Zeitsplitter - "Krrìlva"

von Tsutey
GeschichteAbenteuer, Familie / P12
24.12.2013
24.12.2013
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Die Himmelsmenschen waren zurückgekehrt. Zwar war der befürchtete Regen, der nicht mehr aufhört, ausgeblieben, dennoch lebten nun deutlich mehr der seltsamen Eindringlinge auf der Dschungelwelt als noch vor den Kämpfen.
Dabei hatten sie sich nicht auf einen Standort beschränkt, sondern waren - sehr zur Verwunderung der Späher - an verschiedenen Orten gelandet. Nach einiger Zeit der Beobachtung wurde den Ältesten der Stämme schnell klar, dass diese Himmelsmenschen anders waren als ihre verhassten Vorgänger. Sie verhielten sich passiv, zeigten keine Gewalt und bei Begegnungen traten sie ohne zögern den Rückzug an und überließen den Ureinwohnern das Feld. Die Anführer führten das auf die wenigen Bewaffneten unter den Menschen zurück, zumeist Jäger. So setzten sie die Beobachtung der Eindringlinge weiter fort und entdeckten etwas, dass die Soldaten nicht mehr besessen hatten und was dazu führte, dass sie von Angriffen absahen: Wissen. Diese Menschen verfügten über neue Formen der Nahrungsherstellung, welche die Na’vi bis dahin nicht kannten und die sie unbedingt in sich aufnehmen wollten.
Wie die Europäer im Mittelalter die neue Welt entdeckten und besiedelten, brachten sie den Indianern wertvolle Kenntnisse über Domestizierung von Haustieren und hoch entwickelte Landwirtschaft bei. Schafften es die Ureinwohner gerade mal auf Flächen, die so groß wie einzelne Staaten in Europa waren, wenige Menschen zu ernähren, so konnten die effizienten Methoden der ersten Siedler schnell ein Vielfaches auf deutlich weniger Ackerland erreichen.
Nun wiederholte sich der Vorgang auf dem Dschungelmond, wenn auch mit einer mittlerweile weiterentwickelten Maschinerie.
Noch etwas fand das Augenmerk der Ureinwohner. Unter den Pionieren und Siedlern befanden sich Frauen und Kinder. Zwar waren vereinzelt Frauen im Expeditionskorps gewesen, aber in dieser Anzahl waren sie den Na’vi fremd. Das die Himmelsmenschen nun Familien statt Soldaten aussandten, erfüllte die Schamanen und Ratgeber der Anführer mit Verwunderung und vorerst wussten sie nicht, wie sie mit der neuen Situation umgehen sollten.
Hier offenbarte sich zugleich auch die größte Schwäche der Na’vi. Während die Menschen aus einem schier unerschöpflichen Pool aufgrund der kathastophalen Überbevölkerung der Erde schöpfen konnten, waren die Stämme der Ureinwohner nicht in der Lage, größere Verluste auszugleichen. Manch ein Stamm verschwand von der Oberfläche Pandoras, ausgelöscht durch Hunger und Krankheit. Die geringe Geburtenrate beschleunigte den Zerfall noch zusätzlich. So kam es, dass kleinere Stämme von zahlenmäßig stabilen einverleibt oder aus ihrem angestammten Gebiet einfach verjagt wurden. Nicht alle Gruppen hegten große Liebe füreinander und um der völligen Auslöschung zu entgehen, zogen es geringere Populationen gelegentlich vor, entgegen ihren sonstigen Gewohnheiten ein Nomadenleben zu führen. So auch Yukis Stamm. Niemand hatte ihre Brüder und Schwestern aufnehmen wollen und letztendlich war ihnen nur ein Ausweg geblieben. In eine Gegend zu ziehen, wo keiner der sie umgebenden Stämme leben wollte.

Yuki sah zum Lager hinüber, dessen Einfriedung im strahlenden Licht der Sonnen glitzerte. Lachen und Rufe hallten an ihre empfindlichen Ohren aber sie konnte das meiste davon nicht verstehen.
“Schlaf nicht ein Yuki, bald wird es dunkel und wir sind noch lange nicht fertig.”
Die Stimme ihrer sa’nu erinnerte sie wieder an die Arbeit, die vor ihr lag. Nur schwerlich riss sie sich von dem Geschehen auf den Feldern los und packte eine weitere Frucht in den Weidenkorb. Ein flüchtiger Blick zu den anderen bestätigte ihre schlimmsten Vermutungen. Sie war die langsamste von allen. Die Körbe ihrer Brüder und Schwestern quollen fast über, während ihr eigener so leer war wie ihr Magen. Yuki seufzte auf und fuhr mit der verhassten Tätigkeit fort.

