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The Beloved Devil

GeschichteThriller, Familie / P18 / Gen
Barney "The Schizo" Ross Hale Caesar Hector
30.11.2013
20.05.2014
18
89.028
 
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30.11.2013 6.919
 
Lilith LaCruze


"David?", rief ich, als ich nach der Schule nach Hause kam und das Wohnzimmer betrat.

"Hmm?", kam eine gemurmelte Erwiderung aus der angrenzenden Küche und gleich darauf folgte ein Scheppern, was mich darauf schließen ließ, dass er seine Kochkünste erweitern wollte.
"Achso, ja, Lil. Ich bin in der Küche. Ist die Schule schon aus oder schwänzt du mal wieder?"

Als ich das Wohnzimmer durchkreuzte und ihm am Herd erwischte, legte ich meine Stirn in Falten.

"Weder noch David. Die Schule brennt", versuchte ich seine Aufmerksamkeit zu erregen.

Keine Reaktion. Ich verdrehte die Augen.

Seufzend ließ ich meine Tasche auf den Tisch gleiten. Ich plumpste in einen Sessel, lehnte mich zurück und legte meine Füße auf die frisch
gewischte Tischplatte. Ein schneller Blick rundum sagte mir, was ich ohnehin schon vermutet hatte. David und ich waren allein Zuhause.

David Shaun war an die 30 und für seine Verhältnisse und in Anbetracht der Umstände ein bodenständiger Mann.Er war wie Ethan, Ian, Jake
und Hector einer der engsten Vertrauten meines Vaters und kümmerte sich größtenteils um die Finanzen der Familie. Nach meinen Empfindungen
war er etwas steif aber abgesehen davon mochte ich ihn. Er war immer etwas geistesabwesend und ziemlich britisch-manchmal hatte ich sogar
Schwierigkeiten ihn zu verstehen, aber er war cool. Und für sein Alter sah er ziemlich gut aus.

Die Tür zum Wohnzimmer wurde aufgestoßen und ich fuhr erschrocken herum. Aber es waren nur Ethan und Hector.

"Wir sind doch nicht etwa nervös?", fragte Hector und grinste mich an.

"Ich habe von deinen Verhör mit den Jungen gehört", sagte Ethan "Und ich habe seine Verletzungen gesehen. Wenigsten hast du ihn nicht
enthauptet"

Ethan Kole war das genaue Gegenteil von meinen Vater. Er war gerade 22 geworden und seine lässige und sonnige Art war beinahe zum Brechen.
Stets trug er ein Grinsen auf den Lippen, wodurch er aber keineswegs zu unterschätzen war. Nicht im Geringsten. Er war ein kalter Killer,
der seine Opfer durch sein makelloses Äußere oft blendete. Außerdem war er neben Hector mein Beschützer, mein Trainer und mein engster Freund.

"Es gibt immer noch ein nächstes Mal", sagte ich mit bedauernden Achselzucken.

Seitdem Kreuzverhör mit Stefan verbrachte er die ganze Zeit in unseren Keller, wo Vater großzügigerweise ein kleines Labor hergerichtet hatte.
Dort konnte der kleine Wissenschaftler nun in Ruhe das Virus entwickeln und wir würden ihn jederzeit im Auge behalten können.

Hinter und kam David aus der Küche und alle drei drehten wir uns um und beobachteten ihn, wie er mit großen Kochtopf auf uns zuschwankte.
Ich hielt den Atem an, bis er am Tisch angekommen war, denn ich fürchtete jeden Augenblick, er könnte die heiße Brühe über Vaters
kostbaren Persateppich schütten. Doch David kam ohne Unfall an.

"Aha", sagte er und blickte in die Runde "Ihr seid also vollzählig. Sehr gut. Ich habe zwar alle Hände voll zu tun-"

"Sehen wir", sagte Hector belustig und deutete auf den Topf. Ich schielte kurz rein und verzog angewiedert das Gesicht? Sollte das ein Eintopf werden?

Doch David überhörte seine Anspielung und mein vielsagenden Ausdruck und fuhr fort: "Aber ich möchte euch doch ein wenig mehr auf das Virus
vorbereiten. Lilith hat zwar das meiste davon schon gehört aber es schadet gewiß nicht, wenn sie mir auch noch ein wenig Aufmerksamkeit schenkt."

Ich warf ihm einen vernichtenden Blick zu, aber er fuhr unverdrossen fort.

"Sklaventreiber", murmelte Ethan "Heute ist doch die Studentenfeier bei den Simmons. Hat Lil dir das nicht erzählt?"

"Mir erzählt? Was erzählt?"

"Ich habe heute dienstfrei, Boss", erklärte ich "Heute Abend habe ich mir vorgenommen eine ganz normale Studentin zu sein."

"Erstens bin ich nicht dein Boss, Lilith", meinte David eingeschnappt "Dein Mentor vielleicht, wenn du mir die Ehre erweist, mich als solchen zu bezeichnen. Aber nicht dein Boss. Und zweitens fürchte ich, dass dein
Vorschlag leider unmöglich zu verwirklichen ist"

"Sie hat keinen Vorschlag gemacht"; sagte Hector "Hat jedenfalls nicht so geklungen"

"Auf keinen Fall", stimmte Ethan zu. "Klang mehr wie' ne Ankündigung"

David stieß einen Seufzer aus, während ich mir Mühe gab, ein Grinsen unter Verschluss zu halten.

"Ihr müsst etwas begreifen. Ihr alle" begann er in seiner üblichen Dozentenstimme "Ihr dürft die Gefahren, die das Virus mit sich bringt, keineswegs missachten. Wir reden hier von einer Waffe, einer sehr gefährlichen Waffe"

"Jetzt fängt er schon wieder an." Ich verdrehte die Augen.

"Sobald nur etwas davon freigegeben wird", sprach David ungerührt weiter "werden Existenzen freigegeben, womit keiner von uns rechnen kann. Es gab in den 18 Jahrhunder eine Epedemie, woran Millionen Menschen verstarben. Es dauerte in der Regel eine Woche bis die Menschen an Organversagen gestorben sind, weil das Herz den Körper nicht mehr mit ausreichend Blut versorgen konnte. Sie sind jämmerlich zu Grunde gegangen, nachdem sie mit den Erreger in Kontakt gekommen sind", schloss er, holte einmal tief Luft und sah uns erwartungsvoll an.

