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.hack//REALITY

von Caligula
GeschichteDrama, Familie / P16 / Het
Bear BT Mimiru Sora Subaru Tsukasa
05.01.2014
09.10.2017
5
17.861
3
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Dieses Kapitel
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05.01.2014 4.420
 
//Gast

Sechs Uhr morgens. Mit einem schrillen Piepen riss der Wecker die sechzehnjährige Mimiru aus dem Schlaf. Müde schlich das Mädchen ins Badezimmer und betrachtete das blasse und erschöpfte Gesicht, das ihm aus dem Spiegel entgegenblickte. Vor Sorge hatte sie kaum geschlafen. Tsukasa war wieder einmal spurlos verschwunden.

Alles hatte mit dem weltweit erfolgreichen Onlinespiel ´The World´angefangen. Wie Millionen andere Nutzer hatte Mimiru sich angemeldet, ihren individuellen Charakter erstellt und als tapfere Schwertkämpferin verschiedene Abenteuer in der Fantasiewelt erlebt. Monster bekämpfen, im Level aufsteigen, Schätze finden, Items tauschen und Bekanntschaften schließen - das alles hielt den Teenager, wie so viele Menschen rund um den ganzen Globus, stundenlang vorm Computer gefangen. Eine dieser Bekanntschaften, die Mimiru in ´The World´gemacht hatte, war Tsukasa.
Niemand wusste genau wer Tsukasa eigentlich war und wer sich hinter dieser Spielfigur verbarg. Mimiru hatte den jungen Wavemaster, ein Magier, zufällig kennengelernt und war sofort in gewisser Weise von ihm fasziniert gewesen. Er war unfreundlich und sehr distanziert. Wenn er etwas sagte, klang es stets genervt und lustlos. Es war das komplette Gegenteil von Mimiru. Noch faszinierender war er aber geworden, als sie und ihr Bekannter Bear ein mysteriöses Rätsel um Tsukasa aufgedeckt hatten: Er war im Spiel gefangen und konnte sich nicht mehr ausloggen. Das Spiel war für Tsukasa zur Realität geworden und das auf die grausamste Weise. Er war in der Lage Empfindungen wahrzunehmen; er spürte Hitze, Kälte und Schmerz. Der Fall Tsukasa beschäftigte immer mehr Menschen.
Inzwischen hatten sie ihn mit der mysteriösen Krankheit in Verbindung gebracht, der immer mehr Spieler von ´The World´zum Opfer fielen: Aus bislang unerklärlichen Gründen fielen Menschen, während sie vorm Computer saßen und spielten, in ein Koma. Niemand konnte sich dieses Phänomen erklären. Keines der Opfer war bislang wieder zu Bewusstsein gekommen, um schildern zu können, was im Spiel geschehen war und was möglicherweise der Auslöser für die Krankheit sein könnte.
Bear war davon überzeugt, dass der reale Tsukasa ebenfalls ein Opfer dieses Phänomens war und sich wahrscheinlich deswegen nicht mehr ausloggen konnte. Zusammen mit einer Bekannten, Subaru, die eine administratorische Rolle im Spiel innehatte, hatte er anhand aller Informationen, die sie über Tsukasa hatten zusammentragen können, ein Profil über ihn erstellt und ein junges Mädchen im Verdacht, dass ebenfalls im Zuge des Spiels ins Koma gefallen war.
Während Bear und Subaru weitere Nachforschungen über den realen Tsukasa anstellten, hatte Mimiru eine Art Freundschaft zu dem Wavemaster aufgebaut und bemühte sich, ihm im Spiel etwas bei Laune zu halten, auch wenn der verschlossene und zuweilen garstige Junge es ihr nicht gerade leicht machte. Trotz allem hatte sie ihn irgendwie ins Herz geschlossen und war stets in Sorge um ihn, da er hin und wieder scheinbar spurlos von der Bildfläche verschwand.
Doch wohin konnte er verschwinden, wenn er das Spiel nicht verlassen konnte?

„Komm doch mit, Tsukasa“, hatte sie bei ihrem letzten Treffen, gewohnt munter, vorgeschlagen.

Sie und eine Freundin, A20, hatten geplant an einem spieleinternen Event teilzunehmen und Mimiru hatte Tsukasa einladen wollen, sie zu begleiten, um ihn aus seinem tristen Alltag zu befreien. Mimiru startete des Öfteren derartige Versuche, die nicht immer erfolggekrönt waren. Diesmal hatte sich Tsukasa jedoch geschlagen gegeben.
Aber Mimirus Freude hatte nicht lange anhalten sollen. Plötzlich hatte sich Tsukasas Blick verändert. Etwas wachsames hatte darin gelegen, als wäre ihm gerade etwas eingefallen. Und ohne sich zu erklären oder auch nur einen Ton von sich zu geben, war er verschwunden.

