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Drift-kompatibel?

von silva
KurzgeschichteSci-Fi / P12 / Gen
Mako Mori Raleigh Becket
26.12.2013
26.12.2013
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3.384
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26.12.2013 3.384
 
Fan Fiction zu Pacific Rim



Vorweg: Pacific Rim gehört nicht mir. Alle Rechte gehören Warner Bros und Legendary Pictures.

 Dies ist meine zweite Fan Fiction. Pacific Rim habe ich 4 Mal im Kino gesehen und war als Science Fiction Fan begeistert davon. Ich habe eine meiner Lieblingsszenen aus dem Film gewählt: Raleigh Beckett und Mako Mori haben ihren ersten gemeinsamen Testlauf im Gipsy Danger. Dabei habe ich versucht, die Bedeutung dieses Probelaufs für Raleighs Gefühle angesichts des Desasters im Eismeer und für seine Zukunft herauszustellen. Ich hoffe, es gefällt euch.

silva






 Vor dem schweren Schott des Gipsy Danger zögerte Raleigh Becket. Ein Techniker mit einem Irokesenkamm checkte zum letzten Mal seinen schwarzen Kampfanzug.

 „Rechten Arm heben“, befahl der Techniker und überprüfte die Kontakte, mit denen Raleigh später den rechten Arm des fast 90 Meter großen Kampfroboters steuern würde.

 Vor über sechs Jahren hatte Raleigh sich geschworen, nie mehr einen Fuß in den Steuerungsraum eines Jaegers zu setzen, speziell nicht in einen Jaeger der Klasse 3 wie den Gipsy Danger.

 Heute war der Anzug in dem er steckte, ein anderer. Und auch er selbst hatte sich in den letzten Jahren verändert. Nach dem verheerenden Desaster beim Kampf im Eismeer war aus dem siegessicheren und unbekümmerten Jaeger-Piloten von einst ein nachdenklicher junger Mann geworden. In den letzten sechs Jahren hatte er geschuftet wie ein Tier, um zu vergessen. Doch trotz der anstrengenden und gefährlichen Arbeit an der Anti-Kaiju-Mauer war kein Tag vergangen, in dem er nicht seinen älteren Bruder Yancy, seinen Co-Piloten vermisst hatte, der sein Leben beim Kampf im Eismeer gelassen hatte.

 „Alles in Ordnung, Becket. Viel Erfolg.“ Die Worte des Technikers rissen ihn aus seinen Gedanken. Er nickte.



 Das schwere Schott öffnete sich mit einem Zischen und gab den Blick in den Kopf des Jaegers frei.

„Erster Pilot an Bord“, meldete der Computer des Gipsy.

 Schon damals hatte Raleigh gedacht, dass diese weibliche und leicht spöttische Stimme nicht richtig zu einem fast 90 Meter hohen Kampfroboter passte.

 Seine schweren Stiefel hallten auf den Metallplatten der Steuerzentrale. Er zog scharf die Luft ein. Trotz aller mentalen Disziplin konnte er nicht verhindern, dass dieser Raum eine Flut von Erinnerungen in ihm auslöste. Raleigh blockierte die unangenehmeren davon. Er sah wieder das fröhliche, etwas müde Gesicht seines Bruders vor sich, wie er lachend seinen Platz auf Steuerungseinheit 1 einnahm. Vor ihrem letzten gemeinsamen Einsatz hatte Yancy den Techniker aus der Shatterdome-Kommandozentrale geneckt. Und wie immer hatte sein Bruder darüber gescherzt, wer dran war, beim Drift zu beginnen. „Alter vor Schönheit, Raleigh“, pflegte er zu sagen...

 Automatisch begab sich Raleigh zu Einheit 2, seinem alten Platz auf der linken Seite des Jaeger-Steuerungsraumes und betrachtete unschlüssig die metallenen Arm- und Rückenkontakte.

 Halbtot war er damals aus dem Jaeger gekrochen, nachdem er nach dem Verlust seines Bruders das Kaiju allein erledigt hatte und dann wegen beschädigter Systeme durch das neblige Eismeer geirrt war...Er biss die Zähne aufeinander, während er darum kämpfte, seine Gedanken in eine andere Richtung zu lenken...



 Stacker Pentecost, der oberste Vorgesetzte der Jaeger-Einheit...Nur er hatte Raleigh dazu bewegen können, nach dem Desaster vor der Küste von Alaska wieder in einen Jaeger zu steigen...

