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The Beloved Devil

GeschichteThriller, Familie / P18 / Gen
Barney "The Schizo" Ross Hale Caesar Hector
30.11.2013
20.05.2014
18
89.028
 
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30.11.2013 6.309
 
Tessa Ross


Das war nur ein Traum!
Ein grauenhafter, äußerst schrecklicher Traum, aus dem ich ohne Zweifel gleich erwachen werde. Das war einfach zu absurd, dass es wahr sein konnte. Oder?
Hector konnte unmöglich einer von ihnen sein, das war nahezu lächerlich und doch waren es seine Augen, die mich seit geraumer Zeit beobachteten und sicher stellten, dass ich keine Dumheiten anstellte. Wie konnte das nur möglich sein? Bei unserer ersten Begegung war er so charmant, so liebevoll. Ein wahrer Gentleman, um es genau zu sagen. Ich war ihm und seinen Zauber verfallen und nun stellte sich grausamerweise heraus, dass sein Zauber nur ein Trugbild war? Dass seine ganze Persönlichkeit reinewegs nur eine Lüge war?

Die Tatsache, dass alles nur ein Spiel für ihm war, war ein herber Schlag für mich. Vielleicht....Nein....Mit Bestimmtheit war das alles sein Plan. Mich und meine Schwächen genau studieren, um dann leichtes Spiel zu haben. Ich biss die Zähne zusammen, um mir ein wütendes Schnauben verkneifen. Wie konnte ich nur darauf reinfallen?

"Irgendwann wirst du mit mir reden müssen, Tessa. Mit Schweigen kannst du mich auch später strafen"

Hector, der sich inzwischen einen Stuhl herangezogen hatte, schaute mich eingehend an. Ich spürte seinen Blick wie eine eiserne Hand auf mich, doch weder konnte, noch wollte ich ihm in die Augen sehen. Starr blickte ich zu Wand und unterdrückte dem Impuls, laut und lange zu schreien.

"Tessa." Sein Ton war bestimmend, und doch lag etwas anderes, ungewohntes in seiner Stimme. Fast, als versuchte er freundlich zu klingen.

Ohne den Blick von der Wand zu nehmen, schüttelte ich verachtend den Kopf.

"Du bist mein Feind, Hector.", sagte ich scharf. "Also habe dir im Grunde überhaupt nichts zu sagen, als-"

Ich verengte meine Augen zu Schlitzen, als ich zu ihm aufblickte: "Lass mich in Frieden!"

"Dein Feind?", fragte er und zog verwundert seine Augenbrauen zusammen. Seine Stimme war so lässig und ruhig, dass mich der Zorn packte.

Im Ernst! War das zu fassen?

"In Anbetracht der Umstände?" Ich deutete demonstrativ auf meine gefesselte Gestalt und dann auf meine Umgebung. Der kleine, modrige Raum war nicht unbedingt ein Beweis dafür, dass ich meine Zeit auf absolut freundschaftlicher Basis verbrachte, geschweige denn, dass ihre Gastgeberschaft eine Tugend war. Meinen Blick wieder auf Hector, sagte ich schließlich:  "Würdest du etwas anderes behaupten?"

Auf Hectors Stirn bildeten sich kleine Falten. Er schien zu überlegen.

Nach einem kurzen Zögern, sagte er jedoch:

"Ich hatte keine Ahnung, dass sie dich für ihre Zwecken benutzen wollen. Das wurde ganz und gar über mein Kopf entschieden!"

Zu meiner Überraschung klang er aufrichtig und sehr gereizt. Er verschränkte seine Arme auf seinen Knien und beugte sich lässig nach vorne, um mir genauer in die Augen zu schauen. "Ich hätte es niemals zugelassen, Tessa"

Für einen winzigen Bruchteil einer Sekunde wurde mir warm ums Herz. War es seine Nähe, sein zärtlicher Blick, sein vertrauter Geruch oder waren es seine lieben und mit Bedacht gewählten Worte, die in mir die Hoffnung weckten. Aber so schnell das Gefühl der Vertrautheit auch kam, so schnell war es wieder verflogen, als ich mir meiner Lage bewusst wurde.

Ich seufzte ergeben und wich seinen Blick aus.

"Und was soll das ändern?", fragte ich müde. "Ich wage zu bezweifeln, dass du mich jetzt befreien, den Nosa Costra den Rücken zuwenden wirst, und wir Hand in Hand in den Sonnenuntergang reiten werden, oder?"

Es kam keine Antwort und ich schloss mit einen gequälten Lächeln meine Augen.

"Dachte ich mir schon", wisperte ich.

Allmählich mir stieg der Zustand zu Kopf. Abgesehen davon, dass die Luft um mich herum, einfach zu dünn war und das winzige Fenster kaum Licht noch Sauerstoff spendete, drohte mein Kopf von den Schmerzen zu explodieren. Hinzu kam die ständige Todesangst, die mein Körper lähmte, meine Beine, die von dem permanenten Sitzen eingeschlafen waren, den großen Durst und als wäre es die Kirsche aus den Sahnetörtchen; meine Handgelenke schmerzten ungemein und niemand hielt es für angebracht, die Fesseln auch nur etwas zu lockern.

Aber wenigstens! Ja, wenigstens war meine Gesellschaft ein attraktiver Mann, dem ich beinahe meinen ersten Kuss geschenkt hatte.

Ich schnappte überrascht nach Luft. Die Geschehnisse der letzten Nacht standen mir klar vor Augen und alles ergab jetzt einen Sinn.