Wir starrten zurück.

"Und was möchtest du uns damit sagen?"

David schob seine Brille auf der Nase zurecht und blickte mich an. "Lilith?"

Ich seufzte. "Er will damit sagen, dass wir, sobald Stefan mit der Entwicklung durch ist, die Hände davon lassen sollen"

"Das ist doch sternenklar", sagte Ethan und zuckte die Schulter. "Ich werde das Zeug aus den Weg gehen. Soll mir also Recht sein"

"Aber die Entwicklungen sind noch nicht abgeschlossen, oder?", fragte ich gelangweilt und schaute auf meine Manikürten Nägel.

"So ist es", gab David zu. "Er wird noch 1 höchstens 2 Tage in Anspruch nehmen"

"Gut", sagte ich "Dann kann ich gefahrlos auf die Feier gehen"

David räusperte sich. Seine strenge Miene machte nur allzu deutlich, dass er mit meinen Abendprogramm in keiner Weise einverstanden war. Ich entschied mich rasch für einen kleinen Kompromiss, um wenigstens einen Teil meiner Abendgestaltung durchzusetzen.

"Okay. Ich bitte um eine Verhandlung", sagte ich. "Ich bleibe nur für eine Weile und wenn es Komplikationen gibt, komme ich auf der Stelle nach Hause. Also wenn der Junge Zicken macht, ruf mich einfach an. Du hast ja meine Nummer. Einverstanden?"

"Habe ich denn eine andere Wahl?", stöhnte David "Dir wurde schließlich der Auftrag übergeben"

"Genau", sagte ich und fröhlich "Dass ich das auch immer wieder vergesse"






Tessa Ross


Stirnrunzelnd stand ich vor dem Spiegel in meinen Schlafzimmer und zerbrach mir den Kopf, was ich heute abend anziehen sollte. Ich hielt mir ein Kleid vor, bei dem sichtlich an Stoff gesparrt worden war und sagte laut zu meinen Spiegelbild: "Hi, ich bin die neue Sumperschlampe"

Also das war es definitiv nicht. Ich nahm ein anderes, sehr viel braveres Kleid und schaute mich eingehend an.

"Hi! Würdest du gerade unserem Clean-Team beitreten?"

Immer noch nicht das passende Kleid. Frustriert warf ich die Teile auf den Boden, als auch mein Vater mein Zimmer betrat.

"Gehst du heute auf diese Feier bei den Simmons?", fragte er.

"Ja, Dad."

"Sind da auch Jungs?"

"Nein, Dad- es ist ein Nonnenheim"

Barney ignorierte meinen Sarkasmus und sagte : "Smilee soll auf dich aufpassen"

Ich schnaupte sarkastisch, während ich mir ein andere Kleid aus den Schrank fischte. "Der hat andere Sachen im Kopf"

"Und die wären?"

"Jane wird auch auf der Party sein"

Schon bei der Erwähnung ihres Names verdrehte ich die Augen. Ich konnte mir den Abend schon richtig vor Augen halten. Die ganze Zeit würde er jammern. Sich bemitleiden und ständig ihre Nähe suchen. Allein bei den Gedanken verspürte ich den Drang dazu, einfach Zuhause zu bleiben, um mit meinen Dad ein einen gemütlichen Abend auf der Couch zu verbringen. Vielleicht ein paar Filme schauen und dabei eine große Schale Popcorm mampfen.

"Bitte, pass auf dich auf, ja?", sagte Barney nach einer Zeit des Schweigens.

Ich spürte, dass die Unterhaltung auf gefährliches Terrein geriet. Wir blickten einander an, Vater und Tochter und fühlten uns ein wenig unbehaglich.

"Ich werde Vorsichtshalber Lee fragen, ob er dich begleiten kann. Unter Umständen kann er auf dich aufpassen"

"Dad.."

"Oh, natürlich nicht zu sehr aufpassen. Du bist jetzt 18, ich habe schon alles über die Gefahren des zu ausgeprägten Beschützerinstinkts gelesen" Barney zögerte, dann sprach er aus, was er wirklich dachte: "Es ist schwer für mich meine Tochter im Alleingang auf den Straßen zu wissen, aber du bist erwachsen geworden und ich vertraue dir"

"Schön" Ich lächelte meinen Vater an.

"Du bist ein gutes Mädchen Tessa"

"Und du bist ein hervorragender Vater, Dad"

Auch er lächelte und ein Hauch von Erleichterung schimmerten durch seine braunen Augen.

"Mach dir nen schönen Abend", sagte er dann und schloss die Tür zu meinem Zimmer.

Irgendwann entschied ich mich für die engen Hosen und das rote Hemd, dass ich offen über dem hautengen schwarzen Top tragen wollte. Meine braunen Haare steckte ich hoch. Schon den ganzen Abend, fragte mich was auf mich zukommen würde, wenn ich "Sarah" über den Weg laufen sollte. Sollte ich sie darauf ansprechen und dadurch wagen, ihre echte Aufmerksamkeit zu erregen? Was würde sie mit dann antun?
Ich bezweifelte keineswegs, dass unsere Freundschaft nur eine Heuchlerei war und ein Mittel zum Zweck, um das zu bekommen, was sie wirklich wollte.

Ich seufzte.

Ich war bei Gott schon erstaunt gewesen, dass sie tatsächlich zugestimmt hatte aber an das folgende hatte ich leider keinen Gedanken verschwendet.






