Eisregen und Schnee

KurzgeschichteFreundschaft / P12
Celebrimbor Sauron
27.12.2013
27.12.2013
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Der Prompt vom 14. Türchen des Animexx-Fanfic-Adventskalenders hat mich spontan geflasht und dann musste ich meine Gedanken unbedingt aufschreiben. Nicht offiziell Teil des Adventskalenders, aber inoffiziell davon inspiriert. Obwohl ich die beiden sehr hart shippe, ist das offiziell kein Slash, aber vielleicht fühlt ihr die Sauron/Celebrimbor UST~ xD

Wenn ihr lest, solltet ihr btw im Hinterkopf behalten, dass Sauron nur ein blöder Arsch ist, der sich Celebrimbors Vertrauen erschleichen will - dann wirkt er nicht mehr ganz so ooc. xD

Das Silmarillion und damit auch die in dieser Geschichte vorkommenden Charaktere sind geistiges Eigentum von J.R.R. Tolkien.
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Anderswo misstraute man Annatar, darüber war Celebrimbor sich im Klaren.  Gil-galad und Elrond in Lindon hatten keine besonders hohe Meinung von ihm und duldeten seine Anwesenheit nicht, und er vermied es, sich ihnen zu nähern, wenn er es konnte. Und auch hier, in Eregion, wurde er nicht von allen geschätzt. Galadriel zeigte ihr Misstrauen zuweilen sehr offen, und andere folgten ihrem Beispiel.
Nicht, dass Celebrimbor das nicht hätte nachvollziehen können, denn manchmal erschien Annatar ihm zu perfekt, um vertrauenswürdig zu sein. Selbst für einen der Maiar.
Aber er hatte ihnen neues Wissen und neue Künste gebracht, und Celebrimbor war fasziniert von den Dingen, die Annatar in den Schmieden lehrte; und er wusste, dass er in seiner Faszination nicht allein war. Doch ungeachtet dessen, wie er über Annatars Künste dachte, erwischte er sich an manchen Tagen dabei, dass seine Augen misstrauisch über ihn wachten, wenn er umher wanderte und den Schmieden Unterstützung bot, oder ihnen nur wohlwollend zusprach, wenn sie sich an neuen Dingen versuchten. Insgesamt empfand Celebrimbor ihn als eine durch und durch merkwürdige Person – jedoch auf eine gute Weise merkwürdig, und deshalb ließ er das Misstrauen nicht durch sein Verhalten scheinen, wenn er es verspürte.
Es wäre auch überaus undankbar, denn Annatar tat viel für das Volk der Mírdain und half ihnen nach Kräften, und Celebrimbor erkannte erste Veränderungen. Gute Veränderungen, denn Annatar vermochte sie dazu zu bringen, ihre Fähigkeiten weiter zu verbessern und auf ein Maß zu bringen, das bald nur noch Feanor selbst übertreffen konnte.
Celebrimbors Erinnerungen an seinen Großvater mochten von vielen Dingen überschattet sein, doch er würde den Anblick der Dinge, die Feanor mit seinen Händen geschaffen hatte, niemals vergessen. Zu sehr bewunderte er dessen Kunstfertigkeit und es erfüllte ihn mit Stolz und Dankbarkeit, dass er diese Fähigkeiten in die Wiege gelegt bekommen hatte. Lange Jahre hatte er damit verbracht, sich zu verbessern und zumindest dieses Gedächtnis seines Großvaters zu ehren, und Annatars Unterstützung war ihm dabei eine große Hilfe.
Nichtsdestotrotz fiel es ihm manchmal schwer, ihm nicht zu misstrauen.

Ihm war nicht aufgefallen, dass er Annatar beobachtete, bis dieser seinen Blick erwiderte und ein kaum merkliches Lächeln sich auf seinen Zügen ausbreitete. Celebrimbor wandte den Blick ab und konzentrierte sich wieder auf die Werkzeuge in seinen Händen. Auch heute mochte ihm kaum etwas gelingen. Er war unkonzentriert, seine Hände fahrig und seine Genauigkeit ließ zu wünschen übrig. Ein tonloser Seufzer entwich seinen Lippen, als er die Werkzeuge, die verstreut vor ihm lagen, einsammelte und an ihren Platz zurück brachte. Das Schaffen von Kostbarkeiten und Nutzdingen würde er zumindest für heute den anderen Schmieden überlassen.
