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Starlight! Das Leben ist nicht fair!

von Capsuna
GeschichteDrama, Tragödie / P12 / Gen
Caboose Rusty
31.12.2013
21.02.2014
7
10.274
 
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31.12.2013 2.341
 
Ich schlug sofort die Augen auf, als ich es hörte. Ein Blick auf den Wecker neben mir sagte mir, dass ich eigentlich noch ein paar Stunden Zeit hatte, bis ich mich zum Dienst fertig machen musste. Aber das Geschrei hörte einfach nicht auf. Ich stöhnte und drehte den Kopf zur Seite. „Kannst du nicht mal gehen?“, gähnte ich genervt die Dampflok an, die mich aus müden Augen anblinzelte. „Ich war die letzten zwei Mal“, meinte mein toller Göttergatte und legte seine Hand auf meinen Arm, wobei sie noch blasser aussah als sonst, im Kontrast zu meiner hellbraunen Haut, „geh schon, es wird dich nicht umbringen.“ Ich verdrehte die Augen und richtete mich langsam auf. Das Schreien wurde lauter. Ich schüttelte meinen Kopf kurz, um die letzte Müdigkeit zu vertreiben, stand auf und verließ unser Schlafzimmer. Erst, als ich die Tür geschlossen hatte und in den dunklen Flur starrte, schlug ich in einem Anflug von Panik gegen den Lichtschalter. Flackernd ging die Lampe an und ich beruhigte mich wieder. Ich hatte panische Angst vor Dunkelheit, schon seit meiner Kindheit. Das wusste niemand, noch nicht einmal mein Mann und das würde auch sicherlich niemand je erfahren, denn als Schlafwagen war mir das äußerst peinlich. Wenn ich nicht allein war, so wie eben im Schlafzimmer, war es noch relativ gut zu ertragen, aber wehe … das Geschrei unterbrach meine Gedanken. Ich stöhnte genervt auf, fuhr auf das Zimmer zu, aus dem es kam und riss die Tür auf. Dunkelheit. Aber ich war ja nicht allein. Schnell, um die unangenehme, dunkle Situation so kurz wie möglich zu machen, fuhr ich zu dem kleinen Kinderbettchen und holte meine kleine Dampflok heraus. Er weinte immer noch bitterlich, obwohl ich ihn an mich drückte. Wahrscheinlich hatte er einen Alptraum gehabt. „Shh, Rusty, alles ist gut, ich bin ja bei dir“, ich wiegte ihn etwas hin und her, küsste ihn dann auf den Kopf und setzte mich mit ihm in den Armen auf den Flurboden, wobei ich mich gegen die Wand lehnte. Das grelle Licht gefiel ihm offensichtlich nicht, er vergrub seinen Kopf in meiner Brust und weinte in mein Nachthemd. Zufrieden stellte ich fest, dass er viel ruhiger geworden war, seit ich mit ihm kuschelte, auch, wenn er sich noch nicht ganz beruhigt hatte. Mich hatte es jedoch ganz beruhigt – ich war nicht mehr genervt und auch nicht mehr leicht sauer darauf, dass ich nach ihm sehen musste. Ein Lächeln stahl sich auf mein Gesicht, als Rusty sich mit seiner kleinen Hand im Stoff meines Nachthemdes festkrallte, damit ich ihn ja nicht losließ. Das wollte ich auch gar nicht mehr, dazu hatte ich ihn viel zu lieb. Der kleine Fratz war zwar erst einen Monat alt, aber mich hatte er schon lange um seine kleinen Fingerchen gewickelt.

Ich wachte erst auf, als mich jemand leicht schüttelte: „Belle! Wach auf, du musst gleich los!“ Ich blinzelte und sah meine andere Dampflok, die mich besorgt ansah. Ich saß immer noch im Flur und Rusty schlief selig in meinen Armen. „Och Tvaiko …“, begann ich und gähnte, doch er schüttelte den Kopf: „Ich frag ja lieber gar nicht erst, warum du mit Rusty im Flur übernachtet hast, aber wenn ihr euer Camping hier nicht bald beendet, wirst du deine erste Fahrt nicht mehr pünktlich erreichen.“ „Ist ja gut. Dann nimm ihn mal“, schweren Herzens hob ich Rusty aus meinen Armen und hielt ihn Tvaiko hin. Ohne Aufzuwachen wurde Rusty von seinem Vater in die Arme genommen und weggetragen. Ich stand auf und ich merkte, wie unbequem der Flurboden und die dazugehörige Wand gewesen sein mussten, denn die letzte Nacht spürte ich nun deutlich in jedem Teil meines Körpers.
Eine Stunde später lag Rusty schlafend in seinem Bettchen und Tvaiko und ich standen im Flur. „Ich wünsche dir eine gute Fahrt“, sagte er und küsste mich, „viel Spaß und komm bald wieder.“ „Es sind nur ein paar Tage“, lächelte ich, meine Fahrten gingen immer durch die Nacht, „bis dann.“ Ich küsste ihn ein letztes Mal und fuhr aus dem Haus.