 „Fast alle Jaeger sind vernichtet...Es geht dem Ende entgegen.“ Pentecosts Miene war hart und sorgenvoll, als er Raleigh einen Tag zuvor an der Baustelle an der Anti-Kaiju-Mauer aufsuchte, mit der Absicht, ihn zu rekrutieren. Was ihm gelungen war.

 „WOLLEN SIE HIER STERBEN, BECKET, ODER WOLLEN SIE IN EINEM JAEGER STERBEN?“, hatte Pentecost Raleigh zugerufen...



 Raleigh strich über die linke Armkontrolle von Nr. 2. Er musste sich eingestehen, dass das Team, das den Gipsy Danger wieder instand setzte, ganze Arbeit geleistet hatte. Er wollte nicht dorthin blicken, doch seine Blicke wurden wie magnetisch von einer Stelle auf ein Uhr an der rechten Frontseite angezogen, direkt über Steuerungseinheit 1. Bei genauem Hinsehen machte er eine gut fünfzehn Meter durchmessende Stelle im gelben, wabenförmig verstärkten Thermo-Glas aus, das sich leicht in der Farbe vom umgebenden Material abhob.

 „ES HAT DIE WAND ZUR STEUERZENTRALE DURCHBROCHEN“, schrie Yancy panisch. Raleigh blockte diese Erinnerungen mit aller Macht ab. Es würde hart werden beim ersten Drift, er brauchte sich nichts vorzumachen. Tief durchatmen, sagte er sich. Und zählte in Gedanken jeden Atemzug, bis sich sein Puls verlangsamte.

 „Alle Checks sind abgeschlossen, Becket. Zweiter Pilot ist unterwegs“, kam die Meldung aus der Shatterdome-Zentrale. „Machen Sie sich bereit.“

 Raleigh bestätigte. Entschlossen lenkte er seine Schritte zur Steuerungseinheit 1. In die leichte Anspannung, die er vor jedem Jaeger-Einsatz empfand, und in die große, die ihn seine eiserne Gedankenkontrolle kostete, mischte sich Ärger, als er an die Auswahltests für seinen Co-Piloten dachte. Mako und er waren beim Stockkampf perfekt in Balance gewesen. So perfekt, wie er es nur von seinem Bruder her kannte. Wenn jemand mit ihm drift-kompatibel war, dann war es die junge Rekrutin Mako Mori. Er hatte noch niemals eine Frau so gut kämpfen sehen. Überhaupt hatte er noch nie eine Frau wie sie getroffen. Er konnte nicht leugnen, dass sie ihn beeindruckt hatte. Und dass er sie mochte. Doch, aus welchen unerfindlichen Gründen auch immer, Pentecost gab der jungen Rekrutin keine Erlaubnis, mit ihm den Gipsy Danger zu steuern. Und Pentecost hatte nur zu klar durchblicken lassen, dass er in dieser Angelegenheit keinen Widerspruch duldete.

 Die Holo-Kontrollen an der Frontseite der Steuerzentrale flammten auf, als er sich bereit machte, den Jaeger-Probelauf mit jedem Partner, den Pentecost ihm schicken mochte, durchzuführen.  Fast mit jedem, verbesserte er sich. Nicht mit Chuck Hanson diesem arroganten Hundesohn, der ihn gleich am ersten Abend in der Kantine des Shatterdoms feindselig angegangen war. Jemand, der sechs Jahre keinen Kampfroboter gesteuert hatte, war ihm anscheinend als Rückendeckung für einen Drei-Jaeger-Einsatz nicht gut genug.



"Zweiter Pilot an Bord“, meldete die Bordelektronik des Gipsy Danger unvermittelt.

 Raleigh gab sich nicht die Mühe, sich umzudrehen, während er an einem Verbindungskabel nestelte und nach seinem Helm griff. „Wenn Sie nichts dagegen haben, nehme ich die rechte Seite. Mein linker Arm ist zerschossen.“

 „Ich habe nichts dagegen“, sagte eine bekannte weibliche Stimme.

 Bass erstaunt wandte er sich Raleigh dem zweiten Jaeger-Piloten zu.

 Es war Mako. Sie lächelte ihn an, den Helm in der Hand. Ihr schwarzer Schutzanzug glänzte im schwachen Licht der Holo-Anzeigen.

 „Mako. Gut siehst du aus“, brachte Raleigh überrascht hervor. Und erwiderte ihr Lächeln. Er konnte nicht in Worte fassen, wie froh er war, dass die junge schwarzhaarige Frau ihm wider Erwarten zugeteilt worden war. Also schwieg er und blickte sie an.

