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von -Mai-
GeschichteMystery, Sci-Fi / P12 Slash
01.01.2014
01.01.2014
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Der Mann, der bald sogar seinen Namen vergessen würde, ging langsam durch die leeren Flure der Einrichtung. Sein Geist war von der Vergangenheit angefüllt, als ob er sich an etwas klammern würde, das schon dabei war aufzuhören zu existieren. Nur noch ein paar Stunden... und der Schmerz würde verschwinden. Die Gesichter würden verschwinden, das Lächeln, das Verlangen und sogar das Blut. All das Blut, all der Schmerz. Seine Zukunft war klar. Ab hier gab es nur noch einen Weg, den er einschlagen konnte. Keine Fluchtmöglichkeiten mehr.

"Heute ist es soweit" hatte der Kalte am Morgen zu ihm gesagt. Er kannte seinen Namen nicht, "Namen sind überflüssig, sie werden so oder so gelöscht, wenn Sie sich dafür entscheiden. Es wird nichts übrig bleiben."

Sich dafür entscheiden. Was waren sie doch freundlich. Als ob er wirklich eine Wahl hätte. "Wir haben das schon oft versucht. Die meisten sind gestorben. Sind Sie sicher, dass sie das tun wollen?" Denn wenn er nicht sicher war, gab es kaum eine Chance, dass er überleben würde. Sie brauchten jemanden, der darum kämpfte. Das war der einzige Grund dafür, dass sie nicht einfach irgendeinen obdachlosen, drogensüchtigen Verlierer von der Straße geholt hatten. Stattdessen hatten sie sich die Mühe gemacht einen Freiwilligen zu finden, ohne dabei andere Leute auf sich aufmerksam zu machen, mächtige Leute, die diesen Wahnsinn stoppen wollen würden. Nur, wer würde sich für so etwas freiwillig melden? Sein schmerzvolles Leben zwar verlieren, aber nur um danach sogar mehr Leid zu erleben, mehr Leid zu verursachen.

Nur ein Mann, der alle Möglichkeiten verloren, alle Auswege verbaut hatte, und sich trotzdem noch verzweifelt ans Leben klammerte. Ohne Hoffnung, aber immer noch angefüllt mit schierem Verlangen und deshalb nicht fähig zu sterben. Ein Mann wie er.

Heute war es also soweit. Er hatte versucht, seinen Frieden zu machen, den Gesichtern der Menschen, die er einmal geliebt hatte Auf Wiedersehen zu sagen. Geliebt... Er wusste noch, wie es sich anfühlte zu lieben, wie es wehtat, er konnte sich nicht vorstellen, wie er jemals fähig sein sollte, sogar das zu vergessen. Er spürte Schweiß über seinen Rücken rinnen, war für einen Moment kurz davor in Panik auszubrechen, ehe er sich daran erinnerte, dass es nicht mehr wichtig war. Nichts war wichtig. Er musste nur ruhig sein, sich zusammenreißen, für eine kleine Weile noch. Er würde die Operation überstehen. Sterben war unmöglich, er wusste es, hatte es schon versucht. Und alles überlebt.

Das Geräusch von Schritten, die auf ihn zukamen, wäre eine Überraschung gewesen, hätte er noch genug Energie gehabt um etwas wie Überraschung zu empfinden. Er hatte in den Tagen, die er in der Einrichtung verbracht hatte, nicht viele Leute getroffen.

Eine kleine Gruppe kam ihm entgegen. Einen Moment lang dachte er, sie wären seinetwegen hier, dass sie ihn mitnehmen wollten und diesen ganzen verdammten Ort stilllegen und er würde all die Erinnerungen behalten und weiterhin weder leben noch sterben.

Aber das waren sie nicht. Sie alle trugen die Uniform der Einrichtung, Kunststoff und Metall verdeckte ihre Körper. Dunkle, gesichtslose Figuren, die, das könnte er manchmal schwören, ihre Seele irgendwo verloren hatten.

Und zwischen all dem schwarz und blau ging etwas - jemand - vollkommen anderes. Sicher, auch seine Kleidung war dunkel, aber sie waren wie ein Blick auf die Außenwelt, eine Welt ohne leere Flure und obskure Versprechungen. Und seine Haut, sein Haar, sogar seine Augen waren hell. Der Mann, der sich von seinem Namen verabschiedet hatte, konnte nichts dagegen tun, von diesem Gesicht, nein, der ganzen Person, gefangen zu sein.