Erschöpft ließen wir uns auf ein paar große Steine fallen, die in der Gegend beieinander standen und das Ende unserer Fahrt markierten. Es war schon wieder fast dunkel, ich war schon zwei Tage von Zuhause weg. „Wir sind sogar zehn Minuten früher angekommen“, sagte Oilslick, die Diesellok, die uns die ganzen zwei Tage lang gezogen hatte, mit einem Blick auf die Uhr, dann lächelte er schief, „bei diesem Motor allerdings auch kein Wunder.“ Er zwinkerte uns zu. Ich rollte mit den Augen – ich hasste Dieselloks. Chiba, ein Speisewagen, seufzte und lächelte ihn an. Ich stieß sie genervt in die Seite. Sie warf mir kurz einen wütenden Blick zu, bevor sie weiter diese Diesellok anschmachtete. „Dann wünsche ich meinen Schönheiten noch eine gute Nacht“, machte er weiter, ohne sie wirklich zu beachten, „ich werde jetzt fahren. In einer Woche findet das große Rennen statt. Da muss ich mich schließlich“, er ließ seine Oberarmmuskeln spielen und Chiba war vollkommen von den Socken, „vorbereiten.“ Er drehte sich geräuschvoll um und fuhr weg.
„Ist er nicht einfach der Wahnsinn?“, seufzte Chiba. Zuerst wollte ich eine vor Ironie triefende Antwort darauf geben, doch dann fiel mein Blick auf ihre Hand: „Chiba! Du bist ja verheiratet!“ Sie sah mich ertappt an. „Ehrlich?!“, rief Fuma, ein Raucherwaggon, überrascht, „du hast doch gerade noch pausenlos mit dem da geflirtet! Böses Mädchen!“ Sie lachte und zog weiter an ihrer Zigarette. „Was denn?“, rief Chiba gespielt unschuldig, „man darf sich doch wohl mal ein bisschen amüsieren?“ Sie grinste mich an, doch ich schüttelte den Kopf: „Du solltest sofort damit aufhören. Oder dich von deinem Mann trennen. So etwas macht man nicht.“ „Oh, da ist aber jemand ganz lieb erzogen!“, lachte sie. Ich rollte mit den Augen: „Ich mein's ernst.“ Fuma wurde auf einmal aufmerksam auf den Bass, der schon eine ganze Weile aus der Ferne tönte: „Hey, hört ihr das auch? Ich glaub, da hinten läuft eine Party! Wie wär's, Mädels?“ Chiba war sofort begeistert, doch ich schüttelte nur den Kopf: „Ich muss nach Hause.“ „Quatsch, komm mit!“ „Nein, ehrlich, meine Familie …“ „Deine Familie wird wohl noch ein paar Stunden ohne dich aushalten“, meinte Chiba und legte einen Arm um mich, als wäre sie meine langjährige Freundin, dabei kannte ich sie erst seit zwei Tagen, genau so wie Fuma, „komm, gönn dir auch mal was.“ Zweifelnd sah ich in die Richtung, aus der der Bass kam: „Aber … aber das ist ja im Frachthof.“ „Na und?“, Fuma grinste, „da sind sie am wildesten!“ „Genau das befürchte ich ja …“ „Ach, komm schon, sei keine Spaßbremse!“, Chiba packte mich am Handgelenk und zusammen mit Fuma zog sie mich mit sich.
Gegen meine Erwartungen machte mir die Party dann aber doch ziemlich viel Spaß, was wahrscheinlich an den ganzen Getränken lag, die ich an dem Abend getrunken hatte.