Lilith LaCruze


Ich quetschte mich die Menschenmenge am Rand der Tanzfläche, murmelte halbherzge Entschuldigungen, während ich den Blick fest auf die Tür ins Freie gerichtet hielt. Ich musste mich beeilen, sonst würden mich meine Nerven an den Rand meiner Verzweiflung bringen. Die Party ergab sich als Reinfall. Ich dachte, es amüsant zu finden, wie sich die asozialen, besoffenen Jugendlichen im Grund und Boden blamierten, doch ich hatte mich getäuscht. Die Feier war grausig, die Musik zum fremdschämen, und von den Jungs, die an meinen Rockzipfel klebten, wie als bestehe ich aus Zucker, ganz zu Schweigen. Die Protestrufe, die hinter mir her schallten, weil ich Trinkbecher umkippte und vielen auf die Füße trat, kümmerten mich kein bisschen.

Nachdem ich endlich die Tür erreichte und sie aufstoß, zog ich begierig die frische Luft ein und schloss meine Augen.

Ich war zwar kein Musterbeispiel eines braven Mädchens, aber Drogen und Alkohol waren absolut nicht mein Ding. Gewalt, Sex und Tod dagegen schon eher.

Ich lehnte meinen Kopf gegen die Hauswand und entspannte mich etwas, als eine fremde Stimme in meinen Ohren erklang.

"Was für'n Scheiss"

Langsam hob ich meinen Kopf, verengte meine Augen und suchte die Gasse, die vor mir lag, ab. Doch keine Menschenseele war zu sehen. Ich bewegte mich von dem Haus, -aus dem feierwütige Schreie drangen, weg, und kam der Stimme immer näher.

Ich spazierte die enge Gasse hinunter, die zwischen den idyllischen Wohnhäuser von St. Spreengs lag, und als ich um eine Ecke bog, fand die Stimme ein Gesicht. Nun, weniger ein Gesicht als ein Rücken. Ein verdammt breiter Rücken, dachte ich. War das ein Junge oder ein Erwachsener? Im Angesicht seiner breiten Statur, seinen unverkennbaren Muskeln an seinen Armen und seiner massiven Größe, eher ein Erwachsener.

Noch für eine Sekunde beobachtete seine Selbstgespräche.

"Du bist das schönste.....Nein, so'n Scheiss"

"Mit wem redest du denn da?"

Der Junge wirbelte herum und auch ich zuckte vor Schreck kurz zusammen. Als er mich bemerkte, wurden seine Augen riesengroß.

"Oh Scheisse", zischte er in Rage "Erschreckst du die Leute immer so?"

"Tut mir Leid", sagte ich, konnte mir aber ein Grinsen nicht verkneifen.

"Nein, nein, schon in Ordnung. Ich dachte, ich wäre allein" Seufzend vergrub der Fremde seine Hände in den Hosentaschen und wandte seinen Blick verlegen von mir ab.

Ich zog meine Augenbraue hoch "Redest du häufiger mit dir selbst?"

"Nein?"

Er schaute in meine Augen und ein zögerndes Lächeln umspielte seine Lippen, weshalb auch ich lächeln musste.

Es war schon seltsam jemanden in einer dunklen Gasse kennenzulernen, und noch seltsamer war es, den jenigen auch sympathisch zu finden. Normalerweise ließ ich mich niemals auf lange Gespräche, geschweige denn Freundschaften ein, es sei denn, sie waren der Grundstein einer Beziehung, die von Vaters Geschäfte abhängig war. Aber im Grunde war ich keineswegs ein Beziehungsmensch. Wenn ich jemanden kennenlernte, der meine Neugierde erweckte, dann bewahrte ich stets Distanz und handelte oberflächig und eigennützig. So lernte ich den Menschen vertrauenswürdig zu erscheinen, und das war in Ordnung. Ich brauchte keine Freunde. Keine Beziehungen, und vorallem brauchte ich keine Emotionen, die mich schwächten.

Seufzend wandte ich meinen Blick von den Jungen ab und schaute um mich herum. Die Gasse war ganz und gar verlassen, ab und zu drangen die jubelnden Stimmen der Party durch oder die Motorengeräusche der Straße.

"Und, wie heißt die Glückliche?", startete ich eine Unterhaltung. Ich ließ mich an der Hauswand nieder und sah auf zu den Jungen, der mich verwundert anblickte.

"Wer?"

Ich grinste. "Die, weswegen du wie ein Romeo in einer Gasse stehst und irgendwelchen kitschigen Zeug redest."

Der Unbekannte seufzte bedrückt und kickte mit seinen Fuß einen kleinen Stein in Richtung der Hauptstraße. Ihm schien das Thema aus den Ohren zu hängen, trotzden sagte er leise: "Jane"

Jane, dachte ich und suchte zu den Namen ein Gesicht. Ohne Erfolg. Im College war ich nur wenigen über den Weg gelaufen und sogar bei den wenigen gab ich mir keine Mähe, mir ihre Namen geschweige denn ihre Gesichter zu merken.

"Und wer bist du?", fragte ich gelangweilt und streckte meine Beine aus.

"Smilee"

"Smilee?" Auf meinen Lippen erschien ein spöttisches Grinsen "Waren deine Eltern stoned, als sie dich bekommen haben?"

Smilee ignorierte meinen sarkastischen Kommentar und fragte in einen leicht gereizten Ton: "Und wie ist dein Name?"

"Hm." Ich kaute auf meiner Wange herum, während ich über seine Frage nach dachte. War es sehr dumm, wenn ich ihm meinen richtigen Namen nannte? Sollte ich auch an meinen dienstfreien Tag meine Fake-Identität aufrecht erhalten? Ach! Was würde das schon ändern! Heute war ich keine Mafias Tochter, also brauchte ich auch kein falsches Gesicht.

"Lilith!", sagte ich aufrichtig und beobachte genau die Züge des Jungens.

Doch er grinste mich nur erstaunt an. "Wie der Dämon?"

Überrascht über seine Frage, legte ich den Kopf schief. Ich kannte die Bedeutung von meinen Namen genau, welche auch der Grund war, warum mein Vater mir den Namen gab. Und ohne zu übertreiben, stimmte die Beschreibung erstaunlich Gut mit mein Wesen überein.

"Deine Eltern haben bestimmt Humor", sagte Smilee immer noch lächelnd.

"Jaaaa..", sagte ich gedehnt und schüttelte dann meinen Kopf "Nein!"

