Leben ist Veränderung

von Andoriel
GeschichteRomanze / P18 Slash
01.01.2014
06.11.2016
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Dieses Kapitel
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So, meine erste Geschichte. Ich hoffe, dass sie gefällt und über Reviews freue ich mich besonders! Ich versuche auch regelmäßig zu posten - versprochen! :-)
Also, viel Spaß!







„Hey mein Hübscher!“

Es wäre ja auch ein Wunder gewesen, wenn Jan den Weg von der Bushaltestelle bis zum Bad-Boys-Club geschafft hätte ohne von irgendeinem schmierigen Typen angequatscht zu werden. Wobei dieser hier gar nicht so schmierig war, blond, modisch gekleidet, aber dieses siegesgewisse Lächeln im Gesicht... „Lass mich in Ruhe!“ murmelnd ging er einfach weiter. Die SMS von seinem Freund war kurz gewesen, aber Jan hatte verstanden, dass es dringend war. Kadir wollte ihn hier treffen und er war schon spät dran.

„Komm schon Hübscher, du kannst dir den Weg sparen, da wirst du nichts Besseres als mich finden!“

Wie sehr er diese selbstverliebten Angeber hasste. Im Vorbeigehen streichelte Jan über den mattschwarzen Lack eines aufgemotzten, tiefer gelegten BMWs. Also war Kadir schon da. Der Idioten ignorierend setzte er seinen Weg fort, aber der ließ nicht locker und lief jetzt neben ihm her.

„Willst du nicht einmal mit mir reden?“

Jan seufzte genervt. Er wusste, dass er anziehend auf Männer wirkte, er war recht groß, sportlich und legte viel Wert auf sein Äußeres. Seine blonden Haare gingen ihm bis zum Kinn, wenn er sie nicht, wie jetzt gerade genervt zurück strich. „Hör mal zu du Affe...“ weiter kam er nicht.

„Pass ma auf du Opfa, willste auf die Fresse oder was? Immer diese Scheißtürken, ey, wenns dir hier nicht passt, dann geh nach Hause! Türkei, verstehste? Du bist hier an ner Schwulendisco, haste das nicht kapiert oder was?“

Bevor Jan auch nur einen Ton von Kadir gehört hatte, wusste er schon, wer da wieder Ärger hatte. Und tatsächlich konnte er ihn brüllen hören: „Ham se dir beim Blasen das Hirn durchstoßen, du Milchbrötchen? Ob ich das nicht kapiert habe? ICH? Du läufst doch rum, wie ein Auswurf aus Miley Cyrus Vagina. Und ich finde es nun mal überhaupt nicht witzig, wenn so ein Schwuchtelglitzerflamingo mir an den Arsch fasst – lass mich los Ole – und ich bin Kurde, kein Türke, raffst dus? Oder muss ich dir davon irgendeinen Buchstaben erklären du schwanzlutschende Evolutionsbremse...“

Jan lief schneller über den Parkplatz, er wusste, wenn Kadir richtig wütend wurde, konnte er ihn heute noch vom Polizeirevier abholen. Als die Eingangstür in Sicht kam, sah er auch schon das ganze Theater. Ole, der bullige Türsteher und eigentlich gute Freund von Kadir, hielt ihn an beiden Armen fest, was sich als recht schwieriges Unterfangen heraus stellte. Dieser war Ole weder an Größe, noch an Breite, noch an Kraft unterlegen. Oft, wenn es Ärger im Bad.Boys-Club gab, wurde Kadir sogar gebeten Ole zu unterstützen. Wohl der einzige Grund, warum sie, trotz der doch recht häufigen Eskapaden seines Freundes, noch kein Hausverbot hatten.

Oles Glatze glitzerte vor Schweiß im rosa Neonlicht, sein Gesicht war verzerrt, er schien seine ganze Kraft zu brauchen um Kadir zu halten. Und der Grund für das alles, war eine Gruppe schmächtiger Twinks. Jan musste innerlich grinsen. Er wusste wie sehr Kadir solche Typen verabscheute. Männer mit Federboas, womöglich noch in pink, Männer mit Make-up, kurz, Männer die den Schwulenklischees so sehr entsprachen wie diese vier.

