One Night

von claudrick
KurzgeschichteRomanze / P18
Curtis Newton / Captain Future Joan Landor
24.12.2013
27.01.2014
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24.12.2013 2.342
 
Joan Landor trat hinaus auf die Terrasse und atmete tief ein. Die laue Nachtluft streifte ihr Gesicht wie Samt und Seide und war angefüllt mit den süßen Düften des angrenzenden Gartens. Joan streckte sich und hörte nur allzu deutlich das Knacken in ihren Halswirbeln. Der letzte Einsatz lag ihr noch in den Knochen, die Musik im Saal erschien ihr zu laut, die Lichter zu grell und das summende Geschwätz der anderen Gäste belanglos und anstrengend. Sie sollte nach Hause gehen, eine heiße Dusche nehmen und sich ins Bett legen, denn schon in achtundvierzig Stunden wartete bereits die nächste Mission... Joan zuckte leicht zusammen als sich ganz in ihrer Nähe jemand räusperte. Sie blickte sich um und sah an einem Stehtisch im Halbschatten zwischen Terrasse und Garten einen Mann. Sie erkannte ihn wieder, denn er war ihr schon zuvor im Saal aufgefallen, zum einen weil er sich die Freiheit genommen hatte, zu diesem offiziellen Anlass ohne Krawatte zu erscheinen, zum anderen, weil er auffallend attraktiv war.

„Alles in Ordnung?“, fragte er sie, und seine angenehme Stimme passte außerordentlich gut zu seiner äußeren Erscheinung.

„Danke, alles bestens“, antwortete Joan und straffte sich. „Wenn man davon absieht, dass ich mein Soll an Höflichkeits-Small-Talk mit Vorgesetzten und Kollegen für heute Abend mehr als erfüllt habe“.

„Verstehe“, entgegnete der Mann im dunkelblauen Anzug und schwieg. Schon bedauerte Joan ihre Aussage, denn nun schien er zu glauben, dass sie nicht an einem weiteren Gespräch interessiert war...

„Wie ist der Hummer?“, fragte sie mit Blick auf den Teller, der vor ihm auf dem Stehtisch stand.

„Keine Ahnung“, entgegnete er und lächelte anziehend. „Ich hatte noch keine Gelegenheit, ihn zu probieren“, antwortete er, und das leuchtende Display des neben dem Teller liegenden Kommunikators verriet, dass er offenbar bis gerade eben damit gearbeitet hatte.

„Sie sollten die Finger von dem Hummer lassen. Der wird Ihnen nicht bekommen“, empfahl sie ihm und lehnte sich mit einem amüsierten Lächeln an eine der Terrassensäulen.

„Ach ja?“, fragte er und blickte auf seinen Teller. „Was stimmt denn nicht damit?“ Er griff nach seiner Gabel und stieß das Tier damit an. Es klapperte seltsam, und der Blick in den Augen des Mannes, als ihm klar wurde, dass er sich offensichtlich nicht an den kostspieligen Meeresfrüchten sondern an der täuschend echten Buffet-Dekoration bedient hatte, war unbezahlbar. Joan musste ein Lachen unterdrücken, als sich ihr Gegenüber verlegen räusperte.

„Ich nehme an, Sie wurden heute Abend vom Bürgermeister für Ihre schnelle Auffassungsgabe und Ihren scharfen Verstand ausgezeichnet“, sagte er und kam einen Schritt näher.

„Könnte sein“, antwortete Joan und schenkte ihm ein verschmitztes Lächeln. „Und Sie? Wofür wurden Sie ausgezeichnet?“

Er überlegte einen Moment. „Ich werde niemals ausgezeichnet“, antwortete er schlicht und lächelte ebenso verschmitzt. Joans Flirtlaune bekam einen Dämpfer. Keine Krawatte? Keine Auszeichnung?

„Sie sind von der Inneren Revision, stimmt’s?“, fragte sie und konnte nicht verhindern, dass ein Hauch von Enttäuschung in ihrer Stimme mitschwang. Diese Typen waren innerhalb der Planetenpolizei mehr als unbeliebt. Doch der Mann hob abwehrend die Hände und lachte ein warmes Lachen.

„Großer Gott, nein!“, entgegnete er und kam noch einen Schritt näher. „Aber... Meine Aufgaben unterliegen strengster Geheimhaltung.“

„Natürlich“, entgegnete Joan. Was für eine fantasielose Ausrede! „Meine Aufgaben sind auch streng geheim. In weniger als achtundvierzig Stunden steht für mich wieder eine äußerst heikle Mission auf dem Plan, die mich möglicherweise wochenlang in Anspruch nehmen wird“.