Also wenn es Humor war, seine Kinder auf ein Leben als Kriminellen vorzubereiten, dann waren meine Eltern die Könige des Humors.

Smilee lachte leise und drehte mir den Rücken zu, um sich dann frustriert über das Gesicht zu fahren. Ich beobachte ihn und dachte, dass es selten war, jemanden, der so gut aussehend war, verlassen in einer Gasse stand und einem Mädchen nachtrauerte, die anscheinend seine Liebe nicht erwiderte.

"Und dieses Mädchen Jane? Sie mag dich also auch?", fragte ich nach einer Weile um das Schweigen zu durchbrechen.

Der Junge drehte sich wieder um, und in seinen Augen blitzte so etwas wie Spott durch.

"Oh und wie sie das tut. Ich bin ihr bester Freund." Mit Nachdruck sagte er: "Auf immer und ewig."

"Autsch"

Ich gab mir Mühe, ihm nicht ins Gesicht zu lachen.

"Weiß sie von dein Gefühlen? Oder spielst du oft solche Szenen in einer verlassenen Gasse?"

Wieder gab er keine Antwort. Stattdessen presste seine Kiefer aufeinander und starrte wütend und verlegen in die Gegend; seine Hände noch immer in seinen Hosentaschen vergraben. Es schien beinahe.....

"Oh", kam es über meine Lippen "Ich kenne diesen Ausdruck"

"Welchen Ausdruck"

"Du hast Angst", verkündete ich stolz und lächelte triumphierend.

Das lag doch klar auf der Hand. Der Junge ignorierte seine eigenen Gefühle, um die Freundschaft zu diesem Mädchen nicht zu zerstören. Hauptsache, er würde sie auch in Zukunft um sich haben, auch wenn das sein schwaches Herz zerfressen würde. Ich unterdrückte einen ironischen Lacher. Menschen waren so an ihren Emotionen gebunden, dass sie kaum noch klar denken konnten.

"Ich habe doch keine Angst. Sehe ich aus, als habe ich Angst?"

Nun richtete er seine Augen auf mich, fest und streng.

"Jane ist kein normales Mädchen. Sie sticht aus der Masse heraus, und dementsprechend liegen die Kerle ihr zu Füßen"

"Also eine Schlampe?", erkundigte ich mich grinsend und ließ mich nicht aus der Ruhe bringen.

"Nein!"

Ich lachte über seine aufbrausende Haltung und zog meine Tasche zu mir heran.

"Nur ein Scherz, Smilee. Kaugummi?"

Lächelnd hielt ich ihm eine geöffnete Packung Kaugummi hin. Seine Augen wanderten von meinen Augen zu der Packung, dann zuckte er die Schultern.

"Klar", lächelte er versöhnlich und griff zu einen erfrischenden Ice Breakers.

Doch als seine warmen Finger meine ausversehen streiften, durchfuhr mich ein seltsames Gefühl. Unsere Blicke trafen sich und dann geschah etwas abgefahrenes. Ich fühlte mich durch seinen stechenden Blick hindurch berührt. Es vergingen Sekunden, in denen wir einander anschauten und keiner wagte etwas zu sagen oder auch gar zu atmen. Auch, als plötzlich Jugendliche an uns vorbei stolperten; fröhlich ihre Lieder sangen, war ich wie gebannt von seinen wunderschönen, blauen Augen. Sie waren so verdammt blau!

Schluss! schalte mich eine Stimme und ich riss meinen Blick wiederstrebend von ihm los.

"Gut", sagte ich und hörte selbst, wie kläglich meine Stimme klang. Ich räusperte mich und stand auf "Dann werde ich...."

Meine Stimme versagte, weswegen ich eine hektische Handbewegung zu Straße deutete. Smilee gab nur ein zerstreutes Nicken von sich, ohne mich anzuschauen. Ich drehte mich auf den Absatz um und wollte schon davon eilen, als plötzlich:

"Hey, ein Augenblick noch"

Mein Instinkt riet mir einfach weiterzugehen. Mein Verstand schrie mich noch immer an und suchte eine Antwort, wegen meines seltsamen Benehmens. Doch mein Körper reagierte fernab meiner Vernunft.

Ich drehte mich um.

"Hm?"

"Du bist doch eine Frau"

"Äh...." Verwirrung umgab meine Züge "Ja?"

Smilee lächelte mich entschuldigend an. "Was würdest du gerne hören wollen, wenn dein bester Freund dir die Liebe gesteht?"

"Ähm..." Mein Gesicht blieb unverändert, es war höchstens noch etwas skeptischer geworden "Hast du denn eine Idee?", fragte ich verunsichert.

"Ja, ich habe etwas aufgeschrieben"

Er holte einen kleinen Zettelt aus seiner Lederjacke und hielt es stolz grinsend hoch.

"Wow" Es kostete mich große Anstrengung gelangweilt zu klingen.

Es war erstaunlich, noch heutzutage einen Mann zu treffen, der seine Gedanken auf einen Stück Papier schrieb.

"Was?"

Auf Smilees fragenden Blick, schüttelte ich ausweichend den Kopf und gab ihm das Zeichen, aus den Brief zu lesen.

"Okay" Er holte tief Luft und seine Anspannung legte sich etwas "Janie, mein ganzes Leben habe ich darauf gewartet jemanden zu begegnen, der mich zum lachen und zum lächeln bringt. Ich habe gesucht und gesucht aber ohne Erfolg. Ich dachte, es würde niemaden geben, der mich versteht und mich so nimmt, wie ich bin."

Wieder ein langer Atemzug. " Aber dann habe ich dich kennengelernt und meine Welt hat sich auf den Kopf gestellt. Ich habe dich gesehen, und mich gefragt: Wow....Kann es solche Wunder noch geben? Mit jeden Lächeln und jeden Lachen, was du mir geschenkt hast, war es mehr um mich geschehen und heute stehe ich hier um dir zu sagen"

Er sah mich an und ich zuckte zusammen " Ich liebe dich!"

