Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Machtlos

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Gen
Hirofumi Koganei Kanade Maki Misaki Ayuzawa OC (Own Character) Takumi Usui Tora Igarashi
15.12.2013
04.08.2019
8
49.813
26
Alle Kapitel
62 Reviews
Dieses Kapitel
8 Reviews
 
 
15.12.2013 4.255
 
Willkommen bei meiner kleinen Maid Sama FF!

Nach einer gefühlten Ewigkeit kann ich jetzt auch mal wieder ins Internet und die Story hier voran treiben :D
Das erste Kapitel ist von mir überarbeitet worden. Es ist jetzt nicht zu 100% anders, jedoch sind viele Teile sehr stark abgeändert, besonders Toras Darstellung.
Was soll ich sagen, ich steh auf Drama und ich mag das Dunkle in Tora, also ja, das sollte man sich vielleicht noch einmal durchlesen^^

Mein Wissensstand begrenzt sich auf den Anime und somit kann ich bestimmte Sachen, die sich im Manga vielleicht schon aufgeklärt haben, nicht in die Geschichte einbauen. Ich hoffe, ihr verzeiht mir das :)

Das zweite Kapitel ist auch so gut wie fertig, braucht aber noch an der einen oder anderen Stelle einen kleinen Feinschliff xD

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~


Kapitel 1Spiel mit mir

„Was denkst du dir eigentlich? Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ich diese Brühe trinke. Da ist viel zu viel Milch drinnen.“
Das Mädchen warf ihre langen, blonden Haare schwungvoll nach hinten und stemmte die Hand demonstrativ in die Hüfte. Ihre hellblau lackierten Fingernägel passten perfekt zu ihrem Oberteil und spiegelten sich zudem auch noch in ihren blauen Augen wieder. Der Klunker an ihrem Finger wirkte viel zu mächtig für ihre zierliche Hand, und trotzdem konnte man nicht behaupten, er würde nicht zu ihrem restlichen Auftreten passen.

Shizuoka Tsuyoshi. Einer der überheblichsten Menschen, die die Welt je gesehen hatte. Mehr Geld als Verstand und absolut kein Taktgefühl. Sie hatte alles, was sie wollte und doch wollte sie immer mehr. Verstehe einer die Reichen.

„Aber.. - aber…“, stammelte ein schwarzhaariges Mädchen, das Shizuoka gerade mal bis zu den Schultern reichte. Nervös rückte sie ihre Brille gerade. „Ich dachte, ich hätte der Cafeteria Dame genau gesagt, wie der Latte Macchiato sein soll...“ Ihre Stimme verstummte unter Shizuokas stechenden Blick. Sie sackte schuldbewusst in sich zusammen und schaute beschämt zu Boden.

Etsuko Fukita. Ein liebes, süßes Mädchen, das viel zu nett für diese Welt war. Sie hatte es mit dieser Zicke nicht leicht und doch versuchte sie stets, es ihr um jeden Preis recht zu machen. Erstaunlich wie viel Mühe sie sich dabei gab, denn eigentlich war jedem auf dieser Schule bewusst: Shizuoka konnte man einfach nichts recht machen.

Mit einem tiefen Seufzer wandte Makoto sich wieder ihrem Heft zu. Sie konnte den Anblick langsam nicht mehr ertragen. Immer wieder das gleiche Spiel mit dem gleichen Ende. Was einen dazu veranlasste, für so einen niederträchtigen Menschen überhaupt den kleinen Finger zu rühren, würde sie wohl nie verstehen.
Sie blickte zur Tafel und lehnte sich dabei ein ganzes Stück zur Seite. Shizuoka hatte sich direkt vor ihrem Platz aufgebaut und erschwerte ihr somit zusehends die Sicht. Angestrengt kniff sie die Augen zusammen, während sie versuchte die krakelige Schrift ihres Lehrers zu entziffern.

