Dagorlad

von Maline
KurzgeschichteDrama, Familie / P12
Legolas Thranduil
01.01.2014
01.01.2014
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Das hier ist so eine Art „hätte-sein-können“ Füllerszene nachdem der liebe Thranduil den Ork um seinen Kopf erleichtert hat und befiehlt die Tore zu schließen.
Hiermit hab ich ein bisschen für unsren lieben Partykönig Partei ergriffen, denn so wie er im Film dargestellt wird, ist er sicherlich aus einem guten Grund. Vielleicht aus diesem Grund, den ich mir hier  ausgesucht habe ;)
Im übrigen weiß ich, dass es mehr als nur die Dagorlad in Thranduils Leben gab, aber für mich war es das einschneidenste „Erlebnis“ für ihn.

Ansonsten quält mich die Idee für diesen ziemlich (und für mich untypisch) schwermütigen OS schon seit ich den 2. Hobbit-Film gesehen habe. Jetzt musste er einfach raus, weil er mein Hirn für alle anderen FFs verstopft hat.
Ich wünsche viel Spaß damit!

P.S. der ziemlich einfallslose Titel wird sich evtl. noch ändern



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Dagorlad



Thranduil erinnerte sich nur zu lebhaft an die Dagorlad. Damals, als Angst und Schrecken bereits einmal so mächtig geworden waren, dass sie gedroht hatte die ganze Welt zu verschlingen. Der selbe Schrecken, der nun abermals in Thranduil zu gehren begann und seine Gedanken finster machte.

Sein Vater Oropher, der sterbend auf der bereits leichenbedeckten Erde lag. Jeder Schritt auf dem Feld, das derart mit Blut seiner Männer vollgesogen war, dass sich jeder Tritt nur schmatzend aus dem aufgeschwemmten Untergrund befreien ließ. Gil-galad, der taub für Thranduils wütende Rufe war, als all die Waldelben um ihn herum starben.

Schatten und Finsternis. Ströme aus Blut und kein Funken Hoffnung.


Thranduil hatte gelernt, die Schreie der Sterbenden aus seinen Ohren zu verbannen. Er hatte eine Mauer um sich herum aufgezogen, uneinnehmbar und trutzig, wie keine Festung von eines Lebewesens Hand errichtet es jemals sein würde, und hatte alle Erinnerungen und Sinneseindrücke dahinter eingekerkert, auf dass sie niemals wieder an die Oberfläche dringen würden. Doch nun...

Sein Schwertgurt fiel polternd zu Boden, während Thranduil ungeachtet darüber hinweg stieg und nach dem Kristallkelch griff, der auf einem Tisch thronte. So federleicht und filigran unter seinen Fingern, dass eine Kinderhand ausgereicht hätte, um es bersten zu lassen.
Rot schwappte der Dorwinion gegen das Kristall. Rot, wie das Blut das geflossen war. Aus unzähligen Wunden, abgetrennten Gliedmaßen. Gesichter, zu bleichen Totenmasken erstarrt, die ihm nachzustarren schienen, während seine Schritte ihn über sie hinwegführten. Während seine Stiefel in dem mittlerweile beinahe rosafarben wirkenden Erdreich stecken blieben und er über immer  mehr Leichen hinwegstolperte.

Für Thranduil würde es keine zweite Dagorlad geben. Die Tore seines Reiches würden verschlossen bleiben, auf dass niemand einen Fuß hinein oder hinaus setzen, sondern hier innerhalb ihrer sicheren Wände ausharren würden.
Was war er schon dieser Welt schuldig, nach allem, was er bereits getan hatte? Sollten sich andere  dem Grauen stellen, das seine schattenhaften Finger wieder nach ihnen ausstreckte. Er hatte genug geleistet. Genug verloren. Genug für ein ganzes Leben.

Wenn der Ork tatsächlich recht gehabt hatte...