Er sprach es so voller und reiner Liebe aus, dass mir für einen winzigen aber bedeutenden Augenblick furchtbar warm ums Herz wurde. Und als er auch noch die 3 Worte sagte, die für mich niemals in Frage kommen würden, packte mich ein Anflug von solcher Angst, dass ich am liebsten geflüchtet wäre.

Aber ungeachtet meines merkwürdigen Stimmunswechsels, waren seine Worte......jämmerlich. Aber wie sollte ich es jemandem sagen, der so von seiner Liebe überzeugt zu sein schien.

"Hm." Ich legte mir einen Finger ans Kinn und versuchte meine Worte sorgfälltig zu wählen.

"Also-"

"Verdammt" Bis Smilee anscheinend dämmerte, welchen Schwachsinn er gerade von sich gegeben hatte.

"Ach du Scheisse", schrie er verzweifelt auf. Er sah fast so aus, als müsste er sich übergeben.

"Nein. Hey!" Beruhigend trat ich einen Schritt auf ihn zu, hielt jedoch inne, als er mich wütend anfunkelte.

"Würdest du?" Er zeigte auf die Straße und fügte mit Grabesstimme hinzu: "Würdest du gehen? Ich würde gerne alleine sterben!"

"Jetzt entspann dich Smilee", lächelte ich sanft, als er sich geschlagen auf den Boden setzte. Rasch folgte ich ihm und ging vor ihm in die Hocke. Erst als er seinen Kopf hob und in meine Augen schaute, fuhr ich fort:

"Okay. Das Gute: Du hast echt eine anregende Fantasie, Respekt.", betonte ich und versuchte halbwegs begeistert zu klingen, doch in seinen Ausdruck las ich nur Verachtung. Also sprach seufzend weiter: "Das Schlechte: Ich glaube kaum, dass Jane soetwas hören will. Ganz im Ernst? Sie wird dich auslachen!"

Ich zögerte, dann sprach ich aus, was ich wirklich dachte: "Hör zu! Für sie ist es wichtig, sich etwas weniger schräg zu fühlen, als sie sowieso schon ist und ich glaube, sie ist ziemlich schräg drauf. Also braucht sie einen Jungen, der bodenständig, erwachsen und etwas weniger schräg ist, als sie sich fühlt. Und wenn du ihr das zeigen kannst, dann hast du eine Chance. Aber wenn nicht, dann wirst du bei ihr nicht landen können"

Smilees Gesicht verzog sich zu einer schmerzhaften Grimasse und es vergingen einige Sekunden, bis er sagte: "Sie wird mich niemals lieben, oder?"

Mitleidig schüttelte ich den Kopf. "Nein, mit dieser Einstellung mein Freund. Auf kein Fall"

Darauf löste er den Blick von mir und verfiel in ein langes Schweigen. Schön! Da war ich ausnahmsweise mal aufrichtig und meiner Meinung nach freundlich und schon wurde ich mit Schweigen gestraft. Ich verschränkte meine Arme vor der Brust und schaute über meine Schulter. Es war schon nach 1 und so Langsam überfiel mich die Müdigkeit.

Dann richtete ich meine Augen wieder auf Smilee, der währenddessen zu Wand gekrochen war und wie ein kleines Hündchen auf seine Hände starrte.

"Bist du jetzt eingeschnappt?", fragte ich mit hochgezogenen Augebrauen.

Keine Antwort. Ich stöhnte.

"Du machst deinen Namen aber keine Ehre, junger Mann", neckte ich augenverdrehend, während ich mich neben ihm auf den Boden setzte.

Er grunzte. "Du dafür umso mehr"

Darauf hob er seinen Blick und lächelte mich seelig an. Jede Verärgerung und Entäuschung wich aus seinen Zügen und zurück blieb das strahlende Blau und die warme Miene, die mich ganz um den Verstand brachte.

Wiederwillig senkte ich meinen Kopf und schloss meine Augen. Genau in diesem Moment ertönte Gesang von der Feier und ich erkannte das Lied bei den ersten Noten. Unbewusst lächelte ich. Es war >Wings< von Birdy.

"Ich liebe diesen Song", flüsterte ich abwesend und lehnte meinen Kopf genießend zurück an die kühle Hauswand. Das Lied erinnerte mich an einem Leben, dass ich niemals haben werde, aber welches ich mir als Kind immer gewünscht hatte.

"Möchtest du tanzen?"

Nun hatte Smilee meine volle Aufmerksamkeit. Ich drehte mich ihm zu und starrte ihn überrascht an. "Okay", sagte ich nach ein paar Sekunden der Verwirrung. Was war schon dabei?

"Nur für dein Selbstvertrauen", fügte ich selbstgefällig hinzu, als er mich auf die Beine zog.

"Schon klar" Smilee lachte, während er mich grinsend an seine starke Brust drückte.

Zögernd legte ich meine Arme um seinen Hals, spürte wie seine Hände meine Hüften berührten und mir augenblicklich warm wurde. Um mich zu konzentrieren, starrte ich wie gebannt auf unsere Füße und versuchte langsam seinem Bewegungen zu folgen. Doch seine Berührungen ließen mich in keinster Weise kalt. Sie waren so ungewöhnlich sanft, so behutsam und vorsichtig, dass mich eine wohlige Gänsehaut durchfuhr. Von meinen Vater war ich nur ein gewöhnliches Schulterklopfen oder auch in schlechten Zeiten eine Schelle gewohnt, keine Umarmung, keine Liebe dergleichen war jeh in seinen Berührungen zu erahnen. Sogar beim Sex mit wildfremden Jungs, den ich oft und gerne hatte, ging es nur um den Spaß und die Befriedigung. Niemals hätte ich gedacht, dass solche Berührungen mich auf diese unerklärliche Art und Weise glücklich machten. Sie waren neu für mich, ganz einfach, und diese Erkentniss traf mich wie ein Schlag ins Gesicht. Ich kniff meine Augen zusammen und schüttelte den Kopf.

"Alles in Ordnung?", hörte ich seine samte Stimme.

Ich hob meinen Kopf und blickte in seine besorgten Augen. Ich öffnete den Mund, aber es kam kein Laut heraus.

"Möchtest du nach Hause?"