„Aber, aber“, äffte Shizuoka durch den ganzen Klassenraum. Ihre Stimme war laut und schneidend. Selbst wenn man nicht zuhören wollte, kam man kaum drum herum. Sowas konnte man einfach nicht überhören.
„Ich habe es allmählich satt, mich mit Leuten abzugeben, die unfähig sind, einfache Aufgaben auszuführen“, sagte sie in einem Ton, der verächtlicher nicht sein konnte. „Der Standard dieser Schule wird immer schlechter. Habe ich nicht Recht, Mädels?“
Sie drehte sich zu zwei Mädchen um, die direkt neben ihr standen und wartete auf eine Bestätigung. Eifrig nickten diese und lobpreisten im nächsten Moment Shizuokas Geschwafel als wäre es heilig.

„Natürlich Shizuoka-san, du hast ja so recht“, erwiderte die eine und warf - ebenso wie Shizuoka zuvor - ihre Haare zurück.
„Es ist echt peinlich, was diese Schule sich erlaubt“, stimmte die andere zu und legte theatralisch die Hand an die Stirn. „Wie konnte mein Daddy mich nur hierhin schicken. Ich dachte, ich wäre ihm wichtig.“ Erschüttert schüttelte sie den Kopf und bekam von ihrer Freundin einen zutiefst mitfühlenden Blick zugeworfen.

Makoto spürte wie ihr bei dem Anblick das Frühstück hochkam. Das einzige, was hier peinlich war, war ja wohl deren gekünsteltes Verhalten. Es war schon beschämend wie sich manche Leute aufführten.
„Oh, du tust mir ja so leid“, sagte das Mädchen mit den silbernen Haaren, einfach, um ihrer Freundin Recht zu geben.
„Ja, nicht wahr“, kommentierte die andere sofort, fegte mit einer Handbewegung ein paar Hefte auf den Boden und setzte sich auf den Tisch.

Mizu Hoshimura und Lizzie Stanford. Der Einfachheit halber zählte man sie am besten zur Kategorie Shizuoka und Co. Arrogant, zickig, verwöhnt. Sie waren Shizuokas kleine Hündchen, kopierten alles was sie tat und gaben ihr schon aus Prinzip immer Recht. Sie würden wahrscheinlich sogar auf ihr Kommando aus dem zehnten Stock springen - aber natürlich nur, wenn sie dabei gut aussahen.

Mit den Gedanken wieder beim Tafelbild schrieb Makoto den nächsten Satz ab, der nach einigen Sekunden der Entschlüsselung endlich Sinn ergab. Sie wollte einfach nur noch vor Beginn der nächsten Stunde mit dem Abschreiben fertig werden, jedoch hatte sie eine Sache nicht bedacht.

„Ich meine“, begann Shizuoka von Neuem und lenkte somit wieder die ganze Aufmerksamkeit auf sich, „warum nimmt diese Schule solche Leute wie dich auf?“ Sie wartete etwa eine halbe Sekunde, in der sie Etsuko einen ihrer abwertenden Blicke zuwarf, bevor sie die Frage selbst beantwortete.
„Doch sicherlich nur, damit uns Besseren jemand die Kleinbürgerarbeit abnimmt.“ Sie wechselte ihr Standbein und verdeckte die Tafel völlig.

Während Makoto nun gar nicht mehr auf die Tafel schauen konnte und Shizuoka am liebsten ihr Buch an den Kopf geworfen hätte, bemerkte sie aus den Augenwinkeln, dass Etsuko immer mehr in sich zusammenschrumpfte. In ihren schokobraunen Augen sammelten sich Tränen.
Ihr machte die tägliche Standpauke Shizuokas zu schaffen. Und obwohl Shizuoka schon längst gemerkt haben müsste, wie Etsuko sich mit jeder Sekunde fühlte, dachte sie gar nicht daran den Mund zu halten. Sie kam gerade erst richtig in Fahrt.
„Wenn ich Schulleiterin an einer Eliteschule wie der Miyabigaoka wäre, dann würde ich dafür sorgen, dass niemand mit deiner Herkunft sich überhaupt dazu erdreistet, an diese Schule-“

