Nightmare

von Sternpax
GeschichteFantasy / P12
29.11.2013
21.05.2019
18
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Irgendwie hatte ich erwartet, wenn ich Klarheit über Fynn hatte, würde ich ruhiger werden. Stattdessen tigerte ich durch mein Zimmer, beschäftigte mich mit allem möglichen und landete immer wieder vor meinem Badezimmerfenster das zur Straße hinaus lag. Der beste Blick auf Fynn´s Haus.
"Gott, dass ist echt erbärmlich. Unglaublich wie tief ich sinken kann.", murmelte ich und ging in die Küche hinunter. Meine Eltern waren nirgends zusehen, aber ich hörte ihre Stimmen aus dem Wohnzimmer.
Ich stand schon an der Tür als ich folgende Worte hörte: "Das kannst du doch nicht machen Regina! Wann hört das auf? Irgendwo müssen wir die Grenze ziehen. Wenn nicht bei unserer Tochter, wo dann? Willst du ihnen mit allen Forschungen und Experimenten freie Hand lassen, sodass immer mehr Leute verschwinden?"
Wie erstarrt stand ich da. Das war eindeutig die Stimme meines Vaters, aber was er da sagte war unglaublich. Leute verschwanden wegen Experimenten? Wegen den Forschungen meiner Eltern? Zuerst wollte ich sofort ins Zimmer stürmen, dann hielt ich inne. Misstrauen machte sich in mir breit und ich beschloss, die Antwort meiner Mutter abzuwarten.

"Stell dich nicht so an Markus. Wir wussten worauf wir uns einlassen. Dass sie so stark wird konnten wir nicht wissen. Und jetzt, wo Brian und Frank auch noch hier sind, werden wir sowie so nicht mehr ohne weiteres aus der ganzen Organisation raus kommen. Machen wir einfach das beste daraus. Und du darfst nicht vergessen, so lange Emilia bei uns ist, wird sie nicht für die Experimente ins Labor gesteckt, weil wir das selbst im Blick haben."

Ich traute meinen Ohren nicht. Was passierte hier gerade? Steckten meine Eltern auch in dieser ganzen Sache mit drin? Sie kannten Brian und Frank und redeten etwas über Experimente … an mir. Ihrer eigenen Tochter.  Mein Gehirn arbeitete auf Hochtouren um eine logische Erklärung dafür zu finden, doch es wollte mir einfach keine einfallen.
"Wir haben ein Gefängnis für ein anders eingetauscht. Und die Dunkelheit um Emilia nimmt zu. Gott weiß,  was das bei ihr anrichtet. Sie ist jetzt schon instabil. Regina, überleg es dir!", sagte mein Vater und Schritte ertönte.
Panisch schlüpfte ich durch die Haustür und stand mit klopfendem Herzen draußen in unserem Eingangsbereich. Ich wartete ein paar Augenblicke, aber Papa schien mich nicht bemerkt zu haben. Dann atmete ich tief durch und tat das Einzige, was mir einfiel. Ich rannte über die Straße und hämmerte gegen Fynns Haustür. Es tat sich überhaupt nichts.
Panik machte sich in mir breit und ich kauerte mich zusammen. Es begann sich alles um mich herum zu drehen und mein Sichtfeld flackerte.
Ich versuchte, durch Wiederholen der Bandmitglieder von Linkin Park dagegen anzukämpfen, doch es brachte nichts. Meine Hände zitterten und kurz darauf wurde mir schwarz vor Augen.


Eigentlich war Fynn laufen, um den Kopf frei zu bekommen. Die Tatsache, dass Emilia über ihn bescheid wusste und Brian und Frank hier waren hatten die letzte Nacht bewirkt, dass er nicht geschlafen hatte. Und ohne Schlaf war seine Konzentration noch nie gut gewesen. Sport half ihm dabei, alles nüchtern zu betrachten. Er war gerade soweit herunter gekommen, als er in seine Straßen einbogen und Emilia vor seiner Haustür liegen sah. Fast wäre ihm das Herz stehen geblieben.
Er rannte zu ihr und fühlte als erstes ihren Puls. Mit einem erleichterten Seufzer stellt er fest, dass dieser zwar schneller als normal aber vorhanden war. Dann erst viel ihm die seltsame Präsenz an ihr auf. Hätte er raten müssen, hätte er auf ihre Eltern getippt. Aber wie konnte das sein? Bis jetzt war ihm nichts an ihren Eltern aufgefallen.
Emilia seufzte und brachte ihn damit in die Gegenwart zurück.
Ohne darüber nachzudenken, hob Fynn sie hoch und brachte sie ins Haus. Vorsichtig legte er sie auf der Couch ab und versuchte sie aufzuwecken. Zuerst tat sich gar nichts, dann seufzte sie tief und blinzelte ein paar Mal. Als sie ihn erkannte, lächelte sie, worauf hin sein Herz einen Hüpfer machte.
"Jag mir nie wieder so einen Schrecken ein, hörst du?", sagte er und konnte nicht anders, als sie in die Arme zu schließen.
Sie lachte zittrig und erwiderte die Umarmung. "Das war nicht geplant, glaub mir."
Ihre Stimme hörte sich an, als würde sie gleich in Tränen ausbrechen.
Behutsam löste er ihre Arme von sich und sah sie an. "Was ist passiert?", wollte er wissen und versuchte, die Ruhe auf sie übergreifen zu lassen, doch dieses Mal blockierte sie seine Kräfte vollkommen.

