Spätfolgen

GeschichteFreundschaft / P16
OC (Own Character)
01.01.2014
25.11.2018
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A/N: Ein gesundes neues Jahr euch allen! Und puh, das war ein hartes Stück Arbeit. Ich musste erst mal wieder rein kommen. Dafür bin ich jetzt halbwegs zufrieden und hoffe, dass ich so langsam wieder warm werde mit den Charakteren. Ihr könnt mir ja mal sagen, ob sie alle ihr übliches, begriffsstutziges Selbst sind, hier. Wenn ich demnächst die Sache im Assassin’s Creed-Fandom fertig habe, werde ich mich nämlich wieder voll und ganz Jenna zuwenden. Sie freut sich schon. Nicht.

Das Folgende spielt nur ein, zwei Wochen nach dem Ende von Truth, bringt uns also voll und ganz auf den aktuellsten Stand. Und an dieser Stelle mal ein großes, dickes Danke an die üblichen Verdächtigen, die Reviews schreiben, Fragen nach Jennas Verbleib stellen oder anderweitig beweisen, dass die vier Knalltüten sich irgendwie in ihre Herzen geschlichen haben. Namentlich sind das: Die großartige RowenaR, die fabelhafte Keyla, der einmalige road runner und die wunderbare Jojo Hitchhiker. Danke Euch, ihr seid so unfassbar toll!


Spätfolgen I - Scherben

„Now everyone of us was made to suffer
Everyone of us was made to weep
But we've been hurting one another
And now the pain has cut too deep...

So take me from the wreckage
Save me from the blast
Lift me up and take me back
Don't let me keep on walking...
I can’t keep on walking on broken glass“

(Annie Lennox– „Walking on Broken Glass“)



Als ich sie aufschlitzte wusste ich, dass ich träumte. Ihr Blut war eisig und ergoss sich kalt wie Gletscherwasser auf meine Hand mit dem Messer darin, während ihre Därme aus ihrem offenen Bauch hervorquollen und sich wie blutende, blaue Würmer wanden. Das Messer in meiner Hand machte ein glitschiges, schmatzendes Geräusch als ich es langsam tiefer in ihren Leib dringen ließ und die scharfe Klinge dabei alles zerschnitt, was ihr in den Weg kam. Sie hat es nicht anders verdient, rechtfertigte ich mich gedanklich; doch als ich den Kopf hob um zu sehen, wie der Glanz in Neras blauen Augen erlosch, erstarrte ich vor Schreck. Das war nicht Nera … das war ich! Mir war als würde ich in einen Spiegel sehen! Ich selbst war es, die hier ihren letzten Atemzug machte! Nur war mein Geist nicht in diesem sterbenden Körper, der eine Sekunde später wie ein nasser Sack zu Boden fiel und reglos liegen blieb.

Sie musste endlich sterben. Das Messer glitt mir aus der Hand als ... ein hohles, metallisches Poltern erklang, zwischen den Steinwänden widerhallte und mich aufweckte. Ein Flüstern folgte; eindeutig Jasons Stimme. „Meinst du, dass alle diese Schleim-Proben wichtig sind? Ich glaube ich habe gerade welche getötet.“

Adam antwortete ebenso flüsternd, wobei ein leiser Hauch von Unbehagen in seine Stimme kroch. „Was meinst du mit getötet? Leben die etwa?“

Für einen Moment war es still, dann hörte ich weiteres, leises Poltern und geschäftiges Flüstern, beachtete es aber kaum. Mein Herz raste und ich hatte Probleme, meinen Atem unter Kontrolle zu bringen. Völlig orientierungslos sah ich mich um, erkannte aber nur langsam, wo ich war. Keine Panik. Es war nur ein beknackter Traum. Ich holte ein paar Mal tief Luft, setzte mich dann langsam auf und blinzelte in einen grauen Streifen Tageslicht, der am Horizont empor kletterte. Das stetige, unaufhörliche Rauschen vermischt mit dem Brausen des Windes außerhalb unserer kleinen Zuflucht verhieß allerdings nichts Gutes. Es regnete immer noch in Strömen. Ich reckte den Kopf, vergewisserte mich völlig unnötig aber dennoch eiligst, dass mir kein Messer im Bauch steckte und sah mich unruhig und nervös um. Dabei fing ich Alisons Blick auf. Sie schlief nicht? Ich versuchte ein halbherziges Lächeln als ich mich erhob und dabei zu ihr sah. „Konntest du ein bisschen schlafen?“, fragte ich und griff nach meiner Feldflasche um ein paar Schluck zu nehmen.

„Besser als du, wie es scheint. Schlechte Träume?“ Ihr bohrender Blick entging mir nicht, doch ich wollte weder darüber nachdenken, noch jemandem davon erzählen, weswegen ich Alison mit einem leichtfertigen Kopfschütteln abfertigte. Sie ließ es sich gefallen, zumindest für den Moment. Es war einerseits ein Segen, dass sie für diesen einen, klitzekleinen Einsatz die Vertretung für Doktor Froschfresser war, der eigentlich Martin Dampierre hieß, Franzose war und leider Gottes kurzfristig ein anderes, wichtiges Projekt betreuen musste. Andererseits hatte ich das Gefühl, dass sie mich mittlerweile zu gut kannte, was eindeutig kein Segen war. Doch vorerst war ich vom Haken, weswegen ich ein paar Schritte näher zu Jason und Adam trat, die unsere Sammlung von Höhlen-Schleim und Moor-Matsch beaufsichtigten.

