Wintersonnenwende, Wichtelgeschenke und andere Katastrophen

von Amarice
GeschichteHumor / P16
Aphrodite Ares Cyrene Gabrielle Lila Xena
23.12.2013
23.12.2013
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„Wir sollten wirklich weitermachen“, meinte Gabrielle in diesem Moment.

„Ist gut“, kam es von Lila, die nicht aufhören konnte, auf ihren lackierten Nagel zu starren. Letztendlich sah sie aber ein, dass die anderen auch noch an die Reihe kommen wollten, und schaffte es, sich loszureißen. „Cyrene“, sang sie und tanzte zu Xenas Mutter hinüber. „Frohe Wintersonnenwende!“ Mit diesen Worten drückte sie ihr ein großes, unförmiges Etwas in die Hand, das mit einem Tuch grob umwickelt war.

„Oh, so was Großes! Das wär doch nicht nötig gewesen“, sprach Cyrene geschmeichelt, während sie das Stück Stoff vorsichtig entfernte. Das Etwas nahm mehr und mehr Gestalt an, wohingegen die freudige Miene der Beschenkten mehr und mehr in sich zusammenfiel. Und nun sah auch Xena, was Lila ihrer Mutter Unheilvolles übergeben hatte. Nun würde es losgehen. Das Theater.

„Eine Bratpfanne?!! Herrlich! Kaum hat eine Frau die Vierzig überschritten, schenkt man ihr so wundervolle Dinge wie Bratpfannen, Töpfe, Löffel, ein paar Gewürze, Nähnadeln, ja vielleicht sogar Strickgarn. In Zeus’ Namen, denkt ihr denn, eine Frau in meinem Alter hätte nichts Besseres zu tun, als für euch zu kochen und zu flicken?!“, wütete Cyrene und schwang dabei die Pfanne in weiten Bögen herum. Lila war ganz klein geworden und wagte es kaum mehr zu atmen. Und auch die anderen hielten es für angemessen, das Ende des Ausbruches schweigend zu erwarten. „Aber wahrscheinlich sollte ich froh sein, dass du mich beschenkt hast und es somit nur eine Bratpfanne geworden ist. Immerhin richtet die keinen Schaden an. Ich erinnere mich mit Schrecken an Xenas ausgefallene Geschenke …“

„Mutter!“, rief die Kriegerin erschrocken aus und schüttelte vehement ihren Kopf, aber Cyrene hatte sich in Rage geredet. „Als sie sechzehn war, schenkte sie mir einen ‚Selbstverteidigungskurs’ und hat mir dabei das Handgelenk gebrochen und …“

Ares brach in schallendes Gelächter aus. „Sie hat dir die Hand gebrochen?!!“

„Mutter!“, startete Xena, deren Wangen inzwischen eine hellrote Farbe angenommen hatten, einen erneuten Versuch.

„Sie wollte mir zeigen, wie man richtig fällt. Ohne sich zu verletzen, wie sie so schön betont hat.“

„Das hat ja super funktioniert!“, kicherte Joxer und auch Aphrodite, Gabrielle und Lila konnten sich ein Grinsen nicht verkneifen.

„Hey! Sie hat es nicht richtig gemacht!“, verteidigte sich Xena, der das nun wirklich zu weit ging, nahm allerdings sogleich die Farbe einer reifen Tomate an, als der wütende Blick ihrer Mutter sie traf.

„Oder du hast es ihr nicht richtig gezeigt“, meinte Ares mit einem Schulterzucken. „Du warst in diesem Alter nicht unbedingt die Geduld in Person.“

„Meine Rede“, stimmte Cyrene zu und nickte eifrig, dabei vergaß sie völlig, dass es der Kriegsgott war, mit dem sie gerade einer Meinung war.

„Schön! Ich geb’s zu. Es war meine Schuld“, fauchte die Kriegerin schließlich entnervt, die es unglaublich fand, dass ihre Mutter sich ausgerechnet mit Ares gegen sie verschwor. „Können wir weitermachen?“

„An mir soll es nicht liegen“, brummte Cyrene, stand auf und lief in die Küche. Als sie zurückkam, hielt sie etwas hinter sich verborgen. Feierlich – ihre schlechte Laune schien längst vergessen – schritt sie auf Joxer zu. „Mein lieber Joxer“, sagte sie in ihrer Festtagsstimme, „eine fröhliche Wintersonnwendfeier!“ Damit holte sie eine Angel hinter ihrem Rücken hervor.

