Das Uhrwerk-Universum

von Ynishii
KurzgeschichteSci-Fi / P12
28.12.2013
28.12.2013
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Als Mei Ti Sun, nach einer längeren Suche im Ring von PYRIDIA schließlich das mittelgroße Quartier betrat, war der unsterbliche Terraner Durash schon da und unterhielt sich mit einer hochgewachsenen Frau von schlanker Statur in einer schwarzen, eleganten Kombi. Beide saßen sie um einen Couchtisch aus Ebenholz auf nachtblauen Ledersesseln und waren in eine lebhafte Diskussion vertief, der Mei Ti aber noch nicht folgen konnte. Erst als sie näher herantrat, die Beleuchtung war eher spärlich, erkannte sie die Frau.
Es handelte sich um Dr. Aurora Flemming, die Necro-Philosophin, welche sie bereits vor Kurzem bei der Autopsie des planetaren Rates Tsijik Ramos von Gatas kennengelernt hatte. Die Gataser hatten sich nachträglich damit einverstanden erklärt, die Leiche an die Schatten zu überstellen und diese Gelegenheit hatte Dr. Flemming genutzt. Offenbar diskutierte sie gerade die Ergebnisse der Obduktion mit Durash. Die Halbkartanin wusste nicht viel von Tsijik Ramos und war ihm auch erst einmal in lebendigem Zustand begegnet. Wie sich herausgestellt hatte, war ihm die Jenseitsmaterie mit der er kurze Zeit davor geflutet worden war, gewaltsam entzogen worden. Dies hatte eine „exzessive Dehydration“ zur Folge gehabt, was die Zweitmeinung von Dr. Flemming bestätigt hatte.
Während der Unsterbliche seine Freundin heranwinkte und ihr einen Platz anbot, beendete Aurora ihre ersten Ausführungen.
„… die bioenergetische Restsignatur deutet wie erwartet darauf hin, dass dem Schöpfungsprozess eine gewisse Eigenintelligenz zu Grunde liegt.“
„Dieser Schluss ist naheliegend, jedoch noch nicht wirklich empirisch belegt“, antwortete der Unsterbliche, was Dr. Flemming dazu veranlasste ihr Gesicht zu verziehen, als hätte sie in eine Zitrone gebissen.
„Der Beweis liegt in Autopsieraum 1287. Du musst nur hingehen und meine Daten überprüfen.“
Erst nach dieser Erwiderung richtete sie ihren Blick auf Mei Ti und reichte ihr die Hand, ein sicheres Zeichen für ihre Erregung, denn normalerweise war sie ausgesucht höflich und hätte die Freundin ihres Mentors nie übergangen oder ignoriert.
„Me Ti Sun, wenn ich nicht irre. Es ist schön dich wiederzusehen. Vielleicht kannst du unseren Disput schlichten.“
Die Halbkartanin konnte nur verwirrt dreinblicken, was Aurora schließlich nach ein paar Sekunden dazu brachte ihr die Sache noch einmal zu erläutern.
„Ich hatte die Gelegenheit die Leiche des erst kürzlich verstorbenen planetaren Rates Tsijik Ramos zu untersuchen. Dabei ist mir eine bioenergetische Restsignatur aufgefallen, welche sich langsam abbaute. Diese Signatur dürfte eigentlich gar nicht da sein und das ist sie auch bei den meisten nicht. Nur bei einer anderen Gelegenheit hatte ich dieselbe Beobachtung gemacht, nämlich bei einem terranischen Politiker mit dem Namen Eugen Trigenz. Das war ein aufstrebender Mann. Er hätte die terranische Expansionspolitik nachhaltig geändert. Auch damals erkannte ich ein Muster in dieser Signatur. Wenn du nun weißt, dass sich die bioenergetische Aura eines Verstorbenen zur Quelle zurückzieht, worauf deutet dann diese Signatur hin? Sie ist natürlich nur mit pyridianischen Geräten messbar und äußerst schwer aufzuspüren aber sie ist äquivalent zu der bioenergetischen Aura des Verstorbenen.“
Nach längerem Nachdenken und einer großen Tasse terranischem Kaffee musste Mei Ti schließlich passen. Zwar hatte sie während ihrer Ausbildung auch pyridianische Philosophie gehabt und wusste ansatzweise Bescheid aber die Schlussfolgerung des Doktors konnte sie mit ihrer begrenzten Erfahrung nicht nachvollziehen. Durash war es, der dann die Erklärung und Theorie von Aurora Flemming zusammenfasste.