Alle vier trugen hautenge Hosen, einer sogar aus Lack, zwei hatten tatsächlich eine Federboa dabei und geschminkt waren sie auch. Dazu kam noch Nagellack, auffälliger Schmuck und Frisuren die nur den Rückschluss zuließen, eine Friseurklasse mache gerade eine Klassenfahrt. Auch Jan konnte über so einen Aufzug nur den Kopf schütteln, nur er war, im Gegensatz zu seinem Freund, da tolerant. Kadir vertrat die Ansicht, dass diese Männer alleine schuld waren am falschen Bild der Schwulen in der Öffentlichkeit. Eine Meinung, die er auch jetzt gerade, gespickt mit einer mannigfaltigen Anzahl an Beleidigungen zum Besten gab.

„...da kannst dir ja auch gleich 'Ich lass mich von jedem in den Arsch ficken!' auf die Stirn tätowieren. Aber hey, Alter, wenn de mal richtig gefickt werden willst, dann lass dir vom Doc ne Muschi bauen und werd ne Heterotussi, dann muss sich hier keiner für dich fremdschämen und du kannst dir nen Schwanz in jedes Loch rammen lassen, vielleicht füllt das ja auch die Leere in deinem Hirn....“ „Jan, Gott sei Dank!“

Man konnte die Erleichterung aus Oles Stimme direkt heraus hören. Der blonde Twink, der Jan ein bisschen an eine Mischung aus Oliver Pocher und Prinzessin Lillifee erinnerte strich sich nervös die blonden Haare mit den rosa Strähnen aus dem vor Wut hochrotem Gesicht. Vor Jans geistigem Auge sah er Rauchschwaden aus dessen Ohren aufsteigen. Er grinste: „Schatz, du weißt, dass ich dich liebe, aber immer wenn du Prinzessinnen verprügelst haben wir hinterher Glitzerstaub im Bett!“

Kadir schien ihn jetzt erst bemerkt zu haben und wandte sich ihm zu, aber bevor er etwas sagen konnte fuhr Jan fort: „Pass mal auf, Kleiner, das ist mein Mann, den du da angefasst hast und wenn du nicht willst, dass ich böse werde, dann verschwindet ihr hier etwas plötzlich, ist das klar? Sonst sorge ich dafür, dass Ole ihn los lässt!“

Mit diesen Worten drehte er sich zu Kadir um und lächelte ihm zu. „Kommst du Schatz, ich glaube alleine amüsieren wir uns besser!“ Er konnte zusehen, wie die Wut aus Kadir Blick wich und  er sich in Oles Armen entspannte. Als dieser das bemerkte ließ er ihn sofort los. Ohne ein weiteres Wort zu sagen und ohne auf die tuschelnden Schaulustigen zu achten, zog er ihn mit sich.

Er wusste, dass viele Kadir und ihn für ein seltsames Paar hielten, er selbst groß, blond und gut aussehend, der typische Sunnyboy und Kadir zwar auch groß, aber mit rasiertem Kopf und mehr Muskeln als eigentlich gut für ihn wären. Kadir liebte Muskelshirts, prollige Ketten, aufgemotzte Autos und sein iPhone und erfüllte auch sonst so ziemlich jedes Klischee eines Türken, obwohl er immer betonte, dass er Kurde war. Das Einzige, was nicht in dieses Bild passte war er, Jan, und ihre Liebe für einander.

In einer ruhigen Seitengasse drückte er Kadir an die Wand und küsste zärtlich dessen Hals. Er liebte dieses raue Gefühl unter seinen Lippen. „Besser?“, nuschelte er leise. Ein Schulterzucken war die Antwort. Seufzend löste Jan sich vom Hals seines Liebsten und wühlte kurz in seiner Tasche, bevor er Kadir einen Joint unter die Nase hielt. Er wusste genau, dass dieser erstmal wieder runterkommen musste und das war der beste Weg.

„Hast du nichts Stärkeres?“, brummte Kadir nur, nahm aber den Joint und das dazu gereichte Feuerzeug, zündete ihn an und inhalierte tief.

„Was denn? Heroin? Kokain? Meth?“ Er bekam nur ein weiteres Schulterzucken. „Spinner,“ Jan drehte sich entspannt um, lehnte sich mit dem Rücken an seinen Freund und legte dessen Hände um seine Taille. „nur Poppers!“ Er grinste.