Seitdem hatte ihn niemand mehr gesehen. Dieser Vorfall war inzwischen fast zwei Wochen her.

Auch in der Schule konnte nichts die Sorge um den Freund vertreiben und Mimiru konnte sich nur schwer auf den Unterricht konzentrieren. Erst ihre Freundinnen rissen sie, während der Pause, unsanft aus ihren Gedanken.
„Hey, Mimiru!“
Erschrocken fuhr die Oberschülerin zusammen. „Rie... Misa... Was ist?“, fragte sie seufzend.
„Komisch, das wollten wir dich fragen“, erwiderte die ruhigere Rie lässig. Sie und die quirlige Misa hatten vor Mimirus Platz Stellung bezogen und musterten die Freundin besorgt und neugierig.
„Ach... es ist wegen meinem Internetfreund Tsukasa. Der macht mir mal wieder etwas Kummer“, berichtete sie schwermütig. Ihre Freundinnen spielten nicht ´The World´, doch Mimiru hatte ihnen oft davon, und von Tsukasa im Speziellen, erzählt. Da es sich bei Tsukasa allem Anschein nach um einen Jungen handelte, hatte sie mit ihm tatsächlich das Interesse der anderen Mädchen geweckt.
„Hey, lass uns doch nach der Schule etwas unternehmen!“, schlug Misa euphorisch vor. „Das bringt dich sicher auf andere Gedanken!“
„Sorry, ohne mich“, wehrte Mimiru sofort ab. „Ich muss nach der Schule sofort nachhause. Wir bekommen heute einen Gast.“
Eine weitere Last, die zukünftig auf Mimirus Schultern liegen würde. Ein Bekannter ihres Vaters musste seinen Sohn vorläufig unterbringen und ihr Vater hatte bereitwillig den Vorschlag unterbreitet, den Jungen vorübergehend aufzunehmen. Da Mimiru allein mit ihrem Vater lebte und dieser den ganzen Tag arbeitete, bedeutete das zwangsläufig, dass sie sich überwiegend mit dem Gast würde beschäftigen müssen. Vielleicht würde ihr die Ablenkung ja auch ganz gut tun.
„Ein Typ also!“, war die Quintessenz, die Misa kichernd aus Mimirus Schilderung herausfilterte. Auch Rie zeigte ein verdächtiges Grinsen. „Wie alt ist er denn?“
„Vierzehn...“, antwortete Mimiru verständnislos. Dann erst wurde ihr schlagartig bewusst, worauf die Kichererbsen hinauswollten.
„Na, der wird dich schon trösten!“
„BITTE WAS?!!“

Grummelnd und schimpfend kehrte Mimiru am späten Nachmittag nachhause zurück. Manchmal fragte sie sich ernsthaft, wie sie es mit diesen albernen Mädchen aushielt. Gerade Misa war mitunter sehr anstrengend und schien sich für nichts anderes als Jungs und Klamotten zu interessieren. Möglicherweise war Mimiru aber auch einfach zu erwachsen für ihr Alter...
Sie hegte jedenfalls keinerlei Hintergedanken, als sie das Wohnzimmer betrat, wo ihr Vater mit ihrem Gast bereits wartete.
„Ah, Mimiru!“, wurde sie freudig von ihrem Vater in Empfang genommen. Er saß mit ihrem Gast auf dem Sofa, bei einer gemütlichen Runde Orangensaft. Der Junge war sehr blass und schmal. Alles in allem machte er einen recht kränklichen Eindruck. Er war knapp einen Kopf kleiner als Mimiru, wie sie feststellte, als er sich erhob, um ihr die Hand zu reichen. Seine Hände wurden halb von den Ärmeln seines zu großen Shirts verdeckt und sein Händedruck war kraftlos. „Mimiru, Kazuo. Kazuo, Mimiru“, machte ihr Vater die beiden miteinander bekannt.
„Freut mich, Mimiru“, grüßte Kazuo freundlich.
„Ja, mich auch“, erwiderte Mimiru, ebenfalls lächelnd. Ihr erster Eindruck von ihrem neuen Mitbewohner war positiv.
Sie führte ihn in den ersten Stock des Hauses in ihr Zimmer, das sie zukünftig, mangels eines Gästezimmers, mit ihm gemeinsam bewohnen würde. Anfangs, als ihr Vater ihr von ihrem vorläufigen Familienzuwachs erzählt hatte, hatte sie ihre Bedenken gehabt, doch nun, wo sie Kazuo kennengelernt hatte, waren ihre Zweifel weitestgehend ausgeräumt.
„So, das hier ist mein Zimmer“, verkündete sie. „Aber ich bin bereit, es mit dir zu teilen.“ An der gegenüberliegenden Wand ihres Bettes hatten sie Kazuo eine Matratze hingelegt. Er nahm es schweigend zur Kenntnis; seine Miene verriet nicht, was er dachte.
Wie aus dem Nichts tauchte Mimirus Vater hinter den Jugendlichen auf.
„Kazuo“, sagte er lächelnd und klopfte dem Jungen väterlich auf den Rücken. „Was hältst du davon ein entspannendes Bad zu nehmen, während Mimiru und ich das Abendessen vorbereiten?“ Mimiru entging nicht, dass ihr Vater sie entschieden Richtung Zimmertür schob. „Ich zeige dir das Bad. Und wenn du Hilfe brauchst, schrei.“