Ich wachte auf, weil mir kalt war, extrem kalt. Als ich die Augen aufmachte, bemerkte ich die höllischen Kopfschmerzen, die sich anfühlten, als würde ein Elefant in meinem Schädel herumwüten. Ich richtete mich langsam auf. Ich war allein in einer der riesigen, zugigen Lagerhallen vom Frachthof. Langsam kamen die Erinnerungen an gestern zurück. Chiba und Fuma hatten mich zu dieser Party geschleift … und wir hatten gefeiert … getrunken … gefeiert … getrunken … gefeiert … aber was dann? Angst machte sich in mir breit, als ich merkte, dass ich offenbar einen Filmriss hatte. Aber unerträglich wurde diese Angst erst, als ich auf mich hinunterblickte und meine Klamotten … nun ja … nicht ganz so in dem Zustand wiederfand, wie sie noch gestern auf der Dienstfahrt gewesen waren. Hektisch stand ich auf und richtete sie so, dass ich wieder richtig angezogen aussah. Alle möglichen Gedanken schwirrten mir durch den Kopf. Jemand musste mir K.O. - Tropfen untergemischt haben und mich … ich konnte gar nicht daran denken. Ich wollte nur noch nach Hause. Wie besessen rannte ich über die Gleise, als wollte ich selbst als Lok an dem großen Rennen teilnehmen, und hörte nicht eher damit auf, bis ich zu Hause war.
Tvaiko kam mir mit Rusty auf dem Arm schon im Flur entgegen. Schuldgefühle machten sich in mir breit. „Wo warst du so lange?!“, fragte Tvaiko besorgt, „ich hab mir Sorgen gemacht!“ „Wir standen im Stau“, nuschelte ich, nahm ihm Rusty aus den Armen und drückte ihn fest an mich, während ich darum kämpfte, bloß keine Träne zu verlieren. Tvaiko wollte mich umarmen, aber ich fuhr weg und schloss mich im Schlafzimmer ein. Dann legte ich mich mit Rusty aufs Bett und fing an zu weinen. Er sah erschrocken zu mir hoch, aber ich konnte in dem Moment keine Rücksicht darauf nehmen. Tvaiko klopfte an die Tür: „Belle! Was ist denn los? … Weinst du?!“ Aber ich ignorierte ihn und drückte meine kleine Dampflok noch fester an mich.


Zuerst schien mein geliebter, normaler Alltag wieder zurückzukehren. Ich verdrängte das Erlebnis auf dem Frachthof, Tvaiko hörte auch irgendwann auf, danach zu fragen und es wurde wieder alles so wie immer. Fast. Ich saß gerade an Rusty's Bettchen und streichelte ihn, während ich ihm beim Schlafen beobachtete, als sich auf einmal etwas in meinem Magen regte. Wie von der Tarantel gestochen sprang ich auf, rannte ins Badezimmer und übergab mich über dem Klo. Das war jetzt schon das dritte Mal in Folge. Und zwar immer zur selben Tageszeit – morgens. Moment. Erbrechen? Am Morgen? Morgenübelkeit? Das hatte ich schon einmal gehabt. Und  zwar als ich mit Rusty schwanger gewesen war. Für einen Moment wollte ich zu Tvaiko rennen, ihm in die Arme fallen und ihm mitteilen, dass Rusty ein kleines Geschwisterchen kriegen würde, doch dann hielt ich inne. Tvaiko und ich hatten seit Rusty's Geburt nicht mehr miteinander geschlafen, der Alltag mit unserem Baby hatte uns zu sehr gestresst. Auf einmal hatte ich das Gefühl, mich noch einmal übergeben zu müssen. Denn wenn Tvaiko mich offensichtlich nicht geschwängert hatte, dann musste es passiert sein, als … ich bekam plötzlich kaum noch Luft. 'Ganz ruhig, Belle, woher willst du denn wissen, dass du schwanger bist?', sagte eine Stimme in mir, 'Vielleicht hast du dich auch nur irgendwo angesteckt. Nur, weil man brechen muss, heißt das nicht gleich, dass man schwanger ist.' 'Genau', meinte eine andere Stimme sarkastisch, 'es ist ja ganz normal, jeden Tag zur selben Uhrzeit zu brechen, wenn man krank ist!' 'Trotzdem ist noch nichts bewiesen', meldete sich die erste Stimme zurück. 'Na dann los', rief die zweite Stimme, 'los, beweisen wir es. Du weißt, wo die Tests liegen.' Ich rannte ins Schlafzimmer und zog energisch eine Schublade meines Nachttisches auf. Aufgeregt holte ich einen Schwangerschaftstest aus der hintersten Ecke, der noch aus der Zeit vor Rusty war und verschwand wieder im Badezimmer.
Eine halbe Minute später war meine Welt zerbrochen. Völlig aufgelöst warf ich den Test wütend auf den Boden und rannte aus dem Haus. Der Fahrtwind pustete mir die Tränen aus dem Gesicht. Ich wusste noch nicht einmal, wohin ich wollte, einfach nur weg. Es war schon abends, als ich wiederkam.