„Eine Angel! Eine Angel! Eine Angel!“, jubelte Joxer, wobei sein Körper vor Freude bebte. Auf Cyrenes Lippen legte sich ein mildes Lächeln, erfreut darüber, dass ihr Geschenk so gut ankam. Und dann … Dann sprach sie die unglückseligen Worte: „Gabrielle gab mir den Tipp. Sie meinte …“

„Aber nein!“, rief Gabrielle, die mit einem Mal kreidebleich im Gesicht war. Doch Cyrene war nicht mehr zu bremsen. „Sie meinte, es wäre gut, deinen Anglergeist ein wenig zu fördern, weil sich dadurch möglicherweise dein Kriegerelan reduzieren würde.“

Joxer, der bisher verliebt auf seine Angel gestarrt hatte, zuckte merklich zusammen. „Was spricht gegen meinen Kriegerelan?“, wollte er misstrauisch wissen.

Gabrielle sackte sichtlich in sich zusammen.

„Sag schon, Gabrielle!“, quengelte Joxer nachdrücklich, aber die Bardin ignorierte ihn. Sie hatte beschlossen, dass es das Beste war, ihm einfach nicht zu antworten. Xena, die eigentlich den Impuls gehabt hatte, ihrer Freundin zu helfen und etwas zu sagen, das die Stimmung auflockern würde, schloss ihre bereits geöffneten Lippen nach kurzer Überlegung wieder. Gabrielle hatte ihnen diese ganze Wichtelwichtsache eingebrockt, sollte sie selbst zusehen, wie sie ihren Hals wieder aus der Schlinge zog. Möglicherweise war dies nichts anderes als eine gerechte Strafe. Entspannt lehnte sie sich also zurück und beobachtete fasziniert, wie Joxers Gesichtsfarbe röter und röter, Gabrielles dagegen weißer und weißer wurde. Der menschliche Körper war erstaunlich. Irgendwann drängte sich ihr die absurde Frage auf, ob so ein Kopf eigentlich platzen konnte. Wenn sie Joxer so ansah, erschien ihr das nicht gänzlich unmöglich. Dieses Rätsel sollte sich jedoch nicht aufklären, denn Cyrene mischte sich nun ein und entschärfte die ganze Situation: „Vielleicht hat Gabrielle es auch ein wenig anders formuliert. Eigentlich erinnere ich mir nur noch daran, dass sie meinte, du seiest ein fantastischer Angler.“

„Oh“, Joxer stutzte. „Sagte sie das?“

„Ja, ja“, nickte Cyrene emsig und nahm zufrieden wahr, wie sich Joxers Züge glätteten. So verzerrt, wie sie zuvor noch gewesen waren, hatte sie schon befürchtet, sein Kopf würde platzen. Das Saubermachen wäre dann natürlich an ihr hängen geblieben. An wem auch sonst? Die Bratpfanne als Geschenk sagte ja schon alles. Unverschämtheit! „Hast du nicht auch ein Geschenk zu verteilen, Joxer?“, fragte sie schnell, um sich von ihren düsteren Gedanken abzubringen.

„Doch. Natürlich.“ Damit holte er einen kleinen Lederbeutel hervor, den er an seinem Gürtel festgeknotet gehabt hatte. „Für dich“, brummte er und schubste ihn Ares wenig enthusiastisch über die Tischplatte hinweg entgegen.

„Wundervoll“, grummelte der Kriegsgott und zog ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter. Er machte keinerlei Anstalten, das Säcklein an sich zu nehmen. Mit vor der Brust verschränkten Armen starrte er es nur abfällig an.