Sobald Kazuo im Bad verschwunden war, tauschte Mimiru die Schuluniform gegen ein bequemes Shirt und Shorts und folgte anschließend ihrem Vater in die Küche. Während sie das Essen zubereitete, saß ihr Vater hinter ihr am Küchentisch und beobachtete sie.
„Und? Was meinst du?“, fragte er nach einer Weile.
„Zu wenig Salz.“
„Nein, ich meine wegen Kazuo.“
„Naja, er wirkt etwas kränklich“, schilderte Mimiru ihren Eindruck. „Aber er scheint ganz nett zu sein.“
„Wenn er dir irgendwie blöd kommt, Mimiru, dann sag mir Bescheid“, verlangte ihr Vater ungewöhnlich ernst und Mimiru drehte sich verwundert zu ihm um.
„Versuchst du etwa, mich gegen ihn aufzuhetzen?“, wunderte sie sich. „Wo du ihn hier angeschleppt hast?“
„Quatsch“, widersprach er sofort. „Ich möchte nur, dass du vorsichtig bist. Der Junge hat seit geraumer Zeit nicht mehr alle Tassen im Schrank...“
Mit dieser mysteriösen Bemerkung beendete er das Gespräch vorerst.

Beim Abendessen herrschte eine gezwungen freundliche Stimmung. Kazuo war so ruhig, wie Mimiru ihn kennengelernt hatte, doch seit der rätselhaften Warnung ihres Vaters, war sie misstrauisch. Inwiefern hatte dieser Junge nicht alle Tassen im Schrank? Er wirkte vollkommen normal. Mimiru bemühte sich um eine freundliche Miene, alle Bedenken beiseite schiebend.
„Hau ordentlich rein, Kazuo“, sagte sie strahlend. „Schließlich hab ich mir für dich besonders viel Mühe gegeben! Und? Wie schmeckt es dir?“, wollte sie ungeduldig wissen, kaum dass Kazuo den ersten Bissen zu sich genommen hatte.
„Tut mir leid!“, rief Kazuo nach einer Weile, fast panisch, aus.
„Äh... kein Problem...“, beruhigte Mimiru ihn perplex. „Wenn du mir jetzt noch verrätst, was dir so leid tut...?“
„Das, was ich gesagt habe...“, stammelte der Junge schwitzend, den verstörten Blick nach unten gerichtet.
„Du hast doch gar nichts gesagt...“
„Ich hab ´Scheiße´ gesagt...“
„Wann sollst du das denn gesagt haben...?“
Kazuo erhob sich und hielt sich fröstelnd die Arme. Mit gesenktem Kopf schlich er Richtung Flur. „Ich will ins Bett gehen“, erklärte er.
„Warte, ich bring dich“, bot Mimiru sofort an und sprang ebenfalls auf. Sie konnte sich sein Verhalten nicht erklären und war teils um ihn, teils um sich selbst besorgt. Was stimmte nicht mit Kazuo und wie würde das Zusammenleben mit ihm wohl funktionieren?