„Und? Habt ihr den süßen kleinen Schlammklumpen schon Namen gegeben?“ Ich warf einen Blick über Jasons Schulter durch das Sichtfenster im Deckel eines der Edelstahl-Quarantänebehälter. Braun-grüne Schlammklumpen waren alles, was ich sah. Dennoch schien das Zeug irgendwie besonders zu sein. Nicht nur, weil es unter irgendwelchen Bedingungen plötzlich anfing, in den schönsten Farben zu leuchten, sondern auch weil es scheinbar untereinander ... kommunizierte. Oder so. Ich hatte Doktor Froschfresser nicht zugehört und glotzte deswegen ratlos in die Behälter. War der Schlamm-Schleim während der letzten Stunden irgendwie größer geworden? Es sah verdächtig danach aus. „Den großen Klumpen sollten wir Fatty nennen.“

„Sehr originell, Jenna“, meinte Jason mit einem Grinsen, das jedoch verschwand als sein Blick an den Himmel draußen glitt, der eine einzige, dunkelgraue Wolkenlandschaft war. „Sag uns lieber wie lange wir noch hier rumsitzen und zusehen wollen, wie es Bindfäden regnet.“

„Wir brechen auf“, sprach ich kopfschüttelnd. Warten brachte ja nichts. Erst recht keine Besserung des Wetters, wie es schien. Wir hatten unplanmäßig die Nacht in dieser kleinen, höhlenartigen Zuflucht verbracht, nachdem es am späten Abend angefangen hatte, wolkenbruchartig zu gewittern. Dabei waren die Blitze, die über die freie Ebene um das Stargate herum hinweg gezuckt waren, das gewesen, was mir am meisten Sorgen gemacht hatte. Heute regnete es zwar immer noch, aber nass werden war immer noch besser, als vom Blitz getroffen zu werden. „Am besten sofort.“

Keine zehn Minuten später war ich nass bis auf die Knochen. Trotz der albernen Kopfbedeckung klebte mir das Haar im Gesicht, meine Stiefel machten bei jedem Schritt schmatzende Geräusche im aufgeweichten Boden und meine Uniform schien sich mit Wasser voll zu saugen und mit jedem Schritt schwerer zu werden. Noch dazu hörte ich plötzlich schnellere, platschende Schritte, als Alison zu mir aufschloss.

„War das gestern auch schon so weit?“, rief sie über das Rauschen des Regens hinweg und sprach damit die Frage aus, die auch ich mir schon gestellt hatte. Aber wir waren definitiv richtig hier. Die flache, mit hohem Gras bewachsene Ebene, auf der das Stargate stand, lag direkt vor uns. Ich antwortete Alison nicht, doch sie schien auch nichts dergleichen zu erwarten. Sie sprach schnell weiter und ihr Tonfall war ein gänzlich anderer, als sie dicht neben mir über die aufgeweichte Wiese stapfte. „Wie läuft’s denn so? Im Team und ... bei Matt, meine ich.“

Was für eine simple Frage. Dann verdiente Alison wohl auch eine simple Antwort. „Er hat noch sieben Wochen bis die Leistungstests anstehen.“ Okay, das war nicht simpel gewesen, sondern nichtssagend. Das sah wohl auch Alison so. Sie blickte mich mit zwei hochgezogenen Augenbrauen an; erwartete wohl etwas mehr als das, was ich ihr angeboten hatte. Also eine richtige Antwort. Nur war die nicht so leicht zu geben. „Es ist ... schwierig“, sprach ich also mit einem leisen Seufzen als ich genug von der blöden Mütze hatte und ihn mir vom Kopf schob, woraufhin sich ein Schwall Regenwasser, der sich darauf gesammelt haben musste, in meinen Nacken ergoss. Aber ich war ja schon nass bis auf die Haut, weswegen ich ein Fluchen unterdrückte und stattdessen mit den Zähnen knirschte. „Er kriegt das alles schon hin ... also, die Leistungstests und den ganzen Beurteilungs-Kram, daran habe ich gar keine Zweifel.“ Oder wenn ich welche hatte, dann half mir der Gedanke, dass Matt ein blöder Streber war, recht schnell darüber hinweg. Es gab doch bestimmt keinen einzigen Test, den der mal nicht bestanden hatte, oder? „Es ist eher ... na ja, es ist eben noch schwierig ... so im Team. Ständig stellt er irgendwelche Fragen. Was er in den zwei Monaten verpasst hat, wie wir zurecht gekommen sind ... na, eben Fragen, die ihm keiner beantworten will.“ Weder die Jungs, noch ich. Erst recht nicht ich. Deswegen redeten wir auch nicht darüber, schwiegen lieber.

„Hat Jason mir erzählt“, nickte Alison und bewies damit unnötigerweise, dass sie viel mehr war als nur die Vertretung des Froschfressers. Sie wusste nun mal Bescheid. „Er will wissen, was passiert ist, wollte wohl bei Sheppard den Missionsbericht einsehen. Der hat ihm aber gesagt, dass er Euch fragen soll, wenn er etwas wissen will. Soweit ich weiß.“

Ich runzelte die Stirn. Woher wusste Alison solche Sachen? Es bedeutete ja nichts, dass ich nichts davon musste – ich bekam sowas immer als Letzte mit – aber etwas überrascht war ich trotzdem, auch wenn ich es mit einem Schulternzucken überging. „Klar, dass Sheppard sich raus hält. Er will, dass wir das regeln.“ Ich seufzte. Wenn es nur so einfach wäre. „Wir kriegen das schon hin“, meinte ich mit wenig überzeugendem Optimismus um das Gespräch zu Ende zu bringen. Sonst käme Alison womöglich noch auf die Idee, mich weiter auszuquetschen und ...