"Willst du mich begleiten?", kam es unbewusst über meine Lippen. Da Hector und Ethan noch auf der Party waren, und David sein eigenes Quatier Zuhause hatte, klang ein Besuch in meinen Ohren ganz reizvoll.

Ausserdem, rief ich mir in Erinnerung, war ich heute nur ein normales Mädchen. Ein Mädchen, was sich auch so fühlen und benehmen durfte und solche Berührungen auch genießen durfte.

Smilee lächelte und sagte: "Sehr gerne"






Hector


Ziemlich viele Menschen schoben sich ziellos durch die engen Räume des Familienhauses der Simmons. Ich erkannte sofort, dass es auf keinen Fall ein Szenentreff war- im Gegenteil, es war eine Art Spelunke. Von Studenten verschiedenster Semester, und Erwachsende bis Junkies und Schüler aus der Highschool war alles vertreten. Aber die Atmosphäre schien den Menschen gut zu gefallen.

Ich bewegte mich durch die tanzende Menge und suchte nach einen vertrauen Gesicht, doch ich kannte niemanden. Ethan und Lilith waren schon verschwunden und so langsam wurde ich es Leid. Ich bahnte mir meinen Weg weiter durch die Mengen, die mich von rechts und links anrempelten oder versuchten mich zu einen Tanz zu überreden. Während ich also ein aufgesetzten Lächeln trug und den Ladys lässig abwunk, bemerkte ich nur wage, wie ein Mädchen von unachtsamen Teenager angerempelt wurde. Ihre Tasche flog auf den Boden und der Inhalt verteilte sich in alle Richtungen. Entmutigt kniete sich das Mädchen nieder und sammelte alles wieder auf. Sofort kam ich ihr zu Hilfe.

"Kann ich dir helfen?"

Sie hob ihren Blick und schien für einen Moment sprachlos zu sein. Ich lächelte, worauf sie sich räusperte.

"O ja, danke."

Ich sammelte die Sachen auf und reichte sie ihr.

"Ich kenne dich nicht, oder doch?", fragte sie etwas nervös, wobei ihr Blick kurz auf meine Augen huschte.

"Ich bin neu hier. Ich heiße Hector"

"Tessa. Hi...." Sie kratzte sich verlegen am Kopf und wurde etwas rot um die Nase. "Danke Hector", sagte sie kleinlaut.

Ich nahm mir eine Sekunde, um mir ihr Gesicht genauer anzuschauen. Sie war ein recht hübsches Mädchen, mit braunen, welligen, langen Haaren, haselnussbraunen Augen und sehr, sehr süßen Grübchen. Mit Abstand das schönste Mädchen auf der Feier und in Anbetracht der Umstände auch das nüchternste. Ich lächelte das Mädchen an, als ich ihren fragenden Blick bemerkte.

"Ähm" Ich lachte über mein eigenes Benehmen und fuhr mir lässig durch die Haare. Mit einen Blick in ihre Augen fügte ich hinzu: "Na dann. Ich wünsche dir noch einen schönen Abend"

Ich schenkte ihr ein letztes Lächeln und drehte mich wiederstrebend um, als sie sich räusperte und sagte: "Hey, wenn dir langweilig ist, können wir zusammen etwas trinken"

Ich drehte mich langsam um und legte meinen Kopf schief.

"Natürlich nur, wenn du es auch willst", fügte sie rasch hinzu und hob abwehrend ihre Hände. "Mir persönlich ist langweilig und geteiltes Leid ist bekanntlich halbes Leid" Auf ihren Worten folgte ein nervöses Kichern, weshalb auch ich leise lachen musste.

Irgendwas an diesem Mädchen war anders, sie schien keineswegs künstlich zu sein und war anscheinend auch nicht darauf aus, nur etwas gemeinsamen Spaß zu haben und es hatte durchaus einen gewissen Reiz ihre Gesellschaft zu sein. Zumindest für den Abend. Wie Lilith würde auch ich heute einen dienstfreien Abend haben und mich auf andere Dinge konzentrieren, als auf das Ende der Welt.

"Klar"

~~

Schon lange war es her, mich mit einen Mädchen so unterhalten zu können. Tessa und ich besorgten uns etwas zu trinken und setzten uns dann auf eine Couch die abseits der tanzenden Menge war. Dort war es etwas ruhiger und so war es weniger störend, ihren Worten zu lauschen, während sie über sich und ihr Leben berichtete. Sie sagte, sie würde später Lehramt studieren, um ihr Wunsch als Lehrerin an einer Grundschule zu verwirklichen. Auch sprach sie darüber, dass ihre Mom bei ihrer Geburt verstorben war, sie ein Einzelkind war, sie jedoch ihren Vater über alles liebte. Er sorgte rund um die Uhr für sie, konnte aber auch zum Raubtier werden, wenn Gefahr drohte. Ich lächelte, als ich bemerkte, wie ihr Gesicht dabei begann zu strahlen. Ohne sie zu kennen, spürte ich ihre Leidenschaft, ihr reines Herz und dennoch besaß sie etwas Verbotenes, etwas Verruchtes, ohne es anscheined selbst zu ahnen. Irgendwie schien sie verborgene Seiten an sich zu haben, und ich leugnete es nicht, dass sie mich interessierten.

"Bist du mit jemanden verabredet?", fragte ich sie irgendwann, nachdem ihre Lebensgeschichte zu Ende war.

Sie schaute in ihr Glas und schüttelte den Kopf.

"Nein. Ich bin einfach nur so hier. Ich dachte, ein Freund würde auftauchen"

"Ach, geht ihr miteinander?" Ich beobachtete ihre Züge und stellte erleichtert fest, dass sie amüsiert über meine Frage war.

"Nein, wir sind bloß Freunde" Tessa dachte einen Augenblick nach, dann fügte sie hinzu: "Das würde so oder so auf keinen Fall klappen"

"Warum?"

"Sein Boss ist mein Vater" Als sie meinen seltsamen Blick bedachte, erklärte Tessa: "Sie arbeiten bei der Armee"

"Oh"

"Ich hab....in letzter Zeit nicht so besonders viele Verabredungen gehabt"

"Warum denn nicht?"