Als Etsuko die erste Träne an der Wange herunterlief, hatte Makoto genug. Das Vorhaben sich zurück zu halten, war wie weggeblasen. Wenn sich kein anderer Schüler in diesem Raum, dazu herablassen würde, etwas zu sagen, müsste sie es selbst tun.  
Sie legte ihren Stift zur Seite und klappte ihr Heft zu.
„Entschuldige“, unterbrach sie Shizuoka mitten im Satz und ignorierte gekonnt, dass diese einfach weiter sprach ohne auf sie zu achten, „auch wenn dein Vortrag gerade wahnsinnig spannend ist - aber würdest du dein groß-kotziges Ego mal zur Seite bewegen? Ich kann die Tafel nicht sehen.“

Shizuoka verstummte augenblicklich. Sie hatte den Satz doch gehört. Einige Schüler hatten ihre Gespräche eingestellt und starrten ebenso überrascht wie sie auf Makoto hinab, die immer noch in ihrem Stuhl saß und ihre Augen in Shizuokas bohrte.
„Was hast du gesagt?“, fragte diese giftig und verengte ihre perfekt gezupften Augenbrauen. Sie war es nicht gewohnt, dass ihr jemand mal nicht zustimmte. Als Erbin des berühmten Modelabels Tsuyoshi Designs und verzogene Tochter eines einflussreichen Geschäftsmannes hatte sie eine Position, bei der sich nicht viele trauten so mit ihr zu reden.

„Das was du hoffentlich verstanden hast“, gab Makoto nüchtern zurück, erhob sich von ihrem Stuhl und kramte ihre Sachen zusammen. Das Gekrakel von der Tafel könnte sie jetzt bestimmt nicht mehr in Ruhe abschreiben. Sie schwang die Tasche über die Schulter und bewegte sich durch den Raum, um zur Tür zu kommen.

„Was glaubst du, wo du jetzt hingehst?“, blaffte Shizuoka und trat wütend mit ihrem Absatz auf. Makoto bekam das Gefühl, dass Shizuoka nicht so recht wusste, wie sie reagieren sollte. Anscheinend war ihr eine solche Situation so fremd, das sie sie völlig aus der Bahn warf. Man könnte sie fast bemitleiden.
Makotos Blick blieb an Etsuko hängen, die sie mit großen, verweinten Augen anschaute. Augenblicklich verschwand das Mitleid. Shizuoka hatte es nicht anders verdient.

„Ich dachte wir Kleinbürger sind nicht gut genug für dich“, sagte sie, während sie ihr Handy aus der Hosentasche holte und ein Foto von der Tafel knipste. Am besten schlug man solche Leute mit ihren eigenen Waffen. „Warum redest du dann überhaupt mit mir?“, setzte sie nach und schenkte ihr einen vielsagenden Blick.
„Was fällt dir eigentlich ein?“ Empört presste Shizuoka die Lippen aufeinander. „Hörst du mir zu, ich rede mit dir!“

Ohne auf ihre Beschwerde einzugehen, drehte Makoto sich von ihr weg und ging zur Tür. Sollte die sich doch aufregen, wenn sie keinen anderen Weg fand, um ihre Energie zu verschwenden.
Bevor Makoto jedoch durch die Tür trat, blieb sie noch einmal stehen. „Ach, und Latte Macchiato hat für gewöhnlich immer viel Milch. Ich finde Etsuko hätte ihre Aufgabe nicht besser erfüllen können. Aber vielleicht solltest du demnächst einfach etwas bestellen, wovon du auch die Definition kennst.“

Damit verließ sie den Klassenraum und machte sich zu ihrer nächsten Stunde auf. Shizuokas wütenden Aufschrei hörte sie sogar noch zwei Flure weiter.




Während sie den sauberen Flur entlang ging, blendete sie die anderen Schüler aus. Die Art wie sie sprachen, wie sie sich bewegten, das alles war nicht sie. Sie passte überhaupt nicht hierhin. Ob die anderen wohl genauso von ihr dachten?
An ihr eilte ein Mädchen vorbei, das einen Stapel Zeitschriften in den Armen trug und bei ihrem Anblick nur genervt die Augen verdrehte.
Ja, anscheinend schon. Die anderen wollten sie ebenso wenig hier haben, wie sie hier sein wollte. Mit einem schweren Seufzer strich sie sich eine Strähne aus dem Gesicht.

