Nach jedem Winter kommt ein Frühling

von baronesse
GeschichteRomanze, Freundschaft / P12
Arya Stark Gendry
21.12.2013
21.12.2013
1
2614
2
Alle Kapitel
3 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
 
Dies ist mein Beitrag zum Winter is Coming Wichteln für Froschilein. Gewünscht war ein OS über Gendry, Arya und Hot Pie (den wir natürlich nicht verstümpert haben ^^), mit evtl. dem Pairing Arya und Gendry und den Vorgaben, dass sie sich nach Jahren wiedertreffen. Das mir zugeloste Hausmotto ist übrigens von Haus Ambrose, mal sehen, wer es findet.

Viel Spaß!



__________________________


Es war Frühling geworden in den Flusslanden. Goldtulpen steckten neugierig ihre Köpfe aus der an manchen Stellen noch gefrorenen Erde und reckten ihre langen, zarten Hälse dem Sonnenlicht entgegen. Hier und da lagen noch dreckige Reste Schnee unter den Weiden und Birken, doch die Klauen des Winters hatten keine Zähne mehr. Langsam und murrend zog er sich zurück. Im Matsch sah man Spuren vieler kleiner Wildtiere, die endlich aus dem Winterschlaf erwacht waren und munter zurück ans Tageslicht kehrten.

Die junge Frau, die einst Arya Stark aus Winterfell gewesen war, lehnte an einer der Birken und starrte mit verschränkten Armen auf das Schauspiel vor ihr. Die große Wölfin mit einem ganzen Wurf herumtapsender Welpen war nicht das Ungewöhnlichste. Sie hatte den Winter tief im Süden verbracht und weniger gelitten als ihre Geschwister. Einige von ihnen hatten den langen Winter nicht überlebt, die Schwester, die noch vor dem ersten Schnee von ihnen gegangen war, der Bruder, dem sie den Kopf abgeschlagen hatten. Der dritte Bruder war zu tief ins ewige Eis gegangen und obwohl die Wölfin dadurch den Kontakt zu ihm verloren hatte, hatte sie dennoch gemerkt, als er in die ewigen Schatten eingegangen war.

Die Frau, deren Geist mit dem des Wolfes halb verbunden war, bekam träge die Erinnerungen mit, mischte sich aber nicht ein. Sie hatte gelernt, ihre Gabe nur sparsam einzusetzen und nicht an die große Glocke zu hängen. In Braavos hatte ihr diese Fähigkeit anfangs geholfen, zu sehen, wenn sie ohne Augen sehen sollte, zu spüren, was kein Mensch spüren konnte. Aber sie war nicht wie die anderen Schüler. Sie konnte in die Haut der Katzen schlüpfen und in die Haut ihrer Wölfin, die sie nach langer Zeit endlich wiedergefunden hatte. Diese Fähigkeit hatte sonst niemand im Haus von Schwarz und Weiß. Sie sollte nicht länger Arya Stark aus Winterfell sein, doch genau jenes Blut in ihren Adern war es, was nicht zugelassen hatte, dass sie dieses Erbe verleugnete. Deshalb war sie keine gesichtslose Frau geworden. Deshalb war sie nach Westeros zurückgekehrt.

Das Gesicht war dennoch nicht das gleiche wie das des kleinen Mädchens, was vor acht Jahren fortgesegelt war. Sie war in der Zwischenzeit erwachsen geworden, fern von den Winterstürmen in Westeros, fern von denen, die sie einst gekannt und geliebt hatte.
„Arry!“ Der beleibte Mann blickte auf und schob vorsichtig die Welpen von seinem Schoß, damit er der jungen Frau winken konnte. „Arry, was machst du denn da?“

Bei dem Namen, den sie vor Ewigkeiten getragen und als Tarnung benutzt hatte, musste die junge Frau lächeln. Mittlerweile konnte niemand mehr glauben, dass sie ein Junge war. Hot Pie hatte jedoch nie aufgehört, anders an sie zu denken. Er war zu ihrem Erstaunen in derselben Ecke der Flusslande geblieben, wo sie ihn zuletzt gesehen hatte. In all den Krisen und Wirrungen hatte er es sicherer gefunden, nicht nach King’s Landing zurückzukehren. Was hätte er dort auch gewollt? Hot Pie hatte keine Familie, war nur einer von vielen Straßenjungen der Hauptstadt gewesen. An der Mauer hätte er sich vielleicht gut gemacht, vielleicht auch nicht. Bis da war er niemals gekommen. Waren sie alle nicht. Und während Arya nach Braavos gesegelt war, war Hot Pie ganz einfach dort geblieben, wo sie ihn zurückgelassen hatte und hatte Brot gebacken. Soweit sie das beurteilen konnte, war er ein guter Bäcker geworden und genoss seine Künste selbst ausgiebig.