"Meine Eltern Fynn … Sie stecken irgendwie in der ganzen Sache mit drin. Ich hab gehört, wie sie irgendwas über Experimente an mir und über Leute die verschwinden, gesagt haben. Und sie haben Brian und Frank erwähnt und eine Organisation. Fynn, ich habe Angst. Ich kann das alles nicht verstehen. Meine Mutter … sie klang so kalt, als ob ihr das alles egal wäre.", stieß sie hervor und ihre Hände begannen zu zittern.
"Emilia beruhige dich. Deine Eltern würden nie zu lassen, dass dir etwas passiert. Da bin ich mir sicher. Vielleicht hast du das einfach nur falsch verstanden." Es war ein wirklich schwacher Versuch, ihre Sorgen zu zerstreuen, aber was blieb ihm auch anderes übrig? Er verstand die ganze Sache ja selbst nicht wirklich. Wieder schloss er sie in die Arme und versuche erneut, Emilia zu beruhigen.
"Ich will jetzt nicht ruhig sein!", nuschelte Emilia plötzlich.
"Was willst du dann?", fragte er unsicher. Eigentlich hätte er gedacht, dass es ihr helfen würde.
Sie rutschte näher an ihn heran. "Das hier hilft schon Mal sehr gut."

Ein Teil von ihm freute sich über ihre Worte, ein anderer war der Meinung, das Ganze musste sofort unterbunden werden. Natürlich hörte er auf den moralisch fragwürdigen Teil.

Schweigen hüllte die Beiden ein, doch es war nicht unangenehm. Fynn war klar, dass er irgendetwas tun musste, aber alleine hatte er wenig Möglichkeiten.
"Was soll ich jetzt tun? ich kann doch nicht einfach nach hause gehen und auf heile Familienwelt machen.", fragte Emilia schließlich und löste sich von ihm.
Dieses Problem war ihm noch nicht in den Sinn gekommen. "Da ich dich nicht anlügen will, muss ich wirklich sagen, dass du keine andere Wahl hast. Die Organisation, die deine Mutter erwähnt hat, ist vermutlich die gleiche die hinter der Akademie steht. Mit ihnen sollte man sich nicht anlegen. Deswegen musst du versuchen, dich so normal wie möglich zu verhalten, auch wenn es dir schwerfällt. Und immerhin ist morgen Montag. Du bist in der Schule und deine Eltern sind arbeiten. Nur noch heute Abend. Und dass du das schaffst, steht für mich außer Frage."
Er war selbst überrascht, wie zuversichtlich er klang. Auch das lang an Emilia.


Ich runzelte die Stirn. Wieso war er so positiv? Eigentlich sollte ich so denken, aber ich war noch nie ein positiver Mensch trotz glücklicher Kindheit. Andererseits, wenn Fynn nach allem, was er durchgemacht hatte, immer noch positive Gedanken zustande brachte, konnte sie es denn nicht auch?

Ich setzte mich auf und atmete tief durch. "Du hast recht. Ich habe keine Wahl."
Entschlossen stand ich auf und ging zur Tür. Fynn folgte mir.
"Du bist stärker als ich gedacht hätte. Wenn irgendetwas passiert, ruf mich an oder komm zu mir. Jederzeit. Okay?"

Mit einem halbherzigen Lächeln drehte ich mich zu ihm um. "Natürlich. Aber weißt du noch? Ich bin schon groß und kann auf mich aufpassen."
Fynn lächelte sanft, aber anstatt etwas zu sagen, umarmte er mich erneut. Schon vorher war mir aufgefallen, dass Fynn heute irgendwie ständig Körperkontakt suchte. Mir war klar, dass ich mir keine Hoffnung deswegen machen sollte, aber natürlich tat ich es trotzdem.
Meine Einbildungskraft reichte sogar soweit, dass ich dachte einen sanften Kuss am Scheitel zu spüren. Das Ganze war allerdings viel zu schnell vorbei, um sicher zu sein.

Sein Blick ruhte auf mir, als ich über die Straße lief und vor unserer Haustür stehen blieb. Kurz hielt ich inne, sprach mir selbst noch einmal Mut zu und betrat das Haus. Als hätte er auf mich gewartet, steckte mein Vater den Kopf aus der Küchentür und ich musste mich sehr zusammen reißen, nicht zusammen zu zucken.
"Wo kommst du denn her? Warst du nicht oben in deinem Zimmer?", fragte er und runzelte die Stirn.

"Mir war nach frischer Luft. Ich war nur kurz einmal ums Haus laufen. Wieso?" Meine Stimme hörte sich an, als hätte ich irgendwas angestellt. Gott sei dank schien meinem Papa nichts aufzufallen.
"Amending scheint dir ja doch einigermaßen zu gefallen. Und so viele Freunde hattest du in Regensburg nicht oder?" Seine Augen glänzten.

Ich verdrehte die Augen, war aber weiterhin auf der Hut. "Jaja. Reit nur weiter drauf rum. Hättest du was von mir gebraucht?"
"Eigentlich nicht, ich wollte einfach nur hören, wie es dir so geht. Mama ist gerade joggen, da dachte ich wir könnten auch mal wieder quatschen. Ich hab gestern noch Bueno´s gekauft." Er grinste und hielt ein Päckchen der besagten Süßigkeiten hoch.

Auch wenn ich  generell eher ungern redete, war ich doch durch und durch ein Papa-Kind und hatte solche Vorschläge selten ausgeschlagen. Aber jetzt … Ich zögerte und weckte damit natürlich Papa´s Misstrauen.
"Was ist los? Irgendwas hast du, dass sehe ich dir an der Nasenspitze an." Vorbei war seine gute Laune.

Fieberhaft überlegte ich, was ich jetzt tun sollte.
Es musste plausibel genug sein, damit er nicht weiter bohrte und nichts nachprüfen konnte.
"Liebesprobleme, weiter nichts.", platze es schließlich aus mir heraus. Innerlich schlug ich mir mit der flachen Hand gegen die Stirn. Von all den Themen die ich zur Auswahl hatte, musste es gerade das sein.

Ein überraschter Ausdruck machte sich auf Papa´s Gesicht breit. "Wie jetzt? Wir sind knapp 2 Monate in Amending und du hast schon Verehrer? Ich bin mir nicht sicher, ob ich das gut oder schlecht finden soll."

Jetzt musste ich doch grinsen. "Soll ich jetzt beleidigt sein oder nicht?"
Ich folgte ihm ins Wohnzimmer und setzte mich auf die Couch. Komischerweise hatte ich keine Panik so wie vorher. Meine Eltern waren immer noch meine Eltern. Und bis jetzt hatte ich auch keine Beweise gesehen, dass sie in irgendetwas verwickelt waren.
"Klasse, weiter so Emmy. Red es dir nur ein.", dachte ich und seufzte.

Das wurde prompt als Niedergeschlagenheitsseufzer aufgefasst.
"Na na. So schlimm kann es doch nicht sein. Willst du drüber reden? Ich kann dir die sehr komplexe männliche Sichtweise erklären."
"Ah ja. Sehr komplex sagst du? Da habe ich aber schon etwas anderes festgestellt."
Papa zog empört die Augenbraue hoch. "Dann warst du einfach bis jetzt mit den falschen Leuten unterwegs. Aber jetzt Mal ernst. Kann ich dir irgendwie helfen? Ich habe das Gefühl in den letzten Tagen distanzierst du dich ganz schön von uns. Mir ist klar, dass unsere Reaktion nach deiner OP nicht gerade förderlich war, aber wäre es dir lieber gewesen, wenn wir sofort heim gekommen wären?"

Überrascht sah ich meinen Vater an. Ihn beschäftigte das immer noch? Vielleicht war ich zu hart zu ihm gewesen. Es schien ihn tatsächlich noch Sorgen zu bereiten.
"Naja, teils teils. Ich war wirklich sauer, als ich eure Antwort gelesen habe. Beziehungsweise ich war enttäuscht von mir, dass ich etwas anderes erwartet habe, obwohl ich es doch besser wissen sollte. Wir sind nach Amending gezogen, damit es mir besser geht und wir mehr Zeit miteinander verbringen, aber bis jetzt habe ich nicht das Gefühl, dass wir das tun. Versteh mich nicht falsch, ich will jetzt nicht jedes Wochenende auf heile Familienwelt machen, aber etwas anderes habe ich schon erwartet.", erwiderte ich schließlich und lächelte verlegen.
Ich hatte den nagenden Verdacht, dass Fynn´s Kräfte meinen Redeschwall bewirkt hatten. Das würde bedeuteten, dass er auf mich achtete und das wiederum beschleunigte meinen Herzschlag.

"Ach Kleine, wenn du wüsstest. Die letzten Wochen im Labor waren nicht einfach. Deine Mutter musste viele Dinge regeln, damit wir überhaupt hier her ziehen konnten. Wir stecken jetzt einfach in einer Übergangszeit. Ich verspreche dir hoch und heilig, dass es bald besser wird. Zumindest ich werde definitiv kürzer treten. Du hast das jetzt aber nicht nur gesagt, um mich von deinen Verehrern abzulenken oder?" Papa grinste breit und hielt Zeige- und Mittelfinger hoch. Das war unser geheimer Schwur, seit ich klein war.

Ich zögerte kurz, dann atmete ich tief durch und streckte ebenfalls meine Finger hoch.
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