„Aurora glaubt, dass es sich um eine Art Schicksalssignatur handelt, die die höhere Bestimmung eines Wesens repräsentiert …“
Er wurde von der aufgeregten Necro-Philosophin unterbrochen, denn schließlich war es ja auch ihre Theorie: „… und die nach dem Tod einer wichtigen Person, für was auch immer wichtig, auf eine andere Person übertragen wird. Deshalb besteht sie noch einige Zeit nach dem Tod weiter und verschwindet erst nach und nach. Während sie verblasst, wird sie auf einen anderen aufgeprägt, der dann auch das Schicksal übernimmt.“
Sie machte eine kurze Pause um das gesagte wirken zu lassen. Als Mei Ti jedoch keine Anstalten machte sich zu rühren musste sie noch deutlicher werden.
„Verstehst du, was ich damit sagen will? – Es bedeutet, dass für bestimmte, unvermeidliche Schlüsselereignisse eine Art Masterplan existiert. Bestimmte Ereignisse führen zu anderen Ereignissen, die möglicherweise die Zukunft so stark beeinflussen, dass sie einfach geschehen müssen. Es ist eine Art universeller Butterfly-Effekt.“
Auch jetzt noch konnte Mei Ti nicht recht folgen. Statt zu antworten sah sie deshalb zu Durash hinüber, der jedoch auch nur die Schultern zucken konnte.
„Universeller Butterfly-Effekt“, sagte er nur und griff nach seiner Tasse.
„Glaubst du, dass da was dran ist?“, fragte die Halbkartanin schließlich, immer noch an den Unsterblichen gewandt.
Dieser ließ sich Zeit mit einer Antwort, auch als alle Blicke auf ihm ruhten. Zuerst lehnte er sich nach hinten und legte seine Hand ans Kinn, eine Geste, die für äußerste Unsicherheit sprach und deshalb nicht oft zum Einsatz kam, wie Mei Ti wusste.
„Es ist eine gute Theorie aus einer ausgezeichneten Quelle und ich bin der Meinung, dass man ihr nachgehen sollte aber ich glaube, dass es nicht eindeutig ist, was es mit dieser Restsignatur auf sich hat.“
„Es ist doch eigentlich relativ einfach, wenn auch nicht neu: Wenn man sich das Universum als eine Art Maschine, etwa so wie ein Uhrwerk vorstellt, in der jeder winzige Teil ein Aufgabe hat und ein paar Teile für die Funktion der Maschine essentiell sind, dann muss es eine Redundanz geben“, versuchte Dr. Flemming ihre Position zu verteidigen.
Das verstand auch Mei Ti.
„Wenn ich mir das so vorstelle, dann könntest du durchaus recht haben. Ich denke auch, dass der Ansatz zwar nicht neu ist aber die Indizien sprechen zumindest für sich.“
Aurora fühlte sich bestätigt.
„Da hörst du es, du sturer Terraner.“
Durash sah sich mit einer weiblichen Übermacht konfrontiert und gab schließlich nach.
„Na schön. Der Uhrwerkgedanke fängt an mich zu interessieren. Du kannst die RÖNTGEN haben. Das ist ein Forschungsschiff mit pyridianischen Sensoren. Es ist eine Expertencrew an Bord. Wenn es dir gelingt die ‚Theorie der Unvermeidlichkeit‘ in eine Tatsache umzuwandeln, dann verleihe ich dir persönlich den Prime-Award, der bekanntlich die höchste wissenschaftliche Auszeichnung von Tenanjii darstellt. Außerdem werde ich nur für dich einen neuen Lehrstuhl an der Akademie schaffen.“
Jetzt hatte auch noch die halbkartanische Spezialistin etwas beizutragen, so glaubte sie zumindest.