 „Warum sagst du nichts?“, fragte Mako.

 „Wir gehen gleich gemeinsam in den Drift. Du wirst in meinem Kopf sein und ich in deinem. Da gibt es vorher nicht viel zu sagen.“ Er sah Mako zu, wie sie ihren Anzug an der Rückenhalterung und den Armkontrollen einklinkte und die schweren Stiefel in die Mover für die Beine des Robots einrasten ließ. Dann verband auch er sich mit den Systemen des Gipsy Danger.

 „Kontrolle an Gipsy Danger. Alles bereit für das `pilot to pilot´-Protokoll.“

 „Einen Moment noch.“ Raleigh wandte sich an die junge Rekrutin. „Das ist jetzt kein Simulator mehr, Mako. Denk daran, jage nicht den Rabbit. Bleibe nicht in alten Erinnerungen hängen. Lasse die Gedanken fließen, dann bleiben wir gut im Drift. Der Drift ist Ruhe.“

 Mako nickte. Und schloss die Augen.

 Raleigh gab der Zentrale grünes Licht und tat es ihr nach. Er blendete jeden Gedanken daran, dass sie Erfolg haben mussten, aus, und auch daran, dass sich alle Jaeger-Piloten und fast alle Mitglieder der technischen Crew auf der Balustrade gegenüber der Gipsy Danger versammelt hatten, um das erste Training des neuen Jaeger-Teams zu verfolgen.



 „Drift ist eingeleitet“, meldete die Zentrale.

 Der Drift. Eine neuronale Verbindung zwischen zwei Jaeger-Piloten...Der Drift selbst blieb ein Mysterium. Doch je besser der Drift war, desto besser konnten die beiden Piloten den gewaltigen Jaeger gemeinsam steuern.

 Eine Bilderflut in Schwarzweiß stürzte auf Raleigh ein. Bilder von Mako als Kind, im Kreise ihrer Familie, wie sie ihren Vater an sich drückte, in der Schule und bei ihrer Arbeit im Shatterdome liefen in Sekundenbruchteilen vor seinem geistigen Auge ab. Er wusste, dass Mako im selben Moment ähnliche Bilder aus seinen Erinnerungen sah.

 Eine mächtige Energie durchfloss Raleigh, während die Bilder verblassten. Er fühlte sich stark. Nicht mehr unbesiegbar, so wie früher, aber entschlossen und bereit zum Kampftraining. Auch Mako war wild entschlossen, zu trainieren. Und es gab da eine neue, andere Art von neuronaler Energie zwischen ihm und Mako, die er vorher noch nie wahrgenommen hatte. Eine Woge der Zuneigung, intensiv und elektrisierend... Im Drift konnte man sich nicht verstellen. Man wusste unmittelbar, was der andere Jaeger-Pilot fühlte, denn man teilte die Gefühle des anderen. Es fühlte sich verdammt gut  an, mit Mako im Drift zu sein.

 „Neuronaler Link ist komplett und stabil. Beide Piloten im Gleichgewicht.“ Begeisterung klang in der Stimme von Jones, dem Controller aus der Zentrale, mit. „1.Trainingsequenz : Abwehr.“

 Raleigh öffnete wieder die Augen, nickte Mako zu. „Rechter Arm.“

 Zeitgleich hoben beide Piloten den rechten Arm, die tonnenschwere gigantische Rechte des Gipsy Danger folgte ihrer Bewegung nach.

 Raleigh hatte nicht mehr gewusst, wie phantastisch es sich anfühlte, die Kontrolle über den riesigen Gipsy Danger zu haben. Sein linker Fuß zuckte. Er wäre zu gern losgelaufen, um wieder die gesamte Kapazität des Jaegers zu fühlen und wusste, dass es Mako ebenfalls in den Füßen juckte. Doch noch waren die metallenen Füße des Kampfkolosses in zwanzig Meter hohen Verankerungen eingerastet, auf einem der mittleren Holo-Schirme vor ihm wurde angezeigt, dass die Stromkreise für die Servomotoren in den Beinen des Gipsy Danger nicht angeschlossen waren.

 Kurze Zeit später jubelten die Zuschauer in der Zentrale und auf der Balustrade, als der mächtige Jaeger beide Arme gleichzeitig nach vorn nahm und mit einem dumpfen Knall die Fäuste aneinanderschlug.



 „Na toll, er weiß noch, wie man das Ding startet“, sagte Chuck mit beißendem Spott.