Sie lag noch lange wach in ihrem Bett, das Gesicht zur Wand gerichtet, und fand im Gegensatz zu Kazuo, der keinen Mucks von sich gab, einfach keinen Schlaf. Sie fragte sich, ob Kazuo wirklich ein ernsthaftes Problem hatte. Vielleicht hatte er ja vorhin einfach zu heiß gebadet?
Erschrocken fuhr sie hoch, als der plötzlich an ihrem Bett vorbeischlurfte. Ein Lichtschein drang ins Zimmer und wurde immer kleiner, bis er mit dem Klacken einer zufallenden Tür verschwunden war. Dann hörte man Wasser plätschern. Mimiru versuchte das Geräusch auszublenden und zerbrach sich weiter den Kopf über Kazuo.
Bestimmt war er traurig, dass sein Vater ihn einfach so zu wildfremden Leuten abschob. Ob er sich wohl gut mit seinem Vater verstand? Schwer seufzend stellte sie fest, dass ihr dieser Typ genauso viel Kopfzerbrechen bereitete wie Tsukasa...
Plötzlich spürte Mimiru einen schwachen Windhauch und ein fremdes Gewicht beschwerte ihr Bett zusätzlich. Als sie sich umdrehte, entdeckte sie Kazuo, der mit müdem Blick rücklings neben ihr lag, die Hände in die Taschen seines Sweatshirts vergraben. Seine Dreistigkeit machte sie für einen Moment sprachlos.
„Hey, Kazuo, warum schläfst du nicht in deinem Bett?“, wollte sie ruhig wissen und setzte sich auf. Kazuo drehte sich zur Seite und drehte Mimiru so den Rücken zu.
„Ich... Ich kann alleine nicht schlafen...“, gestand er müde. Es fiel Mimiru schwer zu glauben, dass der Junge neben ihr nur zwei Jahre jünger sein sollte als sie. Doch die ganze Situation war sicherlich einfach zu viel für ihn und so zeigte sich die Ältere verständnisvoll und ließ Kazuo, zumindest für diese eine Nacht, gewähren.

Ihre Freundinnen Rie und Misa erschraken fast zu Tode, als sie Mimiru am nächsten Morgen auf dem Schulweg antrafen.
„Guten Morgen...“, grüßte diese mit krächzender Stimme und tiefen Schatten unter den Augen. Blass und sich an eine Straßenlaterne abstützend, wirkte sie eher tot als lebendig.
„Wie siehst du denn aus...?“, fragte Rie besorgt.
„Uh... Ich hab die ganze Nacht kein Auge zugekriegt...“, stöhnte Mimiru gequält. Am liebsten wäre sie einfach im Bett liegen geblieben. Doch ob sie dann noch Schlaf gefunden hätte, war fraglich...
„Dein Gast hat dich wohl ziemlich auf Trab gehalten!“, gab Misa grinsend von sich. Sie bereute ihren Kommentar schnell, als die sehr gereizte Mimiru sich auf ihre Freundin stürzte und an ihren praktischerweise zwei Zöpfen zog.
„Nein, aber jetzt mal ernsthaft“, ignorierte Rie die qualvollen Schreie Misas. „Was war los?“
„Zugegeben, es ist wegen dem Gast“, erklärte Mimiru, ohne die quengelnde Misa aus ihren Klauen freizugeben. „Er heißt Kazuo und ist etwas seltsam... aber seine Schlafgewohnheiten sind krank!“

Sie ließ Kazuo also ausnahmsweise, anlässlich der Aufregung der ersten Nacht im neuen Heim, in ihrem Bett schlafen. Er machte überhaupt einen recht kindlichen Eindruck, sodass sie seiner Aussage, er könne alleine nicht schlafen, Glauben schenkte.
„Aber dann hol dir wenigstens noch deine Decke“, forderte sie.
„Zu müde“, erklärte Kazuo im Halbschlaf. „Ich schlaf so...“
„Kommt gar nicht in Frage“, widersprach Mimiru und kletterte aus dem Bett, um seine Decke zu holen. „Du erkältest dich noch.“
Gerade hatte seine seine Decke aufgesammelt, als sie ein schnarchendes Geräusch wahrnahm. Bereits das Schlimmste befürchtend, drehte sie sich wieder zum Bett um, wo Kazuo, alle Viere von sich gestreckt, auf dem Rücken lag und tief und fest schlief.
„Nein, warte, Kazuo! Bitte!“, flehte Mimiru panisch.
Es war bewundernswert, wie schnell er eingeschlafen war, während Mimiru noch hellwach war! Er ließ sich auch nicht mehr wecken. Sie versuchte ihre Decke, auf der er halb drauf lag, unter seinen Beinen wegzuziehen, als mit einem Mal seine Beine hochschnellten und Mimirus Kopf in einer festen Umklammerung hielten, wie man sie aus Wrestlingkämpfen kannte. Sie sank auf die Knie und versuchte panisch, sich aus seiner Umklammerung zu befreien. Nicht nur dass diese Stellung äußerst peinlich war, Mimiru wurde außerdem die Luft abgedrückt! Schließlich entspannte Kazuo sich wieder und gab die schwitzende und keuchende Mimiru frei. Allerdings konnte sie ihre Freiheit nicht allzu lange genießen; schmerzhaft spürte sie seinen Fuß im Gesicht, der sie brutal zur Seite riss.
Wütend krempelte Mimiru die Ärmel ihres Pyjamas hoch und musste sich ermahnen, dass Kazuo ja schlief und ihr nicht absichtlich so zusetzte. Sie rollte ihn zur Wand und legte sich schließlich auf die äußere Hälfte des Bettes, deckte sich zu und schloss erschöpft die Augen. Zumindest war sie nun selbst müde genug, um schlafen zu können...
... doch Kazuo war noch nicht fertig mit ihr. Er drehte sich schwungvoll zu ihr um und schlug ihr dabei hart die Hand ins Gesicht.
Und so ging es die ganze Nacht weiter. Er klammerte sich kuschelnd an sie, machte sich so breit, dass Mimiru kurzzeitig keinen Platz mehr im Bett hatte oder lag halb auf ihr drauf.
Zum ersten Mal empfand sie das schrille Piepsen des Weckers als wahre Erlösung.

