Weihnachten mit Geistern

KurzgeschichteMystery, Familie / P12
Jim Clancy Melinda Gordon
13.12.2013
13.12.2013
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„Aidan, bitte lass deine Sachen nicht einfach überall liegen und räume sie weg“, rief Melinda Gordon ihrem Sohn zu. „Ich hebe es gleich auf, Mom.“ Der inzwischen Siebenjährige kam die Treppenstufen herunter. „Was gibt es zu Essen?“ „Hast du schon aufgeräumt?“ Aidan sah zu Boden und ging ins Wohnzimmer, um seine Sachen wegzuräumen. „So, jetzt ist alles weg.“ Melinda küsste ihn auf die Nasenspitze. „Es gibt Gulasch, um deine Frage zu beantworten. Weckst du bitte deinen Dad?“ Er lief wieder nach oben, um Jim zu wecken. Trotz Proteste seinerseits wurde Jim über die Festtage für die Nachtschicht im Krankenhaus eingeteilt. Aber solange er am Morgen pünktlich zu Hause war um zu sehen, wie Aidan seine Geschenke öffnete, war es ihm recht. „Dad steht gleich auf“, sagte Aidan, als er wieder in der Küche erschien. „Das hast du toll gemacht, kleiner Mann.“ Als Jim endlich unten war, hatte er gerade mal noch Zeit, etwas zu essen. „Wir sehen uns morgen, Mel. Ich liebe dich.“ „Ich liebe dich auch Jim. Fahr vorsichtig.“ „Werde ich. Und du, Sportsfreund“, er sah zu seinem Sohn, „passt gut auf deine Mutter auf. Nicht, dass der Weihnachtsmann sie sonst noch mitnimmt.“ „Ach Dad.“ Aidan verdrehte die Augen und gab ihm einen Kuss auf die Wange.

Als Melinda am Abend den Müll herausbringen wollte, bekam sie einen Schreck. „Mom, was machst du denn hier?“ „Ich wollte Weihnachten mit euch verbringen. Ist das so schlimm?“ Beth betrat das Haus. „Ich bin gleich wieder bei dir. Der Müll.“ Melinda beeilte sich und war in Sekundenschnelle wieder im Haus. „Du hättest vorher anrufen können. Dein Geschenk habe ich gestern losgeschickt.“ „Erst gestern?“ Beth zog eine Augenbraue hoch. „Nun gut, nun gut, ich will nicht zimperlich sein. Eure Geschenke habt ihr doch schon, oder?“ Melinda nickte. „Sie sind vor drei Tagen angekommen. Danke Mom.“ Einen Moment standen die beiden nur so da. „Hast du vielleicht Hunger?“, fragte Melinda ihre Mutter schließlich. Sie verneinte. In dem Moment kam Aidan die Treppe herunter. „Mom, ich kann nicht schlafen.“ Als er Beth entdeckte, war er gleich noch wacher als zuvor. „Grandma!“ Er rannte auf sie zu, doch Beth stoppte ihn. „Ich bin erkältet, mein Kleiner. Und ich will dich nicht anstecken.“ Somit fiel die Umarmung und der Begrüßungskuss aus. „Melinda, macht es dir etwas aus, wenn ich mich hinlegen würde? Die Fahrt war nicht gerade ein Zuckerschlecken.“ „Natürlich nicht. Ich mache nur schnell das Gästezimmer fertig.“ In Windeseile bezog Melinda das Bett. „Können wir morgen etwas Unternehmen, Oma?“, fragte Aidan. Beth nickte. „Aber natürlich mein Schatz. Schlaf schön, in Ordnung?“ „Grandma?“ „Ja?“ „Ich hab dich lieb.“ Ihr kullerten einige Tränen hinunter. „Ich habe dich auch lieb, Aidan“, sagte sie, bevor sie nach oben ins Gästezimmer ging. „Schlaf gut, Mom.“ „Du auch Melinda.“