 „Etwas mehr Respekt.“ Herc Hanson sah seinen Sohn scharf an. „Raleigh ist der einzige Jaeger-Pilot außer Pentecost, der je einen Jaeger allein zurück gebracht hat.“

 Ein akustisches Warnsignal ertönte in der Zentrale. „Beide Jaegerpiloten im Ungleichgewicht.“

 „Beide?“ Jones raufte sich die Haare und sah ungläubig auf die Anzeigen.

 „Verdammt. SOFORT DIE NEURONALE VERBINDUNG DER PILOTEN TRENNEN“, befahl Herc.

 „ES GEHT NICHT.“ Jones klang äußerst beunruhigt. „Die Verbindung zwischen den beiden ist zu stark. Ich erreiche keinen der beiden.“

 „Versuchen Sie es weiter, Jones. Und beten sie, dass nichts passiert.“



 „Jetzt Abwehr mit beiden Armen nach oben...“ Raleigh stockte. Ein ungutes Gefühl beschlich ihn, seine Nackenhaare stellten sich auf. Er hörte seinen Bruder schreien, konnte es nicht abblocken. Und noch jemand anderes schrie markerschütternd. Mako.

 Und dann kippte die Energie im Drift. Von einer Sekunde auf die andere. Der Gipsy Danger ließ die Arme, die sich schon auf halber Höhe befanden, so abrupt sinken, als hätte man einen unsichtbaren Stecker gezogen.

 Der Schweiß brach Raleigh aus allen Poren, er begann unkontrolliert zu zittern. Zu mächtig überschwemmte ihn die Erinnerung an den letzten Kampf im Eismeer vor Alaska. Sein Bruder war noch mit ihm verlinkt gewesen, als der Kaiju die Wand der Zentrale durchbrach und ihn hinaus riss. Die Todesangst und den Schmerz von Yancy fühlte er, als sei er selbst derjenige, den die Bestie mit eisernem Griff gepackt hielt und gegen die Metallwandungen der Gipsy Danger schleuderte. Unbarmherzig und immer wieder. So lange, bis Raleigh nichts mehr fühlte. Das war, als der Tod seines Bruders die neuronale Verbindung löste. Unbändiger Hass auf den Kaiju, der Yancy getötet hatte, stieg in Raleigh auf. Er würgte, ihm wurde für einen Moment schwarz vor Augen.

"Rabbit!" dachte er. "Jage nicht den Rabbit!". Danach begann er sich freizukämpfen. Mühselig. Es war, als ob er durch tiefen, zähen Schlamm watete. Mit Gewalt schüttelte er die Erinnerungen ab, zentrierte sich, indem er seinen Atem zählte. Endlich verblasste die Szene im Eismeer.



 Doch nur, um einem anderen Schreckensszenario Platz zu machen.

 Zerstörte Hochhäuser, Rauchwolken und Trümmer schoben sich in Raleighs Blickfeld, er vernahm Kampflärm und das markerschütternde Brüllen eines Kaiju. Ein intensives Gefühl von Verlassenheit, Wut und Trauer schnürte ihm die Luft ab. Er wusste, dass der Kaiju Makos gesamte Familie getötet hatte.

 Während das Brüllen der Kreatur näher kam, flüchtete auf der von autogroßen Trümmern übersäten Straße ein kleines, weinendes Mädchen, einen roten Schuh in der Hand. Die Bedrohung lag beinahe greifbar in der Luft so wie die namenlose Angst, die das Mädchen empfand, das sich immer wieder umsah und dann weiterstolperte. Raleigh erkannte Mako an ihren Augen.

 „Mako“, rief Raleigh, „das ist nur eine Erinnerung! Komm zurück!“

 Aber das Mädchen schien ihn nicht wahrzunehmen.

 Das Brüllen kam näher. Panik stieg in Raleigh auf, als ein über 40 Meter großer krabbenartiger Kaiju nur zwei Häuserblocks entfernt durch eine Wand aus Rauch brach, ihn aus kleinen, bösartigen Augen fixierte und direkt auf ihn, nein auf das Mädchen zu stampfte.

 Mako rannte auf der verlassenen Straße um ihr Leben und suchte panisch Schutz in einer Seitengasse. Schwer atmend und zitternd kauerte sie sich hinter einem Müllcontainer zusammen. Schwere Schritte, die die Erde zum Erbeben brachten, kamen näher.



