Highway to Hollywood

von Olympia
GeschichteDrama, Krimi / P12
John Stillman Kat Miller Lilly Rush Nick Vera Scotty Valens Will Jeffries
10.12.2013
15.05.2014
5
9376
 
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Ich trage jetzt schon lange die Idee für eine zusätzliche Folge der Serie mit mir herum, die ich endlich umsetzen will. Ich werde immer abwechselnd die Rückblicke und die Gegenwart erzählen und versuchen mich an die Struktur der Original-Folgen zu halten.
Spielen tut diese "Folge" zu der Zeit, als Kat Miller bereits Mitglied des Teams ist, ansonsten werde ich keine große Rücksicht auf besondere zeitliche Umstände nehmen, da ich dafür die einzelnen Folgen nicht mehr gut genug in Erinnerung habe. Da ich mich auch nicht in Philadelphia auskenne, werden auch keine Ortsnamen mit reinspielen.
Da in der Serie ja viele Szenen mit zeitgenössischer Musik untermalt werden, werde ich auch immer wieder Anmerkungen machen, welche Musik gerade läuft.
Ich würde empfehlen diese dann auch beim Lesen zu hören...

Ich freue mich natürlich über jede Rückmeldung, jedes Review und erst recht jeden Favo-Eintrag (:


~*~

Musik - "Love is a battlefield" von Pat Benatar
http://www.youtube.com/watch?v=E62lEX_YMZk