Thranduil hatte die unausgesprochene Frage in Legolas Augen erkannt und den stürmischen Tatendrang darin gesehen, der nur zu oft von seinem jungen und so ungestümen Sohn Besitz ergriff. Doch auch Legolas würde keine Dagorlad erleben. Keine erste und erst recht keine zweite.
Sollte die Welt ihn, Thranduil, für einen bitteren,  misslaunigen oder kaltherzigen Herrscher halten. Es war ihm gleich. Keine noch so schmähenden Worte würden ihn aus diesem Palast locken und sein Königreich und all die Elben darin dem Preis geben, was da kommen mochte.
Natürlich wusste er, was hinter seinem Rücken getuschelt wurde oder warum man ihm einen Platz in dieser Narretei, die sich Weißer Rat schimpfte, verwehrte. Aber es kümmerte ihn nicht. Thranduil war schon längst über die Sorgen hinweg, was andere von ihm sagen oder denken mochten.

Mit einem einzigen kurzen Seufzen ließ er sich auf die Kante seines Stuhles sinken und schob den Weinkelch von der rechten zur linken Tischhälfte. Eine einzelne rote Perle rann an dem durchscheinenden Kelch herab, tropfte vom Kelchbein auf den Tisch und kam schließlich auf der Holzmaserung zur Ruhe. Wie ein winziger tiefroter Diamant, der dort direkt vor Thranduils Augen lag. Ein Tropfen Blut...

Er wandte den Blick ab und schloss für einen Moment die Augen, während seine Schultern gen Boden sackten.

Er war müde. Müde, wie ein Elb es niemals sein sollte. Doch kein Schlaf würde die Müdigkeit kurieren, die ihn plagte. Keine Rast würde jemals etwas daran ändern können.
Dies alles hier hatte er von Oropher übernommen. Er hatte es gegen alle Bedrohungen mit Zähnen und geschliffenem Stahl verteidigt und doch schienen diese Bedrohungen mit den Jahren nicht etwa abzunehmen und sich in die Schatten zurückzuziehen, aus denen sie gekrochen waren, sondern aber zuzunehmen. Sie schienen aus der Finsternis, die sich über die Welt legte, neue Stärke zu beziehen und, je mehr man sie bekämpfte, doch immer näher zu rücken.

Eine zweite Dagorlad. Das hatte der Ork ihm vorrausgesagt, auch wenn er das Wort nicht in den faulen Mund genommen hatte. Neues Sterben. Neue Ströme von Blut, die die Welt ertränkten.
Ja, Thranduil war dort gewesen. Er hatte gehört, gesehen, gespürt und selbst heute, nach all den Jahren, war ein Teil von ihm noch immer dort. Auf der Dagorlad, direkt an der Schwelle des Bösen.
Er war noch immer dort, in seinen Träumen, ja selbst in seinen wachen Stunden, inmitten der Toten, bewaffnet und in seine Rüstung gehüllt, die mit jedem verstreichenden Augenblick schwerer und schwerer geworden war.

Thranduil nahm einen tiefen Zug des Weines, ohne die Augen zu öffnen.

Das, was damals vor den Toren Mordors geschehen war, streifte man nicht einfach ab, wie einen zu lästig gewordenen Pelzmantel. Man entledigte sich den Erinnerungen nicht wie der blutbeschmierten Rüstung, aus der ihn ein junger Elb damals geschält hatte. Seit jenen Tagen verfolgten sie ihn. Die Toten. Die Geräusche. Bereits der Gestank...
Nichteinmal die Geburt seines Sohnes hatte irgendetwas daran ändern können. Nichteinmal Legolas hatte ihn von den Feldern der Dagorlad zurückbringen können.
All die Großen und Edlen, die weisesten der Weisen und tapfersten der Tapferen, sie alle waren gefallen. Nicht nur auf der Dagorlad, nein sondern auch noch nach diesem Schlachten, dass für Thranduil alles Kommende in finsteren Schatte getaucht hatte.
Und doch lebte das Böse noch immer. Ja, Thranduil konnte es beinahe körperlich spüren, das schmerzhafte Ziehen in seinem Magen, sein Gesicht und das, was darin brannte wie am ersten Tag...

