Sucht oder Schmerz?

von Goldengel
GeschichteDrama, Freundschaft / P12
Dr. Amelia Shepherd Dr.Charlotte King Dr.Violet Turner
01.01.2014
01.01.2014
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01.01.2014 1.800
 
Endlich fühlte ich mich in der Lage mein altes Büro, das nun zum Ort meiner schlimmsten Erlebnisse geworden war, zu betreten. Langsam öffnete ich die Tür, mit der Hand, die nicht eingegipst war.
Für einen Moment blieb ich zögernd im Türrahmen stehen. Mein Blick wanderte über den Boden, auf dem ich gelegen hatte, als er auf mir gelegen hatte und mir brutal das genommen hatte, was mich zum größten Teil ausmachte. Was Cooper und mich zum größten Teil als Paar ausmachte.
Dann sah ich, dass jemand die zerbrochene Stehlampe ersetzt hatte. Wie sehr wünschte ich mir, dass man meine Seele auch so einfach austauschen könnte.
Ich schüttelte den Kopf um diese dummen Gedanken zu vertreiben. Ich würde wieder die Alte werden. Ich würde mich wieder stark fühlen. Bald. Und heute würde ich damit anfangen. Mit der Zurückeroberung meines Büros.

Mit nun etwas selbstbewussteren Schritten, ging ich auf meinen Schreibtisch zu. Sofort kamen die Bilder in meinen Kopf zurück. Die Erinnerung daran, wie dieses Monster mich auf diesen Tisch gedrückt hat. Der Computer war krachend herunter gefallen und stumpfe Gegenstände stachen unangenehm in meinen Rücken.
Mir wurde übel, doch ich wusste, dass ich, sollte ich jetzt aufgeben, nie wieder an meinen richtigen Arbeitsplatz zurückkommen könnte.
Ich atmete tief ein und aus, so wie die hysterischen Weiber in den ganzen amerikanischen Filmen dies immer taten, wenn sie sich darüber aufregten, dass ihr Hochzeitskleid zu eng geworden war.

Dann ging ich um den Tisch herum und stellte mir den Stuhl zu recht, setzte mich und zog mich mit einem weiteren tiefen Atemzug an den Tisch heran. Als ich bemerkte, dass mich keine Flashbacks zu übermannen drohten, entrann mir ein Lächeln. Ich hatte mit einem unguten Gefühl gerechnet, doch stattdessen fühlte ich mich ein bisschen stärker. Es war als habe ich gerade einen riesigen Berg erklommen. Man könnte vielleicht sogar sagen, dass ich ein wenig stolz auf mich war. Ich war immer noch Charlotte King, Chief of Staff und eine Überlebende.

Ich schaltete den Computer an. Genug zu tun hatte ich auf jeden Fall, nachdem ich für die ganze Zeit ausgefallen bin. Wenn Cooper wüsste, was wirklich passiert ist, hätte er sicher darauf bestanden, dass ich noch länger zu Hause herum saß und nichts tat. Wenn er wüsste, dass ich nicht nur verprügelt wurde, sondern auch… Ich konnte es immer noch nicht denken geschweige denn aussprechen. Aber das musste ich auch nicht, denn niemand außer Addison würde je davon erfahren. Es sei denn sie verriet mich, doch so weit würde sie nicht gehen, oder? Mein Vertrauen missbrauchen in einer Zeit, in der ich sowieso zu niemandem mehr Vertrauen finden kann?
Auch diese Gedanken schob ich bei Seite, konzentrierte mich erst einmal auf meinen kleinen heutigen Erfolg und machte mich an die Arbeit.

Nach einer Weile klopfte es an der Tür. Verwirrt schaute ich auf die Uhr und bemerkte, dass schon zwei Stunden vergangen waren. Einen Termin hatte ich jetzt jedenfalls nicht.
„Ja?“, antwortete ich auf das Klopfen und hob meinen Kopf von den Papieren, in die ich mehr oder eher weniger vertieft war. Mit einem Lächeln auf den Lippen betrat Violet den Raum. Im ersten Moment war ich genervt, weil ich fest damit rechnete, dass Cooper sie geschickt hatte, um nach mir zu sehen. Dann erkannte ich ihren merkwürdigen Gesichtsausdruck und war neugierig, was sie softe Brünette von mir wollte.
„Brauchst du was?“, fragte ich sie und bemerkte, dass sie ihre Hände knetete, fast so als sei sie nervös. Sie seufzte einmal tief und stellte sich direkt vor mich hin. Nach einem lauten Schlucken begann sie unvermittelt zu sprechen.