Seit drei Wochen war sie an dieser Schule. Erst drei Wochen ihres letzten Schuljahres waren vergangen und trotzdem fühlte es sich schon so viel länger an. Jeden Tag aufs Neue merkte sie, wie weit die Welten auseinander lagen. Ihre kleine unauffällige Welt, die gespickt war, mit Problemen und Sorgen, welche sie in jeder Sekunde verfolgten; und auf der anderen Seite deren Welt, die vor Prunk und Reichtum überquoll und Makotos Sorgen als lächerliche Dilemmata wegwischte.

Sie betrat die Klasse und ließ sich auf ihren Platz sinken. Ihr 500 Seiten dickes Mathebuch stemmte sie vor sich auf dem Tisch ab und schaute es gedankenversunken an.
Ein Stipendium an der Miyabigaoka. Das war ihre Chance. Ihre Chance darauf, etwas zu erreichen. Sie müsste nur hart genug dafür arbeiten. Nur dieses eine Jahr noch und dann hätte sie einen Eliteabschluss, der in jeder Bewerbung gut ankam…
Was machte man sich eigentlich vor. Die Gesellschaft war nur an Leistung interessiert. Man wollte die besten der besten, und wenn man nicht dazu gehörte, dann hatte man gleich verloren. Wie ein Marienkäfer, der gegen einen Orkan ankämpfte.

Sie verdrängte die Gedanken, als ihr Mathelehrer durch die Tür spazierte. Er wirkte so zerstreut wie immer. Unter dem einen Arm klemmte eine dicke Tasche, welche mit Zetteln vollgestopft war, die alle fürchterlich zerknittert aussahen.
In der Hand hielt er einen Becher, aus dem heißer Dampf kam. Der Geruch von frischem Kaffee stieg ihr in die Nase. Sofort bekam sie ebenfalls Lust auf eine große, heiße Tasse Kaffee, die sie auf ihrem gemütlichen Sofa schlürfte und dazu ein gutes Buch las. Vielleicht hätte sie heute Abend ja noch Zeit.

Als ihr Lehrer das Pult fast erreicht hatte, stolperte er über seine eigenen Füße. Wie in Zeitlupe sah Makoto das Unausweichliche kommen. Das kochend heiße Wasser schwappte über den Rand des Bechers. „Ah, scheiße“, fluchte ihr Lehrer als der Kaffee über seine Hand lief und den Ärmel seines Jacketts durchnässte. „Mann ist das heiß!“
Als hätte sie es wissen müssen, fasste sie sich an die Stirn. Sowas musste ihm einfach passieren.

Sensei Rizoki. Wahrscheinlich einer der besten Lehrer an dieser Schule, der trotz seiner Stellung immer noch auf dem Boden geblieben war und sich nicht so unglaublich viel darauf einbildete an einer Eliteschule zu unterrichten. Verplant, eigen und total tollpatschig. Wenn ihm einen Tag lang nichts Ungeschicktes passierte, musste man sich ernsthaft Sorgen machen.

Er schüttelte die Hand, als könnte er den Kaffee dadurch aus dem nassen Ärmel zaubern und stellte den Becher auf den Tisch. „So Leute, schlagt mal eure Bücher auf Seite…“, er zog einen Zettel aus der überquellenden Aktentasche und stieß dabei aus Versehen mit dem Ellbogen gegen den Kaffeebecher. Der gesamte Inhalt verteilte sich innerhalb von Sekunden auf dem Holz des Tisches, lief über die Tastatur des PCs und erreichte die penibel aufgestellten Arbeitsbücher für den Mathematikunterricht.