Es war, als würde ihm das Schicksal entgegen kommen, als würde er eine Zukunft sehen, voller Tod und Schmerz und daneben... ganz nah... etwas anderes. Eine Ahnung von Verhängnis fuhr durch seinen Körper, brachte seine Haut zum Jucken und seine Sinne zum Prickeln. Plötzlich fühlte er, wie Energie durch seine Glieder flutete. Er war ein Raubtier, das nach langer Zeit des Hungerns endlich die Spur einer Beute aufgenommen hatte.

Als die Gruppe sich ihm näherte, sah der lichte Mann auf und sein Blick traf den Namenlosen. Er erkannte seinen Ausdruck sofort wieder. Es war Hoffnungslosigkeit, gepaart mit dem sturen Willen zu leben, fast versteckt hinter einer Wand aus allesverschlingender Leere. Aber der Mann zögerte nicht einmal in seinen Schritten, sein ganzer Körper drückte Entschlossenheit aus.

Und als der Namenlose seinen Weg zum Überleben weiterging, wusste er genau, was der andere Mann tun würde. Dass sie die gleiche Entscheidung getroffen hatten, zur selben Art gehörten. Das er das Licht zu seiner endlosen Dunkelheit getroffen hatte, die Sonne zu seinem sternenlosen Himmel. Und das er nicht sterben würde, heute nicht, und den Tag danach auch nicht.

...

Später würde er sich an diesen Gedanken klammern, an diese Erinnerung, als sie seinen Kopf aufschnitten und Nadeln in seine Bauchdecke steckten und ein anderes Herz in seine Brust transplantierten. Er würde sie seinen Kopf und seine Seele füllen lassen und hoffen, dass sie auch ein Teil seines neuen Nicht-Lebens sein konnten.

...

Und noch später hat er sie vergessen. Er steht vor jemandem, nein vor etwas, einem Spiegel, einem Stück Glas das Licht reflektiert, wie ihm ein neutraler Teil seines Gehirns sagt und kann sich noch nicht einmal an sein eigenes Gesicht erinnern, das jetzt fast hinter einer schwarzen Maske verschwindet und noch viel weniger an die Existenz eines Mannes, den er irgendwo einmal getroffen hatte, zu einer unbekannten Zeit, die er irgendwie nicht richtig fassen kann.

Und dann, nach ein paar weiteren Momenten, die vielleicht Sekunden sind, Stunden oder Tage, wenn man bedenkt, dass sie sein ganzes Leben sind und er noch nicht wirklich einschätzen kann, wie lang er gelebt hat, da Körper und Intellekt unterschiedliche Informationen gaben, betritt jemand den Raum irgendwo zu seiner Linken, zwei Menschen und ihre bloße Präsenz bringt tausende Möglichkeit des Ablaufs eines möglichen Kampfes in seinem Kopf zum Tanzen. Er wendet sich ihnen zu während er gleichzeitig daran denkt, den Kopf von den Schultern des ersten zu reißen, einer Person, die auf ihn kalt wirkt, auf eine Art, die er nicht wirklich versteht. Der Mann sieht ihn mit einem merkwürdigen Ausdruck von Stolz an, als ob er ein Meisterwerk, das er kreiert hat, mustert und sagt "Midnighter", was jetzt anscheinend sein Name ist, "dies ist Apollo. Er ist der  Leiter des Teams, zu dem du gehörst und du wirst ihm aufs Wort gehorchen, so wie du mir aufs Wort gehorchst. Ihr beide werdet eine spezielle Partnerschaft eingehen. Ich erwarte, dass ihr... euch gut ergänzt. Verstanden?"

Und er sieht den anderen Mann an, der anscheinend eine abgewandelte Form seiner eigenen Kleidung trägt und zum ersten Mal seit er in dem sterilen Zimmer aufgewacht ist kann er einen menschliches Wesen mustern ohne zu sehen, wie er es unzählige Male tötet.

Der Winkel seines Mundes kriecht hoch und formt etwas, das an ein Lächeln erinnert, eine Bewegung, die ungewohnt erscheint. Der Midnighter spricht und hört seine eigene Stimme zum ersten Mal.

"Ich freue mich darauf, Apollo."
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