„Lass sie ein wenig Ruhe genießen“, tadelte der zweite Mann, der mit ausgestreckten Beinen auf der Decke saß. Im Gegensatz zu Hot Pie war er groß und schlank, auch wenn seine Schultern breit waren und die Muskeln an seinen Armen von viel harter Arbeit zeugten. Er trug nur ein dünnes Hemd und eine leichte Hose, beides aus teurem Stoff. Der Krieg der Sieben Könige und später der Krieg der Drachen hatte nicht nur Verlierer hervorgebracht. Gendry war jetzt ein anerkannter Bastard eines früheren Königs, ein Ritter, der seinen Söhnen einst ehrwürdige Namen geben durfte. Falls er Söhne bekam. Als Arya das erste Mal von seinem Aufstieg gehört hatte, war sie davon ausgegangen, dass er bereits versprochen oder verheiratet war, aber nichts dergleichen.

Seufzend betrachtete sie die beiden Männer, die einst ihre Gefährten gewesen waren, und die Wölfin, die träge auf der Seite lag und ein Junges stillte. Es waren sechs. Sechs Welpen in diesem Wurf, so wie damals, als Robb und Jon Nymeria und ihre Geschwister im hohen Norden gefunden hatten. Schattenwölfe waren immer noch selten, auch wenn sie wieder vermehrt durch die Wälder streiften, seit die Mauer gefallen war. Arya nahm an, dass Nymeria sich mit einem von ihnen gepaart hatte, aber so genau wollte sie das nicht wissen. Alles hatte eine Grenze, auch die Verbindung zu Tieren. Sie war ein paar Mal mit einem Tier verbunden als dieses starb und jene Erfahrungen hatten sie an den Rand des Wahnsinns gebracht. Das, was sie von ihrem Verstand und ihrem Griff auf die Realität mühsam wieder zusammengekratzt hatte, wollte sie nicht aufs Spiel setzen, nur um zu erfahren, wie Wölfe das eigentlich erlebten.

Jetzt stieß sie sich vom Baum ab und schlenderte auf die beiden Männer zu. Immerhin sollte das hier ein Wiedersehenstreffen sein. Gendry hatte gewusst, wo Hot Pie lebte. Sie hatte beide bereits einzeln gesehen, aber es war das erste Mal seit jenem Tag, an dem Hot Pie sich entschlossen hatte zurückzubleiben, dass sie zu dritt zusammen saßen. Wenig später hatte Gendry sich der Bruderschaft ohne Banner angeschlossen und Arya war fortgelaufen. „Ich weiß wirklich nicht, was sie mit den Welpen will“, sagte sie düster. „Da finde ich sie endlich wieder und dann das. Ein oder zwei ertränk ich im Fluss, wenn sie weiter so nerven.“

„Arry!“ Hot Pie klang schockiert. Schnell stopfte er sich ein paar der kleinen Küchlein in den Mund, damit der Zucker den Schock vertrieb.
Gendry musterte sie länger. Er wusste in groben Zügen von der Ausbildung, die sie im Haus von Schwarz und Weiß erhalten hatte. Er wusste, dass sie Menschen getötet hatte (das hatten sie beide getan), aber Gendry wusste auch, dass sie mehr Menschen getötet hatte, als sie sich erinnern konnte. „Es macht nichts“, hatte er gesagt. „Ich habe in mehreren Schlachten gekämpft. Meinst du, ich erinnere mich an ihre Anzahl? Ich weiß nicht, warum dieses Töten ehrenhafter sein soll oder eine Auszeichnung verdient.“ Und doch war er ein Ritter mit Land geworden und sie ein Niemand. Die Tochter eines Verräters. Mit einem Namen, der in diesem Königreich nicht mehr ausgesprochen werden durfte. Für die Welt war sie seit vielen Jahren tot. Vielleicht hatten ihre Ausbilder im Haus von Schwarz und Weiß so ihr Ziel erreicht, als sie gefordert hatten, dass es Arya Stark nicht mehr geben dürfe. Sie hatte sich geweigert, jemand anderes zu werden und dennoch existierte jenes Mädchen nicht mehr.

Ihre Beine waren lang geworden, länger noch als die ihrer Schwester Sansa, die früh in die Höhe geschossen war. Jetzt war Arya vermutlich größer, aber Sansa würde immer die Schönere bleiben. Die Narbe von einer hinterhältigen Klinge war nie richtig verheilt und zierte Aryas Wange direkt unter dem linken Auge. Eine andere, Zeugin eines längst vergessenen Kampfes, hatte die rechte Augenbraue in zwei Hälften gestückelt und kein Haar wuchs mehr, wo die Klinge einst in ihren Schädel gedrungen war. Sie konnte von Glück sagen, dass sie noch zwei Augen hatte, die beide stechend grau wie eh und je in die Gegend strahlten. Diesen Augen entging nichts.