~*~


02. Mai 1983

Lau und angenehm schien die Sonne vom Himmel hinab auf die ordentlichen Vorgärten und weiß gestrichenen Häuser der beschaulichen Vorstadt Philadelphias. Von überall tönten fröhliche Stimmen und Kinderlachen, die Welt schien so heil und freundlich wie sonst nur selten. Auf dem sorgsam gestutzten Rasen vor einem typisch amerikanischen Haus saß ein Junge in kurzen Hosen und las in einem Buch. Er lächelte, fröhlich über die Geschichte, die ihm die Seiten erzählten und blätterte so schnell um, dass man sich fragte wie schnell er denn lesen konnte.
Eine junge Frau in einem geblümten Sommerkleid schob einen Kinderwagen über die Straße und grüßte den Jungen freundlich, als sie an ihm vorbeiging. Der Junge sah kurz auf und winkte ihr zu, ehe er wieder all seine Aufmerksamkeit auf das Buch richtete.
Die Frau schob den Wagen weiter und redete leise mit ihrem Sohn, der zufrieden eine Rassel schwang. Nichts konnte ihre gute Laune an diesem Tag trüben. Gerade erst war ihr Mann befördert worden und nun hatten sie genug Geld, um in den Sommerferien vier Wochen lang in die Karibik zu fliegen, ach, was würden all ihre Freundinnen neidisch sein. Auch wenn keine von denen je Geldsorgen gehabt hatte, so hatten sie doch lange nicht so viel zur Verfügung wie sie und deswegen würde sie für den nächsten Donnerstag auch eine kleine Grillparty organisieren, um ihnen allen zu zeigen, was für ein luxuriöses Leben sie sich nun leisten konnte.
Zufrieden und glücklich mit diesen Gedanken bog sie in die Auffahrt zu ihrem Haus ein und hievte den Kinderwagen die drei Stufen zur Veranda hoch.
Zwei Häuser weiter war die alte Mrs. Peterson gerade dabei ihre Rosen zu stutzen, einer Beschäftigung, der sie nur allzu gerne nachging, ob es nun sinnvoll war oder nicht. Dabei gingen ihr die Rosen auch nicht selten ein, aber es kümmerte sie nicht und ihr Mann kaufte ihre so lange weiterhin Blumen, wie sie ihn nur in Ruhe ließ. Mit diesem Deal waren beide Eheleute nach fast fünfzig gemeinsamen Jahren nur allzu einverstanden.
Als kurz darauf Miss Goldstein, die Nachbarin von schräg gegenüber, ruckartig die Tür aufriss, nur um sie gleich darauf wieder zuzuknallen, flogen aus dem Kirschbaum in ihrem Vorgarten verschreckt ein paar Vögel auf, die Mr. Goldstein – ihr Vater – aus dem Fenster heraus durch sein Fernglas ganz zweifelsfrei als gewöhnliche Spatzen identifizierte, er brauchte nicht einmal in seinen kleinen Naturführer zu sehen, der wie immer neben ihm auf dem kleinen Beistelltisch lag.
Auf dem Dach des Hauses der Goldsteins hockten zwei Dachdecker, ein Nachbar von um die Ecke und sein Sohn, und besahen sich gerade die alten Dachschindeln, als plötzlich ein lautes Knallen die trübe Stille zerriss, gefolgt von einem lauten Schrei. Wachgeschüttelt aus einer andauernden, gewöhnlichen Trance reckten alle Bewohner der Straße ihre Köpfe. Die Dachdecker unterbrachen ihre Arbeit, Mr. Goldstein vergaß seine Vögel und die junge Mutter ließ fast ihren Kinderwagen die Stufen zur Veranda wieder runterrollen, als sie plötzlich abgelenkt wurde von diesem unpassenden Geräusch.
Da ertönte noch ein Knall. Es war ganz bestimmt eine Tür, die zugeknallt worden war und  zwar mit solcher Wucht, dass sie vielleicht einen beträchtlichen Schaden davongezogen hatte.
Jetzt war auch klar, woher der Lärm kam. Es war Haus Nummer 345. Das Haus der Sages. Das steigerte das allgemeine Interesse an ungewöhnlichen Ereignissen nur noch.
Mr. Sage war ein äußerst erfolgreicher Manager, der seine Firma sehr profitabel führte und die Familie schien nach außen hin immer perfekt gewesen zu sein. Und umso perfekter die Fassade, umso perfider natürlich die Hintergründe, das wusste jeder, der schon mal versucht hat in einer beschaulichen Vorstadtsiedlung zu leben.
Unausweichlich waren alle Blicke nun auf die hellblau gestrichene Vordertür des Hauses Nummer 345 gerichtet. Ein, zwei Augenblicke verstrichen und nichts passierte. Dann ging die Tür auf. Mit großen Schritten kam jemand heraus. Zuerst blieb die Person im Schatten der Veranda, aber als sie die Stufen hinunterstürmte, unter dem Arm eine große, vollgepackte Sporttasche, erkannten alle, wer sie war. Lisa Sage war ein auffällig hübsches junges Mädchen, groß gewachsen, ausgestattet mit einer schlanken Figur und auffällig glänzenden hellbraunen Haaren. Sie war in diesem Haus hier geboren worden und alle Nachbarn hatten mitangesehen wie sie groß wurde. Jeder wusste, wann sie zur Schule gekommen war, jeder wusste, dass sie jeden zweiten Abend mit dem Hund einer Nachbarin spazieren ging, jeder wusste, dass sie mit Vorliebe morgens joggen ging und jeder wusste auch von den Problemen, die sie ihren Eltern in letzter Zeit bereitete. Miss Goldstein hatte zum Beispiel beobachtet wie sie am letzten Sonntag  gegen drei Uhr morgens aus dem Wagen eines jungen Mannes gestiegen war, der ganz und gar ungeeignet aussah, und natürlich war das ganze Viertel davon in Kenntnis gesetzt worden.
Lisa blieb am Gartentor kurz stehen und drehte sich um. Auf der Veranda zeigten sich die Umrisse einer weiteren Person, die mit Mrs. Sages durchdringender Stimme brüllte: „Lisa, du kommst jetzt sofort zurück und redest mit mir!“
Das Mädchen starrte ihre Mutter mit bösen Blicken an und antwortete dann ganz einfach, indem sie ihr beide Mittelfinger entgegen streckte, das Gartentor öffnete und auf die Straße hinaustrat.
„Lisa!“, schrie Mrs. Sage noch lauter, ehe sie die Blicke all ihrer Tratsch freudigen Nachbarn spürte und beschloss ihrer Tochter zu folgen. Als sie das Tor erreicht hatte, war Lisa gerade dabei die Fahrertür ihres VWs aufzuschließen. „Du wagst es nicht, jetzt zu gehen!“, erhob Mrs. Sage warnend die Stimme.
Genervt öffnete Lisa die Tür des Wagens und wandte sich kurz um. „Ach nein?“
Das Gesicht des kleinen Jungen im Fenster über der Terrasse des Hauses Nummer 345 fiel keinem der Schaulustigen auf, dafür aber, dass auf der Veranda eine dritte Gestalt erschien. Dem großen, breiten Körperbau nach konnte das nur Mr. Sage sein. „Lisa!“, röhrte er laut und folgte seiner Frau mit großen Schritten über den Gartenweg.
„Ihr könnt mich alle mal!“, antwortete ihre Tochter dem wütenden Ehepaar rotzig und knallte die Autotür hinter sich zu. „Lisa, wenn-“, setzte Mrs. Sage noch einmal an, aber der Rest ihres Satzes wurde vom Aufheulen des Motors verschluckt, als der VW losfuhr und kurz darauf deutlich die Geschwindigkeitsbegrenzung überschreitend die Straße hinunter raste.
Und während ihre Eltern im Vorgarten wie angewurzelt stehen blieben, erstarrt in einem Gefühlsmischmasch aus Scham und Wut, begann Lisa zu lächeln, während sie den Wagen um die Kurve jagte. Endlich, endlich frei.
Sie stellte das Kassettenradio an und drehte die Lautstärke hoch und sang aus voller Kehle mit.

