Wintersonnenwende, Wichtelgeschenke und andere Katastrophen

von Amarice
GeschichteHumor / P16
Aphrodite Ares Cyrene Gabrielle Lila Xena
23.12.2013
23.12.2013
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Anmerkung: Der Titel sagt eigentlich schon alles. Die Geschichte ist leicht und humorvoll, die Charaktere teils überspitzt dargestellt. Als P16 habe ich sie eingestuft, weil die Dialoge nicht immer ganz jugendfrei sind.

Einordnung: Anfang 5. Staffel, vor der Episode „Pferdegeflüster“.

Frohe Weihnachten!


Wintersonnenwende, Wichtelgeschenke und andere Katastrophen


Sie saß in der dunkelsten Ecke der Taverne. Ihre Beine lagen auf dem Tisch. Mit den Fingern der einen Hand klopfte sie in einem gelangweilten Rhythmus auf ihren Oberschenkel, während sie mit der anderen Hand ihr Chakram in die Luft warf und wieder fing, in die Luft warf und wieder fing, in die Luft warf und wieder fing. Ihre Augen ruhten dabei im vorderen Teil des Raumes, wo eine blonde Frau damit beschäftigt war, einen Tannenbaum zu schmücken. Nachdem sie bereits einige Strohsterne aufgehängt hatte, knotete sie nun lilafarbene und silberne Schleifen an seinen Zweigen fest. Neben ihr stand eine Frau in mittlerem Alter mit schulterlangem, gelocktem Haar. Sie lächelte breit und sparte nicht mit Dekorationstipps. „Xena!“, rief diese plötzlich aus und wandte sich um.

„Ja, Mutter?“, kam es wenig enthusiastisch aus dem finsteren Winkel.

„Warum hilfst du Gabrielle nicht beim Schmücken?“

Sie gab keine Antwort. Manchmal ließ Cyrene sie in Ruhe, wenn sie nur lange genug schwieg. Diese Taktik half vor allem dann, wenn ihre Mutter so enthusiastisch in eine Sache verwickelt war, dass sie keine Lust darauf hatte, sich mit ihrer miesepetrigen Tochter herumzuschlagen und sich die Laune verderben zu lassen. Xena seufzte leise auf. Es war nun die fünfte Wintersonnenwende, die sie zusammen mit Gabrielle erlebte. Bisher hatten sie den Tag immer zu zweit verbracht, bis auf das eine Mal, als sie ein Waisenhaus vor der Schließung bewahrt hatten. Dieses Jahr jedoch hatte Gabrielle sie dazu überredet, mit Familie und Freunden zu feiern. In Cyrenes Taverne. Mit allem, was dazu gehörte, und das waren insbesondere ein Tannenbaum, ein Festessen und Geschenke. Sie waren noch nicht einmal richtig in Amphipolis angekommen, als Gabrielle sie schon dazu genötigt hatte, in den Wald zu gehen und einen kleinen Baum zu schlagen. Das war vor ein paar Stunden gewesen. Seitdem saß sie hier in dieser Ecke und beobachtete ihre Freundin und ihre Mutter bei den emsigen Vorbereitungen. Gabrielle schmückte und dekorierte und Cyrene lief zwischen dem Baum und der Küche hin und her und war ganz in ihrem Element. Inzwischen war die ganze Taverne erfüllt von köstlichen Düften. Wäre die Gästezusammenstellung nicht so katastrophal, wäre sie sogar in der Lage, sich auf das Essen zu freuen. Aber unter den gegebenen Umständen … Außer ihr selbst, Gabrielle und Cyrene würden noch Gabrielles Schwester Lila, Aphrodite, die Göttin der Liebe, und Joxer da sein. Ihr Bruder Toris war verhindert und Minya, die sie ebenfalls eingeladen hatten, war mit Hower auf einer kleinen Reise. So weit, so gut. Aber dann hatte Aphrodite so lange gebettelt und gejammert, bis sie entnervt eingewilligt hatten, dass Ares auch kommen dürfe. Er war ja schließlich Aphrodites Lieblingsbruder. Oh ja, es würde ein herrlicher Abend werden! Zusammen mit dem Gott des Krieges an einem Tisch. Sie schleuderte das Chakram ein wenig höher in die Luft, sodass es mit der Schneide fast die Decke berührte. Was die Geschenke betraf, hatte sich Gabrielle auch etwas ausgedacht. Etwas ganz Tolles – das zumindest waren Gabrielles Worte gewesen. Vor zwei Wochen hatten sie sieben kleine Papyrusfetzen, auf die jeweils der Name eines Mitfeiernden geschrieben worden war, in einen Sack geworfen. Schließlich hatte jeder von ihnen einen davon ziehen müssen. Demjenigen, dessen Namen man erwischt hatte, musste man am Sonnwendabend ein Geschenk überreichen. Gabrielle hatte dabei irgendetwas von Wichten oder Wichteln gesagt. Sie hatte nicht so genau zugehört, sondern hatte sich beklagt, warum nicht einfach jeder selbst entscheiden könne, wem er etwas schenke und wem nicht. Aber die Bardin hatte argumentiert, dass das unfair sei, weil ja niemand leer ausgehen solle. Sie selbst hatte es nicht schlecht getroffen. Sie hatte Gabrielles Namen gezogen und hatte an jenem Tag schon genau gewusst, was sie ihr schenken würde. Aber allein der Gedanke daran, dass Ares den Namen ihrer Mutter gezogen haben könnte oder Joxer den des Gottes oder … Der Abend würde katastrophal werden. Sie wusste es.