Sie erinnerte sich nicht daran, wie der Winter war. Als sie gegangen war, hatte jeder davon geredet. Der Winter naht, das waren die Worte ihres Hauses gewesen und jeder hatte sie gemurmelt, düster, grimmig, erwartungsfroh, je nach Gemüt. Sie waren in aller Munde gewesen. Arya hatte damals nicht begriffen, dass die Älteren von mehr als nur Schneestürmen und Kälte sprachen. Der Winter war in Westeros ein langer, Jahre andauernder Krieg geworden. Erst der Krieg der Sieben Könige, in dem ihr Bruder Robb gefallen war und die anderen ihrer Geschwister verschwunden waren. Arya hatte nie erfahren, was mit Sansa passiert war und ob sie noch am Leben war. Vielleicht hatte sie ebenso ihre Identität gewechselt wie Arya. Danach war der Krieg der Drachen gekommen, der von Essos übergeschwappt war.

Sie hatte Geschichten gehört von den Weißen Wanderern, von den Anderen, die aus dem Norden kamen und nichts als Kälte und Tod brachten. Man erzählte sich, dass sie einen großen Zauberer an ihrer Seite hatten, einen, der die Geschicke der Tiere lenken konnte und aus den Bäumen Zukunft und Vergangenheit sah. Manche seiner Gaben klangen wie das, was Arya konnte, aber sie hatte lange gebraucht, bis sie erkannte, dass es wirklich eine verwandte Gabe war. Bis die Geschichten über den Kampf Drache gegen Wolf zu ihr gedrungen waren. Jon Snow war in jenem Krieg gefallen, ihr Bastardbruder, der Kommandant der Nachtwache gewesen war, ohne dass sie je davon erfahren hatte. Er war gefallen im Kampf gegen eine Kälte und Dunkelheit, die Arya in Braavos nicht gekannt hatte. Und auch Bran war dabei gefallen, Bran, der aller Wahrscheinlichkeit nach jener dunkle Zauberer an der Seite der Anderen gewesen war.

Die junge Frau wusste nicht, ob sie bedauern sollte, was aus ihr und ihren Geschwistern geworden war, oder ob sie erleichtert war. Es war nicht einfach, all die Wirrungen des Krieges zu überstehen und danach weiterzuleben. Nacht für Nacht sah sie die schrecklichen Masken und Gesichter all jener, die der vielgesichtige Gott zu sich genommen und die sie zu ihm geschickt hatte. Sie hatte Grausamkeiten gesehen und begangen. Dabei war ihr Herz genauso kalt geworden wie der Winter, den sie verpasst hatte.

„Hier, iss ein paar von Hot Pies Kuchen. Sie sind wirklich gut.“ Gendry reichte ihr eines der Gebäckstücke. Nein, sie hatte keinen Hunger, ihr war nicht danach. Mit zusammen gepressten Lippen schüttelte Arya den Kopf, aber er ließ nicht locker. Sacht stießen die Finger gegen ihre Lippen. „Nimm schon.“
Blaue Augen trafen auf graue und Arya, die gewöhnt war, dass man den Blick von ihr abwandte, musste erstaunt merken, dass er nicht nachgab. Er sah nicht weg. Er sah sie unverwandt an, solange, bis sie die Lippen öffnete und zuließ, dass ihr das Küchlein in den Mund schob. Süße breitete sich auf ihrer Zunge aus und vertrieb für einen Moment die düsteren Gedanken über Wintertage und vergangene Gräuel. Sie hatten überlebt.

„Was wirst du nun tun?“, wollte Gendry schließlich von ihr wissen, nachdem er sich die Finger abgeleckt hatte. Er sah nicht aus, als würde er frieren, dabei fand Arya den Tag kalt nach den feuchten Jahren in Braavos. Nebel war dort das Kälteste, was man kannte. Nebel und Stürme.

„Ich weiß nicht.“ Niemals Stillstand. Wessen Motto war das gewesen? „Vielleicht in den Norden gehen.“ Sie hatte darüber nachgedacht, was sie tun wollte. Schon den Süden, durch den sie bislang gereist war, erkannte sie nicht wieder. Große Burgen waren Ruinen geworden. Sie erkannte die Namen der Festungen und ihre Banner nicht wieder. Was war aus Riverrun geworden? Was aus Harrenhal? Die Burg, in der sie und die beiden Jungen damals Gefangene gewesen waren, war nicht länger eine geschwärzte Ruine, sondern dem Erdboden gleich gemacht. Alles war anders.

