Am Fest der Liebe

von Naurelen
GeschichteAllgemein / P12
24.12.2013
24.12.2013
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Am Fest der Liebe ...


... ist manchmal alles anders.

Sina wanderte alleine durch die Straßen Dublins. Den Kragen ihres Mantels hochgeschlagen. Ihr fröstelte. Die kalte Feuchtigkeit des irischen Winters drang in jede noch so kleine Ritze. Schnee fiel selten auf der grünen Insel. Nun wünschte sie sich Schnee. Ein weißes Leichentuch aus Kälte. In ihrem Inneren war alles erstarrt.

Leute hasteten an ihr vorbei. Schwer beladen mit bunt verpackten Geschenken. Sie hatte dafür keine Augen. Von irgendwoher hörte sie Kinderlachen. Ein Kloß schnürte ihre Kehle zu. Heiße Tränen rannen über ihr Gesicht. Ihr wurde schwarz vor Augen. Die Knie zitterten. Sie musste sich setzen. Wankend betrat sie das kleine Café, wie so oft in letzter Zeit. Nur wenige Besucher saßen an den Tischen. Sie schaffte es noch bis zu dem kleinen Tischchen in der Ecke, bevor ihre Beine endgültig den Dienst versagten. Mit einem leisen Wehlaut sank sie auf den Stuhl. Aus dem Lautsprecher drang dezent ‚Joy to the World‘.

Durch das Fenster sah sie die Leute. Alte, Junge, Kinder und Erwachsene. Überall das Gleiche. Friede, Freude, Eierkuchen und jede Menge strahlende Gesichter. Am Fest der Liebe herrschte heile Welt. Übersättigung mit Liebe. Das kitschige Abziehbild einer nicht existenten Realität. Vor lauter zuckersüßer bonbonfarbener Fröhlichkeit wurde ihr Übel.

„Was kann ich ihnen bringen“, fragte die Kellnerin mit einem freundlichen Lächeln.
„Eine Kanne Kaffee und einen doppelten Whisky“, bestellte Sina ohne hochzublicken. Sollte sie ruhig für unhöflich gehalten werden. Es war ihr egal. Ihr Magen knurrte laut.
„Möchten sie vielleicht noch etwas Gebäck dazu? Die Hörnchen sind heute ausgezeichnet.“
„Nein, nur den Kaffee und den Whisky“, antwortete Sina. Sie konnte nichts essen. Die Erinnerung schnürte ihre Kehle zu. Keinen Bissen würde sie hinunter bekommen.

Ihr Blick wanderte wieder nach draußen. Hart schluckte sie. Auch sie hatte vor nicht allzu langer Zeit dazugehört. Auch sie hatte Geschenke gekauft, Plätzchen gebacken und in ein Paar strahlender Kinderaugen geblickt. Sie lehnte sich zurück. Spürte die salzige Feuchte der Tränen. Ihre Augen sahen leer in die Ferne. Sie bemerkte nur am Rande, wie die Kellnerin ihr das Bestellte brachte. Zwei Kekse lagen dabei und ein gebrochenes Hörnchen. Eines von denen, die man nicht mehr verkaufen konnte, wegen dem Aussehen. Anscheinend hatte sie wieder das Mitgefühl der Kellnerin erregt.

Der warme, anregende Geruch des Kaffees vermischte sich mit dem des Whiskys. Langsam berührte sie das Glas. Sie nippte. Die scharfe Flüssigkeit rann ihr die Kehle hinunter. Sie hustete nicht. Whisky machte ihr nichts mehr aus. Zuviel hatte sie seit damals davon getrunken. Viel zu viel. Sie schaute nach draußen. Tränen rannen stumm.

„Sie sollten ihren Kummer nicht in Whisky ertränken“, hörte sie eine warme Stimme neben sich. Sina benötigte einige Sekunden um in die Realität zurück zu finden. Als sie aufschaute sah sie in ein Paar sanfte rehbraune Augen. Ein Mann blickte sie aufmunternd an. Er mochte vielleicht zwischen dreißig und vierzig Jahren alt sein. Seine Augen waren von Lachfältchen umgeben. Das dunkelbraune Haar wurde sorgfältig in einem Zopf gehalten.

Offensichtlich ein Retro-Hippie, dachte Sina. „Was schert sie mein Kummer“, entgegnete sie kratzig.
„Eigentlich nichts“, sagte er, „doch ich sehe sie seit Tagen in diesem Café. Jeden Tag um die gleiche Zeit. Jeden Tag weinend in der Ecke sitzend. Jeden Tag eine Kanne Kaffee und mehrere Whisky trinkend. – Da darf ich doch wohl fragen, was ihnen auf der Seele liegt.“
„Bisher hat sich niemand dafür interessiert“, antwortete Sina, „lassen sie mich einfach in Ruhe.“ Hastig stürzte sie den Whisky hinunter.

Als sie das Glas abstellte, hatte er sich ihr gegenüber gesetzt. Stumm sah er sie an. Er wartete. Er blieb solange, bis sie ihren Kaffee und zwei weitere Whisky getrunken hatte. Schweigend. Als sie zahlte, begleitete er sie zur Tür. Verwirrt über soviel Aufmerksamkeit wusste Sina im ersten Moment ihren Weg nicht mehr. Dann hatte sie sich gefangen. Automatisch lenkte sie ihre Schritte zum Friedhof. Dort wo ihr Leben unter sechs Fuß Erde lag. Erst als es dunkel wurde und der Friedhofswächter die Tore schloss, ging sie nach Hause.

Zuhause. Ein leeres Haus ohne Leben. Ohne Lachen. Stumm. Die Fenster verhangen. Bilder an den Wänden, die sie täglich an ihren Schmerz erinnerten. Jetzt in ihrem Urlaub war es besonders schlimm. Wie so oft, wenn sie nach Hause kam, verkroch sie sich im Schlafzimmer. Eine Flasche Whisky dabei. Sie zog die Decke über den Kopf und kuschelte sich ganz fest an das Stofftier ihrer Kleinen und den seidenen Pyjama ihres Mannes. Manchmal war ihr, als könne sie die Wärme noch fühlen.