„Guck doch mal rein, Bruderherz!“, rief Aphrodite fröhlich. Als Ares sich nicht bewegte, zauderte sie nicht lange, sondern riss den kleinen Beutel an sich und öffnete ihn einfach selbst. „Ein Kraut! Was das wohl ist?“ Sie steckte ihre Nase hinein, schnupperte, dann ließ sie das Geschenk fallen, schlug eine Hand vor ihren Mund und lachte. „Oh … Bei Zeus … Oh …“

Ares hob überrascht eine Augenbraue. Er hatte eigentlich gar nicht nachsehen wollen, was dieser Idiot, der einen Namen hatte, in den lächerlichen Beutel gesteckt haben mochte. Aber jetzt war er doch neugierig. Auch wenn es nichts Gutes sein konnte. Etwas Gutes würde seine Schwester nicht so amüsieren. Mit grimmiger Miene nahm er das Säcklein an sich und schaute hinein. Sofort wurde auch Lilas Hals ganz lang, als sie versuchte, ebenfalls einen Blick auf den Inhalt zu erhaschen. „Was ist das?“, wollte der Kriegsgott schließlich ein wenig hilflos wissen und wunderte sich, dass seine Schwester das Kraut sofort hatte identifizieren können.

„Ein Wunderkraut“, meinte Joxer, was einen erneuten Lachanfall bei Aphrodite auslöste. „Hab’s vom Markt in Athen. Der Verkäufer meinte, das Kraut bringe einfach jeden zum Stehen.“

„Zum Stehen“, wiederholte die Göttin glucksend, scheinbar unfähig, sich zu beruhigen. Ares guckte noch immer verständnislos drein und auch die neugierige Lila wirkte äußerst verwirrt. Doch Xena begriff. Erkennbar war das an dem leisen Lachen, das ihr entkam und das sie nur durch einen festen Biss auf ihre Lippen wieder zum Erliegen brachte. Ares sah überrascht zu ihr. Von ihr zu Aphrodite, zum Kraut, zu Joxer und zurück zu ihr. Dann fiel der Groschen auch bei ihm.

„Du hast mir … ein …“

„… ein Aphrodisiakum geschenkt“, ergänzte Aphrodite lachend und verlor eine Träne nach der anderen. Als es ausgesprochen war, kicherte plötzlich der ganze Tisch. Nur Xena biss sich vehement auf die Lippen. Ein verzweifelter Versuch, sich zu beherrschen und nicht die Kontrolle zu verlieren, der darin resultierte, dass ihr Gesicht allmählich wieder eine rötliche Farbe annahm. Und Ares… Ares starrte Joxer aus zusammengekniffenen Augen zornig an. Sein erster Impuls war es, ihn zu töten. Dann allerdings kam ihm, dass eine solch offen gezeigte Aggression möglicherweise als Eingeständnis interpretiert werden könnte. Als Eingeständnis, dieses Zeugs nötig zu haben. Daher zwang er sich dazu, gelassen zu bleiben. Ein richtiger Gott musste auch mal über seinen Schatten springen können. „Denkst du, dass ich das nötig habe?“, fragte er also nur und verschränkte abermals die Arme vor der Brust, um imposanter zu wirken.

„Äh …“, stammelte Joxer, der sich mit einem Mal fragte, welcher Teufel ihn geritten hatte, den Kriegsgott auf diese Weise zu erniedrigen. Seine Nasenspitze war ganz weiß. „Äh … äh …“

„Äh … äh … ja oder äh … äh … nein?“, hakte der Kriegsgott nach, wobei er das Braun seiner Augen einmal rot aufleuchten ließ. Die Furcht, die Joxers Gesicht zeichnete, schien er sichtlich zu genießen. „Was denn nun?“

Xena, die die Befürchtung hatte, Joxers Herz könnte vor Schreck zu schlagen aufhören, beschloss, dem armen Kerl aus der Misere zu helfen. „Da nun jeder ein Geschenk hat außer mir, denke ich, dass du eines für mich haben dürftest“, hauchte sie rauchig, verbunden mit einem perfekten Augenaufschlag.