„Was war denn eigentlich los?“ Frech schnappte er sich den Joint, zog einmal daran und gab ihn Kadir zurück. „Weißt du doch. Diese Schwuchtel hat mich angefasst und ich wurde sauer!“ Jan seufzte erneut. Kadir redete nie besonders viel, aber dennoch wollte er mehr wissen. „Weiß ich doch. Ich meinte vorher. Du warst bei deiner Mutter?“

Müde ließ Kadir seinen Kopf gegen den Hinterkopf seines Freundes sinken. „Ja, aber eigentlich war nichts Besonderes.  - Gülfi verlobt sich.“ „Das ist doch schön!“ „Ihr Verlobter weiß nichts von mir und ich bin auch nicht zur Verlobung eingeladen.“

Er seufzte tief. Lange hatte Kadir sich nicht outen wollen, weil er wusste, dass sein Vater ihn verstoßen würde und genauso war es auch geschehen. Für seinen Vater und seinen Bruder Taner war er gestorben, einzig seine Mutter und seine Schwester Gülfidan nahmen hin und wieder Kontakt zu ihm auf.

„Warum triffst du dich immer wieder mit ihnen, wenn du doch weißt, wie weh dir das tut?“, fragte Jan kopfschüttelnd. „Das ist eben Familie, das verstehst du nicht.“ Das stimmte, Jan hatte auch vor seinem Outing keinen guten Draht zu seiner Familie gehabt, seine Eltern waren geschieden. Er mochte die neue Frau seines Vaters nicht und er hasste den neuen Mann seiner Mutter. Beide, er und Kadir, hatten sich erst geoutet, als sie ausgezogen waren. Jan, weil er der Meinung war, dass es seine Eltern nichts anginge, Kadir, weil er dann ohnehin ausziehen musste.

„Sie haben viel von der Familie erzählt, von meinen Cousinen, meinen Neffen und Nichten und mich gefragt, ob ich wirklich auf all das verzichten will. Also eine Frau, Kinder, Familienfeste, das Gefühl dazu zu gehören und weißt du, sie haben Recht.“ Nochmals inhalierte er tief, während Jan der Atem stockte. Ihm wurde kalt.

„Ich will das alles! Ich will eine eigene Familie, fünf oder sechs Kinder, Großeltern, zu denen man am Wochenende fährt. Ich will den Freund meiner Tochter hassen und meinem Sohn boxen beibringen. Ich will einen Hund kaufen, ja ich will sogar eine Familienkutsche fahren!“ Würde Jan Kadir nicht den Rücken zudrehen, könnte dieser das blanke Entsetzen auf dessen Gesicht erkennen. Die eisige Kälte hatte sich langsam in Jan ausgebreitet und legte sein Denken lahm. Eine Hand schien sein Herz zu zerquetschen, als er sich von Kadir losmachte und herum fuhr. Dieser trat gerade den Joint auf dem Boden aus und schaute erstaunt auf, als er Jans zitternde Stimme vernahm: „Und was heißt das? Willst du dich trennen, eine Kurdin heiraten und zurück in den Schoß der Familie flüchten...“, seine Stimme versagte und er senkte den Blick. Als er keine Antwort bekam, sah er vorsichtig hoch, hoffend, dass Kadir die Tränen in seinen Augen nicht sehen würde. Der verachtete weinende Männer. Zu seiner Verblüffung hatte dieser die Arme in die Hüften gestemmt und funkelte ihn wütend aus seinen fast schwarzen Augen an.

„Du hast doch nur Scheiße im Hirn, oder? Wie oft soll ich dir noch sagen, dass ich dich liebe, und eine Trennung von dir überhaupt keine Option ist?“ Jan schluckte: „Aber...“ „ Ja, ich weiß, wir können keine Kinder bekommen, meine Eltern spielen auch nicht mit, ich weiß das alles! Aber du, mein Lieber, bist fest in mein ganzes restliches Leben eingeplant, also hör verdammt nochmal auf an mir zu zweifeln, verdammte Schei....“ Jan ließ ihn nicht ausreden, warf sich in seine Arme und küsste ihn tief und leidenschaftlich.
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