„Und wie geht’s dir? Schläfst du immer so unruhig? Träumst du wirklich schlecht?“

Na toll. So viel zum Ende dieses vollkommen überflüssigen Gespräches. Ich hob ratlos die Schultern; wusste nicht so recht, was ich dazu sagen sollte. „Es sind nur Träume.“ Kein Wunder nach allem, was in den letzten Monaten passiert war. Der wenige Schlaf; erst der Stress und dann das Herumsitzen; die dämlichen Schmerztabletten, von denen ich lieber niemandem jemals irgendwas erzählen wollte und der ganze andere, gefühlsduselige Kram ... wer sollte denn da keine Alpträume bekommen?

Noch dazu hatte ich noch niemals zuvor jemanden auf diese Art und Weise richtig und unwiederbringlich einfach so ... umgebracht. Dieses Mal hatte ich nicht nur die Waffe abgefeuert und dafür gesorgt, dass die Kugel jemanden traf, sondern hatte mit der eigenen Hand das Messer geführt, die Haut zerschnitten, das Blut vergossen und dann ... die Veränderung bemerkt. Ich sah es noch genau vor mir: Neras Gesichtsausdruck als sie verstand, was passiert war und dann der Moment, in dem hinter ihren eisblauen Augen das Licht erloschen war. Dann war alles ganz schnell gegangen. Das Leben hatte ihren Körper schneller verlassen als das Blut aus der Verletzung an ihrem Bauch geflossen war. Nur ein paar Sekunden später hatte sie mit dem Mensch, der sie gewesen war, nichts mehr gemeinsam gehabt; war nur noch tote Masse gewesen – eine leere Hülle mit glasigen Augen, die ziellos ins endlose Nichts starrten.

„Solange du zurechtkommst damit.“ Alisons fragender Tonfall ließ die Gedanken an Neras schnellen Tod verschwinden. Die Gänsehaut jedoch blieb, als ich ihr einen kurzen Seitenblick zuwarf. Ich hatte eigentlich ein bisschen mehr Hartnäckigkeit erwartet, doch nun schien das Thema tatsächlich beendet zu sein. Beinahe zumindest.

Denn irgendwie fühlte ich mich bemüßigt, doch noch etwas dazu zu sagen. „Werde ich ganz sicher. Mit der Zeit.“ Ich nickte mir selbst zu – aber dieses Mal nicht, um mich von meinen eigenen Worten zu überzeugen. Ich glaubte wirklich, dass es mit der Zeit besser werden würde. Die Alpträume würden verschwinden. Und Matt würde – wenn er die dämlichen Tests und Beurteilungen überstanden hatte – endlich wieder unser Teamführer sein. Kaum zu fassen, dass ich mich tatsächlich darauf freute, wieder von ihm herum kommandiert zu werden.

Wir erreichten das Gate nur ein paar Minuten später. Im dichten Regen war es nichts als ein verschwommener Ring, der sich vor uns aufbaute, aber dennoch war der Anblick äußerst willkommen. Beinahe so willkommen wie die angenehm temperierte Luft und das Dach über dem Kopf, das wir kurz darauf im Gateraum von Atlantis genossen. Unter unseren Füßen bildeten sich lustige Pfützen, als wir ein paar Willkommensworte mit Major Lorne wechselten um dann schleunigst zu einer heißen Dusche abkommandiert zu werden.

Ich hatte Jason und Adam die unfassbar wichtige Aufgabe übertragen, die Schleimklumpen heil in die biochemischen Labors zu transportieren, während ich mich eilig meiner Ausrüstung entledigte und mich dann – noch immer klitschnass – auf den Weg in mein Quartier machte. Langsam wurde mir ziemlich kalt und noch dazu war es einfach nur widerlich, wenn einem die nassen Kleider am Leib klebten. Außerdem würde der blöde Schleimklumpen-Planet meinen Schlafrhythmus völlig durcheinander bringen, das wusste ich jetzt schon. Während es dort erst Morgen gewesen war, war es hier in Atlantis schon wieder dunkel. Oder immer noch, ich hatte keinen Schimmer. Ich wusste nur, dass es normalerweise Schlafenszeit war. Dabei war ich noch kein Stück müde. Trotzdem wollte ich schnell in die eigenen vier Wände, unter die heiße Dusche und dann ... ja, vielleicht hätte ich später sogar noch Lust, mir zum wohlverdienten, nächtlichen Feierabend in der Cafeteria eine heiße Milch oder einen klitzekleinen Vanillepudding ...