„Ja …“ Ein wenig verdattert starrte er sie an. „Ja, ja, das hab ich.“

Insgeheim fand sie es gar nicht so schlecht, dass Ares sie gezogen hatte. Aus Erfahrung konnte sie sagen, dass seine Geschenke ihren Geschmack so gut wie immer trafen. Meist waren es Waffen gewesen. Gute, todbringende Waffen. Tatsächlich hoffte sie auf einen neuen Dolch, am besten geschmiedet von Hephaistos. Ihrer war schon arg abgenutzt, was unter anderem daran lag, dass Gabrielle ihn trotz ihres Verbots immer wieder zum Kochen benutzte. Natürlich waren da auch noch die anderen Geschenke gewesen, die er ihr in ihrer Vergangenheit gemacht hatte. Die eher körperlichen. Doch diesen Gedanken verdrängte sie schnell und stellte sich stattdessen ihren neuen Dolch vor. Aber ganz tief in ihrem Inneren blieb doch ein etwas ungutes Gefühl.

„Für dich, meine Liebe“, sagte er, sah sie tief, sehr tief an und schob einen Papyrusfetzen schräg über die Tischplatte zu ihr hinüber.

Der winzige Fetzen machte ihre Hoffnung auf eine gute Waffe jäh zunichte. Stattdessen schnellte das ungute Gefühl mit rabiater Kraft an die Oberfläche. Sie ahnte bereits, was sie gleich lesen würde. Vorsichtig, sehr vorsichtig faltete sie den Papyrus auf, warf einen kurzen Blick hinein. Dann, mit ausdrucksloser Miene, knüllte sie den kleinen Fetzen zusammen und ließ ihre Hand, in deren Fläche sie ihn verborgen hielt, langsam, beinahe wie nebensächlich unter dem Tisch verschwinden. Sie spürte, wie fünf Augenpaare sie erwartungsvoll ansahen, und noch viel mehr, wie Ares sie breit grinsend fixierte. Ihm warf sie ein eisiges Funkeln zu.

„Was steht drin?“, wollte Gabrielle mit hochgezogener Augenbraue wissen.

„Nicht so wichtig“, wehrte Xena ab, hätte sich aber denken können, dass sie auf diese Weise nicht weiterkommen würde.

„Aber hallo!“, schimpfte Aphrodite.

„Xena!“, sprach Cyrene mahnend.

„Das ist nicht fair“, murrte Lila.

Gabrielle sagte zunächst einmal nichts. Aber ihr zur Seite geneigter Kopf und das vorwurfsvolle Leuchten in ihren Augen sprachen Bände. „Lies vor oder gib her“, verlangte sie letztendlich ruhig. Viel zu ruhig. Xena sah verzweifelt in alle Richtungen, schluckte schließlich schwer und gab nach. Ergeben holte sie die Hand mit dem Papyrusfetzen zurück nach oben. Faltete ihn auf. Las monoton vor: „Sexuelle Bereicherung.“

Die fünf Augenpaare, die gespannt auf Xena geruht hatten, schwankten simultan um und fielen auf den Gott des Krieges. Dieser hockte lässig zurückgelehnt auf seinem Stuhl und grinste in die Runde. „Das ist ja wohl …“, begann Cyrene, aber ihr fehlten die Worte. Und das geschah selten. Noch seltener geschah es bei Gabrielle. Doch auch sie saß schweigend auf ihrem Platz, die Wangen gerötet, die Nasenspitze weiß, der Blick bitterböse und zu töten bereit. Auf Joxers Gesicht lag ein verdutzter Ausdruck, Aphrodite dagegen kicherte leise vor sich hin, insgeheim ziemlich stolz auf ihren Bruder. Sie hatte nämlich erwartet, dass er seiner Kriegerprinzessin so etwas Langweiliges wie ein Schwert oder einen Brustdolch schenken würde. Schließlich war es Lila, die die Stille durchbrach. „Sexuelle Bereicherung“, wiederholte sie langsam. „Was meinst du damit?“

Aphrodite schlug sich die Hand vor den Mund, konnte aber nicht verhindern, hysterisch loszulachen. Selbst ein wütender Blick Cyrenes brachte das Kichern der Göttin nicht zum Erliegen. Der Angesprochene sah Lila nur ungläubig an. Diese errötete, wobei sie stammelte: „Ich … ich meine, warum …“ Sie hüstelte. „… warum schreibst du nicht einfach Sex? Warum sexuelle Bereicherung?“

„Lila!“, mischte sich Gabrielle ein, der das Gespräch, wenn man es denn so nennen konnte, zwischen dem Kriegsgott und ihrer Schwester definitiv zu intim wurde. Doch Ares fühlte sich ganz in seinem Element. Mit verschränkten Armen wandte er sich der jungen, dunkelhaarigen Frau zu. „Du hast nicht sehr viel Erfahrung in diesen Dingen, nehme ich an“, sagte er.