„Wär es dann nicht möglich die Zukunft exakt vorherzubestimmen, wenn man diese Signatur lesen könnte? – Das wäre großartig, nicht wahr? Man könnte zukünftige Ereignisse skalieren.“
Sowohl Durash als auch Aurora schüttelten synchron die Köpfe. Dr. Flemming erklärte dazu, warum da ein Krähenfuß an der Sache war.
„Wenn du weißt, was geschehen wird, dann ist die Unvermeidlichkeit nicht mehr gewährleistet und die Zukunft muss sich ändern, damit die Möglichkeit der Einflussnahme nicht mehr gegeben ist. Außerdem bedeutet unvermeidlich auch unvermeidlich und nicht dass man es ändern könnte, weshalb man höchstens einen Blick in die ferne Zukunft werfen kann, was wissenschaftlich interessant aber praktisch nicht von großem Nutzen ist. Ich gehe auch davon aus, dass nur für das Universum wichtige Schlüsselereignisse in die Seele kodiert werden. Schlüsselereignisse für das Universum sind aber nicht zwangsläufig auch Schlüsselereignisse für uns. Es kann von einem Wesen in der Milchstraße möglicherweise ausgelöst werden aber es muss nicht unbedingt diese Region des Universums oder sogar des Multiversums betreffen. Das ist ja das Grundprinzip des Schmetterlings-Effektes.“
„Also ist die ganze Sache eigentlich unnütz bis auf die Möglichkeit eventuelle weit in der Zukunft zu erwartende Großereignisse vorherzusehen, die man sowieso nicht ändern kann?“
„Ganz und gar nicht. Möglicherweise ist dieses Vorhersehen gerade unser Schicksal. Die Vorbereitung auf solche einschneidenden Ereignisse vielleicht gerade erwünscht. Deshalb könnte ein solcher Ansatz von geradezu epischer Bedeutung sein, …“
„… was eine Forschungsmission durchaus rechtfertigt“, vollendete Durash diesmal den angefangenen Satz von Aurora.
„Und ich werde beweisen, dass ich recht habe. Damit ist dann auch klar, dass das Universum quasi lebt. Es skaliert sich ständig selbst um zukünftige Schlüsselereignisse zu garantieren. Tod und Wiederkehr gewährleisten einen ewigen Kreislauf, der eine solche Gesamtentwicklung erst möglich macht.“
„Müsste dann nicht irgendein neugeborener Blue die Bestimmung des verstorbenen Rates übernommen haben, denn wenn ich dich richtig verstanden habe, dann ist bereits vor der Geburt festgelegt wie gewisse Ereignisse ausgelöst werden? Und dann kann die Signatur nicht vor seinem Ableben dort gewesen sein.“
Diesmal war es wieder Durash, der Mei Ti’s Frage beantwortete.
„Aurora sprach von Redundanz. Überall in der Natur gibt es Redundanzen. Ein Ökosystem zum Beispiel stirbt nicht zwangsläufig, nur weil man eine bestimmte Tier- oder Pflanzenart daraus entfernt. Eine andere kann normalerweise die ökologische Nische erneut besetzen. Der Effekt ist meist nur von kurzer Dauer und schädigt das Gesamtsystem nur oberflächlich.“
„Wir wissen überhaupt nicht ob Tsijik Ramos tatsächlich etwas tun sollte oder etwas auslösen oder ob er nur die Zweit- oder Drittbesetzung gewesen ist. Das konnte ich nicht messen“, spann Dr. Flemming den Gedanken des Unsterblichen zu Ende.
Der weiteren Diskussion konnte die halbkartanische Spezialistin nicht mehr folgen und deshalb lehnte sie sich zurück und genoss die Show. Es war ihr schlichtweg unbegreiflich, wie sich zwei erwachsene Leute über derartig theoretische Spitzfindigkeiten streiten konnten aber es schien den beiden Spaß zu machen und deshalb hielt sie sich raus.
„Ihr seid beide einfach unverbesserlich und absolut einzigartig“, war das Einzige, was Mei Ti zu dem Thema noch zu sagen hatte, während sie sich in ihren Sessel lümmelte. Kurze Zeit später fielen ihr die Augen zu.
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