„Das kann doch wohl nicht wahr sein“, rief er aufgebracht und warf hektisch ein paar Tücher auf die Flüssigkeit, um sie schnellstmöglich aufzuwischen. Man sah ihm deutlich an, dass ihn die Sache überforderte, denn der nächste Schub Taschentücher landete samt Verpackung auf dem nassen Tisch.
„Huch, jetzt habe ich doch tatsächlich-“ Als er bemerkte, dass alle Augenpaare auf ihn gerichtet waren und seine Säuberungsaktion teils interessiert, teils belustigt oder gar missbilligend verfolgten, räusperte er sich peinlich berührt.
„Ach, wisst ihr, schaut euch einfach irgendeine Seite im Buch an… oder macht irgendetwas anderes. Ich muss nur mal kurz hier... also – ach, dieser blöde Kaffee.“

Als er sich wieder dem überschwemmten Tisch zuwandte, war es wie ein Startsignal. Augenblicklich setzte das Gerede ein. Ausgiebig wurden die noch bevorstehenden Partys, die neusten Modetrends und teuersten Erwerbe besprochen.
Es war schon seltsam dabei zuzuhören, was die meisten hier als ‘besonders unterhaltsam‘ auffassten.
Kopfschüttelnd wandte Makoto sich ihrem Heft zu, legte ihr Handy auf den Tisch und setzte die Aufgabe der letzten Stunde fort.




Nach dem Unterricht wollte Makoto so schnell wie möglich aus dem Raum verschwinden. Sie hatte für den heutigen Tag einen dichten Terminplan und den musste sie strikt einhalten. Jedoch wurde ihr schnell ein Strich durch die Rechnung gemacht. Gerade als sie an der Tür ankam, hielt sie die Stimme ihres Lehrers zurück.
„Makoto-san?“
Wiederwillig drehte sie sich zu Sensei Rizoki um. „Ja, Sensei?“
„Könntest du mir einen kleinen Gefallen tun? Ich würde nicht fragen, wenn es nicht wichtig wäre.“
Sie zögerte einen Moment. Eigentlich hatte sie gar keine Zeit dafür, aber andererseits war es hier ihr Lehrer, der sie darum bat.

„Worum geht es denn?“, fragte sie schließlich und zupfte ungeduldig am Riemen ihrer Tasche herum.
„Ich habe ein wichtiges Schreiben, das unbedingt noch heute zum Schulsprecher gelangen muss. Würdest du das übernehmen? Ich habe noch einen Termin, zu dem ich auf keinen Fall zu spät kommen darf.“ Er packte einen Stapel Zettel in die Tasche und zerknitterte diese bei der Gelegenheit, sodass es aussah als hätte sich jemand drauf gesetzt.

Makoto kräuselte die Stirn. Sie hatte schon aus dem einen oder anderen Gespräch etwas über den Schulsprecher aufgeschnappt, aber getroffen hatte sie ihn noch nie. Er setzte sich wohl sehr für diese Schule ein. Viele waren sehr von ihm begeistert.
„Wieso fragen sie nicht jemand anderes?“, fragte sie und warf einen kurzen Blick auf die Uhr über der Tafel. Sie musste sich beeilen, ihr Bus würde bald kommen. Das Beste wäre wohl, wenn diese Aufgabe ein anderer übernehmen würde.
Sensei Rizoki stoppte in der Bewegung, um nach seinem Becher zu greifen und runzelte überrascht die Stirn. „Das ist doch klar. Du bist hier die einzige, der ich sowas zutraue. Jeder andere aus dieser Klasse hätte den Brief in den Müll geschmissen oder irgendeinem Bediensteten gegeben.“ Er hatte den Zeigefinger in die Luft gestreckt und antwortete ihr, als müsse er gerade einem kleinen Kind erklären, was eins und eins ist.

„Ah… ja da haben sie wohl recht. Mit Bediensteten kann ich nicht mithalten“, stimmte sie langsam zu und ignorierte seinen noch immer in die Luft gestreckten Zeigefinger. „Ich habe nämlich keine“, fügte sie trocken hinzu und blickte erneut auf die Uhr.
„Siehst du“, sagte er fröhlich und begann vom einen Ohr bis zum anderen zu strahlen, „genau deswegen mag ich dich. Immer für ein Späßchen zu haben.“ Er begann zu lachen und packte seinen Becher in die Tasche. Mühevoll versuchte er die mittlerweile vollgestopfte Tasche zuzumachen.