Einem plötzlichen Impuls nachgebend, stieß er den Weinkelch von sich, der mit einem hohen, protestierenden Klirren zur Seite kippte. Blutrot rollte der schwere Dorwinion über die Tischplatte, bildete eine Pfütze, einen See inmitten der dunklen Holzmaserung. Der Kristallkelch jedoch rollte weiter, vollführte eine halbe Drehung, ehe er das Tischende erreichte und stürzte, tiefer und tiefer, bis er auf dem Boden in tausend Scherben zersprang.
Thranduil versuchte nicht einmal den Fall zu verhindern. Stattdessen folgten seine Augen tatenlos dem Kelch, während dieser in seiner trägen Bahn der Tischkante immer näher kam und schließlich am Boden zerbarst. Tausende und abertausende von glitzernden Kristallscherben, ein Meer aus winzigen Diamanten, schlidderten im Kerzenschein über den Fußboden, kreischten in hohen Stimmen, ehe sich abermals absolute Stille über Thranduils Kammer legte.

Der Elbenkönig atmete ein, bis seine Lungen bis zum Bersten mit Luft gefüllt zu sein schienen. Es tat ihm nicht leid um den teuren Kristallkelch. Ein zweiter und dritter standen nur um Armeslänge entfernt auf einer Anrichte. Nein, dieses winzige Zeichen der Schwäche gestattete er sich nur hier in dieser Kammer, in der ihn keine lauernden Augen beobachten konnten. Er vertraute seinen Wachen, jedem einzelnen seiner Männer, doch für sie war er der König unter Eiche und Buche und nicht dieser Thranduil, mit seinen Erinnerungen an die Dagorlad. Vielleicht konnten sie nicht alle seine Entscheidungen nachvollziehen, doch noch nie hatte einer seines Volkes ihn in Frage gestellt.
Ihn, ihren König.
Denn ja, er tat all das nur, um sein Volk in Frieden leben zu lassen. Um sie vor dem zu schützen, das dort draußen lauerte.

Vielleicht war er der übellaunige und kalte Elbenkönig des Waldlandreiches, während Elrond, oder gar Galadriel stets als Musterbeispiele von Weisheit und Tugendhaftigkeit galten.
Doch was wussten die Elben von Imladris oder Lothlórien schon von den Dingen, mit denen Thranduil sich jahrelang herumgeschlagen hatte? Sie konnten vom Frieden sprechen, während sie behütet in ihren kleinen Zufluchtsstätten saßen, abgeschirmt vom  Rest der Welt, versteckt vor dem Bösen und beschützt von Nenya und Vilya, ihren Ringen der Macht.
Diese Elben blickten auf sie hier im Düsterwald herab. Nicht nur auf die Elben, die sie für dumm und gefährlich hielten, nein, auch auf ihn, Thranduil, ihren hartherzigen und sturen König. Doch sie wussten nichts. Nichts von dem Tod, dem die Waldelben jeden Tag ins Angesicht blickten; der Angst, die Eltern hier um ihre Kinder hatten. Spinnen, schattenhaftes Unheil und Tod.

Ja, Thranduil würde sein Volk aus diesem nächsten Kampf heraus halten. Die Tore seiner Halle würden verschlossen bleiben und die Rufe der Welt auf seine tauben Ohren stoßen.

Ein scharfes Klopfen an der Türe riss Thranduil abrupt aus seinen Gedanken. Er setzte sich in seinem Stuhl auf und blickte sich mit einem irritierten Blinzeln um, als müsse erst die Orientierung wieder finden.

Abermals das Klopfen. Lauter. Drängender.

„Herein!“ erhob Thranduil ungehalten die Stimme und stand von seinem Platz auf. Wer immer nun dieses Zimmer betrat, sollte lieber einen triftigen Grund vorzuweisen haben.
Einen Herzschlag später öffnete Thalion, eine der Wachen, die Türe und trat mit großem Schritt ein. Noch ehe er zum Stillstand kam, senkte der Elb bereits den Kopf, als wolle er dem Blick seines Königs ausweichen.

Thranduils Augenbraue rutschte beinahe bis zu seinem Haaransatz hinauf, während er die Arme vor der Brust verschränkte. „Sprich.“

„Mein König.“ Der Elb verneigte sich ein wenig tiefer, ehe er sich endlich aufrichtete und Thranduils Blick begegnete. Was der König in den Augen seines Untergebenen lesen konnte, gefiel ihm ganz und gar nicht.

„Mein König, der Prinz ist verschwunden. Als er den Befehl gab die Tore zu schließen, berichtete die Wache ihm, dass Tauriel in den Wald gegangen sei. Er ist ihr gefolgt. Die Tore...“ Ein Muskel im Kiefer des Elben schien zu zucken. „Wir wussten nicht, ob wir die Tore geschlossen halten sollen oder...“ Der Rest des Satzes blieb untersagt.