Lilas Wangen färbten sich schlagartig feuerrot.

„Nun“, sprach der Gott, „aus deiner Reaktion schließe ich, dass du entweder Erfahrung hast, aber nicht verheiratet warst zu diesem Zeitpunkt – was nicht so schlimm ist, meine Liebe – oder aber keinerlei Erfahrung hast – was noch viel weniger schlimm ist, denn da kann ich vielleicht Abhilfe schaffen.“

„Ares!“, schrie Gabrielle entsetzt.

„Also bitte!“, kam es zeitgleich von Xena, was dazu führte, dass die Bardin aufgebracht zu ihr herumfuhr. „Was meinst du mit ‚Also bitte’?“, wollte sie argwöhnisch wissen.

„Ich meine, dass er nicht einfach zwei Frauen gleichzeitig …“

Gabrielle sprang in die Höhe. „Du willst das … Geschenk … ja wohl nicht annehmen?!!“

„Natürlich nicht“, stammelte Xena schnell, spürte aber, dass Rotwein und Honigmet sich in ihr zu regen begannen. Sie errötete heftig, was ihr schon lange nicht mehr so häufig widerfahren war wie an diesem unglückseligen Sonnwendabend. „Aber es geht ums Prinzip!“

„Tss“, machte die Bardin abfällig und setzte sich wieder hin. „Ich glaub dir kein Wort.“

„Ich auch nicht“, raunte Ares.

„Ist aber so“, beharrte Xena, ihre Augen auf Ares gerichtet. Doch, so selten es auch geschah, sie  schaffte es nicht, dem lüsternen Blick des Gottes standzuhalten. Als sie ihre Lider senkte, lachte er schallend auf, wurde jedoch durch einen heftigen Schlag Cyrenes auf seinen Arm zum Schweigen gebracht, die sich dazu weit über die Tischplatte hinweg hatte strecken müssen. Derweil hatte die Kriegerin ihre Fassung wiedererlangt und meinte kühl: „Das Geschenk kannst du behalten.“

„Man darf ein Geschenk nicht einfach ablehnen“, behauptete Ares im Lehrmeister-Tonfall. „Aber du könntest es weitergeben. Ich kenne hier jemanden, der es gerne haben würde. Nicht wahr, Lila?“

„Ganz gewiss nicht!“, bestimmte Gabrielle resolut, was in einer trotzig vorgeschobenen Unterlippe ihrer Schwester resultierte. „Das ist doch wohl meine Entscheidung!“, murrte Lila beleidigt.

„Sehe ich ganz genauso“, mischte sich Ares ein und warf der Bardin einen provozierenden Blick zu, der seine Wirkung nicht verfehlte. Ihre Brust hob und senkte sich in schneller Folge, ihre Wangen waren feuerrot, ihre Hände ballten sich zu Fäusten. Doch noch ehe sie etwas erwidern konnte, fuhr er fort: „Aber zurück zur eigentlichen Frage der lieben Lila. Warum nenne ich das Geschenk ‚sexuelle Bereicherung’ und nicht einfach nur ‚Sex’? Nun …“ Er guckte mit dramatischem Gesichtsausdruck in die Runde und bemerkte, von sich selbst beeindruckt, dass so einige Augenpaare fasziniert auf ihm ruhten. Lilas vor allem. „Nun, meine Gute, mit Bereicherung meine ich über das Gewöhnliche hinausgehend. Verstehst du?“

„Oh“, brachte Lila krächzend hervor, deren Hals sich mit einem Mal ganz trocken anfühlte.

„Unglaublich“, klagte Cyrene kopfschüttelnd.

„Ich fasse es nicht“, schimpfte Gabrielle.

„Hätte ich doch nur Gabrielles Namen gezogen“, sinnierte Joxer lautlos vor sich hin.