Als er nach draußen vor die Schmieden trat, peitschte kalter Wind in sein Gesicht. Der Winter war in diesem Jahr sehr plötzlich über Eregion gekommen. Eisige Kälte und Stürme voller Eisregen hatten den laufenden Handel mit den umliegenden Gebieten zum Erliegen gebracht. Wer nicht musste, setzte keinen Fuß vor die Tür.
Celebrimbor hingegen mochte den Winter und ging hinaus, wann immer der Eisregen etwas nachließ. In diesem Winter vermisste er den Schnee. Seit die Elben in Eregion lebten, hatte es in jedem Winter Schnee gegeben, mal mehr, mal weniger. Manchmal den ganzen Winter über und bis spät in den Frühling hinein, manchmal nur für ein paar Wochen. Doch bisher war auch noch kein Winter so kalt gewesen wie dieser und nie war so viel Eisregen vom Himmel gefallen wie in diesem Jahr.
Celebrimbor, gehüllt in dicke, warme Kleider, wollte nicht vor dem Winter weichen, so kalt und schrecklich er auch sein mochte. Weil er seine liebste Jahreszeit war, fühlte er sich nicht wohl bei dem Gedanken, ihn vor seinem Kamin oder in der Hitze der Schmieden auszusitzen. Die Kälte tat ihm gut, denn sie leerte seinen Geist und erfrischte seinen Körper.
Meist wanderte er durch die umliegenden Gegenden, allein und die Stille genießend. Als Schmied erfreute er sich am Werk seiner eigenen Hände, an Dingen, die er oder andere schufen, doch wenn die Bäume schwarz und kahl in starrem Boden standen und sich gegen den zumindest heute wolkenlosen Himmel abhoben, dann genoss er auch diesen Anblick. Wie jede andere Zeit des Jahres besaß auch der Winter eine Schönheit, auch wenn sie kälter und dunkler war als jede andere.
Celebrimbor fühlte sich nicht zum ersten Mal an Annatar erinnert. Er war auch schön, selbst für einen der Maiar – zumindest empfand Celebrimbor dies so – doch seine Schönheit wirkte wie eingefroren auf seinem ernsten Gesicht und schmolz nur, wenn er lächelte. Er lächelte selten, und noch seltener erreichte das Lächeln seine Augen.
Natürlich wusste Celebrimbor, dass es besser wäre, diesen Gedanken nicht nachzuhängen; nicht zuletzt, weil er während seiner Zeit in Valinor auch andere Maiar gesehen hatte und weil sie alle auf ihre Weise schön gewesen waren… Nun, zumindest die meisten. Doch Annatar schien sie alle zu übertreffen, nicht nur in seinem Äußeren, sondern auch in seiner Kunstfertigkeit und seinem Wissen. So schwer es Celebrimbor fiel, ihm nicht zu misstrauen, so schwer fiel es ihm auch, nicht von ihm geblendet zu werden. Und vielleicht hing das eine ja mit dem anderen zusammen; Celebrimbor konnte es nicht mit Gewissheit sagen. Wollte er auch nicht.
„Celebrimbor.“
Er drehte sich langsam um, obwohl er die Stimme gleich erkannt hatte; und er konnte nicht behaupten, dass diese Gesellschaft ihm missfiel, auch wenn sie das vielleicht sollte. Er lächelte.
„Annatar.“
„Ich habe geahnt, Euch hier draußen anzutreffen“, sagte Annatar und seine Worte wirkten auf Celebrimbor distanzlos, auch wenn er sich dieses Gefühl nicht erklären konnte. „Dabei geht sonst kaum jemand hinaus.“
„Ich suche die Stille“, erwiderte Celebrimbor, unsicher, wie viel er von sich preisgeben durfte. Annatars wohlwollendes, schönes Gesicht jedoch ließ die Unsicherheit bröckeln. „Und die Kälte. Auf seine eigene Weise ist der Winter sehr schön.“
Annatar sagte nichts, sondern lächelte nur still und trat ein paar Schritte näher. Nicht so nah, dass es merkwürdig aussehen würde, doch zu nah, um sie wie einfache Bekannte wirken zu lassen. Es waren diese Kleinigkeiten, die Celebrimbor blenden konnten und sein Misstrauen weckten, denn er glaubte nicht, dass sie nur zufällig geschahen. Annatar schien eine Absicht zu verfolgen.