"Deswegen.." Ich brach ab und schaute zu ihm auf. "Dass ich Barneys Tochter bin, war der Grund, warum du so seltsam reagiert hast, als.....Als wir beide-" Als ich spürte, wie rot ich wurde, kam kein einziger Ton mehr über meine Lippen.

Hector bemerkte meine Verlegenheit mit einen dünnen Lächeln.

"Ja.", sagte er und seufzte. "Eine Beziehung zu der Tochter des Feindes soll bekanntlich dramatisch enden"

"Wie kommst du denn darauf", gab ich schnippisch zurück, doch wir beide mussten gegen unseren Willen lächeln.

Romea und Julia, dachte ich betreten. Nur mit den feinen Unterschied, dass ich keine Gelegenheit dazu bekommen würde, mich selbst umzubringen.

Ich holte tief Luf. "Wie lange werdet ihr mich festhalten?"

Ich gab mir Mühe, neutral zu klingen, doch der bloße Gedanke daran zu sterben erfüllte mich mit Angst.

Für einen langen Moment sagte Hector kein Wort. Als sich unsere Blicke abermals trafen, erkannte ich zum ersten Mal einen Hauch von Reue in seinen Augen.

"Keine Ahnung", sagte er schließlich ohne der Spur einer Emotion.

Ich presste meine Lippen aufeinander und bekam ein schwaches Nicken zustande. Ich spürte, wie es in meinen Augenlieder gefährlich zu kribbeln begann. Ich blinzelte die Tränen weg und hob entschlossen mein Kinn.

"Werdet ihr mich überhaupt frei lassen? Ich meine, es wäre doch idiotisch von euch! Ich  weiß zu viel, stimmt's?", fragte ich ohne Hoffnung und mit ungewohnt fester Stimme. "Also....so läuft doch euer Geschäft, oder? Menschen, die eure Geheimnisse wissen, sind eine Berohung! Ihr werdet mich umbringen. Ganz bestimmt werdet ihr das!"

"Tessa-" Hector legte eine Hand auf meinen Knien und sah mich unverwandt an, doch die Worte sprudelten einfach aus mir heraus.

"Aber das ist nicht fair. Ich bin gerade erst 18 geworden, Hector. 18! Und ich habe noch  lange nicht das erlebt, was ich mir als Jugendliche so vorstelle. Ich war weder jemals  richtig betrunken, noch war ich im Ausland. Ich war noch nie auf einer Pyjamaparty, dabei  schwärmen meine Freunde immer davon und sagen, das wäre der absolute Gibfel der  Teenagerzeit. Himmel! Ich bin sogar noch Jungfrau und-" Ich verstummte und schnappte erschrocken nach Luft.

Noch während ich Hectors verblüfften Blick erwiderte, spürte ich, wie meine Wangen vor Scham glühten und mir am ganzen Körper heiß und kalt zugleich wurde.

Hatte ich das tatsächlich gerade gesagt? Oh mein Gott! Was bewegte mich um himmels Willen dazu, diesen Mann zu erzählen, dass ich noch Jungfrau war?

Vergeblich versuchte ich den riesen Kloß in meinen Hals hinunter zu schlucken und blinzelte benommen. Wahrscheinlich sah ich aus wie eine reife Tomate. Verdammt!

"Ihr solltet mir das Reden verbieten", murmelte ich und senkte beschämt meinen Blick.

"Nein" Hectors Schmunzeln war unüberhörbar. "Darf ich stattdessen das Reden übernehmen?"

Ich schwieg.

"Gut", sagte er und atmete tief durch. "Stefan Bricks, der Wissenschaftler der uns seine Forschung übergeben hat, weißt du noch?"

Wie kann ich das vergessen?

Ich nickte, ohne aufzuschauen und er fuhr fort: "Er und seine Eltern sind gesund und zusammen. Sie stehen jetzt unter den Schutz der Nosa Costra und sollte dein Vater von jeder Störung absehen, kann ich dir versprechen, dass auch dir keineswegs etwas geschehen wird. Okay?"

"Aber was wenn ich rede?", fragte ich leise.

Solch ein Gedanke sollte doch auch ihnen in den Sinn gekommen sein. Nur eine kleine Andeutung meinerseits und ihre perfeckte Fassade war Geschichte. Würden sie das tatsächlich aufs Spiel setzen?

Ich hörte Hector lachen und es klang so sanft, dass ich zusammen zuckte.

"Ich gehe davon aus, dass du über ein gesunden Menschenverstand verfügst und dir vorher  überlegen wirst, wen du was erzählen willst", sagte er, doch es klang keineswegs bedrohlich. Es klang ......plausibel.

"Es gibt nur ein Problem Hector", sagte ich nach einer Weile des Schweigens.

Ich sah ihn an.

"Mein Vater wird nicht aufgeben, euch zu Strecke zu bringen", gestand ich. "Er ist ein Kämpfer und lieber würde er sein Leben lassen, als euch das Kommando zu übergeben."

Und das war die bittere Wahrheit. Auch wenn er zunächst tatenlos dabei zusehen würde, wie die Nosa Costra ihre Geschäfte machen. Sobald ich in Sicherheit war, würde mein Vater auf die Barrikaden gehen und alles dafür tun, um ihnen das Handwerk zu legen.

Schweigend setzte sich Hector auf, doch mir war keinesfalls der herausfordernde Funke in seinen Augen entgangen. Langsam umrundete er mein Stuhl und plötzlich spürte ich seinen warmen Atem an meinen Nacken. Automatisch versteifte ich mich in irrsinger Annahme, denn nur eine Sekunde später, lösten sich die Fesseln von meiner Hand und ich atmete erleichtert auf.

