Veni, vidi, vici

von Nein Mann
MitmachgeschichteHorror, Sci-Fi / P16 Slash
12.12.2013
28.10.2014
6
19522
 
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Willkommen zu den 100sten Hungerspielen! Möge das Glück stets mit euch sein.

Prolog

Die Masse tobte. Eine gewaltige Menge an Bürgern hatte sich auf dem Platz draußen versammelt. Sie schrien, feierten, jubelten. Es war ein bunter Haufen von Menschen in bester Laune. Weil sie wussten, was für ein Tag war. Was für ein außerordentliches Ereignis bevorstand.
„Präsidentin Joss?“ Die Tür hinter ihr hatte sich geöffnet und ohne, dass sie sich umzudrehen brauchte, wusste sie, dass die Dame den Raum betreten hatte und nun auf sie wartete. Es war Zeit. „Sie müssen gleich Ihre Rede halten, Präsidentin.“
„In Ordnung“, antwortete sie samt. Ein letztes Mal nippte sie an dem Glas Wein in ihrer Hand. Rotwein. Lieblich und rot wie das Blut. Es würde so viel davon fließen. Und sie alle werden es feiern, als wäre es Goldregen.
Sie stellte es auf den Tisch vor ihren Füßen ab und erhob sich geschmeidig. Der Bildschirm mit den Übertragungen erblasste. Laut drang das Gewirr an Geräuschen herein. Sie genoss die Euphorie, sog sie in sich auf wie ein Schwamm. Ja, dachte sie und schloss die Augen, es ist so weit, feiert! Jubelt! Dieses Jahr werdet ihr nie wieder vergessen. Die Hungerspiele unter Präsidentin Joss werden einmalig. Unvergleichbar.
Die Dame geleitete sie hinaus, durch den leeren Korridor über den spiegelglatten Marmor. Mit jedem weiteren Schritt klickten auch ihre Absätze auf dem Grund. Fast wie das Ticken einer Uhr.
Klack. Der Zeiger rückt vor.
Klack. Auf das Ende zu.
Klack. Und wenn es zwölf schlägt, ist es vorbei.
Für immer.

Sie kamen zu dem Steinbogen, der nach draußen zum Podest führte. Zwei Friedenswächter bewachten den Ausgang und neigten ihre Köpfe, als sie herantrat. Die Dame ließ sie nun kommentarlos allein. Alle wussten, dass Joss überflüssiger Worte leid war. Schweigen galt für sie als edle Kunst. Schweigen sagte manchmal so viel mehr aus.
Ein triumphierendes Lächeln legte sich auf ihre bordeauxroten Lippen, als sie schließlich über den langen Teppich zum Mikrofon stolzierte. Die Designer hatten gute Arbeit geleistet. Sie sah perfekt aus, atemberaubend, als einziger Blickpunkt für das Publikum. Die jüngste Präsidentin Panems. Und wenn sie eins noch mehr hasste als unnötige Worte, dann waren es die Momente, in denen man die elegante Schönheit unterschätzte.
Ellen Joss wollte nicht unterschätzt werden.
Sie wollte geliebt, verehrt und bewundert werden.
Aber vor allem eins.
Gefürchtet.

„Panem!“ Sie hatte beide Hände gehoben, die Handflächen zum Publikum, als wollte sie alle umarmen. Das Wort schallte über den gesamten Platz und die Menge hob die Arme, jubelte. Ihr Lächeln breitete sich aus.
„Willkommen! Ich heiße euch alle herzlich Willkommen zu diesem außerordentlichen Ereignis!“ Sie lachte vergnügt und die Menge applaudierte.
„Ich weiß“, begann sie dramatisch, nachdem wieder Ruhe eingekehrt war. „Es ist mein erstes Jahr und ich bin ausgesprochen gerührt, dass mir diese Ehre zuteil wird!“ Wem auch sonst, dachte sie sich. Sie hatte jeden Konkurrenten ausgeschaltet. Niemals würde sie es auf Glück oder Schicksal ankommen lassen.
„Deswegen habe ich diese Gelegenheit als große Herausforderung angesehen; als Aufgabe, das vierte Jubel-Jubiläum für jeden unvergesslich zu machen!“
Joss stemmte die Hände in die Hüften und grinste kokett. „Die 100sten Hungerspiele, meine Damen und Herren. Es ist mir auch eine besondere Freude, diese Spiele zu leiten, nach dem, was, zu meinem Bedauern, bei dem letzten Jubel-Jubiläum geschah.“
Eine andächtige Stille breitete sich aus und die Präsidentin neigte spielerisch den Kopf, als würde sie den Verstorbenen gedenken. Sie verbarg ihr Lächeln, ihr viel zu spöttisches Lächeln.
„Doch das wird sich niemals wiederholen“, schwor sie und klang überraschend ernst und kühl. Auf einmal war sie keine liebenswürdige Königin mehr, sondern eine eiskalte Strategin.
„Snow hat nämlich einen großen Fehler begangen, meine Lieben.“ Joss schaute direkt in die Kamera. Da war kein Publikum mehr, kein Kapitol. Sie sah die Distrikte vor sich. Jeden einzelnen mit seinen Bewohnern und spürte die Macht, die sie innehatte. Es war umwerfend.
„Er hat vergessen, was Spiele sind. Wahre Spiele.“

Joss hatte ihre Rede abgeschlossen. Nun war es an ihr, das Thema des Jubel-Jubiläums zu verkünden. Es war bereits beschlossene Sache, dennoch zog sie zur Schau einen Umschlag aus dem Kästchen, das ihr hingehalten wurde. Der Schalk spiegelte sich in ihren Augen.
„In den 100sten Hungerspielen“, begann sie und es wurde so still, das man eine Stecknadel hätte fallen hören können, „werden die Kapitolbewohner über Leben und Tod der Tribute entscheiden, um die Distrikte daran zu erinnern, dass sie jegliche Macht verloren haben.“