Tim schritt  so unauffällig, wie möglich dem nahen Zaun entgegen. Hier draußen auf den weitläufigen Feldern war mit Einbruch der Dämmerung kaum jemand. Die meisten Farmer waren zu ihren Familien zurückgekehrt, um zu Abend zu essen oder einen Abstecher in die behelfsmäßige Bar zu unternehmen, welche allein Ablenkung vom harten Arbeitsalltag versprach. Dennoch bückte er sich in unregelmäßigen Abständen und tat, als suche er angestrengt nach etwas, dass er verloren hatte. Immer wieder sah er sich dabei um, ob er beobachtet wurde. Endlich erreichte er die Absperrung. Mühsam kniete Tim vor dem Stacheldraht nieder und grub den Durchschlupf fertig, den er die letzten Tage so mühevoll geschaffen hatte. Den glitzernden Draht einfach durchzuschneiden, verbot sich von selbst, war doch allgemein bekannt, dass er unter Starkstrom stand. Er dachte an Onkel Bron. Mit seinen gewaltigen Pranken, von denen seine Tante immer meinte, dass sie wie Schaufelbagger wären, hätte er bestimmt die Arbeit in deutlich kürzerer Zeit bewerkstelligt. Noch einigen Minuten anstrengender Arbeit war es endlich geschafft und die Rinne groß genug, dass er unter dem Zaun durchrobben konnte. Er wagte gar nicht daran zu denken, was sein Onkel mit ihm machen würde, wenn er das Loch entdeckte. Tim war gerade volljährig geworden, doch das zählte auf Pandora nicht viel. Im war es verboten, wie allen jüngeren, das Lager ohne Aufsicht eines Erwachsenen und erfahrenen Begleiters zu verlassen. Eine reine Sicherheitsmassnahme, die Tim jedoch als lästig empfand. Dort draußen in dem kleinen Wäldchen hatte er sie gesehen. Ureinwohner beim sammeln, wie er annahm von Früchten und was sie sonst so essen mochten. Tim beherrschte leidlich gut ihre Sprache und fürchtete sich nicht vor einer Begegnung. Jeden Tag nach der Schule hatte er sie während der Feldarbeit beobachtet. Irgendeine innere Stimme sagte ihm, dass sie ihn auch beobachtet hatten, da war er sich ganz sicher. Ein letzter Blick zurück. Hinter ihm blieb alles ruhig. Unruhig tastete er über seine Jacke. Er hatte etwas mitgenommen, von dem er hoffte das es die Ureinwohner beeindrucken würde. So schnell ihn die Beine trugen, hastete er im Schutz einiger Büsche auf den nahen Waldrand zu. Dabei versuchte er, so leise aufzutreten, wie es die Situation eben noch ermöglichte. Die letzten Minuten hatte er niemand mehr gesehen, aber er nahm an, dass sie noch in der Nähe waren. Vielleicht war ihr Lager sogar direkt zwischen den Stämmen und er konnte sie heimlich beobachten. Tim spürte, wie ihm sein Herz im Hals schlug, als er sich zwischen dem dichten Gestrüpp weiter fortbewegte. Stimmen erklangen vor ihm. Atemlos ließ er sich vor einem besonders großen Busch zu Boden gleiten und spähte zwischen den Ästen hindurch. Nichts. Kein Ureinwohner. Aber wer hatte eben gesprochen? Nur schwer konnte er seine Enttäuschung verbergen. Gerade, als er sich erheben wollte, erklang eine Stimme hinter ihm und ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren.

“Oel ngati kameie Tawtute!” Tim wagte nicht, sich zu rühren. Erst, als ein Glucksen erklang, wand er sich vorsichtig um und blickte gleich darauf in leuchtende Augen, wie er sie nie zuvor in seinem Leben zu Gesicht bekommen hatte.
“Was machst du da? Beobachtest du uns? Ich werde unseren Kriegern bescheid sagen. Sollen sie entscheiden, was mit dir geschehen soll.”
Das klang gar nicht gut. Tim blickte sich entsetzt um. Das Mädchen war allein, dennoch war er sich sicher, dass ein Ausruf von ihr, ihm bald Gesellschaft bescheren würde. Mehr noch… sollte er nicht rechtzeitig zurückkehren und sein Ausbruch bemerkt werden, würden ihm einige unangenehme Fragen ins Haus stehen, sobald sein Onkel seiner habhaft wurde.