 Es war Raleigh beinahe unerträglich. Er wollte Makos Hand greifen und sie aus diesem Alptraum heraus holen. Er musste sie irgendwie  hier heraus holen...Endlich gelang es ihm,  sich so weit aus den Erinnerungen der Rekrutin herausziehen, dass er die bleischweren Lider öffnen konnte. Mako stand starr mit schreckgeweiteten Augen auf Platz 2. Kein gutes Zeichen.

 Raleigh widerstand mit Mühe dem Impuls, sich auszuklinken und Mako wachzuschütteln. Bei einem solchen abrupten Abbruch der neuronalen Verbindung konnte seins und Makos Nervensystem arg in Mitleidenschaft gezogen werden. Es blieb ihm nur, ihr weiter gut zuzureden.

Währenddessen liefen die ganze Zeit die schrecklichen Erinnerungen der Rekrutin wie ein Film vor seinem geistigen Auge weiter.

 „Komm zurück, Mako. Du jagst den Rabbit. Das hier ist nicht real!“, rief er in dem Moment, wo der Krabben-Kaiju die kleine Mako aufspürte.

 Er zuckte zusammen, als die Bestie ihre hässliche Schnauze weit in die enge Gasse vorschob und mit einem einzigen gewaltigen Hieb den Mülleimer zerquetschte, hinter dem das Mädchen Zuflucht gesucht hatte. Die Scheren zertrümmerten den Straßenbelag. Abwehrend hob das Mädchen die Hände.

 Raleigh stöhnte innerlich auf, sobald er gewahr wurde, dass Mako in diesem Augenblick wirklich die mit der Jaeger-Steuerung verbundene Hand hob und damit die Startsequenz für die Thermo-Waffe an der linken Kampfhand des Gipsy Danger aktivierte. „Mako,nicht!" rief er. „Was tust du?“



 Entsetzt wichen die Zuschauer auf der Balustrade zurück, als ruckartig der linke Arm des Gipsy Danger vorschoss. Ein weißes, unheilvolles Gleißen in der Handflächenmitte des Metallkolosses ließ keinen Zweifel daran, dass etwas schief gegangen war.

 „WEG HIER!“, brüllte der russische Jaeger-Pilot. Er rechnete damit, dass binnen 15 Sekunden die gewaltige Energie-Entladung der Thermo-Waffe neben der vorderen Kuppelhälfte des Shatterdomes die Balustrade und die Zentrale zwei Etagen darüber in Schutt und Asche legen würde.



 Angesichts der Aktivierung der Thermo-Waffe herrschte in der Zentrale das blanke Chaos.

 „ALLES RAUS HIER!“, schrie Herc. „JONES, ENERGIEVERBINDUNG ZU DEN WAFFENSYSTEMEN UNTERBRECHEN!“

 „GEHT NICHT! BLOCKADE IM SYSTEM.“ Der Controller, der mit wachsender Verzweiflung versucht hatte, die neurale Verbindung zwischen den Jaeger-Piloten zu kappen, wirkte am Boden zerstört.

 Hanson fackelte nicht lange. „CHUCK, WIR UNTERBRECHEN MANUELL!“

Gemeinsam rannten sie zu den beiden armdicken Energieleitungen, die die Waffensysteme des Gipsy Danger in der Testphase mit Energie versorgten. Da der Mechanismus zum Lösen klemmte, rissen sie zu zweit die Leitungen mit Gewalt heraus. Funken sprühten aus den beschädigten Energieleitungen. Die Wirkung ließ nicht lange auf sich warten. Das weiße Gleißen der Thermo-Waffe verlosch, zwei Sekunden vor der Entladung.



 Genau das war der Moment, in dem das kleine Mädchen in der Gasse aufschrie, weil der Kaiju wieder nach ihr griff und sie nur um Haaresbreite verfehlte. Die monströsen Zangen rissen den Asphalt auf und hinterließen metertiefe Rillen im Boden.

 Irgendwo, weit im Hinterkopf, registrierte Raleigh dunkel, dass alle Systeme des Gipsy Danger sich schlagartig abschalteten.

 Jetzt nahm Mako Raleighs Nähe wahr und dass er tröstend auf sie einredete, aber noch schaffte sie es nicht, aus der Erinnerung auszusteigen.

Irgendetwas, anscheinend ein lohnenderes Angriffsziel als ein einzelnes Kind, schien plötzlich die Aufmerksamkeit des Kaiju auf sich zu ziehen. Jedenfalls verschwandt seine hässliche Visage ruckartig aus dem Blickfeld, kurz danach wurde in östlicher Richtung Kampflärm laut.