Meine Hände, die nun frei waren, zog ich umgehend vor und rieb mir meine wunden Stellen. Dabei musterte ich Hector, der lautlos zu Tür schreitete, sich jedoch noch einmal umdrehte, um mir zu sagen:

"Dann sind wir gezwungen zu handeln"






Smilee


Meine Geduld wurde durch Churchs Vortrag auf eine ernsthafte Probe gestellt. Ich wollte endlich handeln, was schließlich meine stärkste Seite war. Aber ich wusste auch, dass ich und auch der Rest der Expendables unsere Sache besser machen würden, wenn wir über genügend Hintergrundinformation verfügten.

Genau aus diesen Grund bat Barney Church um Hilfe, der uns in Anbetracht der Umstände doch eine bemerkenswerte Stütze war. Er kannte die Nosa Costra am besten. Er kannte ihre Stärken, ihre Schwächen und er kannte ihre Vorgehensweisen.

"Die Nosa Costra sind geschult darin, jede Bedrohung mit Vorsicht zu genießen.", erklärte der CIA Agent und breitete eine Karte auf den Tisch aus. "Gerade seine Tochter Lilith, darf sich seinerseits keine Fehler erlauben, weswegen sie alles darum gibt, ihre Aufträge erfolgreich zu meistern. Sie besitzen zwar Macht, sowohl symbolisch als auch real, doch auch sie können sich keinerlei negatives Aufsehen leisten. Darum arbeiten sie mit verwerflichen Methoden und zwingen ihre Gegner meist sich aus ihren Geschäften rauszuhalten"

Alle am Tisch blickten auf zu Church. Die Frage, warum sich Tessa in der Gewalt der Nosa Costra befand, war damit beantwortet. Schnaubend ballte ich meine Hände zu Fäusten und schüttelte aufgebracht den Kopf.

"Und darum haben sie Tessa entführt? Um mich zur Tatenlosigkeit zu zwingen?", fragte Barney wütend, der sich einen großen Schluck Whiskey nahm

Seit dem wir im Shop angekommen waren, war er drauf und dran den Laden auseinander zu nehmen. Keiner durfte ihn in seiner Verfassung ansprechen, noch trauten wir uns, ihm wegen Tessa zu fragen. Und ich konnte es ihm nachempfinden. Für mich war Tessa verdammt wichtig. Sie war mehr als nur eine Freundin; sie war wie eine Schwester, doch Barney war ihr Vater. Sie war sein eigen Fleisch und Blut und wie schwer war es für einem Vater, seine Tochter in Gefahr zu wissen?

Church zuckte die Schultern. "Davon gehe ich aus. Sie werden sie gefangen halten, wahrscheinlich sogar in ihrenm eigenen Haus, dass von Wachmänner nur so wimmelt.", sagte er und zeigte auf einen Punkt auf der Karte. Ein Haus, an dem ich mich nur ungerne erinnerte.

Ich kniff die Augen zusammen; schaute ausweichend auf den Boden und schluckte schwer. Die Tatsache mit Lilith nahm mich schwer mit. Mehr als zunächst angenommen.  

"Könnten wir unbemerkt eindringen?", fragte Lee ruhig.

Church dachte einen Moment lang nach und für einen winzigen Bruchteil einer Sekunde bekam ich einen Anflug von Hoffnung. Doch dann schüttelte er den Kopf.

"Nein", sagte er und wechselte einen Blick mit Barney. "Davon rate ich euch ab Freunde. Kaum werdet ihr das Gelände betreten, werden sie euch volkommen legitim beseitigen."

"Warum legitim?", platzte es aus Gunner heraus.

Barney gab müde die Antwort: "Weil wir offiziell eine Bedrohung für den Bürgermeister wären. Sie würden auf Notwehr plädieren, und keiner würde es in Frage stellen"

Ein einstimmiges, verzweifeltes Seufzen kam aus der Runde. Wie sollten wir Tessa befreien, wenn uns noch so jede kleine Gelegenheit verwehrt wurde? Wenn um uns herum nur Mauern gebaut wurden?

"Ich sage es nur ungern, mein Freund", begann Church. Seine Augen richteten sich auf Barneys und schienen ihm beinahe zu durchdringen. Kein Zweifel, der Agent wusste genau, von was er redete und er schien verdammt viel Ahnung zu haben. "Aber vorerst würde ich von einen Angriff absehen"

"Aber sie ist meine Tochter, Church. Ich kann sie unmöglich zurück lassen"

Nein! Das konnte keiner von uns.

Church runzelte seine Stirn und überlegte einen Moment, während er aus den Fenster schaute. Der Himmel dämmerte und ein Strahl aus Regen ergoss sich über die Stadt. Es war fast, als würde der Himmel unsere Stimmung spiegeln.

Seufzend blickte ich zu meinen Händen, die sich fest auf den Tisch verkrampften. Es war hart, nahezu unerträglich tatenlos zu sein, während um einem herum, nur Chaos und Verwirrung herrschte.