„Es war ein Altweibersommer… mein erstes Jahr auf dem College. Und ich hab das Fenster aufgelassen, weil es der einzige Weg war, das Zimmer genug herunter zu kühlen um zu schlafen.“ Verwirrt formte ich die Augen zu Schlitzen und zog meine Stirn kraus. Worauf wollte sie hinaus? Warum erzählte sie mir das?
„Als ich also das erste Mal seinen Atem auf mir spürte…“, begann sie und ich wusste was nun kommen würde. Alle Wärme wich aus meinen Gliedern. Ich bekam Angst vor dem, was sie erzählen würde und mir wurde so schwindelig, dass ich mich in meinem Stuhl zurücklehnen musste. Sie wusste es! Addison musste es ihr erzählt haben! Oder es hatte etwas mit ihrer Psycho-Empathie zu tun. Jedenfalls wollte ich am liebsten Reiß aus nehmen, doch meine Beine waren so schwer vor Angst, dass sie sich nicht bewegen ließen.
„…dachte ich: Endlich! Eine Brise. Und dann öffnete ich meine Augen. Mit einer seiner Hände packte meinen Hals und mit der anderen riss er meine Unterhose herunter. Er flüsterte mir zu: Schschschsch.“
Violet schien nicht mehr in der Gegenwart zu sein. Sie schien wieder in dem Moment zu sein, den sie beschrieb. Eine Gefangene ihrer eigenen Erinnerungen. Für mich bewies das nur, dass es mich nie loslassen würde. All die Hoffnung, die ich heute Mittag noch gehabt hatte, dass ich wieder stark werden könnte schien zerstört. Violet war auch zerstört und nicht das, was ich unter einer starken Frau verstand, zu denen ich mich immer zählte. Ich hatte gehofft, dass sie vielleicht aufhören würde und mittendrin abbrach, doch sie erzählte weiter, was für mich wie Folter war.

„Wie… wie du zu einem kleinen Kind machst..huh.. das einen schlechten Traum hat. Er befahl mir kein Geräusch zu machen. Und als er… fertig war, schlug er meinen Kopf gegen die Wand. Mein Haar war klebrig von dem Blut.“
Während sie erzählte erschlugen mich die grausamen Erinnerungen meines eigenen Matyriums beinah. Ich sah sie mit leeren Augen an und bemerkte, dass sie vor Tränen brannten. Wieso tat sie mir das an? Als sie weiter sprach schaute ich auf den Boden an ihr vorbei. Sie setzte sich und ich fühlte mich ihr ausgeliefert. Ich wollte einfach nur, dass sie aufhörte diese Erinnerungen heraufzubeschwören, die ich an diesem Tag so gut verdrängt hatte.
„Ich dachte, dass, wenn ich still bleibe, dann wäre ich okay… als wäre es nie passiert. Weil Sachen wie das… tja, die passieren Frauen wie mir nicht. Oder Frauen wie dir.“ Mit aller Kraft hielt ich die Tränen in meinen Augen und das Schluchzen in meinem Rachen. Ich spannte meinen Kiefer an und atmete an dem Klumpen in meinem Hals vorbei. In guter alter Manier hob ich meinen Kopf um wenigstens so auszusehen, als hätte ich noch ein bisschen Würde, nachdem Violet es nun wusste.

„Also… Ich wollte dich nur wissen lassen…“ Nun fing die Seelenklempnerin an zu weinen, was es für mich einfacher machte, es nicht zu tun, denn ich wollte nicht so sein wie sie. Schwach.
„…dass ich es verstehe. Ich versteh es, Charlotte. Und ich bin für dich da.“ Eine Weile sah sie mich einfach nur an und dann verschwand sie ohne ein weiteres Wort einfach aus der Tür heraus.
Mit einem Mal fiel das Kartenhaus meiner Selbstbeherrschung in sich zusammen. Mein Herz drohte zu zerbersten, denn der Schmerz darin war zu qualvoll, zu groß. Ich hasste Violet dafür, dass sie mir mein kleines bisschen Stärke wieder weggenommen hatte, hasste Lee McHenry dafür, dass er mich gebrochen hatte und hasste mich, weil ich es mit mir habe machen lassen.

