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Die Physiker - Schwester Dorotheas Tod

von SheWolf
GeschichteDrama, Tragödie / P12 / Gen
Newton / Herbert Georg Beutler Schwester Dorothea Moser
09.12.2013
09.12.2013
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SCHWESTER DOROTHEAS TOD

Newton und Schwester Dorothea beim Schachspiel.


Newton:     (zieht)
     Gewonnen.

Schwester Dorothea:          Mal wieder.
                         
(steht auf und tritt zum Fenster)


Newton ordnet die Figuren mit konzentrierter Miene in der Ausgangsstellung an und bleibt danach gedankenverloren am Tisch sitzen. Schwester Dorothea dreht sich um, zögert. Sie macht Anstalten, den Raum zu verlassen, tritt dann jedoch unentschlossen wieder zurück. Newton ignoriert sie.


Dorothea:     Worüber sinnierst du?

Newton:     Die Schwerkraft…

Einiges Schweigen.


Dorothea:     Fühlst du dich eigentlich nie … eingeengt? Gefangen?

Newton:     Nein, durchaus nicht. Mir gefällt es hier. Ich kann ungestört meine Theorien entfalten und mit dir Schach spielen.
     Die Welt, die mich sowieso nur missversteht, lässt mich in Frieden.

Dorothea:     Ich muss mit dir reden.
(holt den Cognac)


Newton:     Bitte sehr.
(macht etwas Platz auf dem Sofa)


Dorothea:
(nachdem sie Cognac eingeschenkt und sich zurechtgesetzt hat)

     Wer bist du?

Newton:      Sir Isaac Newton.

Dorothea:     Nein, der bist du nicht.

Newton:     Ja, du hast Recht. Ich bin Albert Einstein.

Dorothea:     Ebenfalls nicht.

Newton:     Na gut, Herbert Georg Beutler.

Dorothea:     Nein, durchaus nicht.

Newton:     
(Verschluckt sich an seinem Congac)
(hustend)

             Wer dann?

Dorothea:     Das wüsste ich gerne. Aber ich weiß, dass du nicht verrückt bist.

Newton:     Offensichtlich bin ich das. Ich befinde mich in dieser Anstalt. Und außerdem…

Dorothea:     Du bist hier, weil du dich verstecken musst. Du wirst verfolgt. Wegen deiner Ideen .
               Deine Arbeiten drehen sich nicht um die Schwerkraft.

Newton:                       
(schweigt)


Dorothea:     Woran arbeitest du?

Newton:                       
(schweigt)


Dorothea:     Radioaktivität? Waffen?

Newton:                       
(schweigt)


Dorothea:     Für wen?

Newton:                       
(schweigt)


Dorothea:     
(Wechselt das Thema, hoffnungsvoll)

     Aber das muss dich jetzt aber alles nicht mehr kümmern. Ich habe ein Haus gekauft, weit weg von
       hier.
     Ich habe dir einen anderen Namen und eine andere Identität verschafft.
     Du wirst dich um nichts mehr sorgen müssen! Keiner wird dich je finden können!
     Du musst nur mit mir mitkommen. Wir können noch heute gehen! Ich habe die Erlaubnis von
        Fräulein Doktor. Sie hält dich für harmlos.

Newton:     Und du hast keine Angst, mit einem Verrückten unter einem Dach zu leben?

Dorothea:     Ich weiß, dass du nicht verrückt bist.

Newton:        Wie kannst du dir da so sicher sein?

Dorothea:     Ich bin Krankenpflegerin. Ich weiß, wann jemand verrückt ist. Ich kenne dich. Und du
                bist es nicht.
              Herbert, Albert, Isaac- egal:  ich liebe dich.

Newton:      Ich muss hier bleiben.

Dorothea:     Liebst du mich denn nicht?

Newton:          Doch – aber ich muss hier bleiben.

Dorothea:     Du liebst mich nicht.

Newton:     
(eindringlich)

     Dorothea- ich liebe dich wirklich, das musst du mir glauben. Aber ich darf diesen Ort nicht
       verlassen.
     Außerdem – ich bin Physiker. Ich habe Wichtigeres zu tun, als zu lieben.

Dorothea:     
(nimmt seine Hand und führt ihn zum Fenster)

     Du darfst so etwas nicht sagen. Das hier ist doch kein Leben für uns.
     Sieh nur – vergitterte Fenster. In unserem Haus wirst du nie mehr diese Gitter sehen müssen.

Newton:     Gitter bedeuten Sicherheit.

Dorothea:     Nein, sie bedeuten Gefangenschaft. Wenn wir erst hier raus sind, darfst du gehen, wohin
               du willst, du wirst frei sein…
                Du wirst dich im ganzen Haus bewegen dürfen, hinausgehen, wann immer      du willst, musst nie wieder mit diesen
                Verrückten essen, wirst nachts neben mir liegen…
(Sie zieht ihn an sich und küsst ihn leidenschaftlich. Er erwidert ihren Kuss, macht sich dann aber von ihr los. )


Newton:     Ich darf nicht gehen.

Dorothea:     
(mit leisem Lachen)

     Du musst sogar gehen. Du bist seit heute Mittag offiziell entlassen.

Newton:     
(entsetzt)

     Wie bitte?

Dorothea:     
(über seine Wange streichend)

     Ja. Du bist frei.

Newton:     Wie schön.
(Wendet sich halb ab. Dreht sich dann mit dem Mut der Verzweiflung um und schlingt die Vorhangkordel um Dorotheas Hals. Nach einigem, heftigem Kampf geht sie zu Boden. Er hält fest, bis sie sich nicht mehr rührt.)

     
Newton:     
(sinkt neben ihr auf die Knie)

     Bei Gott! Schwester Dorothea! Was habe ich getan? Dorothea! Nein!
     
(schluchzt)


Oberschwester:          
(betritt gerade den Raum)

          So, mein lieber Newton, hier ist ihr Nachmittagstee.
          
(entdeckt die tote Schwester Dorothea. Schreit auf.)

          
          Oh mein Gott! Was haben sie getan?

Newton:          
(hohl)
Was habe ich getan.

Oberschwester:          Sie haben Schwester Dorothea ermordet!

Newton:          
(wie vorher)

                       Ich habe Schwester Dorothea ermordet.

Oberschwester:          Sie sind gefährlich!

Newton:          
(zögernd)

                       Ich bin gefährlich.

Oberschwester:          
(rauscht hinaus)

          Ich werde das Fräulein Doktor verständigen.

Newton:          
(kniet sich erneut neben Schwester Dorothea, mit zitternder Stimme)

          Was habe ich nur getan? Ich bedauere. Weil wir uns liebten, musstest du sterben.
          
(fester)

          Es tut mir so leid. Doch ich bin verrückt. Ich bin Physiker. Ich bin Sir Isaac Newton.

(beginnt, den Vorhang, der während des Kampfes zu Boden gegangen ist, ordentlich aufzuhängen und die Stühle und das Bild zurechtzurücken, als er dies vollendet hat, verschwindet er, mit einem letzten Blick auf Schwester Dorothea, in seiner Kammer.)


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Zu Ehren des genialen Stückes "Die Physiker".
Besonders gewidmet dem Genannten - dein Schauspiel ist immer noch beeindruckend.
Inspiration hierzu zu einem großen Teil deine Mitschuld.
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