Am nächsten Tag ging sie wieder ziellos durch die Straßen. Sie ignorierte die fröhlichen Lieder der Straßensänger und das endlose Gedudel aus den Lautsprechern der Kaufhäuser. Ihr Weg führte sie wie jeden Tag zum Friedhof. Dort blieb sie, bis ihr die Kälte in die Seele gekrochen war. Stumm auf der Bank sitzend. Und wie jeden Tag während ihres Urlaubs führte der Weg in das kleine Café. Als sie sich dem kleinen Tischchen in der Ecke zuwandte, sah sie, dass dieses besetzt war. Der Mann von gestern saß dort. Vor sich eine Kanne Kaffee, einen Whisky und ein Hörnchen. Er schaute sie an. Mit einer einladenden Bewegung wies er auf den Stuhl gegenüber.

Zögernd setzte sie sich hin. Sie ließ es zu, dass er ihr Kaffee einschenkte. Schweigend lehnte sie sich zurück und blickte hinaus. Der Mann schwieg ebenfalls. Diesmal trank sie nur einen Whisky. Nachdem sie den Kaffee leergetrunken hatte, zahlte sie und ging.

Dies wiederholte sich mehrere Tage. Jedes Mal, wenn sie das Café betrat, saß er dort und hatte bereits Kaffee und Whisky vor sich stehen. Immer lag ein Hörnchen dabei. Sina zwang sich zwar ab und zu ein bisschen Nahrung zu sich zu nehmen, aber Hunger hatte sie nicht. Seit damals verspürte sie keine Bedürfnisse mehr.

Zwei Tage vor Weihnachten betrat sie wieder das kleine Café. Wieder saß der Mann dort an ihrem Tisch. Doch heute war es anders. Sie setzte sich ihm gegenüber. Bleich sah sie aus. Tränen hatten deutliche Spuren hinterlassen. In der letzten Nacht hatte sie nicht geschlafen. Schweigend starrte sie hinaus. Es war so friedlich. Die Tränen rannen aus den blicklos in die Ferne gerichteten Augen.

„Vier Jahre ist es her“, flüsterte sie, „heute sind es vier Jahre.“ Nervös zupfte sie an ihren Fingern. Griff fahrig zur Kaffeetasse. Nahm einen tiefen Schluck.

„Wir waren glücklich“, stockend fing sie an zu erzählen, „sechs Jahre waren wir verheiratet. Unsere Kleine gerade vier geworden. Sie war so hübsch, unsere kleine Helen. So quirlig – lebendig. Ein kleiner Irrwisch. Brian war ein guter Vater. Urlaub hatte es sein sollen. Ein richtiger Winterurlaub. Brian hatte in der Schweiz gebucht. Die ersten Tage waren wunderschön gewesen. Der viele Schnee, blauer Himmel – wie in einem Bilderbuch. Dann kam der Sturm. Wir versuchten noch vom Berg zu kommen. Brian fuhr mit dem geliehenen Wagen diese schmale Passstraße hinunter. Er merkte nicht, dass die Straße draußen zu fror. Dann war es zu spät. Er verlor die Kontrolle über das Auto. Wir gerieten ins Schleudern und stürzten mehrere Meter in die Tiefe. – Als ich aufwachte, lag ich im Krankenhaus. Man sagte mir, ich hätte überlebt. Auf der linken Seite hatte ich beinahe jeden Knochen gebrochen. Der linke Lungenflügel war perforiert. Ich konnte mich nicht bewegen vor Schmerzen. Kaum atmen. - Dann sagte man mir, dass Brian und Helen es nicht geschafft hatten. Ich konnte es nicht verstehen. Ich wollte es nicht verstehen. – Als sie beerdigt wurden, weigerte ich mich zu glauben, dass sie dort in den Särgen lagen. - Warum hat Gott mir das angetan? Wenn er gerecht ist, wie die meisten behaupten, warum hat er mir dann mein Leben genommen?“

Zornig blickte sie zum Himmel auf. Ihre Hände zu Fäusten geballt. Die Knöchel traten weiß hervor. Schmerz durchfuhr sie, als sie auf die Tischplatte schlug. Dies holte sie in die Realität zurück. Sie lockerte ihre Finger. Seufzend griff sie zum Whiskyglas und leerte es in einem Zug.

„Seit damals bin ich so oft es geht bei meinen Lieben“, sagte sie, „ich sitze dort an ihrem Grab und erinnere mich an die schönen Tage mit ihnen. Ich erinnere mich, wie sie lachten – wie meine Kleine spielte. – Wir hatten noch so viel vor ...“ Tränen liefen ihr die Wangen hinunter.
Ihr Gegenüber hatte schweigend zugehört. Seine Augen blickten verständnisvoll.

„Es ist gut zu trauern“, sagte er leise, „doch irgendwann muss man wieder anfangen zu leben. Das ist es, was die Toten von einem fordern – das Leben neu zu lernen.“ Ungläubig sah sie ihn an.

„Was glauben sie, was ich seither getan habe“, fragte sie entrüstet, „ich lebe, während meine Liebsten dort in ihrem kalten Grab liegen. Ich gehe zur Arbeit. Ich esse und trinke. Ich gehe durch die Straßen. Ich lebe ...“ Sanft sah er sie an.
„Nein“, schüttelte er den Kopf, „sie leben nicht, sie vegetieren dahin. – Das ist aber nicht der Sinn. – Das würden sie nicht wollen.“
„Warum erdreisten sie sich wissen zu wollen, was mein Mann von mir erwarten würde – oder mein Kind?“ Ihr Stimme klang heiser vor Wut. Was glaubte dieser Fatzke, wer er sei? Jesus?