„Warum hast du nicht auf der Matratze geschlafen...?“, wollte Rie verständnislos wissen.
„Ich lass mich doch nicht aus meinem eigenen Bett vertreiben!“, erklärte Mimiru, wieder hochmotiviert und voller Kampfgeist, womit sie auch nicht mehr Verständnis von ihren Freundinnen erhielt...

Als sie nachhause kam, kam Kazuo ihr entgegen. Er hatte Schuhe an und schien gerade das Haus verlassen zu wollen.
„Ich wollte nur ein bisschen die Gegend erkunden“, erklärte der Junge auf Mimirus Erkundigung hin. Ihr Angebot, ihn zu begleiten, schlug er dankend aus. Sie verabschiedeten sich lächelnd, als wäre nichts gewesen, voneinander und Mimiru ließ den Jüngeren ziehen. Etwas an seiner Mimik erinnerte sie stark an Tsukasa. Wie der Wavemaster war er ihrem Blick während des Gesprächs ausgewichen...
Tsukasa!
Eilig lief sie die Treppe rauf und in ihr Zimmer und schaltete sofort den Computer ein. Möglicherweise hatte Bear ja etwas neues bezüglich Tsukasa herausgefunden!
Bear hatte sich nach dem Mädchen, das sie für Tsukasa hielten, erkundigt. Sie lag immer noch im Koma und Mimirus sowie Bears Verdacht war, dass Tsukasas Verschwinden im Spiel etwas mit dem Gesundheitszustand der jungen Komapatientin zu tun hatte, doch laut dem erfahreneren Schwertkämpfer war ihr Zustand unverändert. Damit hatten sie noch immer keinen Anhaltspunkt, was es mit Tsukasas Verschwinden auf sich haben könnte...