Makoto fragte sich, ob sie den Witz gerade einfach nicht verstanden hatte oder ob da wirklich keiner gewesen war. Sie beobachtete ihren Lehrer eine Weile dabei, wie er sich mit der Tasche abmühte, als ihr wieder einfiel, dass sie ihm noch nicht abgesagt hatte. Was sollte denn dieser Quatsch. „Ich glaube sie haben mich gerade falsch verstanden. Ich wollte eigentlich-“
„Also wie schaut’s aus, machst du es? Ich verlasse mich auf dich“, unterbrach er sie mitten im Satz und schaute sie mit großen, leuchtenden Augen an. Wieso nur hatte sie immer das Gefühl mit einem kleinen Kind zu sprechen? Was war nur los mit diesem Lehrer.

Makoto seufzte tief und dachte noch einmal darüber nach. An ihrer Entscheidung hatte sich eigentlich nichts geändert. Zeit für eine weitere Aufgabe hatte sie heute einfach nicht, aber anscheinend war sie seine letzte Hoffnung. Unentschlossen begann sie auf ihrer Lippe herum zu kauen.

„Wundervoll“, stieß Sensei Rizoki aus, der ihre Geste wohl als ‘Ja‘ deutete. Er klatschte in die Hände. „Ich wusste doch, dass man sich auf dich verlassen kann.“ Zufrieden summend drückte er ihr den Brief in die Hand, ohne sie auch nur einmal zu Wort kommen zu lassen. Mit einem Ruck riss er die Tasche vom Tisch und stolperte halb aus dem Raum.

Makoto blieb alleine zurück. Fassungslos schaute sie ihrem Sensei nach, der sich gerade wortwörtlich in Luft aufgelöst hatte. Wundervoll, wiederholte sie trocken. Jetzt war er einfach weg und sie mit diesen blöden Brief noch hier. Das hatte ihr gerade noch gefehlt.




Sie klopfte an die Tür und trat einen Schritt zurück. Ungeduldig begann sie mit der Sohle auf den Boden zu tippen, während sie darauf wartete, dass jemand die Tür öffnete. Wieso musste das denn wieder so lange dauern? Es konnte doch nicht sein, dass jetzt keiner da war.
Sie klopfte erneut, dieses Mal lauter und heftiger. Sie fuhr sich mit der Hand durch die Haare und seufzte. Wer auch immer dieser Schulpräsident war, sollte sich gefälligst beeilen. So lange brauchte doch niemand, um eine Tür aufzumachen.

Schließlich wurde ihr das Warten zu lang. Sie drückte die Klinke herunter und stellte überrascht fest, dass das Zimmer nicht abgeschlossen war. Man würde die Tür doch abschließen, wenn man einfach aus dem Büro ging, oder?
„Hallo?“ Sie betrat den Raum und blickte sich um. Weit und breit war niemand zu sehen.

Ihre Augen wanderten durch den Raum. Das Zimmer war eigentlich ganz schön. Die Wand war in schlichten Lila- und Cremefarben gehalten, die Makoto an ihre Orchideen erinnerten. Am anderen Ende des Raumes stand ein Tisch, der vor dem gigantischen Fenster viel zu klein und fehl am Platz wirkte. Einen Moment lang überlegte sie sogar tatsächlich, ob er hier versehentlich hingestellt worden war.
Als sie jedoch näher trat, änderte sie ihre Meinung. Die Platte war aus feinstem Mahagoni und glänzte als wäre sie stundenlang poliert worden.

Sie fuhr mit den Fingerspitzen über die Tischplatte. Es war schon seltsam, wie viel die Leute für solch unbedeutende Dinge ausgaben. Tagtäglich schmissen sie ihr Geld aus dem Fenster heraus, während andere Menschen ihre Gesundheit aufs Spiel setzten, um halbwegs über die Runden zu kommen.