„Er ist gegangen?“ Die Worte kamen noch schärfer aus Thranduils Kehle, als er es beabsichtigt hatte. „Und niemand ist auf die Idee gekommen, ihn aufzuhalten?!“

„Mein König, es ist Prinz Legolas über den wir hier sprechen.“

Wenn die Sache nicht so ernst gewesen wäre hätte Thranduil vielleicht gelacht. Oder aber sich wenigstens zu einem winzigen Lächeln hinreißen lassen.
So aber gruben sich seine Fingernägel, verborgen unter den weiten Ärmeln seiner Robe, in die Haut seiner Arme, während er die Zähne so fest aufeinander presste, dass der Schmerz einer jahrhundertealten Verletzung ihm bis in den Schädel zu schießen schien. Der Schmerz war gut. Er fesselte ihn an diese Realität. Fernab der Dagorlad.

„Was stehst du hier noch herum? Hinaus! Na los! Und schick sofort Belurion und seine Männer hinter ihnen her. Bringt sie zurück, verstanden? Egal was es kostet. Ihr werdet Legolas zurückbringen und wenn ihr ihn dafür ohnmächtig schlagen oder wie ein Gepäckstück verschnüren müsst!“

Ein Schauer schien den Elben zu durchlaufen, ehe er knapp nickte und sich bereits halb abwandte. „Mein König.“

„Und lasst das Tor offen. So lange, bis ihr Prinz Legolas zurückgebracht habt!“

Der Elb eilte davon, floh vor Thranduil und dem stechenden Blick seiner Augen. Vor der Wut, die sich nun in Thranduils Magen zusammenballte, wie eine stachelige Krankheit...

Der König der Waldelben wandte sich von der Türe ab, noch ehe sie ins Schloss gefallen war, und trat mit einem Tritt den Stuhl um, auf dem er nur wenige Augenblicke zuvor gesessen war.

Eine zweite Dagorlad, niemals würde er das zulassen. Nicht, so lange er noch ein kleines Mitspracherecht in dieser Welt hatte.

Oh ja, die Valar waren schon immer grausam gegenüber der Linie des Oropher gewesen. Gegenüber Thranduil selbt...
Sie hatten ihm alles genommen. Seinen Vater. Seine Frau. So viele Treue und enge Freunde. All das hatten sie ihm genommen, doch seinen Sohn würden sie nicht kriegen. Nicht das Grünblatt, das eines der wenigen Dinge war, das ihm in dieser Welt geblieben war.

Ein eigenartiger Laut entwich Thranduils Kehle, als er die Fäuste ballte, um sich daran zu hindern, diese Kammer in seiner blinden Wut zu Kleinholz zu zerlegen. Ein Zittern kroch seine Arme empor und er schloss die Augen, doch die Bilder drangen immer weiter auf ihn ein.

Sein sterbender Vater. Blut, Blut, so viel Blut. Knöchelhoch im Schlamm. All die Leichen, übereinander liegend Lage um Lage. Gestapelt wie Schlachtwahre. Freunde, Vertraute, Untergebene. Sein Volk.

Die Elben aus Imladris waren perfekt in jederlei Hinsicht, so strahlend wie die Sonne und weise, wie niemand sonst. Die Elben aus Lothlórien waren überirdisch, zeitlos und wunderschön in all ihrer schimmernden Pracht. All diese Elben waren wie Mithril, gleißend und glänzend, perfekt und rein wie kaum etwas sonst in dieser Welt.
Von diesen Elben handelten die Geschichten der Menschen. Von diesen Elben träumten ihre Kinder.
Die Elben des Düsterwaldes waren anders. Von ihnen erzählte man sich keine Märchen. Sie und ihr König waren aus Stein. Kalt, unnachgiebig und trutzig in all den Gezeiten, die über sie hereinbrachen. Sie hatten all die Dinge überdauert, die die Valar ihnen in den Weg gelegt hatten. Sie hatten sie überstanden, weil sie hart geworden waren, wie Stein.
Doch auch Steine konnten bersten.


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~ ENDE ~


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