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Aushilfsgöttin wider Willen

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Humor / P18 / Gen
Fandral Frigga Loki Odin Sif Thor
01.12.2013
02.07.2014
29
106.622
45
Alle Kapitel
282 Reviews
Dieses Kapitel
26 Reviews
 
 
01.12.2013 2.227
 
So, ich poste mal einen Versuch und warte ab, was ihr so dazu sagt… Viel Spaß beim Lesen und vielleicht bis zum nächsten Kapitel…









Mein Flur ist nicht 100 Meter lang


Ich glaube, ich brauche dringend Urlaub oder einen sonstigen Freizeitausgleich. Vielleicht reicht auch ein gepflegtes Besäufnis, um meine Nerven zu beruhigen. Aber hier, an diesem Ort gibt es keinen Alkohol, jedenfalls nicht in meiner Reichweite. Hier gibt es Soldaten mit albernen Helmen. Warum trägt man Helme mit Hörnern? Ist mir in Sachen Mode irgendwas entgangen, was ich sowieso nicht mitmachen werde, weil es einfach dämlich aussieht? Was zum Teufel ist passiert?

Ich könnte schwören, dass ich vor nicht mal fünf Minuten noch alleine auf meinem Sofa saß, ganz gemütlich mit einer Tasse Tee, während im Fernsehen irgendein Film lief, der mich nur am Rande interessierte. Ich hatte in der rechten Hand eine Häkelnadel und im wahrsten Sinne des Wortes den Faden verloren. Dann verstummte der Fernseher, das Licht ging nur den Bruchteil einer Sekunde später aus. Toll, ein Stromausfall. Und zwar ein totaler, alles ist dunkel, gegenüber brüllt das dicke Nachbarskind rum, dass es kein Fernsehen gibt. Ja, liebes, dickes Kind. Es gibt ohne Strom kein Fernsehen, keinen Mikrowellenfraß und auch keine Pizza. Die taut grad im Froster auf. So sieht das aus, dickes Nachbarskind.

Ich taste nach dem Feuerzeug, das auf dem Tisch liegt, mache die Kerze, die ebenfalls auf dem Tisch steht, an und suche nach der Taschenlampe. Die liegt irgendwo im Wohnzimmerschrank, beim Werkzeug. Ja, ich besitze Werkzeug und ich bewahre es im Wohnzimmerschrank auf, weil nirgendwo anders Platz dafür ist und ich zu faul bin, für jedes Schräubchen in den Keller zu laufen. Also, irgendwo in dem Schrank ist auch eine Taschenlampe und die suche ich jetzt. Dabei knalle ich mit dem Schienbein gegen die Tischkante. Es ist nicht so, dass der Tisch da vorher nicht stand. Es ist einfach nur so, dass mir danach war. Ich bin mit natürlicher Anmut und Grazie ausgestattet und würde niemals unbeabsichtigt irgendwo gegen rennen. Höchstens absichtlich, so wie gerade jetzt. Ich reibe mir das schmerzende Schienbein, tropfe dabei zu allem Überfluss auch noch Kerzenwachs auf den Teppich und finde Stromausfälle voll doof.

Leise vor mich hin fluchend mache ich den Schrank auf, mir fällt eine offene Dose mit Schrauben entgegen, die nun munter durch die Gegend kullern. Gut, dann bin ich wenigstens für den Rest des Abends damit beschäftigt, die Teile wieder aufzusammeln, weil ich sonst unter Garantie spätestens morgen früh in eine der Schrauben treten werde. Mit nackten Füßen, versteht sich. Ich mache da keine halben Sachen.

Endlich habe ich die Taschenlampe gefunden, die Batterien sind natürlich alle. Die Götter lieben mich. Sie stellen mich jeden Tag vor neue, kleine Herausforderungen, die mir tierisch auf die Nerven gehen. Dieses Mal umschiffe ich den Tisch erfolgreich und stoße mir nur den Zeh am Sessel, zupfe nebenbei noch eine Schraube aus meiner Fußsohle und danke den Göttern, dass ich meine Messer in der Küche aufbewahre. Wie konnte ich bloß so alt werden, ohne mir das Genick zu brechen? Im nächsten Schrank finde ich Batterien, stecke sie in die Taschenlampe, während das dicke Kind von gegenüber von der Mama verlangt, dass der Fernseher SOFORT wieder laufen soll. Bin ja mal gespannt, wo die Mama jetzt einen Fernseher mit Batteriebetrieb her bekommt. Ich knipse die Taschenlampe an und mache die Wohnzimmertür auf. Eigentlich will ich ins Badezimmer, ich muss nämlich mal ganz dringend auf Klo.