„Ich bin nicht Gott“, lächelte er, „ich bin nur Séamas O’Brian. – Aber auch ich habe Verluste erlitten und habe mich gefragt, warum gerade ich es sein musste. Ich wartete auf die Stunde meines eigenen Todes, damit ich wieder mit meiner geliebten Frau zusammensein konnte. Sie starb mit unserem Sohn unter dem Herzen. – Eines Tages beschloss ich meinem Leben ein Ende zu setzen.“ Sina blickte auf. Auch sie hatte bereits daran gedacht. „Ja“, hauchte sie, „endlich in Ruhe schlafen, in den Armen des geliebten Mannes. - Wieder das Lachen meiner Tochter hören.“

„Aber es kam anders“, erzählte Séamas, „es war kurz vor Weihnachten, wie heute. Ich war im Haus meiner Familie. Ein letztes Mal ging ich durch die Zimmer. Dann ging ich hinaus in die Nacht. Mein Weg führte zum nahegelegenen See. Dort traf ich auf meinen Nachbarn, Caoimhín. Er hatte geahnt, welche Gedanken mich quälten und wartete dort auf mich. Viel hat er erzählt in jener Nacht. Von den Menschen, die an diesem Ufer gelebt haben. Von den vielen verschiedenen Generationen, die vom Wasser des Sees getrunken hatten. Von den Anfängen bis in die Gegenwart. Dann lud er mich ein in sein Haus.“ Er schwieg.

Nur die Geräusche des Cafés waren zu hören. Aus dem Lautsprecher drang sanft ‚I wish you a merry christmas‘. Sina sah zu den eilenden Menschen jenseits der Glasscheibe.

„In ein paar Tagen ist Alban Arthuan“, sagte Séamas zu ihr, „ich möchte sie einladen, mit uns zu feiern. – Kennen sie das keltische Fest Alban Arthuan?“ Verwirrt schüttelte sie den Kopf.
„Nein“, gestand sie, „es ist mir unbekannt.“
„Es ist das Fest zur Wintersonnenwende“, erklärte er, „es wird am 23. Dezember gefeiert. Die alten Kelten schmückten dabei einen Baum mit Lichtern, silbernen Symbolen und Figürchen.“
„Wie Weihnachten“, sagte sie prompt.
„Nicht ganz“, lächelte er, „die Christen haben den Lichterbaum von den Kelten übernommen.“ Sina trank ihren Kaffee leer.
„Ja, ich werde mit ihnen feiern“, sagte sie.
„Schön, ich erwarte sie dann am 22. Dezember in meinem Haus in Seanáir“, erwiderte Séamas erfreut, „meinen sie, sie finden den Weg?“ Er schob ihr einen Zettel mit der Wegbeschreibung hin. Sie warf einen Blick darauf und nickte. Die meisten Straßen kannte sie. Sie würde das Dörfchen finden.
„Wie heißen sie“, fragte Séamas, als sie aufstand und das Café verließ.
„Sina“, entgegnete sie, „Sina O’Marley.“

So kam es, dass Sina sich am Vorabend des Alban Arthuan auf den Weg ins irische Hinterland, eher gesagt, in das Gebirge, machte. Séamas kam aus der Nähe von Glendalough, welches malerisch vor den Wicklow Mountains lag.

Zweimal verfuhr sie sich, bis sie endlich das kleine Dörfchen fand. Sie kam sich vor, wie in ferne Zeiten versetzt. Eigentlich fehlte nur noch das Pferdefuhrwerk, um ihr das Gefühl zu vermitteln zweihundert oder mehr Jahre in der Vergangenheit zu sein. Nirgendwo sah sie ein Auto. Aber es schien doch motorisierte Verkehrsmittel zu existieren. Jedenfalls deutete die schmale asphaltierte Straße darauf hin.

Vorsichtig lenkte sie ihr kleines Auto durch das Dorf. Unsicher war sie, wohin sie sich wenden musste. Vor einem der kleinen Häuser saß ein älterer Mann mit Mütze und Pfeife. Sina beschloss, diesen nach dem Weg zu fragen. Sie hielt an und kurbelte das Fenster hinunter.
„Entschuldigen sie“, sagte sie höflich, „können sie mir sagen, wo ich das Haus der O’Brians finde?“ Der Alte zog gemächlich an seiner Pfeife und blies Kringel in die Luft.
„Jeap“, erwiderte er nach ein paar Sekunden, nur um wieder in Schweigen zu verfallen.
„Und“, fragte sie, „wo finde ich das Haus?“ Wieder wurden kleine Kringel in die Luft geblasen. Endlich bequemte der Alte sich zu bewegen. Mit sparsamer Bewegung deutete er mit der Pfeife die Straße hinunter.
„Die Straße lang und dann rechts“, nuschelte er sehr undeutlich, „zwei Minuten Fußweg liegt das Gehöft.“
„Danke“, erwiderte Sina. Der Alte nickte nur lächelnd und winkte mit seiner Pfeife. Sie kurbelte das Fenster wieder hoch und gab langsam Gas.

Am Ende der Straße führte ein gekiester Feldweg nach rechts auf das Gebirge zu und nach links hinaus auf einen kleinen Wald. Gemächlich rumpelte ihr Auto über den Kies. Nach wenigen hundert Metern tauchte rechts liegend ein Gehöft auf. Eine niedrige Mauer aus Bruchsteinen umgab das Gebäude mit dem daran angrenzenden Garten. Es schien alt zu sein. Das Gemäuer wurde beinahe vollständig von Efeu überwuchert. Moose und Flechten überzogen die Mauer mit einem bunt gefleckten Teppich. Im Garten stand noch Kohlgemüse und ein paar einsame Kürbisse stachen orangeleuchtend hervor.  

Die Fenster wurden warm von vielen Kerzen erleuchtet. Immergrüne Ranken umrundeten die Rahmen. Auch über der Eingangstür hing eine dieser Ranken, allerdings hier mit Misteln und roten Beeren geschmückt. Sina suchte nach einer Klingel, fand jedoch keine. Nur ein Türklopfer zierte die Mitte der Tür. Zaghaft betätigte sie diesen. Nach einer Weile wurde ihr geöffnet. Séamas sah ihr entgegen.
„Kommen sie herein, Sina“, sagte er zu ihr, „kommen sie herein und seien sie willkommen.“

Sina betrat einen schmalen Flur, von dem verschiedene Türen abgingen. Der Boden bestand aus blankgewischten, vom langen Gebrauch dunkel gefärbten Holzbohlen. Unsicher trat sie näher.  Lange war es her, dass sie ein anderes Haus als das ihre betreten hatte. Séamas ging ihr voran. Er führte sie in eine große, gemütliche Küche. Dunkles Holz war vorherrschend an Decke, Boden und Wand. Selbst die Möbel, der große Tisch mit den Stühlen, der Schrank und die Anrichte waren aus altem, dunklem Holz. Der Spülstein in der Ecke schien aus richtigem Stein zu sein. Der Herd erwies sich als holzbefeuert. Verwirrt rieb Sina sich die Augen.