“Nein warte, tu das bitte nicht! Ich habe nicht spioniert. Ich war nur neugierig.”
Yuki studierte aufmerksam seine Gesichtszüge.
“Also gut, ich glaube dir. Du hast soviel Krach gemacht, wie eine Herde aytalioang. Ich habe dich schon gehört, bevor du zwischen den Büschen aufgetaucht bist. Für einen Spion wäre das ziemlich dumm, findest du nicht?”
Der Junge schaute verlegen zu Boden und so versuchte Yuki, ihm etwas von seiner Anspannung zu nehmen. Instinktiv spürte sie, dass ihr von ihm keine Gefahr drohte. “Du sprichst unsere Sprache sehr gut. Ich dachte immer, Himmelsmenschen können das nicht.”
“Ich habe deine Sprache studiert. Wir müssen jeden Tag lernen.”
Sie trat nahe an ihn heran und gab ihm zu verstehen, dass er sich erheben sollte.
“Mein Name ist Yuki und bin eurer Zählung nach 16 Jahre alt. Verrätst du mir auch deinen Namen?“
Der Junge war überrascht. “Tim. Ich heiße Tim. Du bist jünger als ich, dabei bist du schon so groß. Ich hätte dich für eine Erwachsene gehalten.”
Wieder ein sanftes Lachen. “Oh, erwachsen bin ich nicht… leider, aber bis dahin werde ich noch viel größer.”
Das Mädchen streckte sich, um eine Spur imposanter auf den Jungen zu wirken. “Lebst du… ich meine ihr hier?”
Kopfschütteln. Yuki blickte sich um, als müsse sie sich erst vergewissern, dass niemand zuhörte. “Unser Lager befindet sich auf einer Lichtung im Wald. Wir sind nur ein sehr kleiner Stamm.”
“Dann haben wir wieder etwas gemeinsam. Unser Dorf ist auch nicht besonders groß. Nicht so wie Woodberry, das ein paar Tagesmärsche im Norden liegt.”
Yuki deutete auf die sich endlos erstreckenden Felder. “Was macht ihr da überhaupt?” “Du meinst die Äcker? Das ist Landwirtschaft. Wir bauen Getreide und andere Nahrung an. Auf meiner Heimatwelt ist der Boden in vielen Regionen verseucht.” “Die Stammesältesten sprachen davon, aber ich habe es nicht verstanden. Vielleicht können wir eines Tages von euch lernen.”
“Ja vielleicht”, kam es wenig überzeugt zurück. Tim dachte an Onkel Bron, wie er dem Mädchen die Feldarbeit erläuterte. Eine für ihn eher befremdliche Vorstellung.
“Du fürchtest dich gar nicht vor mir. Hattet ihr schon oft Kontakt zu Menschen?” “Sollte ich das?”, kam es selbstsicher zurück. Im gleichen Moment packte sie ihn und Tim spürte, wie er mühelos hochgehoben wurde.
“Du bist auch nicht schwerer als ein kleiner Nantang.”
Beinahe sanft setzte sie ihn wieder zu Boden.
“Was machen wir nun?” Yuki überlegte einen Moment, dann spiegelte sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht wieder.
“Ich kenne eine Erzählung unseres Volkes. Allerdings handelt sie von einem anderen Stamm. Meine sa’nu hat sie mir vorgesungen, als ich kleiner war, wenn ich nicht einschlafen konnte.”
“Sie hat was?”
“Gesungen. Singt ihr Menschen nicht? Wir geben so alle unsere Geschichten weiter. Warte, ich zeige es dir.” Yuki setzte sich auf das Moos und wartete, bis der Junge ebenfalls neben ihr kniete. Zusammen sahen sie auf die kleine Ansammlung der Hütten, welche die Farmer im Laufe der Zeit errichtet hatten.
“Mein Lied handelt von einem Krieger namens Tzu'natxu. Er gehörte zu den Abgesandten. Von ihnen erfuhren wir, was ihr Weihnachten nennt.”
Erst wollte Tim wohl auch aus Unsicherheit über die eigenartige Situation auflachen, doch beim Klang der sanften melodischen Stimme des Mädchens verschlug es ihm augenblicklich die Sprache. Yuki trug die Inhalte des Liedes mit solcher Inbrunst vor, dass ihm wollige Schauer über den Rücken rannen. Mehr noch, Tim konnte die Ereignisse fast bildhaft vor sich sehen.