„Tatsächlich...“, entgegnete er, kam noch einen Schritt näher und stand nun so dicht vor Joan, dass sie einen Hauch seines After Shaves wahrnehmen konnte. „Und wie verbringen Sie die letzten Stunden vor so einem Einsatz?“, fragte er und betrachtete sie eingehend aus dunklen Augen. Joans Puls beschleunigte sich.

„Keine Ahnung“, sagte Joan, kam ebenfalls noch einen Schritt näher und stand nun so dicht vor ihm, dass sie sich fast berührten. „Irgendeine Idee?“, fragte sie ihn leise.

Mit allem hätte Joan gerechnet, aber nicht damit. Er hatte sie nicht zu seiner Wohnung geführt, oder gar versucht, sie gleich in seinem Gleiter zu vernaschen. Nein, sie waren zu Fuß durch Downtown zu einem der Piers am East River gelaufen, wo eben die ersten Shrimpskutter von ihrer nächtlichen Kampagne zurückkehrten. Der Fang wurde abgeladen, um sofort an Ort und Stelle versteigert zu werden. Und wenn man höflich fragte, bekam man für wenig Geld eine Tüte voll frisch gekochter Shrimps, die sich die Fischer für den Eigenbedarf sofort nach dem Fang noch auf dem Boot zubereiteten.

„Das schmeckt ausgezeichnet“, stellte Joan überrascht fest, nachdem sie den ersten Shrimp probiert hatte. „Woher wissen Sie, dass man so etwas hier bekommt?. Ich meine, ich bin hier aufgewachsen und wusste es nicht...“

„Ach...“, entgegnete ihr Begleiter ausweichend. „Man kommt so herum und schnappt so dies und das auf... Und ich musste Ihnen doch beweisen, dass ich durchaus in der Lage bin, echte Meeresfrüchte von unechten zu unterscheiden!“

Joan lachte und sah ihn wohlwollend an. Wenn man dieses Zusammentreffen ein Date nennen wollte, so war es das ungewöhnlichste, das sie je erlebt hatte. Und sie musste zugeben, dass sie sich ausgesprochen wohl in seiner Gegenwart fühlte... Zusammen schlenderten sie am Pier entlang und erreichten den öffentlichen Sandstrand, der von der Stadtverwaltung zur Naherholung aufgeschüttet worden war. Mit langsam aufkommendem Zwielicht kündigte die Sonne ihren Aufgang an.

„Wann haben Sie zuletzt einen Sonnenaufgang beobachtet?“, fragte Joans Begleiter und ließ seinen Blick über den East River schweifen. Joan dachte angestrengt nach und musste gestehen, dass sie sich nicht daran erinnern konnte.

„Dann sollten Sie es heute tun“, schlug er vor, breitete sein Sakko im Sand aus, und setzte sich. Dann streckte er einladend seine Hand nach Joan aus. „Kommen Sie!“

Nach kurzem Zögern streifte sich Joan die Schuhe ab und nahm neben ihm Platz. Wider Erwarten stellte sie fest, dass der Sand sogar noch ein bisschen warm war, als sie ihre Zehen hineinbohrte. Wann hatte sie das zuletzt gemacht? Am Strand sitzen, dem Plätschern der Wellen und dem leisen Gezwitscher der erwachenden Vögel lauschen, dem sich stetig ändernden Farbenspiel des frühen Morgenhimmels zuschauen? Die Tüte mit den Shrimps, die sie neben sich abgelegt hatte, knisterte, als Joan ihre Zehen im Sand bewegte.

„Möchten Sie noch was?“, fragte Joan ihren Begleiter. „Ein paar sind noch drin“.