„Jenna, warte doch mal.“ Gleichzeitig mit den Worten tauchte Matt neben mir auf – und das nur ein paar Schritte, bevor ich mein Quartier erreichte. Zwar schien er etwas irritiert von meinem durchnässten Aufzug, doch er sagte nichts dazu, hielt mir stattdessen irgendeinen Zettel vor die Nase. „Könntest du mir eben erklären, was das hier ist?“

Na, da war jemand offensichtlich nicht in der Stimmung, Zeit zu verlieren. Es war unschwer zu erkennen, dass Matt verärgert war und sich gleichzeitig Mühe gab, das zu verbergen. Als ich mir demonstrativ das nasse Haar aus der Stirn strich und ihm einen längeren, recht fragenden Blick zuwarf, fehlten mir für einen Moment die Worte weil mir auffiel, dass er immer noch nicht wieder derselbe war. Natürlich sah er um einiges gesünder aus als damals, als er in dem Bett gelegen hatte; in dem Einzelzimmer auf der Krankenstation. Die fahle, ungesunde Hautfarbe, die dunklen Ringe unter den Augen und die rissigen, vollkommen farblosen Lippen ... nein,  von all dem war jetzt nichts mehr zu sehen, aber so wirklich der alte war Kemp trotzdem nicht. Er war furchtbar schmal, fast schon dünn. Nur noch Haut und Knochen, sozusagen. Dabei waren da überall früher mal Muskeln und sowas gewesen, oder? Ja, dessen war ich mir sicher, was natürlich nicht hieß, dass ich irgendwann mal genauer hingeschaut hätte. Trotzdem war da jetzt nichts mehr. Acht Prozent, hatte Jennifer gesagt, baute man an einem Tag an Muskelmasse ab, wenn man nur im Bett lag. Kein Wunder, dass ich glaubte, der nächste Windhauch würde Kemp umpusten.

Bisher hatte ich mir keinerlei Gedanken darum gemacht. Bestimmt, weil ich in den letzten Wochen nicht unbedingt seine Gesellschaft gesucht hatte. Das hieß eigentlich, dass ich ihm aus dem Weg gegangen war. Das ein oder andere Mal war ich vielleicht sogar vor ihm weggelaufen. Allein deswegen traf es mich jetzt so unvorbereitet, wie er hier vor mir stand. Seine Haltung war zwar aufrecht, wirkte aber seltsam steif; die schwarze Uniform, die für gewöhnlich saß wie eine zweite Haut, schlackerte an allen Stellen und das dunkle Haar schien stumpf und kraftlos. Gar nicht so wie sonst, wenn es aussah als wäre er eben mit der Hand lässig hindurch gefahren wie es die Typen in Werbespots für Männershampoos taten um zu zeigen, was für dichtes und männlich starkes Haar sie hatten. Der alte Kemp wäre genau der richtige für so einen Werbespot gewesen. Extreme Active Pro Power Sport Shampoo – nur für echte Männer, sprach eine rauere Version seiner Stimme in meinem Kopf, während ich mich selbst fragte, ob ich auf dem Planeten mit den Schleimklumpen vielleicht irgendwelchen Drogen ausgesetzt gewesen war, weil ich mir Gedanken über das Haar des alten Kemp machte, das nicht dasselbe wie das des neuen Kemp war.

Ich runzelte die Stirn, schluckte die verwirrenden Gedanken schnell runter und blinzelte ein paar Mal, bevor ich endlich auf seine Frage reagierte. „Kann ich bestimmt. Sobald ich geduscht bin und mir nicht mehr die Zähne klappern.“ Genau. Das taten sie nämlich gerade wirklich. Oder hätten sie, wenn ich nicht versucht hätte, es zu unterdrücken. Ich wollte schon weiter gehen, mein Quartier betreten, doch Matt schien das kaum zu interessieren.

„Ich hätte gern jetzt eine Antwort.“ Ah ja. Der Kommando-Tonfall. Jetzt sogar ziemlich verärgert. Hatte ihm denn niemand gesagt, dass der zurzeit nicht zog? Es lag mir ja wirklich fern, die temporäre Teamführerin-Karte zu spielen, aber gerade eben, als Matt mich mit so einem komischen Blick fixierte, hätte ich beinahe alles getan, um eben jenem zu entkommen. Aber ich versuchte es lieber weiter mit Lässigkeit. Das konnte ich ja gut.

„Und ich hätte gern ein Rührei mit Speck“, sprach ich also so salopp wie möglich, trotz Kältezittern und nervösem Herzklopfen, das bestimmt ... auch von der Kälte kam, ja. Mit einer Handbewegung über den Sensor öffnete ich die Tür zu meinem Quartier. „Und vorher eine heiße Dusche, wenn’s recht ist. Also wenn du mich jetzt entsch...“

Ich verstummte. Bevor ich mich versah, stand er vor mir – in meinem Quartier, anstatt draußen vor der geschlossenen Tür, wo er hin gehörte. Was sollte das denn jetzt? Der hatte hier nichts zu suchen, verdammt noch mal! „Ich frage noch mal“, knurrte er, dieses Mal tatsächlich so, dass ich ins Grübeln kam und einen Blick auf den Wisch warf, den er mir da entgegen hielt. „Was zum Teufel ist das hier?“

„Das äh ...“ , begann ich vorschnell, als mein Blick über den Wisch glitt und ich mich schlagartig daran erinnerte, wann und warum ich ihn ausgefüllt und unterschrieben hatte. Der Abend war beschissen gewesen. So beschissen, dass ich den dämlichen Zettel zweimal hatte unterschreiben müssen. Ein paar bescheuerte Tränen hatten meine Unterschrift beim ersten Mal verwischt und unleserlich gemacht. Es hatte ausgesehen als hieße ich Jema Wolls. Das war dämlich und so was konnte man seinem Vorgesetzten wirklich nicht zumuten. Erst recht nicht auf einem Urlaubsantrag, wenn man vorhatte, sich aus dem Staub zu machen. Meine Lässigkeit war wie weggewischt, als ich stotternd antwortete und versuchte, die Erinnerung herunterzuschlucken. „... s-sieht aus wie ein U-urlaubsantrag.“

„Das sieht aus wie dein Urlaubsantrag, wolltest du wohl sagen“, kam es wie aus der Pistole geschossen von Kemp. Ganz so, als hätte er nur darauf gewartet, das mit genau diesem oberschlauen Tonfall sagen zu können. Dann jedoch kam er wohl selbst ins Grübeln und sah sich den Zettel an, als hoffte er, dass wie von Zauberhand weitere Informationen darauf erscheinen würden. „Ich wüsste nur gern warum du ...“ Er stockte. Etwas zu lange, als dass es einfach nur eine dramatische Pause hätte sein können. „Ich verstehe nicht so recht, warum du Urlaub machen wolltest, während ich ... na, als ich ...“ Er brachte den Satz nicht zu Ende, schüttelte stattdessen den Kopf als wäre er unsicher, ob er seine Gedanken aussprechen sollte.

