Briefe aus dem Hades

GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P12
Alexander Hephaestion
01.12.2013
12.07.2015
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Einkurzer Brief an den König, wie er hätte lauten können.




Mein über alles geliebter Alexander,

wenn ich bei dir bin, fühle ich mich dir so unbeschreiblich nah. Doch anstatt dieses Gefühl und den Moment zu genießen, drängt sich die Sehnsucht, dich noch näher zu spüren immer öfter dazwischen. Ich will dir näher sein als ich es jemals sein kann, meine Seele wird erste Ruhe finden wenn sie sich mit deiner vereint.

Ich rede daher wie ein dummer Schuljunge, aber wenn ich in deinen Augen schaue, sehe ich mein Leben in ihnen vorbei ziehen und warte darauf, dass es mit deinem kollidiert. Ich wünsche mir manchmal, du würdest nur mir gehören, dass ich dich mit niemandem teilen müsste, dass wir ganz alleine auf der Welt wären und wir den Druck der auf unseren Seelen lastet einfach hinter uns lassen. Ich wünsche mir, dass du mich einmal genauso lieben wirst, wie ich dich. Unsere Freundschaft bedeutet mir zu viel als dass ich sie wegen etwas anderen aufs Spiel setzten wollte. Und deshalb werde ich diesen Brief wohl nie verschicken. Ich kenne dich einfach zu gut, mein Alexander. Ich weiß, dass deine Liebe deinen Träumen galt, gegen die ich nie ankommen werde.

Doch würde ich alles darum geben, einmal nur den Ausdruck in deinen Augen zu sehen, den du trägst, wenn du über Asien sprichst, wenn mein Name deine Lippen verlässt. Ich verszehre mich jede Sekunde danach in deinen Armen zu liegen und deine bedingungslose Liebe zu spüren. Du liebst dein Reich und du liebst die Kulturen, du fühlst dich in ihnen zuhause und das ist eine Gabe ich nicht zu nachzuahmen vermag. Mein Herz schmerzt bei den Gedanken an unsere Heimat und nur in deinen Armen finde ich ein Stück von ihrer Süße wieder. Du schenkst mir Trost und Schmerz zugleich. Ich fühle mich so unendlich geborgen bei dir und gleichzeitig gibst du mir das Gefühl weit entfernt zu sein, dass deine Träume und die Schlachten uns im Wege stehen. Jeden Tag muss ich aufs Neue fürchten, dich zu verlieren. Ich liebe dich so sehr, Alexander, dass ich es nicht in Worte zu fassen vermag. Doch blicke ich einmal auf mein Leben zurück, so sehe ich die Blicke, die ich dir zuwarf, die Momente in denen wir gemeinsam lachten und träumten. Wie wir alles miteinander teilten bis hin zu unserem Leben, und ich glaube sagen zu können, dass in all diesen Augenblicken meine Gefühle aus mir sprachen. Keines meiner Lächeln war gelogen, kein Lachen gespielt, mein Leben war stets ehrlich und so kann ich es dir auch nicht verheimlichen was ich für dich empfinde. Vielleicht einmal später wenn ich den Mut dazu finden sollte, wenn all das hinter uns liegt und sich all unsere Träume erfüllen, vielleicht werde ich den Mut dazu haben, aber vielleicht werde ich auch ewig schweigen. Hoffe ich doch, dass du es in meinen Augen siehst, es zwischen den Zeilen liest wenn ich meine Worte mit dir teile. So oft hast du gesagt, dass ich immer der Erste bleiben werde, egal was kommen mag. So sehr wünsche ich mir, dass du es nicht nur sagen würdest, sondern, dass du es mich einmal in meinem Leben spüren lässt.

Eigentlich sollte ich zufrieden sein mit dem was ich habe, ich habe alles erreicht wovon man als Kind nur träumen kann. Ein hoher Rang im Heer, ein einflussreicher Politiker, der Vertraute des Königs. Mein Leben könnte von außen betrachtet nicht besser sein. Doch wenn man genau hinsieht, kann man erkennen dass es nie perfekt sein wird, dass mir immer etwas fehlen wird. Und jetzt frage ich dich Alexander, warum siehst du es nicht, wenn es doch jeder andere tut. Einmal nur, wünsche ich mir, dass du mir in die Augen siehst und mir sagst, dass du mich liebst.

Du wirst diesen Brief vermutlich nie bekommen, doch fühle ich mich leichter nachdem ich all diese Worte los geworden bin. Ich wünschte, du könntest mich jetzt sehen, mir die Feder aus der Hand nehmen, diesen Brief zerreißen und sagen, dass all diese Worte doch gar nicht nötig sind, dass du all das schon weißt und dasselbe empfindest. Doch weiß ich, dass es bloß Wunschdenken ist und ich mit meinen Gefühlen leben muss, in der Hoffnung, dass du sie eines Tages entdecken –und mir den Schmerz von der Seele nehmen wirst.

In ewiger Liebe, dein ergebenster Freund

Hephaistion



Als ich den Brief zu Ende gelesen hatte, ließ ich mich an der Wand zu Boden gleiten. Zu groß war der Schmerz der Erkenntnis, dass dieser Mann um den ich die vergangen Tage bitterlich geweint hatte, dasselbe für mich empfunden hatte, und sich nie einer traute, dem anderen diese Gefühle zu offenbaren. Ich war so blind gewesen, so blind, in meinem Begehren nach Macht und Ruhm, jegliche Helden in den Schatten zu stellen, dass ich nicht gesehen hatte, dass sich meine Welt die ganze Zeit an meiner Seite befunden hatte. Mit gebrochenem Herzen und zerrissener Seele verbarg ich mich in meinem Schmerz und wusste das ich in meinem Leben nichts erreicht hatte was wirklich von Bedeutung war, das ich so sehr versucht hatte das Große zu erreichen, dass ich die kleinen, unscheinbaren Dinge übersehen –und damit meinen Erfolg der Bedeutungslosigkeit verschrieb. Denn mit wem sollte ich ihn jetzt noch teilen, wenn nicht mit dem Menschen, der die Welt für mich war, der Einzige der das in mir gesehen hatte, was ich wirklich war. Ein kleines Kind, welches sich nichts mehr wünscht als die Liebe und Anerkennung seiner Eltern. Zu spät sah ich, dass ich mein Leben verwirkt hatte und ich nie wieder eine Chance haben würde, um es rückgängig zu machen. Denn wenn die Seelen erst einmal im Hades sind, so werden sie nie zurück kehren.