Rückgaberecht

KurzgeschichteAllgemein / P12
17.12.2013
17.12.2013
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“Nein danke”, sage ich, als ich endlich am Tresen stehe. “Ich will mein Leben doch nicht. Es ist mir ein bisschen zu groß.”
Die Frau am Tresen starrt mich an. Ich sehe mein schimmerndes Spiegelbild in ihren Augen. Seltsam verloren-trotzig sehe ich aus.
“Kein Rückgaberecht.” Mit diesen kurzen Worten winkt sie mich weiter und will sich der nächsten Person in der Schlange zuwenden. Aber ich lasse mich nicht so einfach abwimmeln.
“Hey, ich habe schließlich bezahlt. Wieso kann ich es nicht einfach umtauschen? Alles, was ich möchte, ist ein kleines, gemütliches Leben. Das jetzige ist mir ein bisschen zu groß. Sagte ich doch schon.”
Ich kann sehen, wie genervt die Frau von mir ist. “Kein Rückgaberecht”, wiederholt sie. Ich zische frustriert. Das hatte ich schon beim ersten Mal verstanden.
Während ich überlege, mit welchen Mitteln ich die Frau überzeugen könnte, wendet sie sich der Person hinter mir zu. Unbewusst beobachte ich die beiden. Der Mann, der vorher noch hinter mir stand, redet nun mit Dringlichkeit auf die Frau ein. Sie hört geduldig zu. Als der Mann geendet hat, nickt sie ihm zu und nimmt entgegen, was der Mann ihr entgegenstreckt. Mit einem letzten, fast bedauernden Blick auf das Etwas setzt der Mann sich in Bewegung und verschwindet hinter der nächsten Ecke. Ich starre ihm für einige Sekunden hinterher, bis ich mich umdrehe und protestierend den Mund aufmache. Bevor ich jedoch ein Wort sagen kann, kommt mir die Frau mit den Worten: “Kein Rückgaberecht” zuvor. Missmutig sehe ich sie an. Werfe einen Blick zurück auf die Stelle, an der ich den Mann das letzte Mal gesehen hatte.
“Wieso darf er und ich nicht?” Ein skeptischer Blick ist die Antwort auf meine Frage. Seufzend wiederhole ich: “Wieso besitzt der Mann ein Rückgaberecht und ich nicht?”
Für einen Moment glaube ich, dass die Frau mich wieder nicht verstanden hat, aber als ich den Satz gerade umformulieren will, hebt sie ihre rechte Hand und legt sie auf ihr Herz.
Mit gerunzelten Augenbrauen starre ich ihre Hand an.
Ihre Hand.
Auf ihrem Herzen.
Hä?
Doch das ist alles, was ich kriege.
Verdammt, ich will mein Leben aber nicht. Ich passe nicht hinein. Manchmal macht man einfach einen Fehlgriff im Regal.
Von mir aus kann die Frau das Leben auch umsonst zurückhaben, sie muss mir gar nichts dafür geben. Wenigstens wäre ich das verdammte Ding dann los.
Ich werfe der Frau einen verstohlenen Blick zu.  Aber wenn ich das mache … dann hat sie alles und ich nichts. Gar nichts.
Einsamkeit schlägt über mir zusammen. So mit gar nichts dazustehen, ist auch scheiße. So richtig scheiße. Und wenn ich mein Leben schon liebevoll Belastung getauft habe, dann ist es wenigstens etwas, das ich mein Eigen nennen kann. Besser als gar nichts, nehme ich an.
Die Worte Kein Rückgaberecht hallen in meinem Kopf wieder.  Und das Bild einer Hand auf dem Herzen der Frau blitzt auf.
“Wohl nicht für mich”, denke ich. “Für mich gibt es wohl noch kein Rückgaberecht.” Und irgendwo ganz tief in mir drin bin ich froh darüber. Das hat die Frau wohl mit dem Herzen gemeint. Jetzt wird es mir ein bisschen klarer.
Seufzend stopfe ich mein Leben wieder in eine meiner Hosentaschen und mache mich davon.
Ich werd’s wohl noch mal probieren müssen mit meinem Leben, bei dem mir die Ärmel so sehr zu lang sind, dass ich ständig nur am Stolpern bin. Aber vielleicht wachse ich ja hinein. Oder ich wasche es ein paar Mal heiß, damit es eingeht. Irgendeinen Weg werde ich schon finden.
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