Doch das war gar nicht mehr nötig. Ganz so blöd war ich ja dann doch nicht. Er wollte wissen, warum ich Urlaub machen wollte, während er im Koma lag. Ich seufzte lautstark, als ich das verstand und hätte ihn am liebsten sofort eine ordentliche Gardinenpredigt gehalten. Hatte dem jemand das Hirn frittiert? War es im Koma geschrumpft? Geplatzt? Oder meinte der das ernst? Ja klar, warum zur Hölle auch nicht? Schön am Strand liegen und sich die Sonne auf den Bauch scheinen lassen, während hier alles den Bach runter ging ... warum war mir diese Idee eigentlich nicht gekommen? Ach, Moment. Könnte daran gelegen haben, dass ich mich verflucht noch mal mit beschissenen Schmerztabletten volles Rohr zugedröhnt hatte um die verdammten Nächte irgendwie zu überstehen!

Vielleicht hätte ich ihm das sogar genau so sagen können. Kurz packte mich die Neugier darauf, wie er vielleicht reagiert hätte. Doch die Wut über die grenzenlose, gehirnamputierte Dämlichkeit dieser Frage war einfach viel größer. Und wenn der blöde Kemp eine Antwort wollte, dann sollte er verdammt noch mal eine bekommen. Und was für eine! Ich verschränkte die Arme. „Weil ich Lust auf Sonne, Strand und Cocktails mit kleinen bunten Schirmchen hatte, deswegen!“ Okay, vielleicht hätte ich mir das  gehässige kleine Lächeln, das meine Lippen nach diesen Worte zierte, sparen können. Es trug wohl nicht unbedingt zur Deeskalation bei. Aber mal ganz im Ernst ... hielt der mich wirklich für so ignorant? Herzlichen Dank auch, Lieutenant Schrumpfhirn!

Doch Kemp schnaufte kurz wütend, nachdem er doch tatsächlich für den Bruchteil einer Sekunde darüber nachgedacht zu haben schien, ob ich meinen Wunsch nach Strandfeeling während mein Team kaputt ging, ernst gemeint hatte. Anscheinende hatte er sein Hirn dabei angestrengt – praise Jesus! – und den Sarkasmus in meiner Antwort begriffen. Leider schien ihn das nur noch wütender zu machen. „Na gut ... weißt du was? Vergiss es einfach.“ Er zerknüllte den beknackten Urlaubsantrag mit beiden Händen und schüttelte verärgert den Kopf. „Ich weiß gar nicht, warum ich überhaupt nachfrage! Man bekommt ohnehin nur blöde Antworten von Euch dreien.“

Hä? Ach ja, genau da war er wieder: Der Grund, warum alles komisch und doof war in letzter Zeit. Und der Grund dafür, dass die Jungs und ich komisch um Kemp herum schlichen, als hätten wir Angst, etwas falsches zu sagen. Weil er dann Fragen stellte, die ihm keiner beantworten wollte. Aber was sollte ich denn auch antworten? Es ging uns allen nicht so gut weil wir nicht wussten ob du jemals wieder aufwachen würdest. Ja ... toll. Das drückte überhaupt nichts von dem aus, was wir erlebt hatten und war deswegen genau so weit weg von der Wahrheit wie eine Lüge. Also lieber nichts sagen. Oder? Ich zweifelte daran, als Matt sich von mir abwandte und Anstalten machte, mein Quartier einfach so zu verlassen. Als hätten wir irgendwas geklärt. Oder als würde er es jetzt tatsächlich aufgeben, weiter Fragen zu stellen. So ganz zufrieden war ich damit aber auch nicht, weil ... weil ... weil ich nicht wollte, dass er mich für ein ignorantes Miststück hielt? Bevor ich lange darüber nachgedacht hatte, stotterte ich schon die Worte zusammen. „Jetzt ... also, ich ... ich wollte nicht ... j-jetzt warte doch mal!“ Es klappte. Er blieb wenigstens stehen, wenn er sich auch nicht zu mir umdrehte. Leider hieß das jetzt, dass ich irgendwas sagen, ihm irgendwas anbieten musste. Die Wahrheit natürlich. Zumindest teilweise. Und schön unverfänglich verpackt. Ein Kinderspiel, ha!