Aphrodite sagte zur Abwechslung einmal nichts. Verzückt sah sie zwischen Xena, Gabrielle, Lila, Cyrene, Ares und Joxer hin und her. Sie konnte so viele verschiedene Emotionen durch diesen Raum fließen fühlen wie selten irgendwo zuvor. Da war einfach alles dabei. Es war so spannend! Es konnte einfach alles passieren. Entweder sie liebten sich oder sie töteten sich. Alle gegenseitig. Oder alle miteinander. Vielleicht tötete sich auch nur ein Teil von ihnen und der andere Teil liebte sich. Die Konstellationsmöglichkeiten schienen schier unendlich.

„Gibst du das Geschenk nun weiter oder behältst du es, oder was?“, wollte Lila, die ihre Stimme wiedergefunden hatte, ungeduldig von Xena wissen.

„Ähm, ich …“

„Natürlich behält sie es nicht!“, äußerte sich Cyrene streng und bedachte ihre Tochter mit mahnender Miene, während Gabrielle zustimmend nickte, was in der Kriegerin einen starken Impuls zu protestieren auslöste. Ares’ lüsterner Blick ließ diesen Impuls zunächst dramatisch gegen null sinken, dann jedoch sofort wieder in die Höhe schnellen, sodass sie letztendlich gar nichts sagte, sondern einfach nur guckte und das Gefühl hatte, dies reichlich dumm zu tun.

„Hallo?! Was ist denn nun?!“, drängte Lila und sah die Kriegerin auffordernd an.

„Das weiß sie wohl selbst nicht so genau“, grinste Ares, dann stand er auf und streckte sich ausgiebig. „Ich geh mal in mein Zimmer. Mädels, ihr wisst, wo ihr mich findet. Ihr seid alle willkommen.“ Er machte eine kurze Pause, dann verbesserte er sich: „Die Dunkelhaarigen unter euch sind willkommen.“

„Du hast hier kein Zimmer!“, schrie Cyrene.

„Jetzt schon“, meinte er gelassen und verschwand mit einem letzten lüsternen Blick in Richtung Xena die Treppe nach oben.

„Also das ist doch wirklich …“, begann Cyrene, wurde allerdings von Lila unterbrochen, die auf die Beine sprang. „Ich geh dann auch mal schlafen“, rief sie sehr hastig und wollte davoneilen, doch Gabrielle war schneller. Sie packte sie am Handgelenk und schleifte sie zurück zu ihrem Platz. „Du bleibst hier“, befahl sie, bemerkte dabei aus den Augenwinkeln, dass Xena aufstand. Betont langsam. „Was tust du da?“, fragte sie alarmiert, während sie noch immer mit ihrer zappelnden Schwester rang.

„Ich?“, frage die Kriegerin überrascht und deutete mit dem Finger auf sich selbst.

„Ja. Du!“

„Ich bin ziemlich müde.“

„Natürlich! Sitzt den ganzen Tag tatenlos herum und bist schon müde. Von wegen! Ich fasse es nicht, dass du auch nur ansatzweise daran denkst, dieses Geschenk anzunehmen!“, stieß Gabrielle entgeistert aus. „Ich wusste ja, dass du auf böse Jungs stehst, aber ausgerechnet Ares – das geht doch wirklich etwas zu weit!“

„Hey, mein Bruder kann auch ganz nett sein!“, warf Aphrodite schmollend ein.

„Oh ja“, hauchte Xena mit verklärtem Blick, der gerade eine ganz bestimmte Szene aus ihrer Vergangenheit vorschwebte. Geistesabwesend leckte sie sich über die Unterlippe. Ihr Körper fühlte sich an, als würde er brennen. Sie musste hoch zu ihm. Jetzt. Sofort! Doch Gabrielles Stimme bremste sie aus. „Wie viel Wein hast du getrunken, Xena?“, stieß die Bardin entsetzt hervor und beäugte skeptisch den Becher, der am Platz ihrer Freundin stand. Etwas stimmte nicht mit ihr!