Lilith LaCruze


Ich fragte mich langsam, wann die Expendables es wagen würden einen Rettungsversuch zu starten. Immerhin war die reizende Tessa Ross Barneys Tochter und so genau wollte und konnte ich es nicht glauben, dass er sie bewusst im Stich lassen würde. Doch bis heute kam kein einziges Zeichen der Gruppe, weder ein typischer Anruf und die dazugehörige Drohung, noch ein kleiner Besuch zu Gunsten unserer Wächter.
Okay, es war bisher auch nur ein Tag vergangen und die Vermutung lag nahe, dass die Expendables damit beschäftig waren, irgendwelche, absurde Pläne zu schmieden.
Nein! Barney Ross war sicher ein guter Vater und er würde alles darum geben, seine Tochter zu beschützen. Also hieß es abwarten!
Mit einem Teller voller Essen und einem Glas Wasser stolzierte ich durch dem Kellergang zum kleinen Raum, wo unsere Gefangene sich aufhielt. Der Gang war klein und lang, nur spärlich beleuchted und sehr kalt. Vollkommen anders und unscheinbar zum Rest unseres protzigen Anwesens. Tessas Zimmer war das einzige im Untergrund, und es dauerte nicht lange bis ich angekommen war.
Unter einem quitschenden Geräusch öffnete ich die große Tür und erspähte Tessa, wie sie auf einem Haufen von Decken lag und sehnsüchtig aus dem Fenster schaute. Sie sah sehr mitgenommen aus. Sehr schwach und müde aber wunderte es mich? Keineswegs, unser Gast zu sein bedeutete zwangsläufig auch unter irdyschen Umständen zu leben.

Ein leidendes Seufzen kam aus ihren Mund, als sie mich bemerkte. Mit tiefen, blauen Augenringen sah zu mir auf.

"Hier." Ungerührt stellte ich ihr den Teller auf dem Boden. "Ich habe dir etwas zu Essen mitgebracht"

"Ich habe keinen Hunger", sagte sie schwach und drehte ihren Kopf zu Seite.

Grübelnd runzelte ich die Stirn. Sie war seit gestern gefangen und laut David hatte sie kein einzigen Bissen zu sich genommen.

"Red keinen Scheiss. Wann hast du das letzte Mal etwas gegessen?" Ich verengte meine Augen und ein triumphierendes Lächeln zog sich um meine Lippen. "Oder fürchtest du, ich würde dich vergiften?"

Dass sie zusammen zuckte, bestätigte meine Vermutung. Ich lachte schallend auf, worauf sie mit großen Augen zu mir aufschaute. Die Angst schimmerte in ihren braunen Augen und ließen mich amüsiert seufzen.

Ich ging in die Hocke und lächelte sie an.

"Keine Sorge, Tessa. Ich brauche dich lebend. Also!" Mit meiner Hand schob ich das Essen zu ihr heran und sagte mit Nachdruck in der Stimme: "Ess oder ich werde andere Wege finden, um-"

"Okay", sagte sie rasch. Ohne mich aus den Augen zu lassen, nahm sich den Teller und fing an zu essen.

Zufrieden stieß ich die Luft aus.

"Na also, schön, dass wir uns verstehen", stellte ich lächelnd fest.


~~

"Wasser?"

Fragend reichte ich ihr das Glas, welches sie kauend zu Hand nahm.

"Danke." Ihre Stimme klang um einiges fester, was anscheinend an dem Essen und an der neu gewonnenen Energie lag. So war es bestens! Ich konnte keine Gefangene gebrauchen, die kurz davor stand, einen Nervenzusammen zu erleiden.

"Wie lange wollt ihr mich noch festhalten?", fragte sie, nachdem sie mit einem langem Zug das Glas leerte.

Ich saß mit verschränken Beinen auf den Boden und lächelte sie seelig an.

"Hast du es denn so eilig, Kleine?"

"Nun" Sie wischte sich über den Mund und ihre Augen funkelten mich an. "Die Gastfreundschaft lässt zu wünschen übrig. Das Zimmer ist klein und es stinkt zum  Himmel. Die Gesellschaft ist seltsam und das Essen ist lausig. Also... ja, ich kann es kaum  abwarten wieder Zuhause zu sein. Wenn das denn überhaupt noch passierend wird"

"Ja, das Zimmer braucht dringend eine kleine Verschönerung", umging ich ihre letzte Bemerkung bewusst. Wenn ich andeuten würde, dass jede noch so fatale Entscheidung ihr Tod bedeuten würde, würde sie ganz bestimmt in Panik verfallen. Und auf so ein Theater konnte ich dezent verzichten.

"Eine kleine Verschönerung?" Tessa blickte mich ungläubig an. "Willst du mich auf den Arm nehmen? Eine Rundumverschönerung wäre wohl das passendere Wort, wenn du mich fragst. Mit allem Drum und Dran. Neue Tapete, neuer Teppich. Vielleicht ein paar Möbel und schon entsteht aus dem dreckigen Verließ ein anschauliches Gästezimmer"

Genervt stieß ich die Luft aus. Seit wann war sie so redegewandt?

"Nun, das Problem, Tessa. Das ist kein Gästezimmer, sondern ein Raum, wo wir unsere  Gefangenen halten und es wäre ein Paradox, ihnen die Gefangenschaft so schön wie möglich  zu gestalten, wenn wir ihnen im Grunde nur Böses wollen"

Das zumindest ließ sie für einen ewigen Moment verstummen, während sie mich aus großen Augen und einem Ausdruck voller Verzweiflung anschaute. Sämtliche Fragen gingen ihr gerade durch den Kopf, worauf sie bestimmt schon seit Tagen keine passende Antwort fand. An ihrer Stelle würde es mir genauso ergehen.

Schließlich räusperte sie sich. Sichtlich bemüht um Fassung.

"Werdet ihr mir Böses antun?", fragte sie und kaute nervös auf ihrer Unterlippe.

Ich verzog für eine Sekunde das Gesicht und suchte nach den passenden Worten. "Lass mich die Frage anders formulieren", versuchte ich es zögernd. "Halten wir dich zu deinem absoluten Wohlergehen gefangen?"

"Daran habe ich so meine Zweifel", erwiderte sie trocken und zu meinem völligen Erstaunen.

Wenigstens war sie realistisch.

"Schlaues Mädchen", lächelte ich und seufzte dann, als ich zum kleinen Fenster schaute, welches nur schwaches Sonnenlicht durchließ. Es würde bald Abend sein und wieder würde ein Tag zu neige gehen, der sich als Verschwendung entpupte.

"Bald werde ich dein Vater treffen", sagte ich abwesend. "Und wenn er seine Tochter liebt und auf meine Forderung eingeht. Dann bist du schon bald wieder Zuhause"

Zweifelnd hob sie ihre Augenbrauen. "Einfach so? Ohne eine trügerische Absicht?"

Diesmal war mein Lächeln echt.

"Einfach so! Versprochen"


~~

Fragend zog ich eine Augenbraue in die Höhe, als Hector das Zimmer betrat. Seine Augen ruhten seltsam auf Tessa und ich räusperte mich, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen.

"Hector?"

"Hey." Auf seinen Lippen ein schwaches Lächeln, sagte er: "David braucht oben deine Unterstützung"

Ich stöhnte und legte den Kopf in den Nacken.

"Warum?", jammerte ich lustlos. Seit der Auseinandersetzung mit David, war ich ihm stets aus dem Weg gegangen. Ich mochte David zwar, aber wenn er seine typischen, gebieterischen Tage bekam, war er einfach unausstehlich.

Ich drehte Tessa den Rücken zu und senkte meine Stimme.

"Okay", sagte ich zu Hector und seufzte melodramatisch. "Pass gut auf sie auf und sollte sie versuchen zu fliehen, verpass ihr einen kleinen Schlag auf dem Kopf"

Eigentlich war es ein ganz normaler Befehl. Eine ganz normale Routine, die auch Hector stets nachkam, doch in diesem Moment geschah etwas, was mich stutzen ließ.

Hinter mir hörte ich, wie Tessa erschrocken nach Luft schnappte.

Zeitgleich: Hectors Augen wurden automatisch von dem Mädchen angezogen und es schimmerte etwas in seinen braunen Augen, was ich kaum deuten konnte. Etwas was einem Gefühl der Angst gleich kam.

Wie aus Reflex drehte ich mich zu Tessa um, um ihr Ausdruck zu sehen. Und es stimmte. Auch in ihren Augen flammte etwas Verborgenes auf. Etwas Geheimes und doch Vertrautes.

Skeptisch wandte ich mich an Hector: "Was war das?"






Hector


Erschrocken hielt ich dem Atem an.

Lilith' borender Blick war eine Qual. Ihre sonst so Harmonischen Züge wurden Skeptisch und Ihre Stimme nahm einen Scharfen Ton an. Es war etwas im Busch und Sie konnte es durchaus Spüren.

"Was war was?", fragte ich und versuchte die Fassung zu bewahren.

Zugegeben, eben der Moment war durchaus unbedacht. Als sie jedoch sagte, ich solle bei Tessa Gewalt anwenden, war es um mich geschehen. Ich hatte einen sorgsamen, überaus bedeutenden Blick mit Tessa getauscht und dadurch einen schlimmen Fehler begangen.

Lilith verengte ihre Augen und dachte nach, ohne den Blick von meinem Gesicht zu nehmen.

Unbehaglich schaute ich zu Tessa.

"Der Blick", hörte Lilith eigenartig vertiefte Stimme. "Da ist etwas zwischen euch"

Nein! Verdammt!

Mein Magen zog sich unangenehm zusammen. Meine Hände waren zu Fäuste geballt und mein ganzer Körper verspannte sich. Es war die pure Verzweiflung. Die pure Angst.

Lilith durfte unter keinen Umständen erfahren, dass ich Tessa kannte. Dass wir eine gemeinsame, wenn auch unscheinbare Vergangenheit hatten. Erstens, würde das ihr Vertrauen in mich schwächen und zweitens konnte sie unsere Verbindung zueinander als Bedrohung deuten.

Ich wollte etwas sagen, doch als ihre eisblauen Augen auf mich fielen, gefror ich zu Eis.

"Vertrautheit", hauchte sie. Es war, als würde sie in meine Seele schauen.

Mit dem gleichen Ausdruck sah sie zu Tessa.  "Sorge"

Dann richteten sich ihre Augen wieder auf mich. "Ihr kennt euch!" Und mein Körper war wie betäubt.

Scheisse!

Fest presste ich die Kiefer aufeinander und versuchte es mit Protest.

"Was? Nein! Wie kommst du denn darauf?", log ich und meine Worte überschlugen sich.

"Sicher Hector?", lächelte mich Charles Tochter an, als würde sie die Warheit schon längst kennen. Als würde sie durch meine Augen, alles genau ahnen.

"Natürlich. Ich habe dieses Mädchen noch niemals zuvor gesehen"

"Du lügst mich an!"

"Das würde ich niemals tun", beteuerte ich lauter und spürte, wie mir das Herz bis zum Hals schlug. Es war grausam Lilith anzulügen, doch noch grausamer war es, Tessa in etwas reinzuziehen, was ihr Tod bedeuten könnte.

Unverwandt schauten Lilith und ich uns in die Augen. Sie versuchte aus meinem Ausdruck schlau zu werden; versuchte meine Absichten und meine Gedanken zu lesen, doch ich verzog keine Miene. Sekunden vergingen....Gefühlte Stunden, ehe sie ihren Blick von mir abwandte und tief Luft holte.

"Okay", sagte Lilith lächelnd und für einen Moment war ich tatsächlich erleichtert.

Ich ging der Annahme, sie würde meiner Lüge Glauben schenken, doch als sie sich von mir abwandte und zu Tessa stolzierte, beschlich mich ein unangenehmes Gefühl der Angst.

"Was hast du vor?", fragte ich und ließ sie keine Sekunde aus den Augen. Schweiß lief mir von der Stirn.

Plötzlich zog sie ihr Messer vor und bewegte es spielerisch in ihrer Hand. Tessa zuckte zusammen und ihre Augen sprangen vor Entsetzen auf.

"Ich bin es Leid", lächelte sie finster. Ihre Augen lenkten sich von Tessa auf mich und sie sagte: "Ich werde die Expendables auslöschen und bei Tessa fange ich an."

Ich biss fest die Zähne zusammen. Nein!

"Was? Das kann unmöglich dein Ernst sein! Wir brauchen Barney und Tessa lebend"

"Sie sind eine Plage. Und wir beseitigen Plagen"

Das Messer strich sanft über Tessas Wange, über denen Tränen liefen. Es schnürrte mir die Kehle zu.

Ich versuchte es weiter:

"Wenn du sie umbringst, wirft das bestimmt Fragen in der Gesellschaft auf"

"Nichts, was man mit Geld nicht lösen könnte", lächelte sie mich an.

"Dein Vater wird wütend sein"

"Mein Vater ist immer wütend auf mich, Hector."

Sie drückte das Messer tiefer in ihre Haut und hinterließ einen dünnen Strich aus Blut. Tessa stöhnte vor Schmerzen auf.

"Er wird dich bestrafen", knurrte ich vor unterdrückter Wut.

"Das Risiko gehe ich ein."

"Das ist nicht richtig, Lilith"

Meine Stimme war von Verzweiflung durchzogen. Ich hatte Mühe, ihr das Messer nicht aus den Händen zu reißen.

"Richtig und Falsch", säuselte sie und fügte dem Mädchen eine weitere Wunde zu. "Wir haben schon lange die Bedeutung der Worte vergessen"

"Okay, schön!" Als Tessa wieder und lauter vor Schmerzen aufkeuchte, gab ich auf. Ergeben hob ich meine Hände und schaute Lilith flehend an. "Ja....Tessa und ich...Wir kennen uns!"

Sofort hielt Lilith inne. Ihe Augen strahlten etwas Selbstzufriedenes aus, als sie das Messer verstaute und sich aufsetzte. Sie hatte es die ganze Zeit gewusst und nur auf meine Reaktion gewartet.

"Na, also", grinste sie und kam auf mich zu.  "Woher?"

Ich holte tief Luft.

"Von der College-Party. Wir haben uns unterhalten und dann wurde sie von Dale und Steven angegriffen. Ich habe sie gerettet und nach Hause gebracht"

"Hast du ihr von unseren Plänen erzählt?" Eine stumme Drohung strafte ihre Worte.

"Gott! Nein!", empörte ich mich. Für wen hielt sie mich?

Doch dann meldete sich Tessas leise Stimme zu Wort. Unsere Augen ruhten auf dem schluchzenden Mädchen.

"Als er herausgefunden hat, dass Barney mein Vater ist, ist er gegangen und ich glaube  kaum, dass er jeh die Absicht hatte, sich danach wieder bei mir zu melden"

Ich konnte durchaus den Vorwurf in ihrer Stimme hören doch im Moment war ich nur froh, dass es überstanden war. Dass Tessa noch am Leben war.

Ich sah zu Lilith, die wiederum zu Tessa schaute und nachdenklich die Stirn runzelte.

"Lil-"

"Warum hast du mich angelogen?", fragte sie mich scharf. Ihre Augen glühten vor Hass und es brach mir das Herz. Beschämt senkte ich den Kopf.

"Lilith..Ich.." Ich verstummte, als sie einen bedrohlichen Schritt auf mich zu kam.

Trotz, dass sie kaum größer als 1.65 war und ihre Erscheinung geradewegs einen lieben, unschuldigen Mädchen (Das war auch ihre Methode, die Menschen um den Finger zu wickeln) glich, erschien sie nun ungeheuer einschüchternd. Beinahe ähnelte sie ihren Vater.

Als uns nur noch eine kleine, kaum wahrnehmbare Distanz voneinander trennte, hob sie ihren Kopf und sah mich fest an. Ihre Stimme so gefährlich wie der Tod.  

"Sollten deine persönlichen Gefühle für das Mädchen unser Vorhaben in irgendeiner Weise  stören, haben wir ein mächtiges Problem, Hector. Als gute Freundin rate ich dir, dich von ihr  fernzuhalten und jetzt verschwinde. Sag David ich komme später, wenn Ethan von seiner Tour  zurück ist"






Lilith LaCruze


Zaghaft legte ich meine Hand auf dem Türknauf, zu dem Zimmer meiner Schwester. Ich zögerte einen Moment; schloss meine Augen und atmete tief durch. Der Tag war offen gestanden ein ziemliches Fiasko. Nein! Die ganze Woche war eine reine Enttäuschung, um es genau zu sagen. Zuerst die  Tatsache, dass mich Vater alleine in einem Umstand ließ, deren Ausmaße verherend waren. Dann die Nacht mit Smilee, was sich nun als folgenschwerer Fehler erwies. Die Begegnung mit den Expendables und die Entführung von Tessa, die Auseinandersetzung mit David und nun als Kirsche auf der Sahnetorte auch noch, dass Hector eine geheime Verbindung zu dem Mädchen pflegte, was durchaus in einer schweren Katastrophe enden könnte. Nicht zu vergessen, dass Vater jeden verdammten Schritt meinerseits beobachtete und genauestens analysierte. Pah! Sollte dieser Mann doch glauben, ich würde versagen, sollte er doch auf eine Strafe pochen und sich auf mein Leid freuen; umso mehr würde ich mich an seinen fassungslosen Ausdruck ergötzen, wenn genau das Gegenteil eintrat. Ich werde das Geschäft durchziehen und zu einem erfolgreichen Abschluss kommen und sollte mich jemand daran  hindern oder auch nur versuchen mir einen Strich durch die Rechnung zu ziehen, werde ich kurzen Prozess machen. Niemand sollte mich wütend stimmen und niemand sollte es wagen, sich mir in den  Weg zu stellen!
Meine Hand verkrampfte sich um dem Knauf und ich versuchte mich durch andere Gedanken zu beruhigen.
Laney!

Sie war meine kleine Schwester und mit Abstand das Wichtigste in meinem Leben. Sie war der Sinn, und der Grund, warum ich den ganzen Scheiss so lange und schweigend ertrug. Sie war das Licht, wenn es dunkel um mich wurde. Sie war die Hoffnung, wenn ich niedergeschlagen war und mich der Glauben verließ. Sie war die Zukunft, die ich versuchte aufzubauen. Und sie war das Kämpfen, das ganze Leid und das  Schrecken, dass mich Tag für Tag heimsuchte, absolut wert.

Ich lächelte. Irgendwann...Eines Tages...

Noch ein Letztes Mal nahm ich einen tiefen Atemzug und öffnete dann vorsichtig ihre Tür. Dumpfes, warmes Licht strahlte vom Kronleuchter auf das große Bett am Fenster; im Hintergrund erklang harmonische Melodien; ein Geruch von Rosen lag in der Luft. Laney liebte Rosen, genau wie ihre kleine, bauschige, weiße Katze, die sie lächelnd am Nacken kraulte, während sie auf dem Schaukelstuhl langsam hin und her wippte.

Ich lächelte wegen des behaglichen Bildes und schaute auf dem Boden. Zwar war meine Schwester keine Schlampe aber Sinn für Ordnung besaß sie noch nie. Überall auf den Boden lag ihre Kleidung; Socken, ihre Hosen und einige durcheinander gewühlte Pullover. Sogar Bücher lagen zerstreut auf dem cremefarbenden Persateppich.

"Ach Laney." Seufzend hob ich die verschundenen Bücher, legte sie auf dem Tisch und drehte mich dann mit verschränkten Armen und einen mahnenden Blick zu meiner Schwester. Laney lächelte mich glücklich an und legte einen Finger auf ihre Lippen und deutete dann grinsend auf ihre Katze, die zufrieden, schnurrend auf ihren Schoß schlief.

Amüsiert schüttelte ich dem Kopf.

"Es ist schon spät, Prinzessin", sagte ich bedeutungsvoll und sie zog einen Schmollmund. Dass sie die Tochter von Charles LaCruze war bedeutete keineswegs, dass sie einen Sonderstatus besaß. 10 Uhr war Schlafenszeit. Punkt.

Vorsichtig nahm ich ihr die murrende Katze aus der Hand und als Laney mich flehend anschaute, deutete ich streng zum Bett. "Los jetzt", sagte ich leise. "Du weißt genau, dass David keine Ausnahmen akzeptiert"

"David sollte den Stock aus seinen Hintern nehmen", kommentierte sie brummend, was mich lächeln ließ. Jedoch kam sie meiner Bitte nach und sprang in ihren rosenen Kleid auf das Bett und lächelte mich an. "Darf Nala bei mir schlafen?"

Ich beäugte die unzufriedene Katze, und zuckte die Schultern. "Klar" Ich setzte das bauschige Ding auf ihre Decke und sofort rollte sie sich auf Laneys Kopfkissen ein, nießte ein letztes mal, so ganz nach dem Motto - Na geht doch! - und schlief ein. Ich konnte nur verwundert dem Kopf schütteln, während Laney kicherte.  

"Hast du dir die Zähne geputzt?", fragte ich und zog die Decke von ihren Füßen hoch.

Strahlend schenkte sie mir ein Nicken.

"Hausaufgaben?"

"Ja!"

"Gut"

Als sie irgendwann wie einem Kokon eingehüllt war, seufzte ich zufrieden, setzte mich auf dem Rand ihre Bettes und lächelte sie an. "Und?", fragte ich gut gelaunt. "Wie lange hast du gebraucht, um auch den letzten Lehrer die Nerven zu rauben?"

Es war ganz und gar kein Geheimnis, dass Laney es hasste, wenn ihr fremde Menschen sagen, was sie zu tun und zu lassen hat. Keine schlechte Angewohnheit, wie ich finde, doch es erschwerte es, einen geregelten Ablauf im Unterricht herzustellen. Auch sie würde lieber auf eine Schule gehen, Freunde haben und Spaß haben, anstatt in einem bewachten Haus eingesperrt zu sein, wo jeder ihrer Schritte genau kontrolliert wurde. Verdammt! Sie war sieben und durfte in keinster Weise ihre Kindheit ausleben. Noch ein Grund, warum ich mein Vater und seine verfluchten Geschäfte hasste.

Auf Laneys Rosa Wangen bildeten sich kleine Grübchen. "Genau 4 Stunden. Dann hat sie die Flucht ergriffen"

"Braves Mädchen", lobte ich sie und wir beide lachten.

Plötzlich fiel ihr Blick auf meine Hände und sie schnappte erschrocken nach Luft. "Ist das Blut?"

"Ein bisschen", wunderte ich mich, als ich das Blut auf meinem Handrücken bemerkte. Dann zuckte ich die Schultern. "Nicht meines", stellte ich klar, doch die besorgte Miene meiner Schwester verblasste keine Sekunde.

Seufzend nahm sie meine Hand. "Wann hat das endlich ein Ende, Lily"

Nur sie durfte mich so nennen. Keine Ausnahmen. Niemand!

Ich wich ihren flehenden Blick aus und lächelte traurig auf dem Boden. Sie wusste genau, welche Geschäfte unser Vater trieb. Sie wusste von seinen geheimen Verbindungen, von seinen grausamen Machenschaften und sie wusste genau, dass ich eine großer Baustein seiner Sammlung war, der es zu verdanken war, dass er so erfolgreich war. Und es machte sie traurig. Immer und immer wieder und mir brach es das Herz, weil ich wusste, dass sie das verabscheute.

"Keine Ahnung", gestand ich und seufzte. "Anscheinend braucht es noch seine Zeit"

"Nein" Überascht schaute ich auf. Laneys Miene drückte Wut aus und sie schüttelte eisern dem Kopf. "Wir haben keine Zeit, Lily. Unser Vater versucht uns auseinander zu reißen. Er versucht dich zu brechen und du gehst auf seine Forderungen ein"

"Das verstehst du-"

"Nein" Wieder ein heftiges Nicken. Fast lächelte ich wegen ihres naiven Dickkopfes. "Lass uns verschwinden, Lily. Du hast versprochen, dass wir irgendwann gehen werden und ein neues Leben beginnen werden. Du hast versprochen-" Sie verstummte und ihr kamen die Tränen. "Du hast versprochen, dass wir zusammen halten und glücklich sein werden"

"Das werden wir", beteuerte ich sanft und strich ihr eine blonde Locke von der Stirn. "Und ich halte immer meine Versprechen", fügte ich lächelnd hinzu.

Eines Tages würde ich sie hieraus bringen. Raus aus der Hölle und ihr das Leben zeigen. Ich würde ihre Kindheit wahren und sie für immer beschützen. Koste es was es wolle!

Ein leises Klopfen erklang und unsere Köpfen fuhren herum. An der Tür stand Ethan und lächelte uns vorsichtig an.

Ich erwiderte sein Lächeln. "Ich komme gleich", sagte ich zu ihm.

"Hallo Ethan", quitschte meine Schwester, ganz die 7 Jährige.

Ethan grinste sie an. "Heyho Prinzessin"

"So", begann ich seufzend und lenkte meine Auferksamkeit wieder auf meine Schwester. "Schlafenszeit du Krümelmonster"

Sie lachte und ich gab ihr einen sanften Kuss auf die Wange. "Ich liebe dich", hauchte ich.

"Ich liebe dich auch, Lily. Hab dich lieb, Ethan", rief sie und bekam als Antwort ein amüsiertes Lachen und ein: "Ich dich auch, Schätzchen" aus dem Gang. Ich schüttelte nur belustigend dem Kopf und stand auf, um das Licht zu dämmen. Ethan und Laney waren verdammt gute Freunde. Sie war in seinen Augen wie eine Schwester. Er in ihren Augen, hingegen ein potenzieller Heiratskandidat, wenn sie älter wurde.
Ja, ja...Die lebhafte Fantasie, dachte ich schmunzelnd.

~

Nachdem ich leise und vorsichtig die Tür zu Laneys Zimmer geschlossen hatte, ging ich zu Ethan, der mit verschränkten Armen und einen geduldigen Lächeln auf mich an der Treppe wartete.

"Gibt es Neuigkeiten?", fragte ich müde.

"Stefan und seine Familie werden den Mund halten", informierte er mich nickend. "Wir haben ihnen eine beachtliche Summe an Entschädigung gegeben und sie haben sich den Umständen entsprechend bedankt"

Den Umständen, dass sie noch leben, dachte ich und stieß zufrieden die Luft aus. "Das ist gut", sagte ich und fuhr mit meinen Händen durch mein schlaffes Gesicht. Die Zeit nagte an meinem Knochen und die Müdigkeit machte sich unbarmherzig bemerkbar. Ich versuchte es zu unterdrücken, doch ich gähnte.

"Alles in Ordnung?", fragte mich Ethan. Ich spürte seine warmen Finger an meinem Kinn und als ich in seine besorgten Augen schaute, zauberte sich ein Lächeln auf meinen Lippen. Ethan war schon immer um meine Gesundheit und um mein Wohlergehen besorgt. Vielleicht lag es daran, dass er schon jahrelang mein bester Freund war oder es war der Umstand, dass er mich liebte.

Ja! Ich wusste es. Ich spürte es in seinen Berührungen und sah in seinen Augen. In seiner lieben Art und wie er sich stets um mich sorgte. Doch seine Gefühle konnte ich nicht erwidern. So sehr ich es mir auch wünschte, für mich war Ethan ein guter Freund, nicht mehr und nicht weniger.

"Würdest du mir einen Gefallen tun, Ethan?", fragte ich und schaute in seine blauen Augen.

"Klar"

"Wenn ich eines Tages....Also...sollte ich irgendwann.." Ich verstummte und holte tief Luft. "Würdest du Laney beschützen?"

Ethans Augen verengten sich, doch seine Antwort kam ohne zu zögern. "Ich würde sie mit meinem Leben beschützen", sagte er und weder in seinen Worten noch in seinen Augen lagen Zweifel. Bei ihm war sie sicher. Schön!

"Aber...", setzte er abermals an und seine Augen funkelten mich an. Keineswegs wütend oder bedrohlich.... sondern herausfordernd. "Ich würde und werde auch dich mit meinem Leben neschützen"

Seine Worte waren genau das, was ich brauchte; was mich den ganzen Sturm von Grauen für eine Sekunde vergessen ließ. Ich gab ihm einen Kuss auf die Wange, verharrte für einen Moment so und lächelte an seinen Ohr.

"Danke", flüsterte ich und drehte mich um.
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