Ich fuhr ins Esszimmer und sah Tvaiko in die Augen, der auf mich gewartet zu haben schien. Als ich sah, was er in der Hand hielt, schien mein Herz stehen zu bleiben. „Kannst du mir das erklären?!“, herrschte er mich wütend an und fuchtelte mit dem Schwangerschaftstest vor meinem Gesicht herum. „Tvaiko, ich …“ „Du hast mich betrogen, du Schlampe!“ „Nein! Es war nur …“ „Hör auf! Deine Lügen kannst du jemand anderem erzählen! Geh, ich hab deine Sachen gepackt!“ „Was?! Tvaiko, nein! Ich hab dich nicht betrogen, ich …“ „GEH!! Und dein Kind kannst du auch gleich mitnehmen!“, er wies mit dem Kopf in die Richtung von Rusty's Zimmer, „mit so jemandem wie DIR will ich absolut nichts zu tun haben, da verzichte ich liebend gern auf den da!!“ Ich begann zu weinen, mein Herz sprang in tausend Teile: „Aber Tvaiko, ich liebe dich!“ „Das hättest du dir vorher überlegen müssen! Und jetzt verschwinde!“ „Aber..“ „HAU AB!!“ Er erhob seinen Arm, um nach mir zu schlagen. Erbleichend wich ich aus und rannte mit tränenüberströmtem Gesicht die Treppe hoch. Oben auf meinem Bett lag mein Koffer und Rusty gleich daneben. Verzweifelt nahm ich Rusty in meinen linken Arm und packte mit meiner freien Hand den Koffer. Viel Zeit hatte ich nicht, denn Tvaiko kam mir hinterher und scheuchte mich aus seinem Haus.


Rusty und ich kamen in einer kleinen Wohnung unter. Um ein Haar hätte ich mit dem Ganzen abschließen können und ein neues Leben zu starten versuchen können, doch gab es etwas, dass mich vollkommen fertig machte – mein Bauch. Er wuchs und wuchs und ich hatte keinen Schimmer, was da eigentlich heranwuchs. Ich hatte kein Geld für einen Arzt und musste mich so wohl oder übel noch etwas gedulden. Ich ekelte mich auf jeden Fall vor dem, was da wuchs, was auch immer es war. Höchstwahrscheinlich ein hässlicher Frachtwaggon. Diese Gedanken trieben mir regelmäßig Tränen in die Augen.


Schließlich war es so weit. Ich hatte viel geweint bei der Geburt, doch nicht alle meiner Tränen waren auf die Schmerzen zurückzuführen. Endlich sah ich, was monatelang in meinem Bauch herangewachsen war – ein Bremswagen. Noch verschrumpelt, ganz nass und blutüberströmt schrie er mit geballten Fäusten, als würde ihm nicht gefallen, wen er da als seine Mutter erblickte und brüllte so laut, dass auch Rusty anfing, zu weinen. Ich starrte ihn wutentbrannt an. Kurzerhand packte ich ein Handtuch, das eigentlich auf dem Weg zur Waschmaschine war, wickelte ihn grob darin ein und fuhr mit ihm zum Frachthof. Dort angekommen legte ich den Schreihals achtlos auf einen Stapel Holzbretter und fuhr zurück nach Hause, um mich um meine kleine Dampflok zu kümmern. Das hatte der Typ jetzt davon, dass er mir K.O. - Tropfen ins Getränk gemischt hatte. Denn wenn er noch im Frachthof lebte – und davon ging ich stark aus, denn kaum jemand kommt aus dem Frachthof raus – konnte er zumindest diese Nacht nicht ruhig schlafen. Genau so wie jeder andere dort auch, aber das war mir relativ egal. Ich war froh, dass dieser Alptraum nun vorüber war.
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