Am Anfang

KurzgeschichteRomanze, Freundschaft / P16 Slash
Marlene Wolf Rebecca von Lahnstein Tristan von Lahnstein
12.12.2013
27.06.2014
7
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12.12.2013 1.196
 
Rebecca saß in der Schlossküche und skizzierte das Gesicht Marlenes vor sich hin. Es gelang ihr schon länger nicht mehr, diese widerstreitigen Gefühle für Marlene zu ignorieren, nicht mal bei der Arbeit gelang es ihr, Marlene zu vergessen.
Marlene.
Wenn Rebecca sich zurückbesann, musste sie immer mit einem leichten Schmunzeln daran denken, wie Marlene und sie sich gleich bei ihrem ersten Aufeinandertreffen nicht hatten ausstehen können. Die beiden waren wie Pech und Schwefel, und die Krönung der ganzen Geschichte war, dass Rebecca damals Marlenes Hochzeitskleid designen sollte, weil Marlene die Braut ihres Bruders Hagen war.
Heute war alles anders. Marlene und Hagen waren längst geschieden, und Marlene glücklich mit Hagens und Rebeccas Bruder Tristan zusammen. Die beiden hatten so lange um ihr Glück kämpfen müssen, dass sie es sich redlich verdient hatten, so viel musste Rebecca zugeben. Doch gegen ihre Gefühle konnte sie einfach nicht ankämpfen. Sie kamen ganz plötzlich, als Marlene in ihrer Wohnung eingeschlafen war und Rebecca nicht widerstehen konnte, sie musste Marlene einfach zart über die Wange streichen.
Schon seit ihrer Rückkehr aus New York verbrachte Rebecca viel Zeit mit Marlene. Marlene hatte eine schwere Zeit hinter sich. Sie wurde von Tristans Jugendfreund Alexander vergewaltigt und hatte später ein Kind abgetrieben, von dem sie nicht wusste, ob es von Tristan oder von ihrem Peiniger war. In dieser Zeit war Rebecca Marlene eine große Stütze, und so wurden aus den beiden recht unerwartet enge Freundinnen.
Rebecca erinnerte sich daran, wie Marlene und sie sich gemeinsam den letzten Liebesfilm angeschaut hatten. Sie haben gleichzeitig angefangen zu weinen und sich gegenseitig in den Armen gelegen. All das kam Rebecca plötzlich so unwirklich vor. Es konnte doch nicht sein, dass sie sich ausgerechnet in Marlene, die Freundin ihres Bruders Tristan, verliebt hatte!
Dass Rebecca nicht nur auf Männer stand, wusste sie schon länger. Angefangen hatte alles vor zwei Jahren, als sie ihre ersten lesbischen Erfahrungen mit der smarten Kellnerin Miriam gemacht hatte. Zuvor musste Rebecca im heterosexuellen Bereich nur Enttäuschungen erleben. Doch auch mit dem gleichen Geschlecht ist Rebecca nicht glücklich geworden. Einige lockere Affären in New York, und das war es auch schon. Seit ihrer Rückkehr nach Düsseldorf war sie in ihrem Chefdesignerposten bei "Ligne Clarisse Lahnstein", dem Modeunternehmen ihrer Schwägerin Tanja, ohnehin viel zu eingespannt, um ein Privatleben zu führen.
Rebecca legte den Bleistift auf den Tisch und beobachtete die Köchin Linse, die schon seit vielen Jahren für die Familie von Lahnstein arbeitete, bei der Arbeit. Doch vor ihrem geistlichen Auge erlebte Rebecca noch einmal, wie sie Marlene über die Wange gestrichen hatte. Sie konnte es immer noch fühlen, Marlene hatte sich so zart und unberührt angefühlt. Mit einem leichten Grinsen auf dem Gesicht versank Rebecca in ihrem Träumen und bemerkte nicht, wie plötzlich ausgerechnet Tristan und Marlene, glücklich miteinander lachend und herumalbernd, in die Küche kamen.
"Hey, Rebecca", begrüßte Tristan nichts ahnend seine Schwester und kam zusammen mit Marlene auf sie zu. Wenn die beiden wüssten, dachte Rebecca. Sie wollte es sich nicht ausmalen.
Ungläubig beugten die beiden sich über den Tisch und betrachteten erstaunt Rebeccas Skizzen.
"Wow!", entfuhr es Tristan, der immer noch kaum glauben konnte, wie gut Rebecca zeichnen konnte. Das künstlerische Talent ihrer Mutter schien einzig an Rebecca vererbt worden zu sein.
Während Marlene noch immer erstaunt war, wie hübsch sie auf Rebeccas Skizzen aussah, war Tristan der Erste, der die für Rebecca scheinbar unerträgliche Stille unterbrach.