„Xena!“

Beim Klang ihres Namens fuhr sie heftig zusammen. Das Chakram fiel polternd auf die Tischplatte. Sie war so in Gedanken versunken gewesen, dass sie gar nicht gemerkt hatte, dass ihre Mutter näher gekommen war. Sie stand direkt neben ihr, die Arme in die Hüften gestemmt. „Nimm die Füße von meinem Tisch und tu etwas!“

„Schon gut, schon gut.“ Die Kriegerin hob abwehrend die Hände und stand auf. Missmutig stapfte sie zu Gabrielle, schnappte sich eine der Schleifen und band sie gelangweilt an einen der Äste.

„Xena!“

Erneut zuckte sie zusammen. Nicht ganz so heftig wie zuvor. Dieses Mal war es Gabrielle, die sie mit einem vorwurfsvollen Funkeln bedachte. „Da hängen schon zwei lilafarbene Schleifen. Da kann nicht noch eine hin!“

„Verstehe“, murmelte die Dunkelhaarige desinteressiert und tauschte die lilafarbene gegen eine silberne Schleife aus.

„Ach, ist das herrlich!“, ertönte da eine helle, fröhliche Stimme aus dem Nichts heraus. „Meine Lieblingsbardin und meine Lieblingskriegerprinzessin schmücken den Wintersonnwendbaum!“

Gabrielle fuhr mit einem strahlenden Lächeln auf den Lippen herum. „Aphrodite!“, rief sie und fiel einer ganz in Rosa gekleideten, blond gelockten Frau, die im Raum erschienen war, um den Hals.

„Ich würde es bevorzugen, wenn meine Lieblingskriegerprinzessin mit anderen Dingen beschäftigt wäre“, erklang eine zweite Stimme, bevor aus blauem Licht heraus der Kriegsgott auftauchte, ganz in Leder gekleidet und mit einem großen Schwert an der Hüfte.

„Das kann ich mir denken“, murmelte Xena, wurde jedoch übertönt von ihrer Mutter, die mit einer Bratpfanne in der Hand angestürmt kam. „Waffen sind hier nicht erwünscht!“, schimpfte sie und holte in einer drohenden Gebärde mit der Pfanne aus. Die Kriegerin, die eben eine sorgfältig ausgewählte silberne Schleife an einem Zweig festknoten wollte, hielt inne und erwartete das Schlimmste. Doch nichts dergleichen geschah. Fasziniert nahm sie wahr, wie der Kriegsgott zunächst zu einem Protest ansetzen wollte, sich dann jedoch besann und widerstandslos sein Schwert von der Hüfte schnallte, um es Cyrene mit einer gelassenen Geste zu überreichen. „So ist’s gut“, lobte diese, ehe sie es nahm, an einen Haken an der Wand neben die Waffen ihrer Tochter hängte und schließlich mit ihrer Pfanne zurück in die Küche eilte.