„Gerne“, antwortete er, während er versonnen in den Nachthimmel blickte. Joan griff nach der Tüte, puhlte einen Shrimp aus und hielt ihn ihrem Begleiter hin. Doch statt danach zu greifen, beugte er sich vor und nahm ihn aus Joans Hand direkt in die Mund. Überrascht hielt Joan die Luft an, und ein Schauer lief ihr über den Rücken, als sie seine Lippen an ihren Fingern spürte. Er schaute zu ihr hoch, sah wie sich Joan die Lippen befeuchtete und mit gespanntem Blick wartete, was jetzt geschehen würde. So ermutigt ergriff er sachte ihre Hand und küsste sie auf die Innenfläche. Joan schloss die Augen und genoss seine sanften Küsse, auf ihrem Handgelenk, ihrem Arm. Die Shrimpstüte, die Joan noch immer in der anderen Hand gehalten hatte, entglitt ihren Fingern und kullerte in den Sand. Doch Joan nahm nichts anderes mehr wahr, als seine Lippen auf ihrer Haut, auf ihrer Schulter, an ihrem Hals. Und als er sie schließlich küsste, verschwand alles um sie herum in einem schwindelerregenden Nichts, sie fühlte nur noch ihn, seine Lippen, seine Zunge, seinen Körper dicht an ihrem. Für einen kurzen Moment tauchte im Agententeil ihres Denkens die Vision von K. O.- Tropfen in den Shrimps auf, doch er hatte ja ebenfalls davon gegessen. Und so verschwand dieser Gedanke ebenso schnell wieder, wie er gekommen war, und sie gab sich wieder dem Rausch des Augenblicks hin.

Seine Anziehungskraft, die sie vom ersten Moment an verspürt hatte, steigerte sich in einen unbeschreiblichen Zustand, dem sie sich einfach nicht entziehen konnte. Sie wollte ihn, jetzt gleich, und so zog sie fast ungeduldig das Hemd aus seiner Hose und ließ ihre Hände darunter und über seinen Rücken gleiten. Seine Haut war wunderbar warm und glatt und weckte in ihr das Verlagen, sie zu küssen. Ohne sich um Knöpfe zu kümmern, half er ihr, sich das Hemd über den Kopf zu streifen. Er schnappte hörbar nach Luft, als Joan sich an ihn schmiegte, und mit Wangen und Lippen genüsslich die Haut auf seiner Brust streifte. Heftig atmend vergrub er seine Finger in ihrem Haar, hob schließlich sanft ihren Kopf und küsste sie leidenschaftlich. Verlangend strichen seine Hände über ihren Körper, über ihre Brüste, ihre Hüfte, ihren Po und brachten Joan fast um den Verstand. Sie schob den Saum ihres Kleides hoch, und diesem mehr als deutlichen Signal folgend, glitt seine Hand an ihre Unterwäsche, um sie ihr auszuziehen. Joan hob ihre Hüfte an, wobei er mehr oder weniger unbeabsichtigt ihre sensibelste Körperstelle streifte. Joan zuckte vor Erregung zusammen, und griff nach seiner Hand. Er hielt kurz inne, dann begann er sanft, sie zu streicheln. Joan stöhnte auf, spreizte bereitwillig die Beine und gab sich ganz seinen forschenden Fingern hin. Das wohlbekannte Prickeln in ihrem Unterleib ließ nicht lange auf sich warten, sie spürte seinen Atem an ihrem Ohr, im gleichen, immer schneller werden Rhythmus seiner Finger. Nein, noch nicht!, schoss es ihr durch den Kopf, und sie schob seine Hand weg. Öffnete mit zitternden Fingern seinen Gürtel und seine Hose. Er schien einen Moment zu zögern, die Frage Willst du das wirklich? stand in seinen Augen, und als Antwort zog Joan ihn an sich.

So vorsichtig, wie es der Grad seiner Erregung zuließ, drang er endlich in sie ein und Joan seufzte zutiefst. Als er begann, sich in ihr zu bewegen, kehrte das Prickeln augenblicklich zurück, und als seine Bewegungen schneller und heftiger wurden, überkam sie auch schon der Orgasmus mit einer Heftigkeit, wie sie es noch nie zuvor erlebt hatte. Hilflos erstickte sie den Schrei, der sich ihrer Kehle entrang, an seinem Hals, und in diesem Moment verkrampfte auch er sich, presste sich mit einem unterdrückten Keuchen an ihren Körper und glitt schließlich heftig atmend von ihr herunter.

Völlig erschöpft lag Joan da und starrte verblüfft in den nachtblauen Morgenhimmel. Was war denn das gewesen? Vor nicht einmal zehn Minuten war sie noch hier gesessen, hatte Shrimps gegessen und die Schönheit der Natur bewundert. Und nun lag sie hier, halbnackt, und hatte den heißesten Sex ihres bisherigen Lebens gehabt! Zaghaft wandte sie den Kopf zu ihrem Begleiter und war erstaunt, als sie feststellte, dass er sie ebenfalls leicht irritiert ansah. Sie wusste nicht einmal, wie er hieß...

„Machst du das öfter“, fragte sie ihn mit heiserer Stimme.