Sie holte den Brief aus ihrer Tasche und legte ihn auf den Tisch. Am besten wäre es, wenn sie eine Nachricht hinterließ, damit der Brief am Ende nicht doch noch im Müll landete. Sie griff nach einem leeren Notizzettel und kritzelte schnell ein paar Zeilen darauf:

Ich habe vorhin leider niemanden angetroffen. Der Brief ist von Sensei Rizoki, ich habe ihn für ihn hinterlegt.                                                              
                                                                                                                          Makoto Uyeda

Ein Blick auf die Digitaluhr verriet ihr, dass ihr Bus in fünf Minuten kommen würde. Sie pappte die Notiz auf den Brief und drehte sich um; bereit zum Bus zu sprinten.
Mitten in der Bewegung hielt sie inne.

Jemand stand in der Tür. Ein Junge mit blonden Haaren lehnte am Türrahmen. Er hatte die Arme vor seinem Brustkorb verschränkt und musterte sie aufmerksam. Sein Gesichtsausdruck war unergründlich. „Oh, da ist ja jemand in meinem Büro“, stellte er fest und zog leicht die Augenbraue hoch.

Makoto zögerte kurz. Sie fühlte sich plötzlich ertappt, obwohl sie eigentlich einen guten Grund gehabt hatte, einfach in das Zimmer zu kommen. Er sah nicht erfreut darüber aus, sie hier vorzufinden.
„Ja“, bestätigte sie nach kurzem Zögern, „ich wollte nur etwas abgeben. Einen Brief von Sensei Rizoki. Er liegt auf dem Tisch.“ Sie durchquerte das Zimmer und wollte schon an ihm vorbei treten, als er einen Schritt nach vorne machte und ihr den Weg versperrte.

Makoto blieb stehen und runzelte die Stirn. „Ist noch irgendwas?“, fragte sie und blickte ihm in seine tiefgoldenen Augen. „Ich hab’s wirklich eilig.“

Tora schaute sie prüfend an. Es war nicht ungewöhnlich, dass eine Frau in seinem Büro auftauchte, aber normalerweise hielt er sich dann ebenfalls dort auf. Was dachte sich diese Frau dabei, einfach hier herein zu kommen. Er sollte ihr zeigen, wie das hier ablief.
Er begann zu grinsen. Ein wenig Ablenkung würde ihm sicherlich gut tun. „Du bist sehr engagiert, wenn du sogar die Aufgaben der Lehrer übernimmst“, sagte er und fing sie mit seinem Blick ein. Seine Stimme klang wie Seide. Sie besaß genug Ehrlichkeit, um der Bedeutung seiner Aussage Glauben schenken zu wollen, als auch genug Sarkasmus, um daran zu zweifeln.

„Äh, klar“, erwiderte sie knapp und klang dabei nicht im Geringsten überzeugend. Man konnte die Skepsis in ihrem Gesicht ablesen. Entweder sie war unschlüssig, was er mit seiner Aussage gemeint hatte oder es verbarg sich etwas ganz anderes dahinter. Wenigstens ein kleiner Anreiz, sie nicht direkt aus seinem Büro zu schmeißen. Ein wenig Spaß mit einer weiteren unnützen Frau könnte er sich wohl gönnen.

„Das ist schön zu hören“, sagte er ganz in der Rolle des Schulsprechers. Er lehnte sich nach vorne, nahm ihre Hand und strich mit seinen Lippen leicht über ihren Handrücken. „Ich bin Tora Igarashi. Als Schulsprecher dieser Schule liegt mir das Engagement unserer Mitschüler sehr am Herzen. Ich würde sogar so weit gehen und sagen, dass wir darauf angewiesen sind.“
Er ließ seine Finger länger als nötig auf ihrer Hand verweilen und schaute ihr tief in die Augen. „Würdest du mir deinen Namen verraten?“

„Makoto“, erwiderte sie knapp und zog ihre Hand weg. Es fühlte sich falsch an. Sie fragte sich, was die anderen Schüler so an ihm bewunderten. Bei ihr löste er nur dieses Unwohlsein aus. Die Art wie er sie berührt hatte, wie er sie ansah und wie er sich bewegte. Alles an ihm erinnerte sie an ein Raubtier, das auf seine Beute lauerte und dann kurzerhand zuschlug. Jemand, der genau wusste, was er tat.