„Deine Mutter ist stark“, lachte Aphrodite und sprang behände auf Xena zu, direkt in ihre Arme hinein. Da diese nicht mit solch einem Ansturm gerechnet hatte, stürzte sie fast in den Baum. Doch auf einem Bein hüpfend und gefährlich hin und her wackelnd, während die Göttin noch immer an ihrem Körper klebte, schaffte sie es gerade noch, das Unglück abzuwenden. Ares, der ihren unbeholfenen Tanz lediglich mit einem nachsichtigen Lächeln quittierte, trat ein paar Schritte näher. „Wie die Mutter, so die Tochter. So sagt man doch, nicht wahr?“, wollte er an Gabrielle gewandt wissen.

„Sehr geistreich, Ares“, entgegnete die Bardin kühl. Schon wollte der Kriegsgott zu einer nicht sehr freundlichen Erwiderung ansetzen, als die Tavernentür aufschwang und Joxer hineinpurzelte – im wahrsten Sinne des Wortes. Er war über die Schwelle gestolpert. „Ist dir was passiert?“, erklang es ängstlich von einer jungen Frau, die hinter ihm hereingelaufen kam. Dabei handelte es sich um Gabrielles Schwester Lila. Besorgt beugte sie sich zu Joxer hinab, reichte ihm die Hand, um ihm aufzuhelfen. In diesem Augenblick wurde Gabrielle ihrer Schwester gewahr und rannte auf sie zu. „Lila!“, rief sie freudig aus.

„Gabrielle!“, ertönte es nicht minder fröhlich vonseiten Lilas, die aus der Begeisterung, ihre geliebte Schwester nach so langer Zeit wiederzusehen, Joxer nicht nur losließ, sondern dem armen Kerl auch noch einen ordentlich Stoß gab, sodass er erneut unter mächtigem Geschepper zu Boden ging.

„Wer hat denn diesen Idioten eingeladen?!“, beschwerte sich Ares.

„Hey!“ Xena funkelte ihn drohend an. „Nenn ihn nicht so! Er hat einen Namen.“

„Ah ja, jetzt wo du es sagst … Da war was …“ Theatralisch legte er seine Stirn in Falten und tippte sich mit dem Finger gegen die Nase.

„Ach, hör schon auf!“, fauchte die Kriegerin und ballte ihre Hände unwillkürlich zu Fäusten. „Der Einzige, der hier unerwünscht ist, bist du!“

„Hallo?!“, quiekte Aphrodite, die inzwischen ebenfalls angefangen hatte, den Baum zu schmücken, und gerade die letzte Schleife festknotete. „Das hab ich gehört! Warum seid ihr nicht wenigstens heute nett zueinander?!“

„Sie hat angefangen!“, kam es erbost von ihrem Bruder. Simultan murrte Xena: „Er hat angefangen!“

In diesem Moment rauschte abermals Cyrene heran. „Wie im Kindergarten!“, schimpfte sie, während sie resoluten Schrittes auf Joxer zustapfte und ihm den Helm vom Kopf riss, der sich bei dem Sturz über seine Augen gestülpt hatte. Außer sich vor Freude, wieder sehen zu können, jubilierte Joxer laut, während Cyrene ihn mühsam auf die Beine hievte. Kommentarlos entwendete sie ihm schließlich sein Schwert und schmiss es in die Ecke. Dann deutete sie an einen Tisch, den sie zusammen mit Gabrielle am Nachmittag bereits gedeckt und wintersonnwendlich dekoriert hatte. „Setz dich dort hin. Dein Platz ist an der langen Seite ganz rechts!“ Dies erledigt zog sie weiter zu Xena und Ares. „Du …“ Ihr Finger flog auf den Kriegsgott zu und bohrte sich dolchartig in seine Brust. „Denk nicht, ich hätte vergessen, dass du mich von meiner eigenen Tochter umbringen lassen wolltest!“

„Denkst du, ich halte eine hübsche Frau wie dich für senil?“, säuselte Ares mit schief gelegtem Kopf.

„Oh …“ Cyrenes Wangen färbten sich rot. Dann, schlagartig, fiel ihr wieder ein, mit wem sie es zu tun hatte. Übertrieben entrüstet meinte sie: „Also bitte!“ Dann deutete sie auf den gedeckten Tisch. „Rüber mit dir! Du sitzt auf dem Platz gegenüber von Joxer!“

„Was?!!“

„Rüber mit dir oder du ich beschere dir die schlimmste Zeit deines göttlichen Daseins!“

„Oh ja“, raunte er, als könne er es kaum erwarten, aber ein Blick von Xena, den sie ihm hinter dem Rücken ihrer Mutter zusandte, bewog ihn dazu, beschwichtigend die Arme zu heben und von dannen zu ziehen.