„Fehlt Euch der Schnee noch immer so sehr?“
„Woher...?“, setzte Celebrimbor an, sprach den Satz jedoch nicht zu ende. Vor zwei Nächten waren sie einander zufällig in den Schmieden begegnet, als bereits alles still gewesen war, und irgendwie waren sie ins Gespräch gekommen. Celebrimbor mochte nur ungern über sich selbst sprechen und hörte lieber zu, doch Annatar ließ ihn diesen Vorsatz stets vergessen. Er war gut darin, nur zu zuhören und wenn Celebrimbor ehrlich mit sich selbst war, dann musste er sich eingestehen, dass er seit langem darauf gehofft hatte, so ungehindert mit jemandem reden zu können.
„Er fehlt mir sehr“, gestand er schließlich. „Es hat in jedem Jahr geschneit, seit wir hier unsere Schmieden errichtet haben und in jedem Winter hat es mir viel Freude bereitet, durch den Schnee zu wandern.“
„Der Winter hat grade erst begonnen. Der Schnee könnte noch kommen, sobald der Eisregen nachlässt.“
„Ich glaube nicht.“ Celebrimbor widersprach ihm nur sehr ungern, doch sein Gefühl sagte ihm, dass es keinen Schnee mehr geben würde. „Es ist, als könne ich es fühlen: in diesem Winter werden wir keinen Schnee bekommen.“
Falls Annatar ihm diesen Widerspruch in irgendeiner Weise übel nahm, so zeigte er es nicht. Er sagte auch nichts, sondern legte seine Hand nur leicht auf Celebrimbors Rücken und führte ihn weiter von den Schmieden fort, bis sie außer Sicht gerieten.
„Euch bedrückt etwas“, sagte er dann. „Und es ist nicht der fehlende Schnee in diesem Winter.“
Celebrimbor stieß einen leisen Seufzer aus. Vor den anderen Elben mochte er seine Gefühle verbergen können, nicht jedoch vor Annatar.
„Ich fürchte, meine Kunstfertigkeit verlässt mich“, antwortete er deshalb. Annatar gab stets gute Ratschläge, und vielleicht konnte er Celebrimbor auch in dieser Hinsicht helfen; und in all seinem Misstrauen war Celebrimbor manchmal überrascht, wie einfach es war, ihn als einen Freund anzusehen und ihm doch zu vertrauen, zumindest in persönlichen Belangen. „Meine Hände sind unruhig und meine Werke gelingen nicht mehr wie früher. Aber sicher ist es nichts und ich brauche nur eine Pause.“
„Ihr lebt von Eurer Hände Arbeit, Celebrimbor“, widersprach Annatar. Seine Stimme klang merkwürdig sanft, als versuche er, Celebrimbor zu beruhigen und ihm gleichzeitig zu widersprechen. „Und Ihr dürft Euch daran stören, wenn Eure Werke nicht gelingen. Selbst Euer Großvater musste beizeiten eine Pause einlegen, um danach noch Schöneres zu vollbringen.“
Celebrimbor wusste darauf nichts zu sagen. Er richtete die Augen gen Himmel, und das Blau, das er dort sah, strahlte so sehr, dass er glaubte, es würde in seinen Augen brennen. Das war es, was er mit der Schönheit des Winters meinte. Ein klarer Himmel, schwarze, kahle Bäume, den Himmel spiegelnde Eiszapfen. Es fehlte nur der Schnee.
Und dann kam ihm ein Gedanke. Wie einst Feanor das Licht der zwei Bäume in die Silmaril geschlossen hatte, so wollte Celebrimbor den Winter einschließen, um sich an ihm erfreuen zu können, selbst im heißesten Sommer; doch er war nicht Feanor und dessen Werk würde er niemals mit seinem vergleichen können. Es war aber auch nicht sein Ziel, mit Feanor zu konkurrieren oder Dinge zu schaffen, die den Silmaril gleichkamen. Er wollte nur etwas für jene hinterlassen, die nach ihm kamen.
„Ihr seht aus, als wäre Euch ein Gedanke gekommen.“ Annatars Stimme war noch immer so sanft wie vor einigen Augenblicken, und Celebrimbor nickte langsam.