„Als sie ... nein, als Woolsey dich auf die Erde verlegen wollte, hab ich Urlaub beantragt um ...“ Jetzt drehte er sich doch um. Verfluchter Mist. Aber deswegen musste es mir doch noch lange nicht die Sprache verschlagen, oder? Dabei sah er wirklich scheiße aus. Irgendwie alt. Und war es egoistisch, dass ich mir den dynamischen, leistungsfähigen Streber zurück wünschte, der mal mein Vorgesetzter gewesen war? Ja, wahrscheinlich. „Es hat sich einfach so falsch angefühlt, dass das Team schon wieder kaputt gemacht werden sollte, deswegen dachte ich, wenn ich freiwillig mit zur Erde gehe, dann würde es das irgendwie … weniger schlimm machen?“ Ich stockte schon wieder, kam mir unendlich dämlich vor. War wohl doch kein Kinderspiel hier. Wie sagte man seinem Vorgesetzten, dass man ihn um nichts in der Welt allein gelassen hätte weil man eine Scheißangst um ihn gehabt hatte? Am besten sagte man sowas gar nicht, natürlich. Dafür gab es nämlich keinen Punkt in den Dienstvorschriften. Wahrscheinlich gab es eher Punkte dagegen. Aber warum versuchte ich dann trotzdem, ihm das verständlich zu machen? Weil ich übergeschnappt war, bestimmt.

Matt unterbrach mich in meinen Gedanken. Mit einer simplen Frage. Und immer noch – oder schon wieder? – recht viel Wut in der Stimme. Oder war das etwa gar keine Wut, sondern eher so eine komische Mischung aus Enttäuschung und Verwunderung, die mir noch viel schwerer im Magen lag, als jede Wut es getan hätte? Seine Stimme war voll damit, voll bis oben hin. „Hast du den Verstand verloren?“

Ich ... was ... ja? Klar hatte ich. Das fragte der noch? Ganz sicher hatte ich den Verstand verloren! Zusammen mit meiner Selbstkontrolle. Und zwar genau in – „In Nacht Nummer dreiunddreißig, ja.“ Verdammt, hatte ich das eben etwa laut gesagt? Matts Stirnrunzeln nach zu urteilen hatte ich das tatsächlich. Also schnell wieder zurück zum Thema. Mein Urlaubsantrag und meine Rückkehr auf die Erde, genau. „Es wäre ja nur so lange gewesen, bis du aufgewacht wärst“, begann ich, mich zu rechtfertigen. „Außerdem hatte ich mit Sheppard geredet und der hat gesagt, dass ich danach sofort wieder ...“

„Darum geht’s doch gar nicht!“, unterbrach er mich in einer Lautstärke, die mich einen halben Schritt zurückweichen ließ. „Hatten wir nicht genug Probleme damals, dich hierher zurück zu holen? Und dann fällt dir nichts Besseres ein, als bei der nächsten Gelegenheit freiwillig zu gehen?“ Wahrscheinlich aus Wut knüllte er das Papier in seiner Hand weiter, bis es eine ganz kleine Kugel war. „Ich glaub das echt nicht! Bist du vollkommen verrückt geworden? Was hast du dir denn dabei gedacht?“

Okay, das ... war zu viel. Zumal ich nicht verstand, was das eine mit dem anderen zu tun hatte. „Ich?“, rief ich und hatte vor, den Spieß hier mal ordentlich umzudrehen – und das mindestens genau so laut. „Und was denkst du dir hier gerade? Mit Sicherheit so was bescheuertes wie Hey, ich lag zwei Monate im Koma und habe nicht die leiseste Ahnung, wie das für mein Team war, aber ich denke ich werde trotzdem einfach mal hingehen und jede ihrer Entscheidungen in Frage stellen!“ Ich holte Luft, war aber noch lange nicht fertig. Ich sah es ganz sicher nicht ein, mir hier Vorwürfe gefallen zu lassen! „Du weißt doch gar nicht wie das für uns war, wie wir alle drei nicht mehr ...“ Nicht mehr konnten und vollkommen am Ende waren. Ich biss mir auf die Zunge und atmete tief durch, als mir wieder in den Sinn kam, wie hilflos und verzweifelt ich gewesen war. Aber genau deswegen war ich jetzt so stinkwütend und schaffte es irgendwie, seinem Blick standzuhalten. „Du hast keine Ahnung von den letzten zwei Monaten. Also komm jetzt besser nicht daher und sag mir, was ich hätte tun sollen!“

Er ging. Einfach so und ohne ein weiteres Wort. Einerseits wollte ich ihn aufhalten; ihm sagen, dass ich wirklich keine Lust auf Streit hatte und ihm alles erzählen würde, was er wissen wollte. Andererseits hatte ich Angst davor, genau das zu tun und war deswegen froh, dass er mich einfach nur in Ruhe ließ, auch wenn das leider nichts an der Situation änderte. So stand ich für ein paar Momente in meinem Quartier herum, glotzte auf die mittlerweile wieder geschlossene Tür und überlegte, was ich jetzt machen sollte.

Warum konnte ich nicht einfach die Klappe halten? So, wie wir es in den letzten Wochen getan hatten. Jason, Adam und ich hatten wohl irgendwann das stille Abkommen geschlossen, einfach nicht über die vergangenen Wochen zu nachzudenken, geschweige denn darüber zu reden. Vielleicht weil wir glaubten, das Ganze einfach aus unseren Köpfen streichen zu können jetzt, wo Kemp wieder da war. Also hatten wir immer schön abgelenkt, sobald Matt anfing, Fragen zu stellen. Ich hatte mich selbst in letzter Zeit sogar dabei erwischt, lieber gar nichts zu sagen anstatt das falsche Thema anzusprechen. Vielleicht hatten wir tatsächlich geglaubt, dass ihm das komische Schweigen, das zwischen uns herrschte, sobald er dabei war, nicht auffallen würde. Wenn ja, waren wir blöd gewesen, denn wahrscheinlich war es genau diese Schweigsamkeit, die uns daran hinderte, die Scherben unseres Teamgeistes aufzulesen und wieder zusammenzufügen.