Zufrieden mit ihrem scheinbaren Erfolg rieb sich Cyrene die Hände, ehe sie sich wieder der Tischordnung widmete: „Gabrielle, du setzt dich neben Joxer. Xena, dein Platz ist neben Gabrielle. Du, Aphrodite, darfst dich neben deinen Bruder setzen. Lila, du gehst an die kurze Seite des Tisches zwischen Joxer und Ares.“

Als alle so saßen, wie Cyrene sich das vorstellte, trug sie zufrieden die Speisen auf, ehe sie selbst den Platz am Kopfende des Tisches einnahm. Die kleine Frau hatte sich alle Mühe gegeben. Sie hatte eine Gans zubereitet, dazu gab es Hefeklößchen und Rotkohl. Zudem schenkte sie reichlich Rotwein und Honigmet aus. Trotz Xenas böser Vorahnungen und trotz des turbulenten Starts verlief das Essen sehr entspannt, man konnte beinahe schon sagen besinnlich. Aphrodite und Ares, die ja eigentlich nicht zu essen brauchten, langten kräftig zu und erstaunlicherweise war es gerade der Kriegsgott, der Cyrene sagte, wie gut ihr die Speisen gelungen seien. Als Xena das hörte, wäre ihr beinahe ein Stück des Kloßes im Hals stecken geblieben. Misstrauisch lugte sie zu ihm hinüber, erwartete ein hämisches Grinsen auf seinen Lippen zu finden, aber da war nichts.

Unter leichten und fröhlichen Gesprächen beendeten sie schließlich das Mahl. Cyrene räumte mit Gabrielles und Lilas Hilfe den Tisch ab. Bald saßen sie alle wieder auf ihren Plätzen. Vor einigen von ihnen lag nun ein kleines Päckchen auf der Tischplatte und ein erwartungsvolles Leuchten erhellte die Augen von zumindest fünf der Versammelten.

„Okay. Nun zu den Geschenken“, sagte Gabrielle aufgeregt. „ Xena, du fängst an!“

„Warum ich?“, fragte die Kriegerin unsicher.

„Weil ich es so sage“, entgegnete die Bardin.

Xena zögerte kurz, dann gab sie Augen verdrehend nach. „Ich habe dich gezogen“, meinte sie sanft und sah Gabrielle an.

„Oh“, hauchte diese.

„Was für ein Zufall!“, donnerte Ares, wurde aber sogleich von seiner Schwester zum Schweigen gebracht, die ihm auf den Unterarm schlug und etwas quiekte, das sehr nach „romantisch“ klang. Die blond gelockte Göttin reckte ihren Hals, um besser sehen zu können, was Xena hervorzaubern würde. Und tatsächlich – schon holte die Kriegerin unter einem groben Stofftuch, das vor ihr auf der Tischplatte lag, eine Schriftrolle hervor, auf der eine rote Schleife prangte. Mit einem beinahe schon verlegenen Lächeln reichte sie sie Gabrielle. „Oh“, hauchte diese noch einmal und entfernte mit leicht zittrigen Fingern die Schleife. Dann öffnete sie die Schriftrolle. „Oh“, hauchte sie ein drittes Mal, nachdem sie die ersten Zeilen gelesen hatte.

„Was steht drin?“, wollte Aphrodite wissen und zappelte unruhig auf ihrem Platz herum.

„Liebesgedichte“, antwortete Gabrielle abwesend, ganz in die Rolle vertieft.