Man richte das Augenmerk auf das Wörtchen eigentlich. Ich bin etwas irritiert über das, was ich da im Schein meiner Taschenlampe sehe. Ich bin mir sicher, in meinem Flur stehen keine zehn Meter hohen Säulen, er ist nicht mehrere hundert Meter lang und vor einer guten halben Stunde liefen da eben auch keine Soldaten mit dusselig aussehenden Helmen rum. Es lagen Fussel auf dem Boden, weil ich zu faul zum Staubsaugen war. Mehr nicht.

Einer dieser gehörnten Helmträger hat mich jetzt gerade entdeckt. „He, du da, Frau, was tust du hier?“ Na, der traut sich ja was. „Das wollte ich auch grad fragen. Was zur Hölle tust du auf meinem Flur? Und warum sieht dein Helm so bescheuert aus?“ Dem Kerl klappt die Kinnlade runter, er schnappt nach Luft und guckt mich böse an. Ich bin nicht im Geringsten beeindruckt, ich kann den Kerl einfach nicht ernst nehmen. „Antworte, Frau!“, knurrt er jetzt. „Ich suche das Klo“, sage ich wahrheitsgemäß. So langsam drückt mir die Blase, mein Flur ist nicht mehr mein Flur und mein Badezimmer ist auch weg. Die Lage wird ernst, befürchte ich. „Was für eine Unverschämtheit!“, blafft der Hornhelm jetzt.

Genau in dem Moment komme ich auf die geniale Idee, mich umzudrehen und wieder in mein Wohnzimmer zu gehen. Die Umsetzung scheitert an der Tatsache, dass mein Wohnzimmer auch weg ist. Jemand hat meine komplette Wohnung geklaut und mir stattdessen Säulen in den Flur gestellt, was ehrlich gesagt nicht der schlechteste Tausch ist. Aber ich muss noch immer dringend pinkeln und schiele kurz zu einer der großen Vasen, die so dekorativ vor den Säulen stehen. Jetzt muss ich nur noch den Kerl los werden, dann könnte ich mich theoretisch hinter die Vase hocken und mal eben schnell pullern. Aber ich glaube, daraus wird erst mal nichts. Denn der Kerl richtet gerade einen Speer auf mich und habe ausnahmsweise mal keine Zweifel daran, dass die Spitze sehr, sehr scharf ist. „Mitkommen, sofort!“ Das klang wie ein Befehl. Ich mag es ja sehr gerne, wenn man mich rum kommandiert. „Ich muss mal ganz dringend!“, wimmere ich. „Mir egal. Mitkommen!“ Das klingt nicht mehr freundlich und die Speerspitze ist keine zwei Zentimeter von meiner Kehle entfernt. Scheiße. Ich geh dann doch mal lieber mit. Das Pullern muss eben warten.

Der Kerl geht hinter mir, den Speer auf meinen Rücken gerichtet. Mein Bauch tut weh, weil meine Blase gleich platzt. „Ich mache mir gleich in die Hose. Bittteeeeee!“ Mit Tränen in den Augen sehe ich den Typen an. Er verdreht die Augen und seufzt. „Meinetwegen.“ Dabei deutet er auf eine Tür, die zu meiner Linken ist. „Danke“, keuche ich, reiße die Tür auf, bin etwas irritiert über das Plumpsklo mit vergoldeter Klobrille und gehe dann einem sehr natürlichen und dringenden Bedürfnis nach. Keine drei Sekunden später wäre es zu spät gewesen. Danach kann ich endlich wieder klar denken. Fakt ist, irgendwas stimmt hier nicht. Dass das alles in Wirklichkeit geschieht, ist mir klar, in einer Fantasie hätte ich niemals aufs Klo gemusst. Oh man. Die Götter lieben mich mehr als alle anderen. Sie haben wohl mein Flehen und Klagen über mein ach so langweiliges Leben erhört und mich an einen Ort gebracht, wo die Plumpsklos goldene Klodeckel und sehr weiche Handtücher haben. Ich sollte ruhig bleiben und vor allem die Tür wieder aufmachen, weil der Soldat gerade etwas ungehalten an die Tür klopft. Okay, die Pinkelpause ist vorbei.