„Nicht genug, um nicht mehr bei Sinnen zu sein“, antwortete Xena mit einem Schulterzucken und tat gelassener, als sie sich fühlte. Ihr Blut war gehörig in Wallung. Aber nein, sie war nicht betrunken. Noch lange nicht. Es lag nicht an der Menge, die sie getrunken hatte, sondern vielmehr an der Kombination aus Rotwein und Honigmet. Diese Mischung war ihr ganz persönliches Aphrodisiakum. Sie wusste das und Ares wusste es ebenfalls. Wahrlich, sie hatte versucht, die Finger davon zu lassen. Sie hatte es wirklich versucht! Aber wenn sich der Kriegsgott und die eigene Mutter gegen einen verschworen, hatte man nicht allzu gute Chancen. Und nun war es eben so, wie es war. Sie hatte nicht darum gebeten, konnte es aber auch nicht mehr ändern. Also, warum nicht das Beste daraus machen? Mit einem weiteren Schulterzucken ging sie entschlossen auf die Treppe zu und wollte eben den Fuß auf die erste Stufe setzen, als ihre Mutter sie an den Schultern packte und zurück zu ihrem Platz zerrte.

„Hey!“, protestierte Xena. Ihr erster Impuls war es, sich loszumachen und erneut Richtung Treppe zu verschwinden. Wer war sie denn, dass sie sich Vorschriften machen ließ, mit wem sie wann und wo das Bett teilte?! Aber der Blick, den sie allein für ihr Vorhaben von ihrer Mutter erntete, ließ sie in der Bewegung erstarren. Nach kurzer Überlegung setzte sie sich letztendlich seufzend nieder.

Eine Zeit lang herrschte betretenes Schweigen am Tisch, bis Gabrielle in gezwungener Heiterkeit ausrief: „Ich weiß, was wir machen! Wir machen die Nacht durch und lackieren unsere Nägel! Was meint ihr, Mädels? Und Joxer?“

„Super Plan!“, begeisterte sich Aphrodite und schon erschienen einige weitere Fläschchen ihres Nagelzaubers auf der Tischplatte. Daraufhin wurden die Plätze neu verteilt. Xena und Lila wurden nebeneinander an eine Längsseite des Tisches verfrachtet, Cyrene ließ sich neben ihrer Tochter, Gabrielle neben ihrer Schwester nieder, sodass in der Mitte zwischen ihnen kaum mehr Bewegungsfreiheit herrschte. Ihnen gegenüber saß ganz allein Aphrodite. Joxer war auf eine Querseite des Tisches gerückt und dort sogleich eingenickt. Nach einem verzückten Jauchzer legte die Göttin der Liebe schließlich los. Sie war ganz in ihrem Element, lackierte in konzentrierter Sorgfältigkeit einen Nagel nach dem anderen. Für Cyrene wählte sie ein sehr dunkles Grün, für Xena Blau, passend zu ihren Augen, für Lila ihre Wunschfarbe Türkis, für Gabrielle Pink, für Joxer Schwarz und für sich selbst Rosa.

Als Ares am nächsten Morgen die Treppe hinabstieg, ein wenig enttäuscht, dass er keinen nächtlichen Besuch erhalten hatte, fand er Aphrodite noch immer lackierend vor. Inzwischen malte sie ausgefallene Muster auf den einfarbigen Hintergrund der Nägel. Sie war so vertieft in ihre Arbeit, dass sie nichts um sich herum mehr mitzubekommen schien. Lila, Gabrielle und Cyrene waren längst eingeschlafen. Joxer schnarchte laut vor sich hin. Und Xena? Xena war wach. Wach und mehr als nur schlecht gelaunt. Ihr Handgelenk befand sich seit Stunden schon in Gabrielles eisernem Griff, sodass es kein Entrinnen für sie gab. Wütende Funken flogen der Tischplatte entgegen, die sie seit geraumer Zeit schon fixierte, da sie Aphrodites verzückten Gesichtsausdruck nicht mehr ertrug. Erst als sie Ares kommen hörte, hob sie ihre Lider. Ihr Blick traf auf den seinen, überrascht zunächst, wurde dann weich, schließlich hart, wieder weich und letztendlich ein wenig verklärt. Einen Moment lang sahen sie sich regungslos an. Dann, mit einer kaum merklichen Bewegung seiner Finger, sorgte er dafür, dass Gabrielles Hand sich öffnete und das Gelenk der Kriegerin freigab. Noch immer war sein Braun verschränkt mit ihrem Blau, als er langsam, fragend eine Augenbraue hob und seine Lippen tonlos das Wort ‚Geschenk’ formten.

ENDE
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