Seltsam, dachte ich. Wer würde sich nicht gerne mit solch einen Mädchen verabreden, dass genauso hübsch wie klug und liebevoll war. Ich nahm einen kräftigen Zug aus meinen Glas, als sie sagte:

"Also, wenn ich mit einen Jungen zusammen bin, den ich toll finde, dann fällt es mir schwer, irgendwas Cooles oder Geistreiches oder überhaupt was zu sagen. Ich kann eigentlich immer nur ein paar Laute von mir geben, und dann muss ich mich ganz schnell verdrücken"

Ich kam nicht umhin zu lachen "So schlimm ist das doch nicht"

"Aber ja doch. Ich glaube, die Jungs interessieren sich mehr für ein Mädchen, das viel redet"

"Lass dir von einen Jungen sagen" Ich lächelte sie aufmunternd an und legte einen Arm auf die Lehne hinter ihren Kopf "Das stimmt auf keinen Fall"

Sie erwiderte mein Lächeln und senkte nach einer Sekunde wieder ihren Blick. Sie schien bedrückt zu sein, was bei mir für ein mulmiges Gefühl in der Magengrube sorgte.

"Für dich ist es bestimmt leichter, ein Mädchen anzusprechen", sagte sie leise.

"Ach ja..." Ich nickte ein wenig verzweifelt. "Ganz leicht"

"Ich meine, du scheinst nicht so furchtbar schüchtern zu sein"

"Also, ich denke..." Ich unterbrach mich. "Willst du überhaupt wissen, was ich denke?"

"Klar", sagte sie eifrig.

"Das Leben ist kurz"

Tessa sah mich mit klaren Blick an. "Das Leben ist kurz", wiederholte sie verständnislos.

"Ist nicht besonders originell, das muss ich zugeben", sagte ich mit einen Achselzucken "Aber es stimmt. Warum soll man seine Zeit mit Schüchternheit verschwenden? Warum soll man sich darüber Gedanken machen, ob ein Typ einen auslacht? Pack die Gelegenheit beim Schopf. Denn morgen kannst du schon tot sein"

"Oh" Tessa lächelte "Da ist was dran"

Ich ließ meinen Blick durch die Menge gleiten. Als ich ein bekanntes Gesicht auf der Galerie über uns entdeckte, runzelte ich die Stirn.

"Ähm, ich bin in einer Minute wieder da", versprach ich.

"Ist schon okay", versicherte Tessa. "Du brauchst nicht zurückzukommen."

Ich musste über die scheue Art des Mädchens lächeln, daher wiederholte ich noch einmal in bestimmterem Ton: "Ich bin in einer Minute wieder da."

Ich war mir nicht sicher, ob Tessa mich gehört hatte. Das Mädchen hatte den Kopf gesenkt und murmelte vor sich hin: "Pack die Gelegenheit beim Schopf…"

Ich erkämpfte mir erneut einen Weg durch die Menge. Es dauerte nicht lange, bis ich die Treppe gefunden hatte. Ich zwängte mich durch die Leute auf die Galerie und schaffte es schließlich, einen Platz an dem Teil des Geländers zu ergattern, der sich unmittelbar über der Bühne befand. Dort stand ich nun und versuchte unbeteiligt zu wirken. Ich sah Ethan nicht einmal an, der herangekommen war und nun ebenso lässig neben mir stand.

"Du stehst also auf Studenten?" neckte mich Ethan.

"Eifersüchtig?"

"Ach was, ich habe schon so einige Leckerein gesehen. Aber keine von denen-"

"Ist wie Lilith", schloss ich seinen Satz und verdrehte die Augen. Für mich war es schon lange kein Geheimnis mehr, das Ethan auf die Tochter des Bürgermeisters stand. Aber abgesehen von einer heißen Nacht zusammen, von der niemals auch nur ein Wort gesprochen wurde, verband die beiden nur eine Freundschaft. Zumal eine Beziehung zu der Tochter des Mafiakopfes bedeuten würde, deren Zorn auf sich zu lenken und es wäre absolut unüberlegt und sinnlos. Jedem war bewusst, dass Lilith ohne Emotionen geboren wurde.

"Wo ist die Kleine eigentlich?"  Ethans Ton war schneidend, aber er wandte nicht für eine Sekunde den Blick von der Bühne."Ich dachte, sie würde sich amüsieren?"

Wieder verdrehte ich meine Augen. "Du brauchst etwas mehr Persönlichkeit, Ethan."

Wir starrten nun beide auf die Tanzfläche, auf die vielen Teenager, die zu den lauten Rhythmen der Musik tanzten und sich amüsierten.

"Schau sie dir nur an" Ethan klang fast wütend. "Wie sie da rumzappeln und überhaupt nicht ahnen, welcher Gefahr sie bald ausgesetzt sind"

"Die Glücklichen"

"Sobald der Junge fertig ist, werden sehr viele Menschen sterben"

Bei den Worten wurde meine Miene ernst. Ich blickte auf die fröhlichen Gesichter herab und sagte nichts mehr.

Aber Ethan hatte Recht. Sobald das Virus erschaffen war, würde Charles den giftigen Stoff verkaufen und wer wusste schon, was die Käufer damit anstellen würden. Sie würden es bestimmt nicht als Trophäe in einer Schrank stellen und sie würden es unter keinen Umständen sinnlos verbrauchen. Etwas Mächtiges war hier am Werk und ich vermochte kaum daran zu denken, was uns noch bevorstand. Es gab Zeiten, in denen ich Charles gerne zu Vernunft gebracht hätte. Sogar er, der Boss der Nosa Costra, konnte die Folgen kaum erahnen und würden die Viren erst verbreitet werden, würde das auch sein unausweichlicher Tod bedeuten. Unser aller!

"Hey!" Ethan Stimme riss mich aus den Gedanken. "Ist das nicht Dale Haward?"

Er zeigte mit seinen Finger auf die tanzende Menge; auf einen Jungen, der gerade mit einen Mädchen sprach. Auch aus der Entfernung konnte ich seine widerliche Fratze erkennen. Ein wütendes Kurren entrang meiner Kehle.