Wo war sie? Hatte sie innerhalb von Sekunden ein Jahrhundert übersprungen?
„Nein“, Séamas lächelte sie an, „sie sind nicht in der Vergangenheit. Wir besitzen sogar Kühlschrank und Gefriertruhe.“
„Aber“, stammelte Sina, „aber woher wissen sie ...“
„... was sie denken“, beendete er ihren Satz, „nun, ... sie sind nicht der erste Gast in diesem Haus. Viele Male konnten wir bisher die staunenden Gesichter sehen, wenn sie dieses alten Herdes ansichtig wurden. Folglich wurden wir bereits häufiger mit diesem Thema konfrontiert. – Dieser alte Herd, den sie hier sehen, Sina, ist wirklich schon sehr alt, aber seine Funktion ist hervorragend. Auf keinem anderen Herd wird ein Stew wirklich gut.“

Als sie eintrat, hatten zwei Frauen, eine ältere und eine jüngere, ihre Tätigkeiten eingestellt. Neugierig wurde Sina gemustert.
„Mum, Bríd, dies ist Sina“, stellte er sie vor. Höflich wurde sie begrüßt.
Bei einem dampfenden Kaffee hatte Sina Gelegenheit, die Umgebung ein wenig näher zu mustern. Die Küche war, wie das Haus selber, bereits sehr alt. Einzige Zugeständnisse an die Moderne waren in der Tat nur Kühl- und Gefriergerät in der Speisekammer. An den Fenstern standen unterschiedlich hohe Kerzenständer mit brennenden Kerzen. Seelenlichter, nannte Séamas diese Kerzen.

„Warum Seelenlichter“, fragte Sina interessiert. Séamas bedachte sie mit einem langen Blick.
„Die Seelenlichter gehen auf eine alte Tradition zurück“, erklärte er leise, „sie werden hauptsächlich an Samhuin entzündet. – Ich weiß nicht, inwieweit sie Samhuin kennen?“ Sina zuckte verlegen mit den Schultern.
„Ich kenne mich überhaupt nicht aus mit den keltischen Gebräuchen“, gestand sie, „obwohl mein Mann Ire war.“
„Das will nichts heißen“, erwiderte Bríd, „heutzutage gibt es viele Iren, welche die alten Bräuche nicht mehr kennen oder kenne wollen.“
„Samhuin ist das Fest der Toten oder auch Halloween im modernen Sprachgebrauch“, fuhr Séamas fort, „in jener Nacht wird der Toten gedacht und ihre Seelen besänftigt. Dazu gehören auch diese Kerzen. Sie werden an Samhuin entzündet und sollen den Seelen der Verstorbenen mitteilen, dass sie nicht vergessen sind. – An Alban Arthuan werden auch die Seelenlichter entzündet, damit die Toten daran teilhaben können. Das Licht der Kerzen geleitet sie zu den Tischen ihrer Familien.“ Ein Frösteln überlief Sina.

„Ein beängstigender Gedanken“, flüsterte sie, „dass die Kerzen die Toten rufen.“
„Nein überhaupt nicht“, entgegnete Séamas, „eher ein tröstlicher Gedanken. Es beruhigt einen, dass es nach dem Tod ein Leben gibt. – Auch ihre Familie würde es begrüßen, wenn sie daran glauben würden.“ Sinas Hände zitterten. Der Becher mit Kaffee schwankte leicht.
„Es ist furchteinflössend“, flüsterte sie, „so sehr wünsche ich mir, dass sie bei mir wären. Aber ich kann sie nicht aus ihrem kalten Grab entführen.“
„Aber sie können sie freigeben“, warf Bríd leise ein, „sie klammern sich an sie, als würde es nichts anderes geben. – Doch es gibt Leben. – Ein Leben für sie, Sina, dass sie leben sollten. Ihr Mann würde es nicht anders wollen. Lassen sie ihren Gefühlen freien Lauf. Gestatten sie sich, zu fühlen, zu trauern und danach – endlich zu leben.“ Sie drückte Sina auf einen der Stühle.
„Feiern sie mit uns Alban Arthuan“, sagte sie zu ihr, „lassen sie die Lichter auf sich wirken. Lassen sie sich verzaubern.“ Wortlos nickte Sina. Séamas lächelte.
„Verzeihen sie Bríd ihre Direktheit“, bat er, „doch manchesmal hat sie damit Recht.“
„Keine Ursache“, entgegnete Sina. „Und nun lasst unseren Gast in Ruhe“, mahnte Ms. O’Brian, „das Essen ist fertig. – Setzt euch. – Bríd, hilf mir.“

Geschäftig eilte Bríd an ihre Seite. Rasch tischten die beiden von den Köstlichkeiten auf, die auf dem alten Herd brutzelten. Bald erfüllte eine gemütliche, nahezu heimelige Atmosphäre die Küche. Sina wurde sich bewusst, dass sie seit langer Zeit nicht mehr so gut gegessen hatte. Allmählich entspannte sie sich. Séamas steckte sich nach dem Essen eine Pfeife an. Der Rauch des Tabaks schwängerte die Luft mit einem herben würzigen Geruch. Geschichten wurden erzählt und Lieder gesungen. Bald erfüllte das herzliche Lachen von Séamas und seiner Familie das Haus. Es war so mitreißend, dass auch Sina sich dabei ertappte ein Lächeln zu wagen. Nach langer Zeit erheiterte Fröhlichkeit ihr Herz. Gegen Mitternacht erhob sich Séamas.