Mein Begleiter führt mich durch eine große Doppeltür, wo noch mehr Männer mit Helmen sitzen. Sieht aus wie die Jahresversammlung der Hirschfreunde. Habe ich schon erwähnt, dass die Helme genauso goldfarben wie die Klodeckel sind?

Man informiert den Oberhelmträger über mich, man berät sich und ich warte einfach mal brav. Flucht wäre jetzt auch doof, ich kenne mich hier nicht aus und gegen zwanzig Männern mit goldenen Helmen würde ich ziemlich alt aussehen, zudem meine Kondition echt bescheiden ist. Außerdem trage ich nur Socken und der Boden ist verdammt glatt. „Wer bist du und warum treibst du dich hier rum?“, fragt Hauptmann Helm. „Ich wollte doch nur aufs Klo“, antworte ich wehleidig. Das ist die ganze Wahrheit. Und für diese Wahrheit werde ich angebrüllt, man zweifelt meinen Verstand an, hält mich für eine Verräterin und beschließt schließlich, mich in eine Zelle zu stecken, bis die Verantwortlichen über mich entscheiden können, die sind nämlich nicht da. Wer hier verantwortlich ist, würde ich inzwischen auch gerne wissen, ich hätte da mal ein paar Anmerkungen zum Thema Gastfreundlichkeit. Und hoffentlich hat meine Zelle ein Klo, ich muss nämlich schon wieder.

Zelle ist vielleicht nicht das passende Wort für meine Unterkunft. Boden und Decke sind klinisch weiß und tun mit ihrer Reinheit schon fast in den Augen weh, und statt Gitterstäben gibt es eine hübsche, goldgelbe Wand, die mir einen kleinen, aber feinen Stromschlag verpasst, als sie anfasse. Aber- es gibt eine kleine, schmale Tür und dahinter ist ein Klo. Meine Nacht ist gerettet. Nicht, dass ich Hemmungen hätte, mich mal eben schnell hinzuhocken. Aber der Kerl, der in der Zelle gegenüber sitzt und mich gerade sehr neugierig anguckt, ist mir mehr als suspekt. „Ist was?“, frage ich nach einer Weile, weil mir seine Glotzerei auf die Nerven geht. Er wirkt ein wenig verblüfft, dann spielt ein minimales Lächeln auf seinen Lippen.

„Wo sind deine Schuhe?“ Er deutet mit dem Finger auf meine schwarzen Socken, auf denen sich rote Rentiere tummeln. Nun, es ist Dezember und ein wenig weihnachtliches Flair darf sein. Außerdem sind die schön warm. „In meiner Wohnung. Da, wo ich vor gut einer Stunde auch noch war, bevor das Licht ausging und ich mal auf Klo musste. Und dann war das Klo weg, mein Flur war weg und eine Horde von gehörnten Vollidioten hat mich eingesperrt. Ich wollte nur mal pinkeln.“ Mit jedem Wort wirkt er irritierter. Ich kann es ihm nicht verübeln, mir würde es wohl ähnlich gehen.

„Und wo war deine Wohnung?“ Der glaubt doch jetzt nicht ernsthaft, dass ich ihm erzähle, wo ich wohne? Ich meine, im Gegensatz zu mir sitzt er bestimmt ganz berechtigt hier ein. „Geht dich nichts an“, sage ich deswegen. „Stimmt.“ Kluges Kerlchen. Obwohl, Kerlchen ist eigentlich untertrieben. Er ist recht groß und schlank. Lange, dunkle Haare reichen ihm bis auf die Schultern, sie sind adrett nach hinten gekämmt. Ich verspüre bei solchen Frisuren immer das Bedürfnis, sie zu verwuseln. Scheint eine Art Gendefekt zu sein. Denn dazu kommt noch, dass ich eine Schwäche für dunkle, lange Haare habe. Und für große, schlanke Männer. Als ich ihn mir dann noch ein wenig genauer ansehe, trifft mich fast der Schlag. Was für tolle Augen er hat. Die Farbe ist sehr intensiv, irgendwo zwischen grün und blau.