Ares’ Augen weiteten sich. Entsetzt rief er aus: „Xena schreibt Gedichte?!!“

Die Kriegerin warf ihm einen bitterbösen Blick zu. „Natürlich nicht“, sagte sie. „Sie sind von Ovid.“

„Ach so“, brummte der Gott, wurde aber übertönt von seiner Schwester: „Ach wie romantisch! Lies mal eins vor!“

„Ähm …“

„Nicht jetzt!“, fuhr Lila ungeduldig dazwischen. „Lasst uns lieber weitermachen! Los, Gabrielle! An wen geht dein Geschenk?“

„Gleich, gleich“, beschwichtigte Gabrielle und stand auf. Vorsichtig, ganz vorsichtig legte sie die wertvolle Schriftrolle auf den Tisch, dann winkte sie Xena ebenfalls auf die Beine. „Danke“, wisperte sie und fiel ihrer Freundin um den Hals, die ein wenig unbeholfen ihre Arme um die Bardin schloss und sich wünschte, nicht von fünf Augenpaaren beobachtet zu werden. „Oh Mann“, stöhnte Ares, der mit den Fingern auf die Tischplatte zu hämmern begann. Unterstützt wurde er von Lila, die mehrmals entnervt aufseufzte. Nach einer Zeit, die den ungeduldigsten unter den Gästen wie eine Ewigkeit vorkam, setzten sich die beiden Freundinnen wieder und Gabrielle griff nach einem Stück Papyrus, das zusammengefaltet vor ihr auf dem Tisch lag. „Frohe Wintersonnenwende, Aphrodite“, sagte sie und reichte der Göttin den Fetzen. Diese faltete ihn auf, las, was darauf stand, und sprang auf. „Das ist ja entzückend!“

„Was ist es denn?“, wollten Cyrene und Lila gleichzeitig wissen, während Joxer ein wenig betrübt zu Boden sah. Er hatte insgeheim gehofft, Gabrielle hätte ihn gezogen. In Gedanken hatte er sich bereits ausgemalt, was sie ihm schenken würde. Dabei war ein leidenschaftlicher Kuss stets Bestandteil seiner Fantasien gewesen.

„Ein Mädelsabend!“, frohlockte die Göttin, umrundete den Tisch, zog Gabrielle in die Höhe und flog ihr um den Hals. „Wir zwei werden so viel Spaß haben! Wir können in einem meiner Tempel feiern. Ach nein! Viel besser – auf dem Olymp!“

„Vater wird begeistert sein“, brummte Ares, wurde aber von seiner Schwester ignoriert. Ungerührt plapperte sie weiter: „Wir nehmen ein Bad; ich hab so viel unterschiedlichen Badeschaum, das kannst du dir gar nicht vorstellen! Dann können wir uns aufstylen und eine Pyjama-Party feiern!“

„Aufgestylt?!“, warf Xena ungläubig ein, aber auch sie wurde ignoriert.

„Ach, ich freu mich ja so!“ Unter kleinen Hüpferchen sprang Aphrodite zurück an ihren Platz. Dann, nachdem sie ein paar Mal tief durchgeatmet hatte, um sich zu beruhigen, nahm sie das kleine Paket, das vor ihr auf der Tischplatte lag und in rosafarbenem Stoff eingewickelt war, in die Hände und überreichte es Lila mit feierlicher Miene. „Für dich, meine Süße.“

Lilas Augen leuchteten auf. Endlich war sie an der Reihe! Aufgeregt riss sie die provisorische Verpackung herunter und fand eine kleine Schachtel vor. Sie öffnete sie mit vor Spannung bebender Brust. Darin lag ein kleines Fläschchen. Verwirrt betrachtete sie es, holte es letztendlich heraus. Drehte es nach links. Drehte es nach rechts. Schließlich blickte sie unsicher zu Aphrodite. „Was … ist das denn?“

Scheinbar hatte die Göttin nur auf diese Frage gewartet, denn ihr Gesicht strahlte auf. „Ich nenne es Nagelzauber!“

„Nagelzauber?“, wiederholte Lila unsicher, während Joxer, Cyrene und Gabrielle neugierig hinüberäugten. Ares dagegen seufzte hörbar auf, woraufhin Xena verständnisvoll ihre Lider hob und seinem Blick begegnete. Eine Weile sahen sie sich an, dann zuckten sie simultan mit den Schultern.