„Ja“, sagte er. „Ja, das stimmt. Macht es Euch etwas aus, wenn ich zu den Schmieden zurückkehre?“
„Eine Idee sollte nicht aufgeschoben werden, Celebrimbor. Geht nur – ich werde noch eine Weile hier draußen bleiben.“

Celebrimbor war in die Schmieden geeilt und hatte hastig zusammengesucht, was er benötigen würde: feinen, aber kräftigen Draht, den er im Feuer schwärzte, kleine Splitter von weißen und silbernen Edelsteinen und eine zähflüssige Substanz, der sich später durchsichtig um sein Werk legen sollte wie eine schützende Mauer.
Er arbeitete bis in die Nacht. Nicht alles gelang ihm auf Anhieb, und ein paar Mal drohte sein Versuch zu scheitern, doch weil er sich dem Vermächtnis seiner Familie noch nie zuvor so nah gefühlt hatte, gab er nicht auf. Am Ende schuf er einen Wandschmuck, dessen Zentrum ein aus schwarzem Draht geflochtener Baum darstellte, um den herum die Diamantsplitter in die nun aushärtende Substanz gegeben waren. Hielt man den Wandschmuck ins Licht, so schien es, als wäre der Baum von fallendem Schnee umgeben.
Zum ersten Mal seit einer Weile war Celebrimbor zufrieden mit seinem Werk und er legte es zur Aufbewahrung in eine Holzkiste, damit es keinen Schaden nahm. Mit der Kiste unter dem Arm wollte er die Schmiede verlassen, hielt jedoch inne, als er Annatar am Eingang sitzen sah.
„Verzeiht“, sagte er schnell. „Ich habe Eure Ankunft nicht gehört. Seid Ihr schon lange hier?“
„Eine Weile“, erwiderte Annatar. „Aber Ihr wart vertieft in Euer Werk und ich wollte Euch dabei nicht stören.“
Aus irgendeinem Grund fühlte Celebrimbor sich seltsam unwohl bei dem Gedanken, dass Annatar ihn beobachtete hatte, doch er verdrängte dieses Gefühl, auch wenn er nicht verhindern konnte, dass sein Griff um die Kiste sich verfestigte, als Annatar ihn bat, den Inhalt zu offenbaren.
Es kostete ihn Überwindung, dies zu tun, und zu seiner Überraschung lächelte Annatar, wenn auch kaum sichtbar.
„Ihr habt es geschafft, den Schnee des Winters einzufangen“, sagte er, nachdem er den Wandschmuck eine endlos scheinende Zeit lang betrachtet hatte. „Und das, obwohl Ihr in diesem Winter nicht einmal Schnee gesehen habt. Und doch ist es ein wundervolles Werk und auch, wenn ich mir anmaßend dabei vorkomme, möchte ich Euch bitten, es mir zu überlassen.“
Celebrimbor schwieg und schaute nachdenklich auf sein Werk. Annatars Lob rührte ihn auf eine gewisse Weise; dass dies wirklich der Schnee des Winters war, und nicht nur eine naive Fantasie, die er während des Schaffens gehabt hatte. Und dann seufzte er leise.
„Ich weiß nicht, ob ich es ohne Eure Hilfe geschafft hätte“, gab er zu, obwohl es ihn Überwindung kostete. „Es wäre mir eine Freude, wenn Ihr es als Geschenk annehmen würdet.“
Annatar lächelte deutlicher und hob die Hand, um Celebrimbors Wange zu berühren, ehe er mit leiser Stimme verkündete, dass es ihm eine Ehre wäre, dieses Geschenk anzunehmen.

Viel später, als die Ringe geschmiedet waren und Annatars Absichten entdeckt und seine wahre Gestalt entblößt wurden, lag die Kiste, in der der Wandschmuck gelagert worden war am Boden der zerstörten Schmieden und ihr kostbarer Inhalt war begraben unter Trümmern und Dreck. Celebrimbor bekam nie wieder die Gelegenheit, ihn anzusehen und sich daran zu erfreuen; Kummer und Leid hatten seinen Geist gebrochen und Sauron trug seinen toten Körper als Banner. Nur drei Ringe hinterließ er jenen, die nach ihm kamen.