„Wie du bereits erwähntest, es geht mich nichts an, aber ich vermute, du stammst nicht aus Asgard?“ „Asgard?“ Ich runzel die Stirn und überlege, wo ich das schon mal gehört habe. Nordische Götter. Die hatten ein Asgard. Und Walhalla. Glaube ich. Die hatten da ne Menge Götter rum rennen. „Hatte ich also recht“, meint der Knastbruder mit den tollen Augen zufrieden. „Du verarscht mich grade, oder?“ Asgard. Ja, klar. Ich bin bestimmt aufgrund meiner angeborenen Anmut und Grazie mit der Wohnzimmertür zusammen gestoßen und hab mich selber k.o. geschlagen. Eine andere, plausible Erklärung fällt mir gerade nicht ein. Ehrlich gesagt fällt mir gar nichts zu der ganzen Sache ein.

„Du hast eine sehr unziemliche Ausdrucksweise für eine Frau.“ Und er hat eine gute Beobachtungsgabe. Immerhin hat er erkannt, dass ich eine Frau bin. Die einzige hier unten. Es gibt hier nur zwei Insassen- mich und ihn. „Oh, ich bitte doch vielmals um Verzeihung für meine unflätigen Äußerungen, euer Hoheit.“ „Ich wusste es. Du hast dir einen Scherz mit mir erlaubt. Ganz schön mutig, Frau. Du weißt also, wer ich bin.“ Ich gebe es auf. Ich setze mich aufs Bett, drehe ihm den Rücken zu und schlage mir mit der flachen Hand an die Stirn. Das hilft nicht wirklich, ist aber sehr erleichternd. Ich bin nicht die einzige, die nicht alle Latten am Zaun hat. Der Kerl hält sich für einen König, Kaiser oder Prinzen. Ich halte mich für das Opfer einer kosmischen Verschwörung, die in meinen Augen nicht lustig ist, für die Götter aber bestimmt ein Schenkelklopfer.

„Ich weiß nicht einmal, WO ich bin, woher soll ich dann wissen, WER du bist?“ Der Kerl sieht jetzt leicht beleidigt aus, er guckt mich säuerlich an. „Ich bin Loki Laufeyson.“ Aha. Nun denn, ich muss passen, der Name sagt mir so rein gar nichts. „Ziemlich ausgefallener Name“, sage ich deswegen.  Und besser als Kevin oder Marvin. „Wie lautet dein Name?“ Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass er schon eine Weile hier einsitzt und wenig Gesellschaft hatte. Er drängt mir förmlich ein Gespräch auf. „Sag ich nicht, tut nichts zur Sache, Herr Laufeyson.“ Immer schön höflich bleiben, gell? „Ich bin ein Prinz! Es heißt euer Hoheit oder euer Gnaden.“ Okay. Das hier ist kein Gefängnis, es ist eine Psychoklinik. „Und was tut Euer Gnaden in der Zelle? Hat Hoheit was ausgefressen?“ Oha, anscheinend hab ich da den richtigen Knopf gedrückt. Nun wird Euer Gnaden ziemlich wütend. „Wie kannst du es wagen, du Wurm! Du solltest dich glücklich schätzen, dass ich es überhaupt in Erwägung ziehe, mit dir zu reden!“ Ich würde mich ehrlich gesagt glücklicher schätzen, wenn er einfach die Klappe halten würde. Das Gelaber geht mir voll auf die Nerven.

„Na, dann halte doch einfach die Klappe.“ Nun fällt dem Prinzen die königliche Kinnlade runter, er schnappt nach Luft und ist dann still. Mich streift ein tödlicher Blick, dann dreht er mir den Rücken zu. Ich habe aber auch eine sehr charmante Art, mit Männern umzugehen. Ich muss kichern, weil die ganze Situation so furchtbar absurd und doch real ist. Prinz Loki schnauft empört, er denkt vermutlich, ich lache ihn aus. Soll er doch. Was interessiert es mich, ich hab meine eigenen Probleme. Und die ungute Befürchtung, dass die noch größer werden.
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