We are young
Heartache to heartache
We stand
No promises, no demands
Love is a battlefield
We are strong
Noone can tell us we're wrong
Searching out hearts for so long
Both of us knowing
Love is a battlefield


Sie war sich noch nicht sicher, wohin sie jetzt fahren und wo sie jetzt bleiben würde, aber die Hauptsache war, dass sie das Haus ihrer Eltern verlassen hatte. Nichts konnte sie jetzt noch dort halten, nichts. Nie wieder würde sie sich vor ihrer Mutter rechtfertigen müssen, wenn sie zu spät nach Hause kam, nie wieder würde sie sich von ihrem Vater anhören müssen wie nutzlos sie war. Nie wieder!  Sie würde versuchen bei einer Freundin unterzukommen und dann würde sie sich neben der Schule einen Job suchen. Alles würde ganz wunderbar werden, da war sie sich sicher.

-
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Ein kalter Wind wehte über Philadelphia hinweg und vertrieb das sommerliche Klima des Tages. Weit weg von gepflegten Vorgärten und hellblauen Haustüren ließen die Straßenlaternen ihr dumpfes Licht über schmutzige Gassen flackern.
Auf dem Hinterhof stank es, aber nicht nach Abfall.
Ein kleiner Spatz hüpfte über den grauen Teerboden. Von weit weg tönte ein kehliges Lachen, gefolgt von betrunkenem Gejohle. Eine Böe ließ das Laub einer alten Eiche rascheln. Dann herrschte Stille. Es war eine unangenehme Stille, eine Stille, der man schnellstmöglich entfliehen wollte.
Der Spatz flog plötzlich auf und entfernte sich schnell. Der graue Boden änderte seine Farbe. Rote Flüssigkeit floss in einem schmalen Rinnsal über den Asphalt. Ein, zwei Meter schaffte der Tropfen noch, dann hielt er an und begann mit dem Untergrund zu vertrocknen. Gut drei Meter hatte er schon hinter sich gebracht. Er stammte aus einem breiteren Strom roter Flüssigkeit, die sich aus einer großen Pfütze gelöst hatte. Ein kleiner See. Ein kleiner See Blut, der den Asphalt zierte. Lebenssaft, herausgeflossen aus dem Leben, das auf dem kalten Boden erloschen war. Der Körper lag leblos dort. Auf dem Rücken ausgestreckt, als würde das Mädchen nur schlafen, die Hände weit von sich gehalten, die Haare um ihren Kopf aufgefächert.
Das Blut war aus einer Wunde in ihrer Schulter geflossen, die schwer zu sehen war, da sich die dunkle Einschussstelle nur schwach von ihrer Jeansjacke abhob. Sehr gut zu erkennen aber war die zweite, tödliche Wunde. Die Kugel hatte sie direkt in die Stirn getroffen und den Kopf durchschlagen, das Gehirn, das Zentrum ihres Seins und Denkens, zerrissen. Die Augen hatte sie geschlossen, vielleicht im Anblick des Todes. Der Mund stand leicht offen, aber nie wieder würde ein Atemzug über ihre Lippen gehen. Nie wieder.
Die grauen Wolken am Himmel begannen sich auszuleeren. Ein Tropfen fiel hinab, dann ein weiterer, noch einer, noch einer, noch einer und dann prasselten sie zu tausenden zu Boden. Der Regen verflüssigte das halb getrocknete Blut auf dem Boden, tropfte auf das blasse, tote Gesicht, verfing sich in ihren Haaren und sie vermochten, was keine Tränen mehr anrichten konnten – langsam ließen sie Lisa Sages Wimperntusche über ihr Gesicht verlaufen.

Als sie das Prasseln an der Fensterscheibe hörte, wandte Mrs. Sage den Kopf um.
„Es regnet, Dick.“ Dann widmete sie all ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihr Strickzeug.
„Das höre ich, Pat“, entgegnete ihr Ehemann genervt und ohne von seiner Zeitung aufzublicken. Und kurz darauf: „Pf. Drüben in Downtown hat sich schon wieder so ein armseliges Mädchen abknallen lassen, schon gehört?“
Seine Frau zuckte mit den Achseln. „Mag sein.“
Und für einen Moment stand unausgesprochen eine Frage im Raum. Wo war Lisa. Wo.
Aber der Moment ging vorrüber. Mr. Sage blätterte um und Mrs. Sage begann eine neue Maschenreihe. So, als wäre nichts gewesen.
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