„Nein!“, antwortete er, augenscheinlich selbst völlig überrascht darüber, was für eine Wendung diese Nacht, dieser Morgen genommen hatte. Etwas verlegen angelte Joan nach ihrem Slip und brachte Kleid und Haar halbwegs in Ordnung.

„Ich glaube, es ist besser, wenn ich jetzt nach Hause gehe“, sagte sie fast ein bisschen schüchtern, immer noch irritiert darüber, was sie eben getan hatte.

„Ja, sicher“, antwortete er, und zog sich auch wieder an, während Joan nach ihren Schuhen suchte.

„Verrätst du mir, wo du wohnst, damit ich dich nach Hause begleiten kann?“, fragte er und blickte sie liebevoll an. Joan schluckte. Schon lag ihr die Zustimmung auf der Zunge, als sie sie entschlossen wieder hinunterschluckte. Das war ihr eindeutig zu gefährlich. In diesen Mann konnte sie sich ernsthaft verlieben, wenn sie noch mehr Zeit mit ihm verbrachte, und das konnte sie momentan überhaupt nicht gebrauchen...

„Nein“, antwortete sie, aber mit dem charmantesten Lächeln, dass sie zustande brachte. „Aber wir können noch ein Stück zusammen gehen, wenn du Lust hast“.

Sie gingen den gleichen Weg zurück, den sie gekommen waren, schwiegen und hielten sich doch an den Händen, als würden sie sich schon ewig kennen. An einer Straßenkreuzung blieb Joan stehen.

„So, ab hier gehe ich alleine weiter“, sagte sie, doch er ließ ihre Hand nicht los.

„Ich wollte dir noch etwas sagen... Eigentlich ist es überhaupt nicht meine Art... Ich meine, wir kannten uns ja gar nicht...“. Er suchte nach den richtigen Worten. „Ich will dass du weißt, dass ich so etwas noch nie zuvor getan habe“.

„Ich auch nicht“, antwortete Joan, und sein Geständnis rührte sie.

„Keine Namen?“, fragte er.

„Keine Namen“, bestätigte Joan. Er nickte verständnisvoll, dann beugte er sich zu ihr hinab und küsste sie ein letztes Mal. Nicht heftig und leidenschaftlich, sondern zärtlich und liebevoll. Dann ließ er sie los, Joan wandte sich ab und ging. Nach einigen Schritten konnte sie der Versuchung jedoch nicht widerstehen und drehte sich noch einmal um. Er stand noch da und hob grüßend die Hand. Joan winkte zurück und ging weiter. Als sie sich nach wenigen Metern noch einmal umdrehte, war er verschwunden.

***

Captain Future streifte durch die Straßen von Megara City. Die einstige Erzförderstadt war zu einem Zockerparadies voller Casinos und Saloons verkommen, bevölkert von zwielichtigen Gestalten und Tagedieben. Ein Betrunkener taumelte ihm mit einer Flasche in der Hand entgegen und lallte unverständlich vor sich hin. Future wich ihm angewidert aus.

Die Tür am nächsten Saloon ging auf, und die Szene schien sich zu wiederholen. Ein ebenfalls offensichtlich Betrunkener torkelte auf die Straße, doch etwas war anders. Plötzlich schien er sich wie unter Schmerzen zu krümmen, unmenschliche Laute, mehr Knurren als Schreie, drangen aus seiner Kehle. Eine Frau, die zufällig vorbeiging, fiel vor Schreck zu Boden, mitsamt dem Kind, das sie an der Hand geführt hatte. Der Mann schien zu wachsen, sein Körper sprengte die Kleidung und dichtes Fell fing an, ihn zu überwuchern. Die Frau schrie in Panik auf, klammerte das Kind an sich, doch lähmende Angst verhinderte ihre Flucht.
Future rannte hinzu, um zu helfen, doch es kam ihm jemand zuvor. Eine Agentin der Planetenpolizei war plötzlich zur Stelle, packte den verwandelten Menschen mit geübtem Griff und schleuderte ihn so heftig zu Boden, dass dieser reglos liegen blieb. Ihr erster Blick galt der Frau mit dem Kind, doch als diese sich als unverletzt erwiesen, wandte sie sich an die zusammen gelaufene Menge.

„Könnte jemand eine Rettungsfähre rufen? Dieser Mann muss sofort ins Krankenhaus!“
Future traute seinen Augen nicht. Nicht nur, weil diese zierliche Person offenbar fast mühelos einen doppelt so großen und schweren Affenmenschen außer Gefecht gesetzt hatte, sondern auch weil er sie kannte.

Es war das Mädchen vom Strand!
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