„Ich erklär’s dir.“ Die Liebesgöttin ging zu Lila hinüber und öffnete das Fläschchen. Am Deckel war ein kleines Bürstchen befestigt, das zuvor in der Flasche gesteckt hatte und auf dem nun pinke Farbe glänzte. „Damit kannst du deine Nägel bemalen. Und das Tolle ist, dass du dir die Farbe, die du haben möchtest, vorher wünschen kannst.“

Lilas Augen weiteten sich vor Begeisterung. „Wirklich?“

„Versuch’s mal!“

„Türkis!“, rief die junge Frau aus und tatsächlich veränderte sich die Farbe auf dem Bürstchen sogleich von Pink zu Türkis. „Das ist ja Wahnsinn!“

„Gefällt es dir?“, wollte Aphrodite aufgeregt wissen.

„Ob es mir gefällt?“, quiekte Lila ungläubig. „Natürlich, gefällt es mir! Das ist das beste Geschenk, das ich je bekommen habe!“

„Tss“, kam es von Gabrielle, aber insgeheim war sie zu fasziniert von dem Nagelzauber, um sich stärker über die Bemerkung ihrer Schwester aufzuregen. Beeindruckt schaute sie dabei zu, wie Lila sich einen Fingernagel anmalte.

„Und die Farbe hält?“, fragte Joxer, der sich so weit über Lilas Hand beugte, dass er mit der Nase fast gegen den leuchtend türkisfarbenen Nagel stieß.

„Natürlich“, äußerte sich die Göttin pikiert. „Vor allem auf deiner Nase, wenn du nicht aufpasst.“

„Oh“, machte Joxer und fuhr ruckartig in die Höhe, hatte dabei allerdings so viel Schwung, dass er mitsamt seinem Stuhl nach hinten umfiel. Es gab ein ordentliches Gepolter, einen markerschütterten Schrei, dann Stille, die gleich darauf durchbrochen wurde durch ein hohes „Nichts passiert“. Wenig später saß er mit gequältem Ausdruck im Gesicht wieder auf seinem Platz.

Ares schüttelte seinen Kopf, während Xena ihr Gesicht in den Händen vergrub. „Können wir einfach weitermachen?“, stöhnte sie. Im Stillen allerdings musste sie zugeben, dass es, abgesehen von Joxers Tölpelhaftigkeit, gar nicht so schlecht lief, wie sie es erwartet hatte. Es war einfach erstaunlich, wie gut die Geschenke ankamen. Kein Gejammer. Kein Gemecker. Bisher zumindest. Bisher. Sie leerte ihren Becher Rotwein und wollte sich nachschenken, doch Ares kam ihr zuvor. Galant lächelnd. Sie warf ihm einen überraschten Blick zu, wollte ihm schon danken, als sie begriff. Es war Honigmet. Sie schluckte schwer. Sie wusste, was das bedeutete. Und sie wusste, dass er es ebenfalls wusste. „Verdammt!“, murmelte sie, funkelte ihn wütend an und stand auf. Mitsamt ihrem Becher wollte sie in der Küche verschwinden, aber Cyrene, die so gut wie immer erahnen konnte, was ihre Tochter vorhatte, hielt sie auf. „Dageblieben, Xena!“, befahl sie. „Denkst du, ich schüttel mir den Met aus dem Ärmel?! Der war teuer! Was im Becher ist, wird getrunken und nicht weggekippt!“

Wortlos setzte sie sich wieder hin. Ihre Mutter hatte keine Ahnung, was sie da von ihr verlangte. Die Kombination von Rotwein und Honigmet war eine ganz schlechte Idee. Mehr als nur schlecht. Aber wenn Cyrene es so wollte … Missmutig knallte sie den Holzbecher auf den Tisch, hatte zeitgleich einen Geistesblitz. Joxer war nicht der Einzige, der hier tollpatschig sein konnte. Mit einer Unschuldsmiene im Gesicht vollführte sie eine unwirsche Bewegung, ihr Ellbogen rammte den Becher, doch ehe sich die Flüssigkeit über den Tisch ergießen konnte, sorgte Ares durch eine Handbewegung dafür, dass das Unglück abgewendet wurde. „Pass ein bisschen besser auf, meine Liebe. Du willst den teuren Met deiner Mutter doch nicht verschütten, nicht wahr?“, wisperte er.

Sie unterdrückte einen Kommentar, der ihrer Mutter mit Sicherheit nicht gefallen hätte. Dann nahm sie einen Schluck von dem Honigmet. Ihre Augen waren dabei mit denen des Gottes verschränkt. Herausfordernd. Er brauchte nicht zu glauben, dass er damit schon gewonnen hatte.
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