„So“, sagte er, „dann lasst uns zum Lichterbaum gehen. Es ist Zeit, dass er in seinem Glanz erstrahlt und der Welt von der Wiedergeburt der Sonne verkündet.“ Sina sah ihn fragend an.
„Wir gehen noch einmal weg“, fragte sie.
„Ja“, erklärte Bríd, „der Lichterbaum ist eine alte keltische Tradition. Am Beginn des Tages der Wintersonnenwende werden seine Kerzen um Mitternacht entzündet und sie brennen bis zur nächsten Mitternacht, wo sie dann feierlich gelöscht werden.“ Neugierig hatte Sina sich in ihren Mantel gehüllt. Dick vermummt gingen sie durch die Nacht. Séamas leuchtete ihnen den Weg mit einer Fackel. Vom Dorf her sah Sina einige flackernde Lichter. Es schienen gleichfalls Fackeln zu sein. Doch sie nahm nur undeutliche Bewegungen wahr. Andere Menschen auf dem Weg zu diesem Lichterbaum?

Die Kälte kroch in ihr hoch, als sie durch die Nacht stapfte. Nach etwa einer halben Stunde erreichten sie eine Lichtung. Es waren schon Dorfbewohner anwesend, denn einige Fackeln erleuchteten die Dunkelheit. In der Mitte der Lichtung erhob sich eine ungewöhnlich große Tanne. Ihr Schmuck aus silbernen Figürchen und seltsamen Symbolen glitzerte im flackernden Schein der Fackeln. Die vielen hundert Kerzen in seinen Zweigen brannten nicht. Vor dem Baum stand ein flacher länglicher Stein. Auf diesem befanden sich mehrere kleine Tonschalen mit Früchten, Brot, Weizenähren und einem Kaninchen. Kürbisse flankierten in der Mitte einen großen Kelch aus poliertem Metall. Immergrüne Ranken wanden sich über die Seiten. Allmählich füllt sich die Lichtung mit Menschen.

Dann trat ein Mann vor. Er war in ein langes, einfaches, schneeweißes Gewand gehüllt. In dem schlichten Gürtel befand sich eine Sichel. Auf seinem Kopf trug er ein Tuch mit einem goldenen Reifen. Seinen Hals zierte eine kompliziert aussehende eng anliegende Kette aus Gold.

Seine sonore Stimme füllte klar und rein die Nacht. Aufmerksam lauschten die Menschen dem was er sagte. Leider sprach er Gälisch. Sina verstand kein einziges Wort. Séamas beugte sich zu ihr und übersetzte leise für sie.
„Dies dort ist Caoimhín, unser Druide“, erklärte er leise, „er sagt uns folgende Worte – willkommen am Baum der Lichter. Heute ist der Vorabend zur längsten Nacht des Jahreskreises. Die Sonne gelangt an ihren Wendepunkt. In Laufe des nächsten Tages und der folgenden Nacht wird sie wiedergeboren. Mit neuer Kraft wird sie uns stärken, Leben spenden und behüten. Daher wollen wir ihr ein Opfer als Wegzehrung geben. Hier zu Füßen des Baumes der Lichter liegen Speise und Trank für Belenus, dem Herrn der Sonne. Möge er das Licht über uns erleuchten lassen.“

Der Druide machte eine Pause. Feierlich wandte er sich dem kleinen Altar zu. Er hob jede einzelne Schale auf und präsentierte sie den Menschen und dem Baum, bevor er sie wieder abstellte. Dann begann er erneut zu sprechen.
„Nun entzündet die Kerzen des Baumes“, flüsterte Séamas Sina die Worte zu, „sie mögen uns den Weg ins Licht weisen und uns mahnen an die Wiedergeburt der Sonne zu glauben. Belenus schenkt uns das Licht. Belenus schenkt uns das Leben. Belenus schenkt uns die Wärme.“

Fasziniert folgte Sina dem Ritual. Einige Männer lösten sich aus der Menge und erklommen die Tanne. Von oben her entzündeten sie die Kerzen. Alsbald erstrahlte der Baum in hellem Licht.
„Aus einem einzigen Licht werden hunderte“, übersetzte Séamas, „und erleuchten selbst die dunkelste Nacht. Aus einem Leben werden hunderte, sofern die Erinnerung lebendig ist. Aus einem Baum werden hunderte, wenn man in Einklang mit ihnen lebt. Das Licht leuchtet über uns. Belenus segne uns. – Nun tragt das Feuer Belenus‘ in eure Häuser und reinigt sie für die Wiedergeburt der Sonne.“

Der Druide entzündete eine Feuerschale mit einer der Kerzen des Baumes. Diese stellte er auf den Altar. Jeder der Dorfbewohner ging an dieser Schale vorbei und entzündete eine kleine Kerze, bevor er von der Lichtung schritt. Séamas blieb an Sinas Seite. Bald stand auch sie vor der Feuerschale.
„Ich habe keine Kerze“, flüsterte sie Séamas zu.
„Ich habe für sie eine dabei“, entgegnete er, „sorgen sie nur dafür, dass die Flamme nicht verlöscht.“ Vorsichtig entzündete Sina den Docht. Mit ihrer Hand schützte sie die zarte Flamme. Als Séamas und seine Familie ihre Kerzen entzündet hatten, gingen sie den Weg zurück zum Haus.

Mit Erstaunen stellte Sina fest, dass ihr in der Zwischenzeit warm geworden war. Lag es an der kleinen Kerzenflamme, die ihre Hände erwärmte? Sie wusste es nicht. Im Haus angelangt, trugen sie die Kerzen durch das Haus. Ms. O’Brian hatte vorhin beim Weggehen die Seelenlichter in den Fenstern gelöscht. Nun schritt sie durch jedes Zimmer und murmelte gälische Worte vor sich hin. In jedem Fenster entzündete sie erneut die Seelenlichter und sprach den Namen des Verstorbenen. Zuletzt gingen sie in die Küche. Dort hatte Bríd in der Zwischenzeit zwei neue Kerzen zu den anderen dazugestellt.
„Séamas sprach von ihrem Verlust“, sagte sie leise zu Sina, „vielleicht wollen sie auch ein Seelenlicht für sie entzünden.“ Diskret trat sie zurück.
„Ich weiß nicht, was ich tun soll“, erwiderte Sina leise.
„Sagen sie ihnen, wie sehr sie sie geliebt haben“, entgegnete Ms. O’Brian, „geben sie ihnen das Gefühl, nicht vergessen zu sein, selbst wenn sie nun getrennte Wege gehen. Bitten sie darum, frei zu werden.“ Überrascht sah Sina ihr in die Augen. Weisheit sprach daraus. Sie sammelte sich.