Dale Haward war einst ein Kollege und Vertrauter, doch irgendwann schien ihm das Geld mehr zu interessieren, wodurch er 2 unserer Leute umbrachte und sich aus den Staub machte. Trotz seines eingeschränkten Verstandes, galt er als gefährlich und äußerst berechnend. Ausserdem war er ein Feind der Familie.

"Kaum zu glauben, dass er sich noch raus traut. Diesem Arsch werde ich die Fresse polieren"

Ich hörte ihn kaum. Ich lehnte mich weiter über das Geländer und murmelte: "O nein!"

Der Typ unterhielt sich immer noch mit dem Mädchen und schien sie regelrecht zu belästigen.

Doch nun machte er eine Geste, die es zum Mitkommen aufforderte. Das Mädchen trat einen Schritt aus dem Schatten heraus, und mich beschlich ein Gefühl der Wut, als ich es erkannte.

"Ist das nicht…", fragte Ethan.

"Tessa"

"Was macht sie denn da?"

"Sie packt die Gelegenheit beim Schopf!", rief ich Ethan zu und war schon auf dem Weg zur Treppe.

Einen kurzen Augenblick lang sah ich den beiden noch – den Typen und Tessa –, als sie auf den Ausgang hinter der Bühne zugingen. Ich zwängte mich durch die Menge auf der Treppe und der Tanzfläche, aber als ich wieder nach den beiden Ausschau hielt, war Tessa verschwunden. Besorgt suchte ich den ganzen Raum ab, dann eilte ich zum Bühneneingang. Ich kam mir vor, als liefe ich in Zeitlupe – je näher ich der Bühne kam, um so dichter wurde die Menge. Der Verzweiflung nahe, schaffte ich es endlich, mich durchzukämpfen und die Tür aufzustoßen.

Die plötzliche Dunkelheit nahm mir vor Schreck den Atem, doch es dauerte nur einen Augenblick. Es war kälter, als ich gedacht hatte, und die Geräusche klangen jetzt seltsam gedämpft. Kein Mensch war in der Nähe. Ich schlich langsam und vorsichtig an den mit Plakaten beklebten, gemauerten Wänden entlang. Ich war kampfbereit. Nach dem Krach und der Enge im Haus kam es mir so vor, als sei ich hier in einer anderen Welt. Die dunkle Gasse,  mündete in eine etwas größere Straße. Eine einsame Laterne beleuchtete den Eingang. Mit einem immer stärker werdenden Gefühl drohender Gefahr rannte ich auf die Straße zu und bog um die Ecke.

Sofort erkannte ich das Pärchen. Ich zog an den Kragen des Jungen und schubste ihn brutal an die Wand. Das Mädchen kreischte vor Panik auf, und als ich das Gesicht des Jungen sah, merkte ich erst, dass es nicht Dale Haward war.

"Verdammt", stieß ich hervor.

"Entschuldige Sie bitte mal… könnten Sie Ihre Hände noch ein bisschen fester um meinen Hals drücken? Ich krieg ja noch etwas Luft!"

Frustriert ließ ich den Jungen los.

"Was haben Sie denn für ein Kindheitstrauma?" höhnte er, während er seine Garderobe ordnete.

Ich versuchte mich wieder zu fassen. Ich heuchelte eine freundliche Miene und fragte, als sei nichts geschehen: "Habt ihr vielleicht ein Mädchen gesehen? Braune Haare, braune Augen. Sehr hübsch?"

"Nein"

Meine Nerven waren zum Zerreißen gespannt, trat aber schleunigst den Rückzug an, während der Typ und seine Freundin ungläubig hinter mir her starrten.

Ich eilte zurück und begab mich wieder auf die Party. Ich sah Ethan, der am Fuß der Treppe auf mich wartete, und lief zu ihm hinüber.

"Das ging ja schnell." Ethan hob feierlich sein Glas. "Gut gemacht. Ich werde jetzt am besten nach Hause fahren-"

"Ich hab sie nicht gefunden", sagte ich mit einem verzweifelten Blick durch den ganzen Raum.

Ethan starrte mich an, als habe er nicht verstanden. "Der Kerl ist nicht tot?"

"Nein"

"Was sollen wir jetzt tun?"

"Du gehst nach Hause"

"Ich sollte mit dir kommen, nicht wahr?", bot Ethan an, aber ich schüttelte nur den Kopf und machte mich wieder auf den Weg durch die Menge.

"Keine Angst", rief ich über die Schulter zurück. "Mit dem werde ich schon fertig."






Tessa Ross


Ich hatte nun doch Bedenken.

Während ich mit dem jungen Mann durch die Dunkelheit spazierte, wurde ich immer nervöser. Er hatte seit dem Verlassen der Feier kaum ein Dutzend Worte gesprochen, und mittlerweile fand ich ihn auch etwas seltsam, was mir in dem Lärm und unter den Lichtern der Party gar nicht aufgefallen war.

Außerdem waren da auch Leute, dachte ich insgeheim.

"Ist echt ganz schön dunkel." Es war der schüchterne Versuch einer Unterhaltung, aber das machte mich auch nicht mutiger.

"Es ist Nacht", antwortete der junge Mann.

"Das ist die dunkle Zeit." Ich nickte. "Die Nacht. War schon immer so."

Wir spazierten weiter. Wieder machte ich den Versuch, ein Gespräch zu beginnen.

"Ich kann immer noch nicht glauben, dass ich dich noch nie in der Schule gesehen habe. Hast du bei Mr. Chomsky Geschichte?"

Der Junge gab keine Antwort. Er blieb nur plötzlich stehen.

Ich sah mich nervös um.

"Wenn wir zur Eisdiele wollen, müssen wir da runter", sagte ich zu ihm. "Über die Hamilton Street."

Er streckte seine Hand aus, ergriff meine und hielt sie fest umklammert.

"Ich weiß eine Abkürzung", sagte er. Und dann führte er mich in eine kaum befahrene Straße.



Ethan Kole, 22 Jahre

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