich das nicht nennen.“
„Davon red ich doch gar nicht!“, klärte Mimiru ihn entnervt auf.

Sie setzten sich ins Wohnzimmer, wo Mimiru ihrem Vater schließlich beichtete, dass sie Kazuo unterwegs verloren und nirgends hatten finden können; dass er spurlos verschwunden war. Noch immer erwartete sie Ärger und machte sich bereits auf ein Donnerwetter gefasst.
„Verstehe...“, meinte ihr Vater schließlich ruhig. „Ihr habt ihn also nicht mehr gefunden... tja... Dann warten wir mal, bis er wieder hier aufkreuzt.“
Fassungslos starrte Mimiru ihren Vater an, der die Ruhe weg hatte. Er schien sich nicht die geringsten Sorgen um Kazuo zu machen. „Ist das dein Ernst?!“
„Ja, wieso?“, zeigte er sich verständnislos ob ihrer Reaktion. „Ach, hab ich dir das gar nicht erzählt? Kazuo wohnt gar nicht weit weg von hier. Zu Fuß dauert es ungefähr eine halbe Stunde. Ich nehme an, dass er dort ist.“
„Und sein Vater?“, erkundigte Mimiru sich verwundert. Es überraschte sie, dass dieser Junge schon so lange in ihrer Nähe gewesen war, ohne dass sie je zuvor miteinander zu tun gehabt hatten.
„Sein Vater ist noch im Urlaub.“ Also wäre Kazuo ganz alleine zuhause. Was könnte er dann dort wollen?

Es war kurz vor Mitternacht und bereits dunkel draußen, als Mimiru immer noch im mittlerweile dunklen Wohnzimmer saß, im Schlafanzug und vorm laufenden Fernseher. Ihr Vater war bereits ins Bett gegangen, doch Mimiru wartete weiter geduldig auf Kazuo.
„Ach, Kazuo...“, murmelte sie gereizt. „Komm doch bitte endlich nachhause... Es gibt soviel das ich dir sagen möchte...“ Sie knackte unheilvoll mit ihren Fingerknöcheln und starrte aus müden Augen auf den flimmernden Bildschirm, ohne das Geschehen darauf wirklich wahrzunehmen.
Plötzlich hörte sie das Klacken der Haustür und im Flur wurde das Licht angeknipst. Mit vor der Brust verschränkten Armen stapfte Mimiru in den Flur und nahm den nächtlichen Ankömmling mit düsterer Miene in Empfang.
„Ach... Gedenkt der Herr endlich nachhause zu kommen?“
„Warum regst du dich so auf?“, meinte Kazuo bloß verständnislos. „Zuhause durfte ich...“
„Jetzt hör mir mal gut zu, Freundchen!“ Sie trat auf ihn zu und packte ihn grob an den Schultern. Dass er offensichtlich keinen Gedanken daran verschwendete, dass sie sich Sorgen um ihn gemacht haben könnte, steigerte Mimirus Wut nur noch. „Es ist mir ganz egal, was du zuhause darfst! Hier hast du dich an gewisse Regeln zu halten, verstanden?!“
Der zunächst perplexe Kazuo ließ den Kopf hängen, was Mimiru etwas den Wind aus den Segeln nahm. War sie jetzt etwa doch zu harsch zu ihm gewesen? Bereute er, was er getan hatte? Oder war etwas vorgefallen? War ihm doch irgendetwas zugestoßen?
„Was ist los?“, wollte sie vorsichtig wissen. „Raus mit der Sprache, was ist los?“
„Ich... ich glaub, ich hab heute etwas Schlimmes getan...“
„Ach was!“, bestätigte Mimiru säuerlich.
„Ich habe heute einem Mädchen in den Ausschnitt gestarrt...“, gab Kazuo leise zu.
„Wieso erzählst du mir das?“
„Weil sie es sonst nicht bemerkt hätte“, endete Kazuo grinsend und erst jetzt fiel Mimiru auf, dass er ihr gerade großzügig in den locker sitzenden Ausschnitt ihres Hemdes gestarrt hatte.
„DU BASTARD!!!“

Als Mimiru am nächsten Morgen vom Gezwitscher der Vögel geweckt wurde und sich herzhaft streckte, wünschte sie sich, Kazuo wäre am Vortag doch auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Der Mistkerl hatte sie im Schlaf schon wieder bis auf die Unterwäsche ausgezogen!

Subaru vollzog ihr übliches Morgenritual, das aus einer Tasse Kaffee und dem Checken ihrer Mails bestand. Als sie ihr Postfach öffnete, setzte ihr Herz einen Schlag aus.
Dort lagerte eine Nachricht von Tsukasa.
Der Wavemaster war aus der Versenkung zurückgekehrt und hatte Kontakt mit ihr aufgenommen. Erleichterung und Freude überkamen sie.
„Tsukasa...“

To be continued...
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