„Vor langer Zeit habe ich euch verloren“, sagte sie flüsternd, „mein Leben habt ihr mitgenommen. Ich finde keine Ruhe mehr. Ich finde kein Leben mehr, seit ihr gegangen seid. Ich sehne mich so nach euch. Ich will bei euch sein. Doch ich kann es nicht. Mir ist es bestimmt, hier mein Dasein zu fristen, bis meine Zeit abgelaufen ist. Bitte seid an meiner Seite. Bitte lasst mich meinen Weg gehen. Gebt mich frei.“ Behutsam entzündete sie die Dochte der beiden Kerzen und sah den Flammen zu, wie sie ruhig vor sich hin brannten. Séamas hatte kleine Becher mit heißem Wein gefüllt.
„Wir sollten uns zur Ruhe begeben“, sagte er, „ein kleiner Schluck zur guten Nacht wird uns vor der Kälte schützen.“ Die Flüssigkeit rann heiß Sinas Kehle hinunter. Augenblicklich fühlte sie sich leicht und frei. Sie schaute in die Kerzen. Minuten verstrichen. Sie bemerkte nicht, wie die drei Menschen um sie herum sie beobachteten. Nach, für sie schien es, unendlich langer Zeit gab sie sich einen Ruck.

„Ich werde schlafen gehen“, sagte sie mit einem Lächeln, „gute Nacht.“ „
Gute Nacht, Sina“, erwiderte Ms. O’Brian, „schlafen sie wohl unter unserem Dach.“
„Gute Nacht, Sina“ ließ Bríd verlauten, „finden sie Frieden in unserem Haus.“ Séamas begleitete sie bis zur Treppe.
„Auch ich wünsche eine gute Nacht“, sagte er. Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und ging in die Küche.

Sina stieg die Stufen hinauf. In ihrem kleinen Zimmer war es dunkel. Vom Fenster her fiel ein wenig Sternenlicht herein. Mit tastenden Fingern suchte sie das Öllicht, das auf dem Nachttisch stand. Ihre kleine Reisetasche lag auf dem Bett. Seufzend kleidete sie sich in ihren flauschigen Pyjama. Dann löschte sie das Licht und kroch unter die dicke Bettdecke. Es dauerte nicht lange, bis ihr warm wurde. Doch sie fand keinen Schlaf. Ihre Gedanken kreisten um die Ereignisse dieser Nacht. Immer wieder sah sie ihre Familie vor sich. Sie stand auf und ging zum Fenster. In der Ferne sah sie den hellen Widerschein des Lichterbaumes. Wie gebannt blickte sie auf das Licht. Plötzlich hatte sie das Gefühl sehr leicht zu werden. Sie schwebte. Leise Stimmen drangen an ihr Ohr.
„Wir lieben dich“, hauchten sie.
„Wir sind bei dir.“
„Gehe deinen Weg.“ Gebannt stand Sina in der Dunkelheit. Helles Kinderlachen erklang leise aus weiter Ferne. Begleitet von einer dunklen Männerstimme.

Ihre Sinne mussten ihr einen Streich spielen. Sie blickte sich um. Nirgendwo war jemand zu sehen. Doch in ihrem Inneren breitete sich ein Gefühl der Geborgenheit aus. Nichtsdestotrotz begann sie zu frieren. Die Nachtluft war sehr kalt. Mit klammen Fingern kroch sie erneut unter die Decke. Sie schloss die Augen. Ein Hauch eines bekannten Duftes streifte ihre Nase, bevor sie in die sanfte Umarmung des Schlafes glitt. Tief und traumlos.

Am nächsten Tag zeigte Séamas ihr ein wenig von der Umgebung. Sie streiften durch die rauhe wilde Landschaft. Séamas schien zu beinahe jedem Baum, Strauch oder Fleckchen Wasser eine passende Geschichte zu kennen. Sina bekam keine Zeit zum Nachdenken. Gegen Abend fanden sie sich wieder im Haus ein.

Erneut wurde gut gespeist und Geschichten erzählt. Lieder wurden gesungen. Eine fröhliche, ausgelassene Stimmung herrschte. Gegen Mitternacht brachen sie ein weiteres Mal zum Lichterbaum auf. Wie am gestrigen Abend versammelten sich dort die Dorfbewohner. Neben dem Baum hatte man einen kleinen Holzstoß aufgeschichtet. Auf dem Altar befanden sich noch die Gaben von gestern. Der Druide trat vor.

„Willkommen“, übersetzte Séamas, „heute ist die Sonne wiedergeboren. Erneut tritt sie ihren Lauf im Jahreskreis an. Belenus, der Herr der Sonne, bescherte uns heute einen hellen Tag. Er ist zufrieden mit uns und unseren Gaben. – Wir übergeben diese dem reinigenden Feuer. Belenus möge uns segnen und unseren Weg erleuchten.“ Nacheinander gab der Druide die Gaben ins Feuer. Es zischte und loderte. Ein Geruch nach verbrannter Nahrung drang an Sinas Nase.
„Großer Belenus“, hörte sie Séamas Stimme an ihrem Ohr, „wir danken dir. Unsere Häuser hast du mit deinem reinigenden Licht von allem Bösen gesäubert. Unsere Seelen hast du erhellt. Unsere Verstorbenen hast du ins Licht geholt. Schenke uns ein weiteres gutes Jahr.“ Auf ein Zeichen des Druiden hin löschten einige der Männer die Kerzen an dem Baum. Gälische Gebete wurden gesprochen. Allmählich wurde es dunkel auf der Lichtung. Nur das Feuer loderte heiß. Die Menschen nahmen sich je einen brennenden Scheit vom Holzstoß und verließen die Lichtung.