Am nächsten Morgen als Jim das Haus betrat, saß Aidan schon vor dem Weihnachtsbaum. „Aidan, was bist du schon wach?“ Der Junge zuckte mit den Schultern. „Ich konnte nicht mehr schlafen. Frohe Weihnachten, Dad.“ „Wünsche ich dir auch.“ Jim machte sich erst einmal einen Kaffee. „Weißt du ob deine Mom schon wach ist?“ „Keine Ahnung. Grandma schläft aber auch noch.“ „Grandma? Welche denn?“ „Grandma Beth.“ Jim nickte. Warum hat Melinda mir nichts von Beths anstehenden Besuch erzählt?, dachte er sich. Gegen 9 Uhr stand Melinda auf. „Morgen Mel“, begrüßte Jim sie. „Morgen Schatz. Wo ist Aidan?“ „Vor dem Weihnachtsbaum.“ Melinda sah ins Wohnzimmer und entdeckte nach kurzem Suchen ihren Sohn. „Er wartet schon sehnsüchtig darauf, seine Geschenke öffnen zu dürfen.“ „Dann sollten wir es ihm jetzt wohl gestatten, was?“ Mel zwinkerte. „So kleiner Mann“, begann Jim, „du darfst nun die Geschenke auspacken.“ „Nein noch nicht. Erst wenn Oma unten ist.“ Und solange wartete er auch. Um 10 Uhr 37 kam Beth ins Wohnzimmer. „Guten Morgen, Mom.“ „Frohe Weihnachten, Melinda.“ „Frohe Weihnachten, Beth“, rief Jim aus der Küche. Er beeilte sich, damit Aidan endlich die Geschenke auspacken konnte. Natürlich mussten sie ihn erstmal wieder ins Wohnzimmer rufen. Doch als Jim ins Wohnzimmer kam, fragte er ganz überrascht: „Wo ist Beth denn hin?“ „Sie steht doch gleich da“, meinte Melinda mit einem Lächeln. „Wo?“ „Na, am Geländer ...“ Melinda sah zu ihrer Mutter und ihr Lächeln verblasste. Sie schüttelte heftig den Kopf. „Nein“, flüsterte sie. Zum Glück war Aidan noch immer oben. „Mom, das kann nicht sein.“ „Melinda, es tut mir leid. Ich wusste nicht, wie ich es dir sagen sollte. Und zudem wollte ich euch Weihnachten nicht verderben. Ich wollte nur dabei sein. Ein letztes Mal.“ Melinda brach nun in Tränen aus. Jim nahm seine Frau in die Arme und flüsterte ihr ins Ohr: „Es tut mir so leid, Mel.“ „Wann?“ „Vor einigen Tagen. Herzinfarkt. Ich bin einfach nicht mehr aufgewacht.“ „Warum rief mich noch keiner an?“ „Weil es noch keiner weiß.“ „Mom! Wieso hast du es gestern nicht gesagt? Wieso?!“ „Wegen Aidan, der übrigens gleich wieder hier ist.“ Melinda trocknete ihre Tränen. „Jim, rufst du bitte im Krankenhaus an und gibst die Adresse meiner Mutter durch.“ Dies tat Jim sofort. „Verzeih mir bitte, Melinda. Ich liebe dich.“ „Ich liebe dich auch, Mom. Weiß Aidan es?“ Beth schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht.“ „Gut.“ Melinda atmete tief durch. „So soll es vorerst auch bleiben. Wir werden das schon irgendwie schaffen.“ Und sie schafften es. Jim tat so, als würde er mit Beth reden, Aidan freute sich riesig über seine Geschenke und Melinda blieb stark. Beth und Aidan hatten so viel Spaß zusammen. Als sie sich von ihm verabschiedete, sagte er: „Grüßt du Grandpa von mir? Oh und Rocky, meinen Hamster.“ Melinda und Beth tauschten einen Blick aus. Aidan hatte die ganze Zeit gewusst, dass Beth ein Geist war. Sie nickte und verabschiedete sich von ihrer Familie. „Bis bald, mein Engel“, sagte sie zu Melinda und ging ins Licht. Obwohl dieses Weihnachtsfest tränenreich und traurig war, würde es Melinda für immer in Erinnerung bleiben.