„Makoto“, wiederholte er und lehnte sich zu ihr herunter. „Was für ein interessanter Name.“ Sie spürte seinen warmen Atem in ihrem Nacken und sofort machte sich eine Gänsehaut bei ihr breit.  
Sie wollte ihn zurück schieben, jedoch ergriff er mit Leichtigkeit ihre Handgelenke und hinderte sie daran, ihren Plan auszuführen. „Ich kann dir geben, was du willst.“
„Lass mich los“, sagte sie und versuchte vergeblich ihre Handgelenke zu befreien.
„Was denn, willst du, dass ich dir den Preis nenne?“ Er zog sie noch näher zu sich heran und hielt sie bestimmend fest. „Für den Anfang wäre ich bereit dir 1000 zu geben.“

Ihre Augen weiteten sich bei seinen Worten, der Widerstand, welchen sie zuvor noch mit ihren Armen ausgeübt hatte, ließ nach. Fassungslos starrte sie ins Leere.
Auf Toras Gesicht bildete sich ein Grinsen. Das war ja viel zu einfach gewesen. Wie alle anderen Frauen jagte sie nur dem Geld nach. Eine weitere, wertlose Frau, die man mit den geringsten Summen kaufen konnte.
Er positionierte sein Gesicht nahe ihrem Ohr. „Wenn du gut bist, bekommst du auch mehr“, flüsterte er und wollte anfangen ihren Nacken zu verwöhnen. Bevor er das jedoch tun konnte, riss sie sich aufgebracht von ihm los.

„Spinnst du?“, fuhr sie ihn zusammen. Sie hatte ihren Verstand endlich wiedergefunden. Für einen Moment hatte sein Angebot sie aus der Bahn geworfen. Niemals in ihrem Leben hätte sie gedacht, dass es an dieser Schule solche Leute gab. Wie dreist und ekelhaft musst man eigentlich sein, um jemandem so ein Angebot zu unterbreiten? Sie war so ein naiver Dummkopf.
Für den Bruchteil einer Sekunde sah sie, wie sich vor Überraschung seine Augen weiteten. Nur für einen kurzen Augenblick hielt diese Regung an bis sie so schnell wie sie gekommen war, wieder verschwand, als wäre sie nie da gewesen.
„Hör zu“, ihre Augen blitzen verärgert auf, „ich weiß nicht, was du da für eine Nummer abziehst, aber das ist echt das allerletzte. Ich hoffe du nutzt deine Tage etwas Sinnvoller als mit so einem Scheiß. Behalt dein Geld, verzogener Bengel.“

Sie machte auf dem Absatz kehrt, trat aus dem Zimmer und zog die Tür wütend hinter sich zu. Es knallte so heftig, dass das große Gemälde an der Wand, das sicherlich von irgendeinem berühmten Künstler stammte, erzitterte. Es war unfassbar, was dieser Typ ihr gerade angeboten hatte. Ging’s dem überhaupt noch gut?
Als sie auf ihre Hände herunterblickte, bemerkte sie das Zittern. Ihr Brustkorb hob und senkte sich stark, als wäre sie gerade einen Marathon gelaufen. Es schockierte sie. Das sollte der Schulsprecher sein? Vielleicht irrte sie sich auch, vielleicht hatte sie es falsch verstanden.
Nein, dachte sie augenblicklich. Das konnte man nicht falsch verstehen.

Ihre Augen blieben an der Armbanduhr hängen, die um ihr Handgelenk gebunden war.
17.05 Uhr.
Das konnte doch wohl nicht wahr sein! Sie stöhnte frustriert auf und warf den Kopf in den Nacken. Fantastisch, ihr Bus war gerade weg.


Tora stand in seinem Büro und betrachtete etwas erstaunt die Tür, durch welche das braunhaarige Mädchen verschwunden war. Damit hatte er nicht gerechnet. Wie hatte sie ihn genannt, einen verzogenen Bengel?
Ein böses Grinsen machte sich auf seinem Gesicht breit.
Es sah ganz so aus, als hätte da ein neues Spiel begonnen.

To be continued...
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast