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The Beloved Devil

GeschichteThriller, Familie / P18 / Gen
Barney "The Schizo" Ross Hale Caesar Hector
30.11.2013
20.05.2014
18
89.028
 
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30.11.2013 6.228
 
Lilith LaCruze

Als die Nacht angebrochen war, erwachte ich wie aus einem Traum. Mein Kopf schmerzte, mein Rücken und meine Hüfte tat höllisch weh und ich brauchte dringend eine Dusche. Meine Lage wurde nicht unbedingt durch die Tatsache verbessert, dass ich meine Beine kaum noch spüren konnte und mir ungeheuer kalt war. Der Gestank in diesem kleinen Raum war grauenhaft, und ich nahm an, dass ich meine Kleidung verbrennen musste, wenn es mir je gelingen sollte, aus dieser Gefangenschaft zu entkommen.

Und ich würde entkommen. Ich erlaubte mir nicht, irgendeine andere Möglichkeit auch nur in Betracht zu ziehen.

Ich wusste, dass dies der Schlüssel war. Obwohl ich mich nur an wenig von dem erinnern konnte, was in den letzten paar Tagen geschehen war, würde ich mein ganzes Leben lang nicht das Grauen von Vaters entsetzlichen und abscheulichen Anblicks vergessen.

Es gab nur sehr wenig Licht in dem Raum, abgesehen von dem diffusen Schimmer, der durch die sechzig Zentimeter breiten, vom Boden bis zur Decke reichenden milchigen Glasbausteine auf beiden Seiten des Zimmers fiel. Aber dieses Licht genügte, um einen Blick auf meinen ramponierten Körper zu erhaschen und ich wusste, dass die Lage ernst war.

Dann, bevor ich mich weiter mit meiner Situation befassen konnte, hörte ich Schritte auf dem Korridor. Da ich nicht wollte, dass meine Entführer bemerkten, dass ich wieder bei Sinnen war, legte ich mich auf den Boden und schloss meine Augen. Noch mehr Schläge würde ich nicht mehr ertragen können.

Ein Schlüssel wurde ins Schloss gesteckt, gedreht, und dann wurden die Türen aufgezogen. Ganz wenig öffnete ich meine Augen und sah Smilee hereinkommen, der mich mit einem seltsamen Ausdruck betrachtete. Ich konnte es nur schwer deuten, war es Verachtung? War es Hass oder doch Mitgefühl?

Ich beobachtete den Jungen dabei, wie er die Tür hinter sich schloss und sich mir langsam näherte. Dabei hielt er meinen Blick die ganze Zeit stand.

"Wie geht es dir?", fragte er leise und sein Blick huschte kurz über meinem Körper. Er sah meine Wunden und verzog für einen raschen Moment das Gesicht.

Wie es mir geht? Ich konnte nicht anders, als zu lachen. Es war ein trockener, sarkastischer Laut, der in einen Aufstöhnen des Schmerzes endete.

"Ist das eine Fangfrage?", krächzte ich.

Smilee schwieg; sah mir wieder in die Augen.

"Mir geht's blendend. Zufrieden?" , zischte ich und setzte mich mit den Rücken mühesam an die Wand. Die Schmerzen verschlimmerten sich mit jeder Bewegung; mit jedem Atemzug und es erweckte in mir den Wunsch nach Erlösung. Selbst der Tod konnte nicht mehr schrecklicher sein.

Smilee ging vor mir in die Hocke und holte tief Luft. Dann sagte er leise: "Nein." Und stellte mir eine Flasche Wasser auf den Boden.

Ach was für ein Herzchen. Tat ich ihm etwa leid? Erweckte mein Zustand bei ihm Mitleid? Ich verbiss mir ein Lacher und meine Augen richteten sich auf die Tür. Normalerweise war sie mit einem Riegel versehen, der jetzt jedoch gelößt war. Fluchtpläne huschten mir durch den Kopf, aber ich war nicht mehr in der Verfassung, noch einen weiteren harten Kampf durchzustehen. Also lehnte ich mich wieder zurück an die Wand und bereitete mich auf das vor, worum Smilee gekommen war.






Smilee

"Was wollt ihr noch von mir?", fragte Lilith mit schwacher Stimme. "Ich kann euch beim besten Willen nicht sagen, wo die Dokumente meines Vaters aufbewahrt sind. Und wer seine Komplizen waren oder die Käufer, weiß ich auch nicht."

Inzwischen saß ich so dicht neben ihr, dass ich die Wärme spürte, die von ihr ausging, und mit einen Mal musste ich einen Schauder unterdrücken, der voller verbotenen Gefühlen war. Lilith in solch einen Zustand zu erleben, setzte mir mehr zu, als ich es zugeben wollte. Sie war schwach, sehr schwach. Sie war dem Tode nahe und sie schien es zu wissen.

Ich räusperte mich und versuchte das Gespräch so oberflächlich wie möglich zu halten. "Was weißt du überhaupt als Rechte Hand?", fragte ich abschätzend.

Es war schwer vorzustellen, dass die Tochter des Bürgermeisters in seinen Plänen nicht involviert war. Sie stand dem Menschen näher als jemand anderes und sie folgte seinen Befehlen ohne einen Widerstand. Es würde mich auch kaum wundern, wenn Lilith an der Front stand und sie selbst die Pläne und die Organisation in die Hand nahm. Sie spielte ohne Frage eine größere Rolle, als sie es zugeben wollte.

"Der Auftrag", begann sie und sah mich wütend an, "lautete, den Jungen dazu zubringen, das Virus zu entwickeln. Alles andere hat mein Vater organisiert. Wir wollten nach Mexiko aufbrechen, um den Virus an irgendwelche Schwarzmarkthändler zu verkaufen, aber an wem, hat er mir nie gesagt. Auch über die Summe hat er nie ein Sterbenswörtchen verloren."

Sie verstummte, schniefte und verzog das Gesicht. Dann zuckte sie die Achseln und sagte: "Und nun ist es so ziemlich egal, wer es war. Das Virus ist zerstört und ich bezweifel, dass seine Essenz eine Wirkung hatte"

"Warum?"

Sie sah mich an und ihr Blick war fest und außer Erschöpfung konnte ich darin oder in ihrer Stimme nichts erkennen."Weil ich noch lebe."

Auch das war eine unangefochtene Tatsache. Sie war mit dem vermeindlichen Virus in Kontakt gekommen, jedoch zeigte sie keine typischen Symptome des Markburg-Virus.

Sie wandte den Blick wieder ab und sah auf ihre verschränkten Hände. "Was willst du noch hören?", hörte ich sie leise fragen.

Erstaunt hob ich meine Augenbrauen und warf ihr einen Seitenblick zu. Es erleichterte den Umstand zwar, dass sie uns die Antworten gab, die wir brauchten. Aber warum war sie so koorperativ?

Weil sie weiß, dass sie sterben wird und es ohnehin keinen Ausweg mehr für sie geben wird, meldete sich meine innere Stimme zu Wort. Bei dem Gedanken verkrampfte sich mir das Herz und um mich davon abzulenken, stellte ich dir erste Frage, die mir in den Sinn kam.  "Wer waren deine Freunde?"

Lilith stieß einen langen, ungehaltenen Seufzer aus und sah mir wieder in die Augen. "Entschuldige, Kumpel", sagte sie mit einem Hohnlächeln. "Auf diese Schiene bringen mich keine 10 Pferde. Ich bin keine Verräterin."

"Du bist eine Mörderin", erinnerte ich sie grimmig.

"Mit Stil", fügte sie hinzu und begann zu lachen, was in einem Hustenanfall überging, der widerum zu einem gepeinigten Keuchen wurde.

Ich versuchte mir nicht anmerken zu lassen, wie sehr mich ihr Zustand entsetzte.

"Meine Gefangenschaft wird euch kein Vorteil bringen", fuhr sie benommen fort und hustete. "Denk doch mal nach? Irgendwann werden sich die Menschen nach mir erkundigen und sich fragen, wo ich bleibe. Ich bin die Tochter vom Bürgermeister und es wird die Zeit kommen, wo die Suchtruppen nach mir suchen und sie werden jeden Haushalt auseinander nehmen. Sollten sie mich hier finden, werdet ihr ganz schön am Arsch sein."

Da hatte sie in gewisser Weise Recht. Aber mir gefielen diese Argumente nicht. Überhaupt nicht.

"Tja, die Sache ist die, Lilith." Ich streckte meine Beine aus und lehnte meinen Kopf zurück an die kühle Wand. "Barney ist scheißwütend auf dich und er wird nicht aufgeben, bis er handfeste Beweise für die korrupten Geschäfte deines Vaters hat."

"Vorher werde ich sterben", wisperte sie. Etwas Ruheloses, Gehetztes überschattete ihr hübsches Gesicht, und als sie die Hand hob, um sich eine Strähne ihres blonden Haares hinters Ohr zu schieben, zitterte diese.

Das mulmige Gefühl in meinen Bauch wurde stärker und ich schluckte den Geschmack von Galle runter, der in meinen Hals aufgestiegen war. Ich sollte schleunigst das Zimmer und das Mädchen verlassen. Es hinter mich bringen. Ich sollte mir keine Gedanken mehr um sie machen, denn mit jeder Sekunde die verging, wurde mein Herz schwerer.

Aber ich brauchte dringend Antworten.

"Wenn du schon das Zeitliche segnest, kannst du uns doch auch sagen, welchen Weg wir gehen können, um deinem Vater von der Heldenliste zu streichen, oder?", räumte ich mit einem erfolglosen Lächeln ein.

Zornig fuhr Lilith herum und funkelte mich aus hasserfüllten Augen an. "Er ist tot!", schrie Sie mich an. "Alles was ihm ausgemacht hat, hat nun keine Bedeutung mehr. Er wird euch keinen Ärger mehr machen."

Aber als ich in die Tiefen ihrer wunderschönen Augen blickte, konnte ich etwas Schmerzliches erkennen. Und ich fragte mich, wie ehrlich sie mit sich selbst war.

"Doch", gestand ich und hielt ihren Blick stand. "Allein sein Tod wird mehr Fragen aufwirbeln, als uns und der CIA lieb ist."

"Darum geht es also?" Sie presste die Lippen zusammen und sah mich kopfschüttelnd an. "Ihr wollt eure Hände reinwaschen."

Sie sprach es nicht wie eine Frage aus, aber ich nickte trotzdem.

"Was ist mit der Leiche meines Vaters geschehen? Weiß die Regierung bescheid?"

"Nein", entgegnete ich. "Seine Leiche ist in der Gewahrsam der CIA"

Sie schwieg einen Moment lang. "Scheiße für euch", sagte sie dann und zuckte gleichmütig die Schultern.

Plötzlich wurde ich unsagbar wütend.

Was all das für sie unbedeutend? Scherrte sie sich um den Leichnahm ihres Vaters überhaupt? Oder lebte sie lediglich für sich selbst?

Nein! Sie spielte uns etwas vor! Sie miemte die Gelassene, die Unberührte, indem sie uns zeigte, das gar nichts und niemand ihr Schaden zufügen konnte. Doch - und dafür legte ich meine Hand ins Feuer - in ihrem Herzen sah es ganz anders aus.

Vor Zorn sprang ich auf, drehte mich zu ihr um und sah sie aus schmalen Augen an. "Bist du wirklich so ein egoistsches Weib? Oder ist das nur ein Spiel für dich?", entfuhr es mir so wütend, dass ich mich selbst erschrak.

Lilith gab keine Antwort aber sie wich meinem Blick aus, was mich ermutigte weiterzusprechen. Ich trat einen Schritt auf sie zu und senkte meine Stimme.

"Lilith!", sprach ich sie bei ihren Namen an. "Vielleicht scheinst du in vielen Augen ein herzloses, brutales Miststück zu sein. Aber ich habe auch schon andere Seiten an dir gesehen und so langsam beginne ich mich zu fragen, ob das alles nur eine Fassade ist."

"Keine Fassade." Ihre Stimme war rau und schwach und sie vermied es noch immer mir in die Augen zu sehen.

Ein zynisches Lächeln umspielte meine Lippen, als mir das Gespräch zwischen ihr und Tessa in den Sinn kam. Sie sagte, es wäre eine Lüge gewesen aber; dass ihr Leben vollkommen wäre, aber selbst ein Blinder konnte erkennen, was hinter den Worten steckte.

Es war Verleugnung.

"Wirklich? Auch du bist nur ein Mensch, Lilith" , erinnerte ich sie. "Womöglich hast du in deinem Leben schon immer auf Emotionen verzichten müssen, aber im Grunde-"

"Aber im Grunde was?" Ihr Blick hob sich und ihre selbstsichere Lockerheit bröckelte ein bisschen.

"Du hasst dein Leben als Mafias Tochter!"  Schon als ich es aussprach, bereute ich es und presste meine Lippen zusammen.

So würde ich sie niemals aus der Reserve locken. So würde sie sich niemals eingestehen, wie tragisch ihr Leben war.

"Ach? Ist das so?", erwiderte sie und lächelte mich süß an.

Ich nickte ohne zu zögern.

"Ja" Ich machte einen Schritt auf sie zu und redete mir alles von der Seele. "Du würdest gerne ein ganz normales Leben führen, habe ich recht? Auf's College gehen, jemanden lieben, Kinder bekommen und irgendwann-" Ich verstummte und suchte nach den passenden Worten.

Unwillkürlich rief ich mir das Bild eines Mädchens in Erinnerung, der es gelungen war, mich mit ihrer ganzen Leidenschaft und ihrem Zauber in den Bann zuziehen. Das Mädchen, welches mir seit der Nacht immer und immer wieder im Kopf herumspuckte und mich daran erinnerte, wie glücklich ich zu jenem Augenblick war. Wie seltsam befreiend und geborgen ich mich fühlte.

Sie war herzlich und sanft und doch voller Selbstvertrauen.

Langsam ging ich vor dem Mädchen, was mir den Verstand raubte, in die Knie und sah sie betrübt an. "Damals in der Nacht, warst du ein ganz anderes Mädchen." Ich streckte meine Hände nach ihr aus, ließ sie aber wieder sinken, als sie zusammen fuhr.

Dann sagte sie etwas, was mich auf den Boden der Realität zurück holte. Und zwar so brutal, dass ich für einen Moment vergaß zu Atmen."Das war nur ein Spiel und du warst mein Spielzeug."

Ich schüttelte den Kopf, obwohl ihre Worte mir das Herz zerissen.

Und da erkannte ich es. Lilith war dem Mädchen aus meinen Erinnerung nicht im Geringsten ähnlich. Sie war ein trostloses Wesen ohne Herz und ohne Gewissen und die beständig den Weg des Todes wählte. Sie würde sich niemals ändern; sie würde immer eine gefühlslose Killermaschine bleiben.

Schweigend drehte ich mich um, um sie ein für alle Mal sich selbst zu überlassen. Ich legte die Hand auf den Türknauf und sagte, ohne mich umzudrehen:"Schade, dass du keine Chance mehr haben wirst, deine Fehler wieder gutzumachen."

Dann zog ich die Tür auf und zuckte im gleichen Moment zusammen, weil hinter mir ein entsetzliches Geräusch erklang.

Das Geräusch eines schmerzerfülltes Stöhnen und Wimmern.

Sofort drehte ich mich um und es bot sich mir ein Bild, was ich niemals vergessen werde. Lilith lag gekrümmt auf den Boden, ihre Arme fest um ihren Körper geschlungen, als würde er jeden Moment auseinander brechen. Mich traf solch eine Wucht der Angst, dass ich mich für einen Moment kaum bewegen konnte.

Immer wieder schrie eine Stimme in meinem Kopf: Sie darf nicht sterben!

"Lilith?" Vorsichtig trat ich auf sie zu und ließ mich neben ihr zu Boden sinken.

Ihr Mund öffnete sich aber in diesem Augenblick durchlief ein Schauer ihren Körper und statt zu sprechen, schloss sie krampfhaft die Augen und stöhnte. In dem Laut lag solch eine Qual, dass mir kalt wurde und düstere Verzeiflung überkam mich.

"Fuck", fluchte ich und schaute mich in dem Raum nach Hilfe um.

Auf dem Tisch lag noch ein Eimer Wasser und Tücher von Tessa. Daneben ein paar Verbände und Alkohol zum Desinfizieren. Besser als nichts, dachte ich und wollte zum Tisch stürmen, als Lilith' Stimme - krächzend und schwindend - , mich erschrocken inne halten ließ.

Ich blinzelte sie benommen an.

"Was?", fragte ich in der Hoffnung mich verhört zu haben.

"Töte mich....", widerholte sie und sah mich flehend aus glasigen Augen an.

Ich brauchte einige Sekunden, um ihre Bitte zu verdauen. Und dann tat ich etwas, wobei ich hoffte, es nicht zu bereuen.

"Auf keinen Fall", knurrte ich und zog mein Handy heraus und drückte auf die Kurzwahltaste. Nach einem Klingeln nahm jemand ab.

"Caddy? Ich bin's!" Ich sah zu dem Mädchen am Boden und fügte hinzu: "Ich brauch deine Hilfe"






Erzähler POV

"Ethan?"

Es war später Abend und Ethan saß auf seiner Couch; schaute sich einen belanglosen Film an, als Elaine - die kleine Schwester von Lilith -, mit ihren rosanen Pyjama und den Teddy auf den Armen, an der Tür stand und sich verschlafen die Augen rieb.

Während Lilith' Abwesenheit nahm der junge Mann das Mädchen bei sich auf, versorgte sie und kümmerte sich um sie. Einerseits weil es ein Versprechen an ihrer großen Schwester war, andererseits, weil die Kleine ihm am Herzen lag und er sie so am besten beschützen konnte.

"Hey Prinzessin", sagte Ethan und verkniff sich ein Schmunzeln, über das Bild, was sich ihm bot. In ihrem kindlichen Schlafanzug und mit dem Teddy sah sie unschuldig aus, als könnte sie kein Wässerchen trüben, doch Ethan war sich durchaus bewusst, über welche Charakterzüge sie beherrschte. Sie war eine Miniatur von Lilith - genauso willensstark, stur und sehr direkt."Warum bist du denn noch auf?"

"Ich kann nicht schlafen...", murmelte das Mädchen und warf einem Blick zum Fernsehn.

Es lief gerade Lethal Weapon 2, ein alter Schinken aus den 80zigern und sie verzog argwöhnisch das Gesicht. Genau wie ihre Schwester bevorzugte sie neumodischen Filme und keine bekannten Klassiker.

Ethan schenkte ihr ein müdes Lächeln und kloppfte auf den Platz neben sich. "Komm her..."

Laney lächelte und setzte sich neben Ethan, der ganz selbstverständlich den Arm um sie legte. Eine Weile schauten sie schweigend auf dem Bildschirm, doch an beiden schien der Inhalt des Films gänzlich vorrüber zu gehen. Sie waren mit den Gedanken woanders, genaugenommen bei jemand anderem und als das Mädchen Luft zum Reden holte, erahnte Ethan bereits, was gleich auf ihm zukommen sollte. Und es graute ihm vor dem Thema.  

"Lily ist schon seit fast 2 Wochen weg", nuschelte Laney und schaute aus großen Augen zu ihm auf. "Wann kommt sie wieder, Ethan?"

Nun, dachte der Junge, das würde auch ich gerne wissen.

Selbstverständlich hatten Ethan, Hector und David der Kleinen gegenüber kein Wort über die Entführung ihrer Schwester verloren. Auch den Tod von Charles LaCruze verheimlichten sie, auch wenn sie wussten, dass es falsch war. Irgendwann würde Laney erfahren, was ihrer Familie geschehen war, zwangsläufig, und es würde ihre unschuldige Seele zerschmettern. Ethan wollte den Augenblick so weit wie nur möglich hinaus zögern.

"Ich..." Er räusperte sich und gab sich Mühe, unter ihren unverwandten Blick nicht hin  und her zurutschen. "Ich denke, bald."

"Sie hat aber gesagt, sie kommt in 2 Tagen wieder." Das Mädchen brach ab und biss sich auf die Lippe, während sie wieder zum Fernsehn schaute. Beinahe flüsternd hörte Ethan sie sagen: "Sie hat es mir versprochen"

Und es brach ihm das Herz.

"Laney", versuchte er sie zu beschwichtigen, doch sie fiel ihm ins Wort.

"Sie hat ihr Versprechen nicht gehalten", platzte es aus ihr heraus und sie drückte den Teddy fester an sich. Ethan konnte das Glitzern in ihren Augen sehen und zog sie automatisch näher an seiner Brust. Seine Hand legte sich unter ihr Kinn, damit sie ihm in die Augen sehen musste.

"Elaine", sagte er mit einem sanften Lächeln. "Deine Schwester hat viel um die Ohren, okay? Versuch ihr zu vergeben."

Für einen Augenblick schien sie mit sich zu hadern und er konnte sehen, welch Qualen sie erlitt. Für Laney war Lilith die emotionalste Verbindung, ohne sie würde sie zerbrechen. Ohne sie, würde sie ihre Kindheit verlieren, die Lilith mit jeder Faser ihres Seins zu beschützen vermochte.

"Ich vermisse sie so sehr."

Sie sagte es ganz leise, aber die Worte schienen in der Luft zu schimmern und sich um Ethan zu wickeln, und er erstarrte. Eine Weile saß er reglos da, die Hände zu Fäusten  geballt, den Kopf leicht gesenkt, als kämpfte er mit sich selbst. Ohne sich ihr  zuzwenden, sagte er:"Ich auch."






Tessa Ross

Wie üblich wurde die Küche sofort zu einem Irrenhaus, weil all meine Freunde in voller Lautatärke erklärten, was sie von der Gefangenschaft von Lilith und ihrer neuesten Erläuterung hielten.Viele waren der Meinung, dass das Mädchen uns nur etwas vorspielte, um so ihre Freunde und das Erbe ihres Vater zu schützen. Einige so wie Yang und ich stellten es jedoch in Frage und uns kam der Gedanke, dass Lilith uns weit weniger vom Nutzen war, als wir zuerst angenommen hatten.

Selbstverständlich war sie Charles LaCruzes Tochter und dem Anschein nach, sollte sie auch über seine düstersten Geheimnisse Bescheid wissen, doch warum sollte sie in solch einem Zustand immer noch lügen? Was, außer dem Tod, sollte es ihr bringen?

Es war überhaupt ein Wunder, dass Lilith noch immer unsere Gefangene war. Hector und Ethan würden sich bestimmt Sorgen um sie machen und Zeit genug hatten sie bereits, um sich einen Plan zu schmieden, um ihre Freundin rauszuholen. Ich konnte mir kaum vorstellen, dass sie das Mädchen im Stich lassen würden und auch die Vorstellung, dass sie sich vor uns fürchten würden, war absurd.

Nein! Sie waren ausgebildete Kämpfer und sie waren loyal.

Und sie waren zahlreich.

Irgendwann würden sie angreifen und wir würden uns gegen sie auflehnen.

Vielleicht würden wir gewinnen. Bestimmt sogar. Aber sehr wahrscheinlich würden wir Verluste hinnehmen müssen. Noch ein Grund mehr, warum wir Lilith dringend loswerden mussten.

Ich hob meinem Blick von meinen Händen, die auf dem Tisch verschränkt waren und räusperte mich, um Lees Ansprache - wir sollten Lilith den Rest geben -, zu stoppen. Jetzt richtete sich die gesamte Aufmerksamkeit der Gruppe sofort auf mich und ich wurde ein wenig nervös.

"Lee!" Ich sah ihm in die Augen und nahm einen langen Atemzug. "Wir können sie nicht ewig hier behalten. Ihr Verschwinden wird irgendwann Aufmerksamkeit erregen"

Das war nur einer der vielen Gründe, warum ich für die Freilassung des Mädchens war. Ein anderer war - wie schon angesrochen -, die Angst vor einem Angriff. Ein weiterer Grund war, weil ich mich um ihre Gesundheit sorgte (Ich war niemand, der anderen Menschen, so grausam sie auch scheinen mögen, etwas Böses wünschte) und der letzte und Entscheidenste war, weil ihre Gefangenschaft uns einfach nur eine Last war.

"Und was sollten wir deiner Meinung nach tun?", fragte Lee. Seine Augen funkelten mich gehässig an. "Sie gehen lassen und hoffen, dass sie uns nicht zum Teufel schickt?"

"Oder darauf vertrauen, dass sie ein Sinneswandel bekommt und von nun an keine krummen Dinger mehr dreht?",stimmte Ceaser im grimmigen Ton zu.

"Denn genau das wird sie tun, wenn sie uns los ist", schloss Gunnar und verschränkte selbstzufrieden seine Arme vor der Brust.

Ich seufzte.

Die Männer waren beinahe schon besessen vor dem Gedanken, Lilith für all ihre Taten zu bestrafen. Sie waren wütend; dürsteten nach Rache und sie dachten Rational, kaum noch bei Sinnen. Sie würden sofort und ohne Gewissen das Mädchen dem Henker vorwerfen. Und genau aus diesem Grund gab es in den vergangenen Tagen auch schon einige Auseinandersetzungen in unserer Gruppe.

"Oh, kommt schon", stöhnte ich auf und warf frustriert meine Hände in die Luft. "Lassen wir die Dinge bei Seite, die ausgeschlossen sind. Reden wir lieber darüber, wie wir in Zukunft handeln werden. Lilith' Leben hängt am seidenen Faden und sie hat uns bereits alles gesagt, was sie weiß."

"Das vermutest du", sagte Lee.

Ich sah ihn scharf an. "Das weiß ich."

Jedefalls war ich der festen Meinung, es zu wissen.

"Wenn das tatsächlich der Fall wäre", räumte Ceaser überlegend ein ,"würde das bedeuten, dass Charles LaCruze kein Vertrauen in seine Tochter gesetzt hat. In sein Eigen Fleisch und Blut." Er zog seine Augenbrauen in die Höhe und sah mich ungläubig an, als wäre das eine vollkommen abwegige Vorstellung.

Aber in was für einer Gesellschaft leben wir denn?, dachte ich und in mir loderte der Zorn auf. So alt und erfahren Ceaser auch sein mag, seine Darstellung von einer Vater-Tochter-Beziehung war nahezu Märchenhaft. Glaubte er tatsächlich, dass jede Beziehung auf Liebe, Zuneigung und Vertrauen aufgebaut ist?

Ganz langsam, Tessa, mahnte ich mich und zwang mich zu Ruhe. Ich schüttelte den Kopf und wischte seine Worte ungeduldig bei Seite.

"Wenn du ein Mann bist, der Macht, Geld und Loyalität besitzt und du grenzenlosen Einfluss auf die Bürger, den Vorstand und sogar auf die Regierung hast, dann hat das Eigen Fleisch und Blut keine besondere Bedeutung mehr."

"Willst du sie verteidigen?"

Auf Gunnars Worten folte eine düstere Stille und alle Augenpaare starrten mich an. Und da platzte mir der Kragen.

"Nein, Gunnar", schrie ich und ballte meine Hände zu Fäusten. Vor Zorn lief mein Gesicht Rot an und ich hatte Mühe, den Herren der Schöpfung nicht an die Kehle zu springen. "Ich bringe die Dinge auf dem Punkt", ergänzte ich knurrend.

"Schön", sagte Lee unbeeindruckt. "Wenn du schon ein vollwertiges Mitglied unserer Gruppe werden willst, dann schlage du uns doch vor, wie wir vorgehen sollen."

Ich schwieg für einen Moment, da ich vollkommen aus der Bahn geworfen wurde. Fragten sie mich gerade, wie wir mit Lilith umgehen sollten?

Völlig verblüfft hörte ich mich sagen: "Wir werden sie gehen lassen."

Da brach an unseren Tisch ein Tumult aus. Lee sprang sofort auf die Barrikaden und gab mir zu verstehen, wie naiv und dämlich ich mich aufführte. Ceaser und Toll Road versuchten es auf die sanfte Tor und wollten mich darüber aufklären, dass Lilith ein böser Mensch war. Yang schwieg, aber ich spürte seine beruhigende Hand auf meiner Schulter und Gunnar warf mir finstere Blicke zu.

Ich fühlte mich wie in einem Kindergarten und wartete seufzend, bis sich der Sturm gelegt hatte. Als endlich alle still waren, sagte ich: "Jungs! Was soll sie denn schon tun? Die Nosa Costra haben ihren Kopf verloren. Die Geschäfte werden sich zwangsläufig im Sand verlaufen"

"Da irrst du dich, Tessa"

Alle sahen auf, als Barny mit Church die Küche betrat. Ich bemerkte, wie ich den Rücken straffte und das Kinn hob.

Sie setzten sich an den Tisch und Barney goss sich ein Glas mit Burbon ein. Seine Miene war ausdruckslos aber ihm war anzusehen, wie wenig Schlaf er in den letzten Tagen bekommen hatte.

Indessen zog Church sein Jakett aus und hängte es über die Lehne. Dann verschränkte er seine Hände auf dem Tisch, sah mich ernst an und sagte: "Charles LaCruzes Tod bedeutet nicht das Ende der Nosa Costra. Natürlich spielt das Oberhaupt der Familie eine äußerst wichtige Rolle, sowohl was dem Stand als auch den Verlauf der Geschäfte angeht. Wie du weißt, beherrschen sie das organisierte Verbrechen und sie gehen stets überlegt vor. Charles Tod ist ein Rückschlag aber im Grunde, haben seine Parnter, genaugenommen seine Tochter den Großteil seiner Geschäfte übernommen."

"Ergo", fügte Lee grinsend hinzu: "Sobald sein Ableben publik wird, werden sich zahlreiche seiner Partner um seinen Posten streiten. Einschließlich Lilith und die kriminellen Machenschaften gehen weiter."

Ich sah sie finster an, sagte aber nichts mehr dazu.

"Das ist auch der Grund, warum wir Lilith nicht einfach gehen lassen können. Und das ist auch der Grund, warum wir dringend Beweise brauchen", Church hielt inne und knetete sich die Stirn. Dann fügte er hinzu: "Wir werden den Nosa Costra das Handwerk legen, eher werde ich keine Ruhe geben"

"Sie werden dafür bezahlen, was sie den Bürgern von St. Spreengs angetan haben", endete Barney mit müder aber nichtsdestoweniger entschiedener Stimme.

Er sah mich an, als erwartete er eine Reaktion. Als onickte ich. "Und wie ist der Plan?", fragte ich und kam nicht umhin, dabei schnippisch zu klingen.

Church und Barney wechselten einen raschen Blick und mein Vater war es, der dann ein Foto auf dem Tisch warf. Als ich mich darüber beugte, um das Schwarz-Weiß-Foto zu begutachten, sah ich Charles LaCruze. Auf dem Bild hielt er einen Koffer unter seinen Rechten Unterarm. Vor ihm stand eine junge Frau mit dem Rücken zur Linse und er lächelte sie vertraut an. Sie hatte lange, blonde Haare und eine Statur wie seine Tochter. Sie standen in einer belebten Straße, um sie herum viele Marktstände, als wären sie in einer Einkaufspassage. Und es konnte auf keinen Fall St. Spreengs sein und ich bezweifelte auch, dass es die USA waren. Sicherlich war es in Mexiko, als Charles LaCruze dort seinen Deal vorbereitete.

Ich richtete meine Augen wieder auf dem Koffer und da fiel es mir auf.

Er gab der jungen Frau den Koffer; seine Augen - so intensiv und fest, wie er sie anblickte -, sprachen Bände und in meinen Ohren hörte ich seine Worte: >Nimm es in Gewahrsam. Sie dürfen nicht an meine Dokumente kommen<

Das war es also!

Seine ganzen Aufzeichnungen konnten niemals in seinem Haus gefunden werden. Doch wer war diese junge Frau?

Lilith? Nein. Sie war in St. Spreengs! Sie war in meiner Nähe, als ich die Geisel war.

Nun, wir würden es bestimmt schon bald erfahren, denn Barneys Worte waren: "Wir fliegen nach Mexiko"






Smilee

Es war Nachmittag und die Sonne begann lange Schatten zu werfen. Ich wusste nicht, wie ich es geschafft hatte, mich über den Tag zu retten. Ich war schlecht drauf und meine Laune besserte sich nicht gerade dadurch, dass sich meine Schwester einen Raum weiter befand und sich darum bemühte, Lilith' Leben zu retten.

Wir waren zwar immer noch in Barneys Haus aber wenigstens waren wir aus dem dreckigen Keller entkommen und meine Schwester konnte das Mädchen nun im Hobbyraum behandeln. Das ganze Equipment kam natürlich von Cadence, auch wenn sie am Anfang sehr wenig Begeisterung zeigte, mir zu helfen.

Aber sie kam und dafür war ich ihr unglaublich dankbar.

Während der Behandlung oder Operation - wie auch immer -, saß ich im selbsternannten Warteraum, was im Eigentlichen Barneys Waschküche war. Ich saß einfach nur da und versuchte einen Sinn in meine wirbelnden Gedanken zu kriegen.

Immer wieder kam mir das Bild vor Augen, wie Lilith gekrümmt und von Schmerzen geplagt mich bat, sie umzubringen. Sie war so entschlossen zu sterben, dem allem ein Ende zu setzen, dass der bloße Gedanke, sie sterben zu lassen, grausam für mich war. Auch wenn es das im Grunde gar nicht sein durfte. Sie war eine Mörderin, sie nahm den Menschen ihre Existenz und wenn jemand den Tod verdiente, dann war sie es.

Aber ich konnte es einfach nicht!

In den winzigen Augenblick, in dem ich über Leben und Tod entschied, konnte ich an kaum etwas anderes denken, als dem Mädchen zu helfen. Sie leben zu lassen und es auch in Ordnung zu bringen. War das nicht absurd? Einer Mörderin helfen zu wollen und irgendwo in meinem Inneren zu hoffen, dass sie am Ende doch den richtigen Weg wählen würde? Dass sie sich ändern würde?

Angespannt und wachsam wie ich war, wischte ich mir den Schweiß von der Stirn und stand auf, als meine Schwester aus dem Raum kam und mich ansah.

"Erzähl mir was positives." Ich staunte über die Ruhe in meiner Stimme, obwohl ich mich vollkommen aufgelöst fühlte.

Cadence zuckte mit den Augenbrauen; ihre Handschuhen waren voller Blut und auch an ihrem Kittel waren noch Spuren der Operation zu sehen. Ihre blonden Haare waren zu einem Zopf zusammen gebunden, doch ein paar verlorene Strähnen fielen in ihr Gesicht. 3 Stunden dauerte der Eingriff.

"Es war gut, mich anzurufen", sagte Sie nur, ohne die Miene zu verziehen.

Ich verdrehte die Augen, wegen der Sinnlosen Bemerkung und sah meiner Schwester nach, wie sie zum Waschbecken trat, um sich das Blut von den Händen zu waschen.

"Wie geht es ihr?", fragte ich ungeduldig.

"Dem Umständen entsprechend", erwiderte sie. Dann verstummte sie und sah mich aus schmalen Schlitzen durch den Spiegel an. "Was ist sie bloß für ein Mensch, dass ihr solche Gräultaten angetan werden?"

Nur die Tochter des radikalsten Mannes der Welt!

"Kein besonders netter", entgegnete ich schlicht. "Also?"

Ein sorgenvoller Ausdruck erschien in Cadence' Augen – und zugleich müdes Verständnis. Sie kannte mich und mein Berufsleben und sie akzeptierte es. Was jedoch keineswegs bedeutete, dass sie damit einverstanden war.

Sie trat vom Waschbecken zurück, hielt den Blick aber weiter auf mich gerichtet "Sie hat einen Riss in der Milz und in der Bauchhöhle, wodurch innere Blutungen entstanden sind. Ich konnte durch eine Operation das Schlimmste verhindern, also ist sie über'm Berg." Sie brach ab, um einen tiefen Atemzug zu nehmen. "Außerdem hat sie 3 gebrochene Rippen und zahlreiche Prellungen. Und sie hat Glück, dass ihr Rückenmark nicht getroffen wurde, denn sonst würde sie in Zukunft nur auf Räder durch die Welt ziehen. Aber - und jetzt hör mir genau zu -, ihr solltet Infektion unbedingt vermeiden und sie braucht Ruhe. Viel Ruhe."

Ich wurde ganz bleich und mein Magen verkrampfte sich mit einen stechenden Schmerz. So derbe Verletzungen war dem Mädchen kaum anzusehen und wäre niemand auf die Idee gekommen, ihr zu helfen, wäre sie schon bald gestorben.

Hinzu kam die Tatsache, dass, wenn mein Schuss nur um wenige Zentimeter sein Ziel verfehlt hätte, sie nun schon tot wäre.

Doch das Schlimme war, dass laut meiner Schwester nun Gewisse Vorsichtsmaßnahmen für Lilith getroffen werden mussten, und es graute mich davor.

"Und was genau bedeutet das ?", fragte ich. Ich schob meine Hände in die Hosentasche, um zu verbergen, wie stark sie zitterten.

Candence schüttelte herablassend den Kopf.  "Oh, Junge, bist du so dämlich oder tust du nur so? Es bedeutet, dass sie raus aus diesem Drecksloch muss. Sie braucht ein Bett und ein hygienisches Umfeld, in dem sie ohne Probleme wieder auf die Beine kommen kann"

"Das wird Barney niemals zulassen" Die Worte kam wie aus einer Pistole geschossen.