Auch Séamas nahm einen. Schweigend gingen sie den Weg zurück. Im Haus entzündete er damit einen frischen Holzstoß in der Feuerstelle. Gälische Worte murmelte er vor sich hin. Sina war seltsam berührt. Es schien ihr, als würde sie neben sich stehen. Den Rest des Abends verbrachte sie in Schweigen. Sie hörte den Gesprächen der anderen zu. An diesem Abend machte sie keine Anstalten ins Bett zu gehen. Diskret zogen Ms. O’Brian und Bríd sich bald zurück. Nur Séamas blieb.
„Was geschieht mit den Seelenlichtern“, fragte Sina plötzlich.
„Sie werden ausgemacht, wenn man sich zur Ruhe begibt“, erklärte Séamas, „die Kerzen werden aufgehoben und zum nächsten Samhuinn entzündet.“ Er blieb neben ihr sitzen. Stille senkte sich über das Haus. Weit nach Mitternacht erhob er sich.

„Ich wünsche ihnen eine gute Nacht, Sina“, sagte er leise, „schlaft solange ihr wollt. Findet euren Frieden.“ Behutsam gab er ihr einen flüchtigen Kuss auf die Stirn, bevor er seine Seelenlichter löschte und den Raum verließ. Sina saß noch eine ganze Weile dort. Starrte die beiden einsamen Kerzen an. Mit jedem Atemzug wurde sie ruhiger. Frieden breitete sich aus. Dann stand sie auf. Langsam ging sie zu den Kerzen und verlöschte sie. Doch ihr Glanz blieb in ihren Augen. Im Dunkeln schlich sie die Treppe hinauf. Im Haus herrschte Stille.

Sina erwachte. Es war kalt in ihrem Zimmer. Fröstelnd zog sie die Decke enger. Als sie die Augen aufschlug war sie verwirrt. Wo war sie? Dann fiel es ihr ein. Sie hatte das keltische Alban Arthuan gefeiert. Spät war sie schlafen gegangen. Erleichterung im Herzen. Das erste Mal seit langem konnte sie lächeln. Das erste Mal seit langem dachte sie nicht jeden Augenblick an ihre Familie. Das erste Mal seit langem war sie glücklich.

Aufseufzend und mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen stand sie auf. Es war kalt in dem kleinen Zimmer. Das Wasser in dem altmodischen Krug eisig. Rasch tupfte sie das Gesicht ab und zog sich an. Tief atmete sie. Es schien als wäre in den letzten drei Tagen eine schwere Last von ihr gefallen. Alban Arthuan war vorüber. Die Lichter verlöscht. Sie verließ ihr Zimmer. Ihre Schritte klangen laut die schmale Treppe hinunter.

Unten betrat sie die Küche. Das Feuer im Ofen war erloschen. Kalte Asche lag darin. Kein Schmuck war an den Fenstern. Nur zwei einsame Kerzen standen dort halb herunter gebrannt. Kein Teller in der Anrichte. Kein Brot lag auf dem Tisch. Sina blickte sich verwirrt um. Nichts erinnerte daran, dass hier gestern abend gefeiert wurde. Spinnweben hingen von der Decke. Eine dicke Schicht Staub bedeckte Möbel und Boden. Ungläubig ging sie durch die anderen Räume.

Alles wirkte verlassen. Als wäre es seit Jahren unbewohnt. Was war mit ihr geschehen? Hastig lief sie in ihr Zimmer zurück. Mit fliegenden Fingern packte sie die wenigen Sachen in ihre Reisetasche. Als sie sich umblickte, gewahrte sie einen kleinen Strauß immergrüner Zweige auf dem verstaubten Fensterbrett. Zögernd nahm sie ihn an sich. Er duftete süß, wie gerade geschnitten. Er erinnerte an Séamas.

Ein Schauer rann über ihren Rücken. Rasch verließ sie das Haus. Einsam stand ihr Auto in der von der Vegetation überwucherten Einfahrt. Selbst die Wände des Hauses waren nicht mehr zu sehen, zu dicht wuchs Efeu und wilder Wein. Nirgendwo Kürbisse oder Kohl. Die kleine Mauer war unter dem dichten Teppich von Moosen und wilden Kräutern nicht mehr zu erkennen.

Als sie im Auto saß, kamen ihr die Kerzenstummel in den Sinn. Zögernd betrat sie erneut das Haus. In der Küche berührte sie zaghaft die Kerzen. Sie fühlten sich warm an, als wären sie eben erst verlöscht worden. Vorsichtig nahm sie diese auf, wickelte sie sorgfältig in ein Taschentuch und steckte sie ein. Dann ging sie zum Auto. Überlaut schien der Motor in der Stille zu dröhnen. Sie rumpelte den stark überwucherten Weg zur Straße. Dort schlug sie die Richtung zum Dorf ein.