Es war früher Abend. Mimiru hatte sich umgezogen und erledigte ihre Hausaufgaben. Kazuo war wohlbehalten wieder nachhause zurückgekehrt, hatte sich zu Mimiru an den niedrigen Tisch in ihrem Zimmer gesetzt und beobachtete sie summend. Im Gegensatz zu seinem seltsam nervösen Verhalten beim gestrigen Abendessen, wirkte er nun völlig entspannt.
„Du hast aber ziemlich viel auf, hm?“, merkte er an, das Kinn auf eine Hand gestützt.
„Ja, ziemlich...“, stimmte Mimiru sofort zu. Es ärgerte sie, dass die Schule immer mehr Zeit in Anspruch nahm und sie immer weniger zum Spielen kam. „Was ist eigentlich mit dir? Ich meine, musst du denn gar nicht zur Schule?“
„Nein.“
„Nein? Wieso nicht?“, hakte die Oberschülerin neugierig nach.
„Darum.“
„Das ist doch keine Antwort. Möchtest du nicht darüber reden?“
„Nicht mit dir“, säuselte Kazuo lächelnd. Grummelnd sah Mimiru auf. Sie hasste es, ausgeschlossen zu werden, als wäre sie nicht vertrauenswürdig. Und aus welchem Grund Kazuo nicht zur Schule musste, hätte sie wirklich interessiert. Möglicherweise hatte er ja tatsächlich gesundheitliche Probleme. Aber warum hatte ihr Vater dann nichts gesagt?
„Geht dein Freund mit dir zur Schule?“, brachte er Mimiru plötzlich gänzlich aus dem Konzept und aus irgendwelchen Gründen spürte sie, wie sie rot wurde.
„Wie kommst du überhaupt darauf, dass ich einen Freund habe? Das wurde ja nicht mal angedeutet!“
„Na, eine scharfe Braut wie du hat doch sicherlich mindestens einen Typen am Start.“
„Was hast du da gerade gesagt?“, hakte Mimiru gereizt nach; bemüht, ruhig zu bleiben.
„Oh, du hast mich nicht verstanden?“ Kazuo blickte sie vollkommen unschuldig an. Umso verstörender waren die provokanten Worte aus seinem Mund. „Ich hab gesagt, dass du eine scharfe Braut bist, die bestimmt mehr als einen Typen hat“, wiederholte er vollkommen reuelos.
„Jetzt mach aber mal einen Punkt! Wie redest du eigentlich mit mir? Ich bin älter als du!“
„Uh... Sie ist etwas älter als ich“, spielte er bloß hörbar den Beeindruckten. Er war plötzlich wie ausgewechselt. Wo war der ruhige Junge hin, der sich vor einigen Minuten noch zu ihr an den Tisch gesetzt hatte? „Dafür bin ich größer als du!“ Er hatte sich auf den Tisch gestellt, um Mimiru zu überragen, einen Fuß hatte er auf ihr Mathebuch gesetzt.
„Komm sofort runter da!“, wurde Mimiru laut und zog Kazuo entschieden vom Tisch herunter.
„Du wirst doch jetzt nicht heulen, weil ich auf dem Buch stand...“
„Jetzt hör mir mal gut zu, Kleiner! Nur zu deiner Information: Man stellt sich grundsätzlich nicht auf Tische!“
„What did you say? Sorry, I don´t understand your Rechthaberischnesisch...“, gab Kazuo unbeeindruckt zurück.
Mimiru platzte endgültig der Kragen. „Raus hier!“, bellte sie aufgebracht und deutete auf die Tür. „Geh und beruhig dich wieder!“
„Ich will aber nicht gehen!“
„Das ist mein Zimmer und wenn ich dich nicht hier haben will, hast du zu verschwinden!“ Sie schob den Unwilligen zur Tür und schubste ihn unsanft auf den Flur, um ihm sofort die Tür vor der Nase zuzuschlagen.
„Dann werde ich mich umbringen!“, drohte Kazuo. „Und das ist dann deine Schuld!“
„Jetzt hau endlich ab!“
„Gut, dann bring ich mich jetzt um!“ Als von Mimiru keine Antwort mehr folgte, quäkte Kazuo, mit einer Stimme, die Mimirus wohl imitieren sollte: „Ja, mach doch! Dann wirst du nie wieder so gemein sein, dich auf Tische zu stellen!“
Als Mimiru seine, sich entfernenden, Schritte auf der Treppe hörte, atmete sie erleichtert auf. Was in aller Welt war plötzlich in den Typen gefahren? Gestern noch war er ruhig und zurückhaltend gewesen, vorhin war er ruhig, aber freundlich gewesen und nun? Zeigte er nun sein wahres Gesicht? War es das, wovor ihr Vater sie hatte warnen wollen?
„Hey, Mimiru!“ Genervt musste sie feststellen, dass er schon wieder da war. Er musste sich unmittelbar vor ihrer Tür befinden. Mimiru lehnte mit dem Rücken an der Tür und wappnete sich für einen Versuch seinerseits, gewaltsam zurück ins Zimmer zu kommen. Doch das schien nicht sein Vorhaben zu sein. „Ich hab mir jetzt ein Mordwerkzeug besorgt“, erklärte er. „Soll ich anfangen?“
„Ich hab gesagt, du sollst dich beruhigen!“, zeterte Mimiru.
„Danach bin ich ganz ruhig! Ehrlich!“ Sie sparte sich einen weiteren Kommentar, da er sie ja ohnehin nicht ernst nahm. „Also gut!“
Damit kehrte plötzlich Ruhe ein. Kazuo gab keinen Ton mehr von sich und anhand der leisen Geräusche jenseits der Tür, des Raschelns seiner Kleidung, konnte sie nicht erraten, was er denn nun tat. Doch mit einem Mal hatte sie das ungute Gefühl, er könne sich wirklich etwas antun.
Hektisch riss sie die Tür auf.
„Kazuo!“
„Ja?“
Er saß im Schneidersitz vor ihrem Zimmer und blickte fragend zu ihr auf. In der einen Hand hielt er ein Küchenmesser. Den Arm mit der freien Hand hatte er entblößt und ein langer, roter Kratzer zierte seine helle Haut. Er hatte kaum wirklich ins Fleisch geschnitten; der Kratzer war harmlos. Wütend riss sie ihm das Messer aus der Hand.
„Sag mal, spinnst du?!“, keifte sie. „Mit sowas spielt man nicht!“ Kazuo erhob sich und lächelte Mimiru wieder unschuldig an, als könne er kein Wässerchen trüben.
„Sei nicht albern, Mimiru, wegen so einer Kleinigkeit bringt sich doch keiner um! Aber nett, dass du dir solche Sorgen gemacht hast!“

„Also, irgendwie herrscht hier ´ne komische Stimmung...“, bemerkte Mimirus Vater beim gemeinsamen Abendessen. „Findet ihr nicht auch...?“
„Ach, was du nicht sagst!“ Mimiru hatte die Beine übereinandergeschlagen und die Arme vor der Brust verschränkt. Ihr Teller war unberührt. „Das könnte vielleicht damit zusammenhängen, dass unser lieber Kazuo heute etwas neben der Spur war!“, klärte sie ihren Vater gereizt auf. „Und du, Kazuo!“, wandte sie sich dann wütend ihrem Gast zu, der zufrieden summend das Essen auf seinem Teller stapelte. „Hör gefälligst auf, mit dem Essen zu spielen und iss es!“
„Ach, nö... Ich hab keinen Appetit“, erklärte er locker, ohne von seiner Beschäftigung abzulassen.
„Den hast du mir übrigens auch verdorben - vielen Dank!“
„Wenn du keinen Hunger hast, Kazuo, schlage ich vor, du gehst schon mal ins Bett“, mischte sich Mimirus Vater nachsichtig ein. Seltsamerweise fing Kazuo mit ihm keinerlei Diskussionen an und gehorchte, wenn auch wenig begeistert und verschwand nach oben.

Mimiru wartete geduldig, bis ihr Vater mit dem Essen fertig war, dann nutzte sie die traute Zweisamkeit augenblicklich, um ihn im Wohnzimmer zur Rede zu stellen. Die Hände in die Hüften gestemmt, hatte sie sich mit aufforderndem Blick vor ihm aufgebaut.
„Also, Herr Vater, ich verlange eine Erklärung!“ Ihr Vater hatte es sich auf dem Sofa bequem gemacht und rauchte völlig entspannt eine Zigarette. Trotz Mimirus Schilderung dessen, was sich vor wenigen Stunden abgespielt hatte, machte er einen unbekümmerten Eindruck. „Du hast gesagt, er hat nicht alle Tassen im Schrank. Gut, das hab ich dann inzwischen auch mitgekriegt. Was genau stimmt mit dem Typen nicht?“
„Jetzt reg dich doch nicht so auf, Mimiru“, winkte er lächelnd ab. „So schlimm war er heute doch gar nicht.“
„Nicht so schlimm?!“, wiederholte Mimiru fassungslos. „Ja, klar, vielleicht sehe ich das ja etwas engstirnig, aber ich finde es trotzdem beunruhigend, wenn ein Kind sich ohne mit der Wimper zu zucken mit scharfen Gegenständen Wunden zufügt!“, sagte sie in sarkastischem Tonfall.
„Immerhin hat er sich nicht umgebracht, damit hatte er dir doch gedroht“, entgegnete ihr Vater äußerst pragmatisch.
„Weil ich rechtzeitig dazwischen gegangen bin! Ich will gar nicht wissen, was passiert wäre, wenn ich ihn weiter ignoriert hätte...“ Sie ließ sich betrübt auf dem Boden nieder und schlang die Arme um die Knie.
„Er hätte sich nicht umgebracht“, beharrte ihr Vater. „Er hat bloß drastisch versucht ins Zimmer zu kommen.“
„Schlimm genug“, meinte Mimiru. „Bei dem sitzt wirklich eine Schraube locker. War der schon immer so?“
„Nein, erst seit knapp sechs Jahren.“
„Was war denn vor sechs Jahren?“ Der Sorglosigkeit ihres Vaters war mit einem Mal wie weggeblasen, als hätte Mimiru eine bestimmte Grenze überschritten. Er drückte seine Zigarette im Aschenbecher aus und wich ihrem Blick aus, als er mit belegter Stimme antwortete:
„Sorry, aber... ich kann nicht darüber sprechen...“
Mimiru war überrascht und besorgt über seinen plötzlichen Sinneswandel. So kannte sie ihren Vater überhaupt nicht. Trotz der schweren Last, die er als Witwer und alleinerziehender Vater zu tragen hatte, war er stets gut gelaunt und unbeschwert. Naiverweise war Mimiru nie der Gedanke gekommen, dass auch er manchmal zu kämpfen hatte.