 Nach dieser um ein Haar tödlichen Begegnung musste Raleigh feststellen, dass sein Zittern dem des Kindes um nichts nach stand.

 Schließlich trat Stille ein.

 Vorsichtig und zögernd, Schritt für Schritt, näherte sich das Mädchen dem Ende der Gasse, schob sich die letzten Meter an der Hauswand entlang, um ängstlich um die Ecke zu spähen.

 Grenzenlose Erleichterung überkam beide beim Anblick des grotesk verdrehten toten Kaiju zwischen den Trümmern. Bodenvibrationen und das Dröhnen riesiger Schritte kündigten die Ankunft eines weiteren Giganten an. Ein arg mitgenommener Jaeger stampfte aus einer Seitengasse am anderen Straßenende heran, um kurz vor dem Kind zum Stehen zu kommen.

 Zischend öffnete sich die Ausstiegsklappe oben am Kopf des Kampfroboters und ein einzelner Jaeger-Pilot kletterte heraus.

 Bewundernd sah das Mädchen zu dem Mann auf, der sie gerettet hatte. Es war Stacker Pentecost.



 Kurz darauf verdeckte ein grauer Nebel das Bild des farbigen Jaeger-Piloten und Raleigh wurde schlagartig aus dem neuronalen Link gezogen.

 Als erstes registrierte er, dass die mattgelbe Notbeleuchtung brannte, alle Systeme waren offline. Nach Luft schnappend, riss er sich den beschlagenen Helm vom Kopf. Und atmete auf, weil Jones und die Hansons es rechtzeitig geschafft hatten, die Energiezufuhr zur Thermo-Waffe zu kappen.

 „Mako, verdammt“, brachte er heiser hervor, während er sich hastig aus den Bordsystemen ausklinkte.



 Seine ganze Sorge galt jetzt Mako, die ohnmächtig zusammengesackt war. Er löste die Verbindungen an ihrem Rücken und an den Armen, nahm ihr vorsichtig den Helm ab und holte sie auf den ebenen Boden neben Steuerungseinheit 2. Dort ließ er sich ebenfalls nieder und zog die bewusstlose junge Frau in seine Arme.



 „Wünschen Sie eine weitere Trainingeinheit?“, fragte der Computer des Jaegers. Die Holoanzeigen flammten auf.

 „Verdammt, was war bei euch los? Seid ihr in Ordnung?“, stieß Hanson hervor.

 „Mako hatte einen Schock und ist ohnmächtig. Mir geht es gut“, meldete Raleigh knapp über sein Helmmikro.

 „Wir schicken ein Team mit einem Arzt runter.“

 Raleigh bestätigte.

 Er ignorierte geflissentlich, dass jetzt jeder in der Zentrale Mako und ihn sehen konnte und hielt das ohnmächtige Mädchen immer noch mit einem Arm umfasst. Sollten sie denken, was sie wollten.

 Obwohl die traumatischen Erinnerungen der Rekrutin und sein Versuch, Mako zurückzuholen, Raleigh ausgelaugt hatten, durchströmte ihn in Erinnerung an die intensive Verbindung zu Mako im Drift ein starkes Glücksgefühl. Es war, als sei ihm heute ein neues Leben geschenkt worden. Nein, verbesserte Raleigh sich, sein altes Leben als Jaegerpilot wurde ihm neu geschenkt.

 Es war, als ob er die letzten sechs Jahre mit seinen Erinnerungen an Yancy in einem Raum gefangen gewesen war und der einzige Weg hinaus führte durch einen tiefen, reißenden Fluss. Erst angesichts der noch nie da gewesenen Bedrohung und mit der jungen Rekrutin an seiner Seite hatte er den Mut gefunden, in die reißenden Fluten zu springen. Mako und ihn hatte das Weißwasser kräftig durch gewirbelt, beide hatten sich ihren Ängsten und ihrer Vergangenheit gestellt und dabei Kratzer und Blessuren davon getragen. Doch was zählte: sie hatten sich gegenseitig geholfen und das rettende Ufer erreicht.

 Eins war sicher: Mako und er waren drift-kompatibel, ob es Stacker Pentecost nun passte oder nicht.

 „Vier Personen an der Schleuse“, meldete die elektronische Stimme des Gipsy Danger.

 Als Raleigh Mako zurück zog und an die Wand lehnte, um den Schleusenmechanismus zu betätigen, sah er kurz in ihr Gesicht. Es gab für ihn wieder einen Grund, einen Jaeger zu steuern, dachte er bei sich. Und einen Grund, sich eine Zukunft vorzustellen.



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