Lange fuhr sie, ohne etwas zu sehen. Das Dorf schien verschwunden. Im nächsten bewohnten Ort hielt sie an. In einem der Gasthäuser kehrte sie ein. Sie bestellte sich einen Kaffee. Seit langer Zeit den ersten ohne Whisky. Neugierig wurde sie von dem Wirt und den wenigen anwesenden ergrauten Männern gemustert.
„Frohe Weihnachten, Ma’am“, sagte der Wirt, „was führt denn eine alleinreisende Frau am Heilig Abend in diese gottverlassene Gegend?“
„Ich habe einen Bekannten besucht“, erwiderte sie, „in Seanáit. Kennen sie den Ort?“ Einer der alten Männer erhob sich und zeigte mit der Pfeife nach draußen.
„Seanáit existierte nicht“, brummte er, „da hat ihnen jemand einen ziemlichen Bären aufgebunden. – Dieses Dorf gibt es nur in einer Legende hier aus der Gegend.“
„Eine Legende sagten sie“, fragte Sina ungläubig, „aber ich war dort. Ich habe mit ihnen gegessen und getrunken. Ich habe Alban Arthuan mit ihnen gefeiert. Ich sah den Baum der Lichter und den Druiden ...“
„Sie sahen Caoimhín“, fragte ein anderer mit hochgezogener Augenbraue. Sie nickte stumm.
„Sie waren in Seanáit“, fragte er weiter. Sie nickte erneut.
„Und sie leben noch?“
„Wie sie sehen“, entgegnete sie mit Unmut. Wollten die Leute sie hier auf den Arm nehmen?
„Dann können sie sich glücklich schätzen“, brummte der Wirt, „die Alten haben sie berührt und ihnen ein neues Leben geschenkt.“ Verwirrt sah sie ihn an.
„Wie meinen sie das“, fragte sie. Der Wirt lehnte sich zurück.
„In Seanáit sagt man, leben die Alten“, erwiderte er, „diejenigen, die zwischen den Welten wandeln. Elben, Kobolde, Leprechauns und Gnome. Wesen, die nicht in unsere Welt gehören. - Das alte Volk. - Es ist nicht ratsam sich mit ihnen einzulassen. Sie lassen normalerweise niemanden mehr gehen, der von ihren Speisen gegessen und von ihrem Wein getrunken hat.“ Erschrocken sah Sina den Wirt an. Sie wurde bleich. Zitternd erhob sie sich. Sie musste weg. Sie musste nach Hause. Als sie das Geld für den Kaffee auf die Theke legte, musterte der Wirt sie nur kurz.
„Lassen sie nur“, sagte er, „der Kaffee geht aufs Haus. – Ein kleines Geschenk zu Weihnachten.“

Den Rest des Weges fuhr sie durch. Sie hatte den Drang vor der Dunkelheit zu Hause zu sein. Als sie endlich ihre Tür öffnete, war sie erleichtert. Sie machte Licht in jedem Zimmer. Erst als sie sich vergewissert hatte, das alles an seinem Platz war, sank sie in einen Sessel. Ihre Finger streiften ihre Handtasche. Ein Hauch von frischem Grün drang an ihre Nase. Vorsichtig öffnete sie die Tasche und nahm die eingewickelten Kerzen und das Sträußchen hervor.

War ihr tatsächlich ein neues Leben geschenkt worden? Tief atmete sie den Duft des Grüns ein. Sie schloss die Augen. Minuten vergingen. Zogen sich zu Stunden. Dann öffnete sie ihre Lider und in ihren Augen war ein lang verloschener Glanz zurückgekehrt. Mit einem Ruck erhob sie sich.

Langsam ging sie von Raum zu Raum und öffnete die Vorhänge. Licht flutete durch die Zimmer. Weit öffnete sie die Fenster. Kalte Luft drang herein. Vertrieb den Geruch nach Trauer und Tod. Von der Stadt hörte sie die Glocken zur Weihnachtsmesse. Einsam lagen die Straßen. Die Fenster der Häuser hell erleuchtet.

Nachdenklich blieb sie vor einem Bild ihrer Familie stehen. Lächelnd blickten sie aus dem Rahmen. Sina lächelte zurück.
„Ich liebe euch“, flüsterte sie, „aber ihr seid tot. Nichts wird euch mehr zu mir zurückbringen. Ich kann nur die Zeit nutzen, bis ich euch wiedersehe. – Danke, dass ihr mich freigebt.“
Den Rest der Nacht arbeitete sie ihre Vergangenheit auf. Sie säuberte jedes Zimmer. Sie ordnete ihre Papiere und schaffte Raum. Am nächsten Tag beschloss sie, trotz ihrer Müdigkeit, zum Friedhof zu gehen. Nicht um wie sonst, den Tag dort zu verbringen, sondern nur um ein paar frische Blumen niederzulegen und ein kurzes Gebet zu verrichten. Sie wusste nun, sie waren bei ihr. Sie musste nicht zu ihren Gräbern gehen, um ihnen nahe zu sein.

Auf dem Rückweg nach Hause, kam sie an dem kleinen Café vorbei. Sie kehrte dort ein.
„Was kann ich ihnen bringen“, fragte die Kellnerin mit einem freundlichen Lächeln.
„Eine Kanne Kaffee und ein Hörnchen“, bestellte Sina und sah die Kellnerin das erste Mal an.
„Eine gute Wahl“, kommentierte diese. Rasch verschwand sie. Nach wenigen Minuten kam sie an ihren Tisch. Routiniert stellte sie das Gedeck ab und goß die erste Tasse Kaffee ein.
„Kann ich noch etwas für sie tun“, fragte sie.
„Ja“, erwiderte Sina, „können sie mir sagen ob Séamas O’Brian heute hier ist?“
„Séamas O’Brian“, verwundert sah die Kellnerin sie an, „nie den Namen gehört. Soll er etwa regelmäßig hier einkehren?“ Sina blickte verunsichert.
„Er war die letzten Wochen öfter hier“, sagte sie, „ein großer Mann mit braunen langen Haaren, die er zu einem Zopf gebunden trägt. Etwa Mitte dreißig.“
„Nein“, erwiderte die Kellnerin bedauernd, „diesen Mann habe ich nie gesehen.“ Verwirrt sah Sina sie an. Die Kellnerin schien es ernst zu meinen. Anscheinend besaß sie keine Erinnerung an Séamus. Wie war das möglich?
Bevor Sina weiterfragen konnte, wurde die Kellnerin an einen anderen Tisch gerufen. Langsam trank sie ihren Kaffee und aß das Hörnchen. Was war geschehen? Hatte sie alles nur geträumt? War der Whisky Schuld? Vielleicht gar ein Alkoholtrauma?
Sie würde es nie genau erfahren. Doch seit diesem Tag rührte sie keinen Tropfen des irischen Lebenswassers mehr an. Sina begann ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Und so sehr sie sich bemühte. Sie fand weder Séamas O’Brian noch das kleine Dörfchen Seanáit je wieder. Nur die Erinnerung blieb. An jedem Alban Arthuan brannte sie die Seelenkerzen an und gedachte der Toten. Und an jedem Alban Arthuan fand das kleine Sträußchen grüner Zweige einen Platz an ihrem Fenster. Seltsamerweise welkten sie nicht in all den Jahren.


veröffentlicht in der Anthologie „24.12.“, Edition Ponte Novu, 2003
leider existiert der Verlag nicht mehr
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