„Jedenfalls hat sich Kazuo damals verändert“, begann er, wieder in aufrechter Sitzhaltung, zu erzählen. „Der Junge drehte vollkommen am Rad... Es ist schwer zu beschreiben. Seine Psyche ist vollkommen instabil; er hat Gedächtnislücken, Aggressionen, manchmal kann er Traum und Realität nicht voneinander unterscheiden und wie du selbst schon festgestellt hast, leidet in geringem Maße auch an selbstverletzendem Verhalten. Er lebt nach seinen eigenen Regeln, ohne Rücksicht auf Verluste. Er isst kaum und schläft sehr unruhig. Sein Arzt hat ihm Tabletten verschrieben, aber Kazuo nimmt sie nicht und wenn dann nur, um sie bei der nächsten Gelegenheit wieder auszuspucken.“
Mimiru hörte ihrem Vater gebannt zu. Das erklärte zumindest, weshalb Kazuo von der Schule freigestellt war.
„Als sein Vater versucht hat, ihm die Medikamente gewaltsam zu verabreichen, hat Kazuo ihm mit einem Aschenbecher eins übergezogen. Die Kopfverletzung war nicht allzu schlimm, aber in dem Moment hat Takeshi aufgegeben. Er war mit den Nerven am Ende und hat Kazuo zu Verwandten gebracht. Doch niemand kam mit dem Jungen zurecht. Von einem Verwandten zum nächsten geschickt, versuchte er irgendwann tatsächlich, sich das Leben zu nehmen. Schließlich ist er zu uns gekommen, in der Hoffnung, dass er hier, fernab der Familie, etwas zur Ruhe kommt...“
„Vor sechs Jahren ist Kazuos Mutter gestorben, nicht wahr...?“, warf Mimiru vorsichtig in den Raum, da diese mit keinem Wort erwähnt worden war. Das Schweigen ihres Vaters war Antwort genug und ihr war außerdem sofort klar, dass er Kazuos Mutter gekannt haben musste, wie seine nächsten Worte bestätigten.
„Ich... ich kann einfach nicht darüber reden, okay? Ich wollte die ganze Geschichte vergessen... und dann taucht ausgerechnet ihr Sohn hier auf...“
Diese ganze Geschichte nahm auch Mimiru sehr mit und sie verspürte Mitleid mit Kazuo. Auch sie hatte ihre Mutter früh verloren, nur schien er diesen Verlust überhaupt nicht verarbeiten zu können...
Was den Umstand, einen kleinen Psychopathen im Haus zu haben, nicht unbedingt angenehmer gestaltete.
„Und mit so einem Kerl lässt du mich ein Zimmer teilen?!“, rief sie empört und doch schon etwas entspannter. Jetzt, wo sie seine Geschichte kannte und begann, ihn ansatzweise zu verstehen, machte er ihr nur noch halb so viel Angst. Das Stichwort ´Zimmer teilen´ brachte Mimiru jedoch wieder auf das gestrige Problem, von dem sie plötzlich befürchtete, es könne sich wiederholen... „Scheiße! Der belagert doch bestimmt wieder mein Bett!“
Eilig stapfte sie die Treppen rauf und ließ ihren wieder entspannten Vater, der sich seufzend die nächste Zigarette angezündet hatte, im Wohnzimmer zurück.

Ein strahlender Kazuo erwartete sie bereits in ihrem Bett. Wie Mimiru befürchtet hatte.
„Hi!“, grüßte er fröhlich.
„Raus aus meinem Bett!“, schimpfte sie sofort.
„Ich möchte aber gerne hier schlafen!“
„Mir doch egal! Du hast dein eigenes Bett!“
„Bitte, Mimimäuschen!“
„Nein! Und gewöhn es dir bloß nicht an, meinen Namen zu verniedlichen!“
„Dann bring ich mich um!“

Sie war einfach zu gutmütig. Statt hart zu bleiben, ließ sie sich von Kazuo, der daraufhin die ganze Nacht wie eine Klette an ihr klebte, erpressen. Wie sollte sie das Zusammenleben mit diesem kleinen Psycho bloß überstehen?

To be continued...
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