Und jetzt war Matt sauer. Zurecht, wie ich recht schnell begriff. Wie hatte ich denn eben so blöd sein können, ihm vorzuwerfen, dass er von nichts Ahnung hatte, wenn ich gleichzeitig diejenige war, die alles daran setzte, dass er nichts von dem erfuhr, was in den letzten Monaten vorgegangen war? Das war vollkommen hirnrissig. Und gemein war es auch, weil Matt sich mit Sicherheit ausgeschlossen fühlte, obwohl er sein Team jetzt brauchte um wieder vollkommen fit zu werden, die Leistungstests zu bestehen und wieder unser Teamführer zu sein. Noch dazu hasste ich den Gedanken, dass ich ihm dann, wenn es soweit war, einen Haufen Scherben und drei Einzelpersonen, anstatt ein richtiges Team überlassen müsste. Damit er das wieder ganz machen konnte, was ich mit meiner Ignoranz kaputt gemacht hatte? Das war scheiße, aber es war nicht mal das Schlimmste. Das, was mir wirklich, wirklich Angst machte, war die Erinnerung an den Abend, an dem wir aus vollkommenen bescheuerten Gründen, die ich längst vergessen hatte, auch schon so gestritten hatten. Und dann war er am nächsten Morgen nicht aufgewacht.

All das raste mir durch den Kopf, während ich wie ein begossener Pudel in meinem Quartier stand, mir auf der Lippe herum kaute bis es weh tat und überlegte, was ich tun sollte. Dabei wusste ich das eigentlich ziemlich genau. Wenn ich wollte, dass alles weniger scheiße wurde, musste ich irgendwas tun. Weil alle anderen zu doof dazu waren. So ist das, wenn man nur von Idioten umgeben ist, wie mein Vater jetzt sagen würde. Man muss alles, was klappen soll, selbst machen. Also musste ich auch selbst handeln, damit ich mein Team zurückbekommen würde. Denn das war alles, was zählte und dagegen war wahrscheinlich sogar meine dämliche Sturheit machtlos. Na wird’s bald!?, schnauzte ich mich also selbst an, bevor ich mich langsam in Bewegung setzte, mein Quartier verließ und dann … hm, links oder rechts? Der Transporter lag rechts den Korridor hinunter, deswegen entschied ich mich für diese Richtung, lief schnellen Schrittes immer weiter und ignorierte die Kälte, die meine Finger mittlerweile steif machte.

Ich erwischte den letzten Moment, bevor er den Transporter betätigt hätte. Gerade noch rechtzeitig bog ich um die Ecke und konnte mich in den Türen platzieren, die wegen meiner Anwesenheit keine Anstalten machten, sich zu schließen. Kemp hatte schon die Hand zum Touchscreen des Transporters gehoben, ließ sie aber wieder sinken als er sich zu mir drehte. „Was denn noch?“, fragte er genervt und barsch, aber das machte mir ja nichts. Ich würde jetzt mal vernünftig sein hier … wenn es schon sonst keiner dieser Volltrottel war!

„Für wie blöd hältst du mich eigentlich?“, fragte ich leider, was … jetzt nicht so vernünftig war. „Ich mach doch nicht denselben Fehler zwei Mal, damit das klar ist“, murmelte ich und meinte natürlich den bescheuerten Streit vor dem Koma, den wir nicht aus der Welt geschafft hatten. „Wir klären das jetzt, bevor du wieder … irgendwas Dummes tust. Abgesehen davon …“ Ich zögerte, hob resignierend die Schultern. „Na, wir müssen das ja wohl alles irgendwie hinkriegen und es kann vielleicht sein, dass wir … na, die Jungs und ich haben uns möglicherweise nicht unbedingt fair verhalten … dir gegenüber, meine ich.“

Er hob die Augenbrauen als würde es jetzt tatsächlich interessant für ihn werden und verschränkte die Arme vor der Brust. Die Ärmchen wohl eher. Es war wirklich erschreckend, wie sehr seine Uniformjacke schlackerte. Dagegen war ja sogar ich der reinste Muskelprotz! Aber egal. Er blickte mich kurz abwartend an und meinte dann: „Na dann fang mal an mit dem fairen Verhalten.“

Boah, was für eine selbstgefällige Nervensäge der sein konnte! Ich verdrehte schrecklich gereizt die Augen und presste die Lippen aufeinander, bevor ich zischend und spöttisch antwortete. Der hatte schließlich angefangen mit dem Urlaubsantrag-Holzhammer! „Sagt Lieutenant Fingerspitzengefühl oder was?“ Um aber nicht schon wieder alle Chancen auf ein normales Gespräch im Keim zu ersticken, schickte ich noch etwas hinterher. „Wir haben uns wohl beide nicht unbedingt …“ Ich stockte, suchte nur eine Sekunde nach den richtigen Worten.

Doch Matt hatte wohl denselben Gedanken gehabt. Gruselig, das. „… geschickt angestellt?“ Er nickte. Und ich betete, dass ich mir nur einbildete, dass er plötzlich, als erweiter sprach, zehn Jahre älter aussah – nur ein blasser Schatten seiner selbst. „Ich steh‘ immer noch vollkommen neben mir und …“ Er hob die Schultern, wirkte plötzlich so widerlich hilflos, dass ich mir noch viel mehr wie ein abscheuliches Ekelpaket vorkam, weil ich ihn vorhin so angeranzt hatte und mich in stiller Übereinkunft mit den Jungs in den letzten Wochen so übel verhalten hatte.