Die Wut und Verzweiflung in meinem Bauch wurde stärker je schneller ich atmete. Irgendwann konnte ich sie nicht mehr in mir halten oder kontrollieren und es brach aus mir heraus. Geistesabwesend fuhr ich in einer schnellen Bewegung mit beiden Armen über meinen Schreibtisch. Mein Computer und alles mit ihm fiel krachend zu Boden, wie an jenem Abend. Auch riss ich die Topfpflanzen und Ordner auf der Kommode hinter mir hinunter. Ich stieß die Stühle zur Seite und kam über der Kommode auf der anderen Seite des Raum zum Stehen.
Atemlos und kraftlos richtete ich mich auf nur um wimmernd dort stehen zu bleiben. Überwältigt von Wut und Verzweiflung und Trauer und Machtlosigkeit und einer Millionen anderer Gefühle, für die noch kein Mensch einen Begriff gefunden hatte.

Nach einer halben Stunde hatte ich mich wieder ein wenig im Griff. Ich fühlte mich immer noch ohnmächtig, doch nun konnte ich wieder denken. Meine Gedanken rasten, suchten nach Zerstreuung und Linderung meines Schmerzes. Sofort schossen sie zu einem Freund, den ich nie werde vergessen können. Ein Freund, der mir in der Vergangenheit schon viele Schmerzen gelindert hat: Alkohol.

Ich wusste, dass sowohl Addison als auch Sheldon immer eine Flasche Wein in ihren  Schränken stehen haben, also ging ich zuerst in Sheldons Büro, welches leer war.
Wie wild suchte ich nach der heiligen Flüssigkeit und meine aufgesprungene Lippe pulsierte im Takt mit meinem Verlangen. Ich brauchte es jetzt. Jetzt sofort. Als ich den Rotwein endlich gefunden hatte entfuhr mir ein dankbares Kichern und eine erleichterte Träne fand ihren Weg über meine Wange.

Speichel sammelte sich in meinem Mund und mein Herz schlug schneller beim Anblick der Flasche.
Nur diese Flasche und dann könnte ich endlich für ein paar Minuten entkommen.
Hastig schraubte ich sie auf und der Geruch traf mich sofort. Beinah gaben meine Beine unter mir nach und in Erwartung des Geschmacks wurden meine Handflächen feucht.
Dann zuckte ich zusammen, denn hinter mir war eine Tür zugeschlagen. Sofort drehte ich mich um, um zu sehen, ob jemand hereinkam, doch es war niemand da. Plötzlich war ich wie aus einer Trance erwacht. Ungläubig schaute ich auf die Flasche, den Freund, der zu meinem größten Feind geworden war, die nun in meinen Händen zitterte.

Das hier ist falsch, schrie eine Stimme in meinem Kopf. Du hast nicht so lange dafür gekämpft trocken zu werden, nur um jetzt aufzugeben. Du willst diesen Kampf doch nicht schon wieder führen.

Fast brach ich wieder in Tränen aus, doch ich riss mich zusammen, stellte die Weinflasche langsam wie einen heiligen Gral auf Sheldons Schreibtisch zurück und rannte fast mit meinen Pumps zu der einzigen Person, die verstand, was ich gerade brauchte und wie schlimm dieses abhängige Gefühl des Brauchens war.
Ohne ein Wort stand ich schwer atmend vor Amelias Schreibtisch. Mit aufgerissenen Augen schnellte sie von ihrem Stuhl hoch. „Charlotte! Was ist passiert?“, war das einzige, was aus ihrem Mund herausfiel.

Mehrmals musste ich ansetzten, denn meine Lippen schienen mir nicht mehr zu gehorchen. Mit der größten Beherrschung kamen die Worte dann jedoch trotzdem heraus und die gebrochene, gedrungene Stimme war meiner so fremd wie einem Engländer der Südstaatenakzent. Ich war kurz davor in Tränen auszubrechen, doch meine Stimme verließ mich nicht ganz.
„Gehst du zu einem Treffen mit mir?“ Verzweifelt schaute ich sie an.
„Ich bin direkt hinter dir!“, versprach sie und ich ging mit großen Schritten voran mit Amelias tröstender Hand auf meinem Rücken.








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Die Rechte an dem Gespräch zwischen Violet und Charlotte gehören den
Machern von PP. Ich wollte nur die Lücken füllen, die Gedanken, die man
in der Serie natürlich nicht sieht (obwohl Kadee Strickland eine herausragende
Schauspielerin ist sehr empatisch mit der Story umgeht).
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LG,
Goldengel
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