"Oh, lass dir endlich Rückrat wachsen.Bitte!" , rief meine Schwester und kam auf mich zu. Sie trug nun wieder ihre Straßenkleidung und ihre Haare waren offen. "Das Mädchen scheint dir was zu bedeuten, also beweg deinen Arsch und sorge für Ihre Gesundheit"

Wie immer traf sie es genau auf dem Punkt.

"Du bist so großherzig", erwiderte ich mit einem ironischen Lächeln.

"Nicht der Rede wert"

Ich schwieg eine Weile und dachte über das nach, was ich gehört hatte. Barney würde es niemals verantworten, Lilith frei in seinem Haus herumlaufen zu lassen. Oder sie gar in seiner Nähe zu haben. Er konnte - und da teilte ich seine Meinung -, es nicht ausschließen, dass Lilith sich gegen uns wehren würde, jemanden verletzen und fliehen würde. Es war schlicht und ergreifend zu gefährlich.

Aber wie zum Teufel sollte sie sonst wieder gesund werden? Es gab einfach keine Alternative.

Ich atmete tief durch und zwang mich zu Ruhe zu kommen und nachzudenken. Nur die Ruhe....still....entspannen. Und dann kam es mir.

Tessa!

Sie würde mir bestimmt helfen. Sie wollte ebenso wie ich, dass Lilith in einem geeigneterem Umfeld aufgehoben war und sie war so ziemlich die Einzige, die sich gegen Barney auflehnen konnte.

"Hey, kleiner Bruder"

Die Sorge in Cadence' Stimme ließ mich vom Boden aufblicken und da begriff ich, dass ich schon eine ganze Weile in Gedanken versunken war.

Benommen blinzelte ich sie an. "Wann wird sie wieder aufwachen?"

Sie holte tief Luft und schaute zum Raum, in dem Sie die Patientin befand.  "Ich habe sie in ein künstliches Koma versetzt. Also nehme ich an..."  Sie überlegte einen kurzen Moment und sagte dann. "Eine Woche oder mehr..."

Dann zuckte sie die Schultern, nahm sich ihre Tasche, zog sich ihre Jacke über und wandte sich von mir ab.

"Willst du schon gehen?", fragte ich verblüfft.

Also, nicht dass es mich störte, aber sie war normalerweise jemand, der einem lange und konsequent auf dem Wecker ging.

"Ja" Sie drehte sich zu mir um und ihre Augen weiteten sich, um ihre Lippen begann ein schwärmerisches Lächeln zu spielen."Ich hab heute ein Date mit jemanden aus dem Vorstand. Vielleicht springt für mich dabei etwas raus."

Schon klar. Meine Schwester war eine Frau. Reif und mächtig und auch sie erkannte, was sie wollte und wie sie es bekommen konnte. Aber war das zu fassen, wie unglaublich berechenbar sie war?

Als ich sie verständnislos anstarrte, hob sie die Schultern und rief: "Was denn? Ich nutze jede noch so kleine Gelegenheit. Außerdem will ich nur ungern Barney über den Weg laufen. Bei seinem Temperament stellen sich mir die Nackenhaare auf." Sie schauderte demonstrativ und drehte mir den Rücken zu.

"Hast du Angst vor ihm?", fragte ich und konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen.

Das war einfach eine seltsame Vorstellung, meine Schwester könnte sich von jemanden einschüchtern lassen. Für gewöhnlich war sie es nämlich, die Menschen in Angst und Schrecken versetzte. Sie war wie die böse Hexe aus Schneewittchen.

"Angst?" Ein humorloses Lachen kam über ihre Lippen. "Nein, aber es wird unweigerlich der Moment kommen, wo ich ihm eine kostenintensive zahnmedizinische Behandlung verpassen werde und dafür sind meine zarten Hände einfach nicht geschaffen. Den brutalen Part in unserer Familie überlasse ich ganz dir."

Lächelnd schüttelte ich den Kopf und als sie schon beinahe aus dem Raum war, rief ich noch: "Caddy?"

Sie sah mich über ihre Schulter an; mit hochgezogenen Augenbrauen. Sie war auf Zeitdruck, aber ich ignorierte es.

"Dankeschön. Keine Ahnung, was ich ohne dich tun würde", gestand ich aufrichtig.

"Du würdest jämmerlich zu Grunde gehen Brüderchen."

Für einen Augenblick erwiderte sie mein Lächeln und in ihren Augen sah ich die selbe Zuneigung, die auch ich unausgesprochen für sie empfand.  Ich erinnerte mich noch ganz genau, was für ein fieses Miststück sie war. Eigentlich war Cadence, seitdem wir Kinder waren, selbstsüchtig, gehässig und regelrecht boshaftig gewesen. Sicher unsere Eltern waren selten Zuhause und sie war größtenteils allein auf sich gestellt. Vielleicht war auch das der Grund für ihre permanente Kühle. Aber sie war auch immer für mich da gewesen, wenn ich mal wieder eine Bleibe brauchte oder etwas Geld. Oder einfach dann, wenn ich jemanden zum Reden brauchte.

"Versprich mir, dass du dich um sie kümmern wirst" Cadence Worte holten mich zurück in die Gegenwart. Ich schluckte und zwang mich zu einem Nicken.

"Ich verspreche es"

Wie ich dieses Versprechen halten sollte, war mir allerdings schleierhaft
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