Wie würde es erst im Norden sein, in dem Reich, was sie einst ihre Heimat genannt hatte? In dem Reich, aus dem ihre Vorfahren stammten, die bis auf sie und vielleicht Sansa vom Antlitz der Welt getilgt worden waren? Armer Rickon, er war der Letzte gewesen, der sich auf diesen Namen berufen hatte, nachdem die Vasallen des Nordens ihn gefunden hatten. Er hatte es bitter bereut. Arya würde seinen Fehler nicht wiederholen. Sie würde Arry sein oder vielleicht Cat, Nymeria, jemand ganz Neues. Eine junge Frau ohne Namen.

„Der Norden ist tot“, entgegnete Gendry ihr. Seine Augen sahen viel zu viel. Arya hatte solche Augen in Braavos gesehen. Es waren Augen, die viel gesehen hatten und dabei gelernt hatten, auf den Grund zu schauen. Er wusste genau, wie sie sich fühlte, wonach sie sich sehnte. Einen Platz, den sie Heimat nennen konnte, den sie lieben konnte und an dem sie sich wohl fühlte, ohne von den Schatten ihrer Vergangenheit gejagt zu werden. Ein Platz, der sie an zuhause erinnerte, aber an dem sie nicht Arya Stark war und niemand sie suchen würde.

„Nachtisch, irgendjemand?“, fragte Hot Pie vergnügt und erhob sich ächzend, um zu den Pferden zu gehen. Sicher hatte er in den Satteltaschen noch ein paar Süßspeisen oder eine der wenigen Früchte, die es nach diesem langen Winter schon gab.

Gendry nutzte die Zeit, in der der gemeinsame Freund außer Hörweite war. „Du könntest mit mir kommen“, raunte er. Seine Finger wanderten über ihre Wange und verweilten kurz auf der Narbe. „Du könntest bei mir bleiben und meine Frau werden. Eine arme Kriegswaise, ein Niemand, ein Straßenmädchen aus King’s Landing vielleicht. Was immer du willst. Es wird niemand fragen. Sie werden einfach nur eine hübsche, junge Frau sehen, die von ihrem Ritter geliebt wird und sich freuen.“

Nach all den Jahren, nach all den Schrecken, musste Arya sich tatsächlich fragen, wie sie es geschafft hatte einen Rest Naivität zu bewahren. Wie war das möglich? Und doch saß sie hier und merkte, wie ihr Herz schneller als gewöhnlich schlug. „Das meinst du wirklich?“, hörte sie sich fragen und verfluchte sich. Sie hatte bestimmt nicht an so etwas gedacht, als sie Gendry wiedergesehen hatte! In Braavos hatte sie andere Sitten kennengelernt, hatte abgelegt, was Westeros seinen Töchtern an Moralvorstellungen einbläute. Sie hatte lange in einer Stadt gelebt, in der Liebe möglich war, die abseits von Ehen und Sitte stattfand. Liebe zwischen Männern, Liebe zwischen Frauen, Liebe zwischen vielen Menschen auf einmal. Und auch wenn sie sich dort nicht wohl gefühlt hatte, erkannte sie jetzt, dass es ihr tatsächlich nichts ausmachte, wer er war und was sie war. Wenn er sie liebte… konnte sie lernen, eines Tages die Gefühle zu erwidern, wo bislang nur Anziehung war?

„Ja, ich denke, das mache ich“, murmelte sie schließlich. „Arya aus dem Hauses Stark heiratet einen Straßenjungen und Bastard.“ Ein Welpe, noch unsicher auf den Beinen, tappste auf sie zu und sie fragte sich, ob Sansa Recht gehabt hatte mit ihren Träumen. Nach all ihren Abenteuern hatte Arya keine Lust mehr auf Schwerter schwingen und töten. Sie wollte ein Heim. Einen Platz, an dem sie sicher war und die Welpen groß werden konnten. Vielleicht sogar eines Tages ihre eigenen, nicht Nymerias.

„Das kannst du ihnen natürlich auch erzählen“, lachte Gendry. In seinen Augen stand die Wahrheit: es wird dir sowieso niemand glauben.
„Was erzählen? Was?“ Hot Pie kehrte zurück, ein paar vertrocknete Pflaumen in den Händen, die er wer weiß woher hatte. Er war nicht nur ein guter Bäcker, er war auch begnadet darin Lebensmittel aufzutreiben. Vielleicht sollten sie ihn mit der Zusammenstellung des Festmahls betrauen. Die Frau, die einst Arya Stark gewesen war und nun bald die geheimnisvolle Frau eines Ritters sein würde, lehnte sich zurück und ließ Gendry erzählen. Leiser Wind wehte durch die Zweige voller Knospen und wehte ihnen Birkenkätzchen auf die Decke. Der Frühling kehrte nach Westeros zurück.
Review schreiben