„Da könntest du ein bisschen Unterstützung von hilfsbereiten Teamkameraden gebrauchen, denke ich.“ Ich schluckte den dicken Schuldkloß runter, der in meinem Hals steckte. „Nur waren wir nicht besonders hilfsbereit in letzter Zeit.“ Ich seufzte und überlegte, wie ich ihm klarmachen konnte, warum wir alle drei keine Musterbeispiel-Teamkameraden gewesen waren. Wir waren ja nicht mit Absicht bescheuerte Ego-Zombies gewesen, nein wirklich nicht! „Es ist nur … nicht so einfach … irgendwie.“ Ja, genau … konnte ich nicht noch ein bisschen gehirnamputierter daher labern, bitte?

Ich beschloss, noch mal von vorne anzufangen. „Diese acht Wochen waren …“ Kaum hatte ich wieder angefangen, da wusste ich schon nicht mehr, wie es weiter gehen sollte. Ich blinzelte irgendetwas weg, spielte nervös am Bund meiner nassen Jacke und schob das Zittern auf die Kälte. Nur auf die Kälte. „Ich würde das am liebsten vergessen, aus meinem Kopf streichen … einfach nie wieder dran denken und … bestimmt geht‘s den Jungs genauso, deswegen …“ Meine Stimme flatterte sehr dämlich, ich hielt für einen Moment inne wobei mein Blick ruhelos umher glitt und letztlich an meinen Schuhspitzen kleben blieb. Bloß nicht Kemp ansehen, dann würde ich ja gar kein Wort mehr zustande bringen. „Frag sie nicht danach. Zumindest nicht jetzt. Ich erzähl dir alles, was du wissen willst, ich versprech’s. Ich brauch nur … noch ein bisschen mehr Abstand dazu. Ein bisschen Normalität. Okay?“ Ich traute mich für eine ganz kurze Sekunde, hochzusehen, bereute es aber sofort. Es machte mich noch zittriger. War ja aber kein Wunder, weil ich noch immer nasse Klamotten trug und die Kälte mir langsam bis in die Knochen kroch.

„Okay“, echote Matt zwar, aber … na, dass er damit unzufrieden war, konnte jeder blinde Volltrottel sehen. Er rieb sich kurz mit einer Hand über die Augen, sah für einen Augenblick schrecklich müde aus. Er wollte wohl etwas sagen, wusste aber entweder nicht wie oder ob er es wirklich sagen sollte. „Da ist nur eine Sache …“, begann er dann zögerlich und sehr leise, wobei dieses Mal er derjenige war, der den Blick abwandte. „Wie starb sie?“ Eine Pause folgte, aber dann ... brach es aus ihm heraus als wären die Worte nicht länger aufzuhalten gewesen; als hätten sie sich selbstständig gemacht. „Dass Nera tot ist, hat Sheppard mir gesagt, aber mehr nicht und ... irgendwie hab ich das Gefühl, als müsste ich wissen, wie das passiert ist; wie sie gestorben ist und wer ...“

„Adam“, log ich ohne darüber nachgedacht zu haben. „Ein Schuss, ein Treffer, du kennst ihn doch.“ Ich hob die Schultern, ließ es so selbstverständlich wie möglich klingen und war für einen Moment erschrocken, wie leicht mir das fiel.

Matt schien zufrieden zu sein, nickte gedankenverloren. Ich hörte ihn ein „Ja … das dachte ich mir schon“ murmeln. Wir schwiegen daraufhin beide; ich spürte überdeutlich, dass Matt mich ansah, dass er mir tausend Fragen stellen wollte und dabei doch keine aussprach. Ich sah seine Hand zucken, fast glaubte ich, dass er … nein, er ballte sie zur Faust, räusperte sich und brach endlich das Schweigen. Mit ein paar Worten, die alles waren … nur nicht so locker, wie er sie klingen ließ. „Und jetzt ab unter die Dusche, Lieutenant.“

Ich musste unbewusst die Luft angehalten haben, atmete tief ein und nickte versucht lässig. Lässigkeit half ja immer! Erst recht gegen merkwürdiges Schweigen. „Da wäre ich schon längst, wenn mich nicht jemand aufgehalten hätte“, meinte ich etwas schnippisch und beschloss, dass ein bisschen Stichelei durchaus Normalität spenden würde. „Jemand, der seine Zeit lieber sinnvoll verbringen sollte. An der Kraftstation beispielsweise.“ Ha, das hatte gesessen. Ich konnte förmlich dabei zusehen, wie Matt das Gesicht einschlief weil ich ihn bei seiner albernen männlichen Muskel-Eitelkeit erwischt hatte. Ich überlegte schon, ob ich ihm einen neuen Spitznamen verpassen sollte. Er war ja eher der unfähige Hulk, anstatt des unglaublichen Hulk zurzeit, oder?

„Sieh zu, dass du Land gewinnst“, knurrte er nur, weswegen ich schnell kehrt machte und aus dem Transporter verschwand, aber noch ein „Mit einer halben Portion wie dir nehm‘ ich’s noch immer auf!“ hörte, bevor sich die Türen schlossen.

„Was zu beweisen wäre“, meinte ich, obwohl er es wohl nicht mehr hörte. Denn ich war allein im Korridor und sah es deswegen nicht ein, mir das dumme Grinsen zu verkneifen, das ich mir auch unter der Dusche nicht vom Gesicht waschen konnte.
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