"Hast du noch mehr davon?", fragte Tristan neugierig, in der leisen Hoffnung, ein paar Skizzen von Rebecca geschenkt zu bekommen, um sie sich einzurahmen und in seiner Suite aufzuhängen. Früher war Tristan definitiv nicht der Experte für Romantik und derartige Kleinigkeiten gewesen - ihn interessierten vielmehr schnelle Affären und Börsengeschäfte -, doch mit Marlene an seiner Seite war alles anders. Sie war seine große Liebe.
"Nein", entfuhr es Rebecca sachlicher, als es eigentlich klingen sollte.
Endlich fand Marlene ihre Worte wieder. "Sag mal, hattest du dafür eine Vorlage?"
"Nein", Rebecca suchte nervös nach einer Ausrede, um den wahren Grund für die Anfertigung der Skizzen zu verschleiern, "wenn ich designe, stelle ich mir halt Menschen vor, die ich gut kenne." Insgeheim hoffte Rebecca, die Neugier der beiden mit dieser Antwort gestillt zu haben und aus der kompromittierenden Situation so schnell wie möglich entfliehen zu können.
Tristan zog kaum erkennbar eine Augenbraue hoch. "Marlene scheinst du besonders gut zu kennen."
Diese Bemerkung sollte weder zweideutig sein noch irgendeine Anspielung beinhalten, doch Rebecca bemerkte die Zuckung an Tristans Augenbraue und musste sofort befürchten, dass er sie verdächtigte, etwas für Marlene zu empfinden.
"Es geht mir hier um den Bikini und nicht um Marlene", stocherte Rebecca hastig um eine Antwort herum, in der leisen Hoffnung, Tristan damit beruhigen zu können.
"Hey", hörte Rebecca Marlene plötzlich sagen. Die Schwingung in Marlenes Stimme führte Rebecca peinlich berührt vor Augen, dass sie mit ihrer Vermutung daneben lag; weder für Tristan noch für Marlene dürfte es auch nur einen Anlass zu der Vermutung gegeben haben, sie würde etwas für Marlene empfinden.
Marlene lachte auf ihre Weise, für die sie sowohl Tristan als auch Rebecca so sehr mochten, und Rebecca lachte ebenfalls, um ihre Anspannung zu entkräften, doch sie senkte leicht den Kopf, um zu überspielen, dass sie errötete.
"Beeindruckend", sagte Tristan plötzlich, der immer noch in Rebeccas Skizzen vertieft war.
Rebecca kam plötzlich eine Idee, wie sie der Situation noch schneller entfliehen konnte. Sie sprang auf, sortierte hastig die durcheinander auf dem Tisch herumliegenden Skizzen und drückte sie Tristan in die Hand.
"Weißt du was? Ich schenk' sie dir! Und jetzt muss ich noch schnell in mein Zimmer, Tusche holen."
Rebecca rückte schnell den Stuhl an den innerhalb der großen, rustikalen Küche zentral platzierten Tisch und machte sich auf den Weg zur Treppe, voller Erleichterung, dieser Situation erst einmal entkommen zu sein.
Während Rebecca noch eilig die Treppe heraufstürzte, trat Marlene mit ihren verführerischen Schritten an Tristan heran. "Deine kleine Schwester … sie hat so viele Talente."
Tristan spürte deutlich, dass Marlene eigentlich gar keine wirkliche Lust hatte, über dieses Thema zu reden, doch ihn faszinierten Rebeccas Zeichnungen noch immer. Ob es Rebeccas Zeichenstil und die formvollendeten Detailausarbeitungen in Marlenes Gesicht waren, konnte Tristan nicht sagen. Was ihn aber viel mehr beeindruckte, war Marlene. Auch wenn er täglich ihrem leibhaftigen, wunderschönen Körper gegenübertreten durfte, so wurde ihm auf Rebeccas Zeichnungen noch deutlicher bewusst, wie schön Marlene war.
"Und so eine schmutzige Fantasie", fügte Tristan hinzu, dem klar war, dass Rebecca Marlene nicht aus irgendeinem Grund als ihr Zeichenobjekt ausgewählt hat. Da hätte sie auch genauso gut Butler Justus oder ihren Cousin Ansgar auswählen können, aber Marlene war etwas ganz Besonderes, und das wussten sowohl Rebecca als auch Tristan nur zu gut.
Marlene konnte auf Tristans Kommentar einen kleinen Lachanfall nicht unterdrücken. Die Zweideutigkeit in Tristans Stimme war für sie nichts mehr als Ironie. Marlene wäre um nichts in der Welt auf den augenscheinlich für sie so absurden Gedanken gekommen, Rebecca könnte tatsächlich mehr für sie empfinden. Denn für Marlene war Rebecca nur eine gute Freundin, und sie wollte, dass das auch so blieb.
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