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Ein Lichtlein brennt

von SamMumm
Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Freundschaft / P12 / MaleSlash
Dr. Owen Haper Gwen Cooper Ianto Jones Jack Harkness Toshiko Sato
28.11.2013
22.12.2013
21
23.324
 
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Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 
28.11.2013 3.699
 
Moin moin!

In meiner Schreibwut bin ich über das Projekt "30 Nächte" von Scy (für alle Neugierige im Forum zu finden unter: http://forum.fanfiktion.de/t/19369/1 ) gestolpert und habe angefangen, OS zu den Stichworten zu schreiben.

Da am Wochenende der Advent beginnt und damit die Zeit der Adventskalender, dachte ich mir, mache ich aus den Geschichten doch einfach einen Adventskalender für euch.

Von daher gibt es von jetzt heute an 30 Geschichten für euch, jeden Tag eine, um euch die Zeit bis Weihnachten (bzw. fast schon Silvester) zu verkürzen. Es sind vor allem OS, aber ein paar Drabbles (Doubles) haben sich auch darunter geschlichen.  :)

Was gibt es noch zu sagen? Ach ja, um welche Nacht es sich in der jeweiligen Geschichte handelt, erfahrt ihr immer erst am Ende des Kapitels. :)

Jetzt wünsche ich euch viel Spaß beim Lesen von Türchen 1 und noch einen schönen Donnerstag, ist ja quasi fast schon Wochenende. *g*

Liebe Grüße,
Sam

_______________________________________________________________


Ianto konnte nicht genau sagen, weshalb er Gestaltwandler dermaßen verabscheute, aber er konnte sich gegen dieses Gefühl nicht wehren, dieses stete Grummeln und Brodeln in seinem Magen, das langsam anschwoll, je länger sie das Wesen verfolgten. Bisher hatten sie vier Personen ausfindig gemacht, deren Gestalt das Alien kopiert hatte – alle in ihren eigenen Häusern, mit Schleim und anderen Sekreten an einer Wand befestigt und von den giftigen Dämpfen in einem traumlosen Schlaf gehalten, so dass sie glücklicherweise von ihrer misslichen Lage nichts wussten. Noch ein paar Tage, und sie wären daran zugrunde gegangen, drei Männer und eine Frau, die nun in Krankenhausbetten schliefen, wohlbehütet und umsorgt, und denen nach ihrem Erwachen erzählt werden würde, in ihrem Haus habe es ein Gasleck gegeben.
Toshiko hatte die Bilder der vier Personen durch ihr System gejagt und alle Kameraaufnahmen der Stadt damit vergleichen lassen, bis schließlich der Alarm aufjaulte und ihr mitteilte, dass eine Übereinstimmung gefunden worden war. Das Alien hatte in Gestalt der Frau einige Schokoladenriegel, Dosenravioli und Wasser gekauft, an einer kleinen Tankstelle mitten im Nirgendwo.

Ianto wäre es lieber gewesen, das Alien benutzte eine der Männergestalten, denn obwohl er mit den Jahren gelernt hatte, sich gegen alles und jeden zu verteidigen, das ihn, seine Freunde oder Zivilisten angriff, missfiel ihm noch immer der Gedanke, einer Frau einen Fausthieb zu versetzen oder eine Kugel in den Körper zu jagen. Egal, wie oft er sich selbst sagte, dass es sich nicht um eine wehrlose Frau, sondern um ein fast zwei Meter großes, mehrere hundert Kilo schweres Alien handelte, das ihn jederzeit überwältigen und mit Schleim irgendwo festkleben konnte, so sah er doch in das Gesicht einer knapp dreißig Jahre alten Frau mit kurzer Lockenfrisur und Stupsnase – weswegen er einen Tick zu lange zögerte, das Alien in Frauengestalt plötzlich loslief und um die nächste Ecke verschwand.
„Verdammt“, fluchte Ianto leise und setzte sich wieder in Bewegung. Er folgte dem Alien, den Rücken zum Schutz zur Wand gerichtet, vorsichtig und mit gezückter, entsicherter Waffe. Er bemühte sich, ruhig und gleichmäßig zu atmen und sich das Bild des riesigen, irgendwie schwabbeligen Aliens ins Gedächtnis zu rufen.
Während der Waliser konzentriert dem Alien folgte, stieg erneut der Ärger über Jacks Eigensinn auf. Sie hätten sich nicht trennen dürfen. Es war absolut unsinnig und töricht. Ja, die Lagerhalle war gigantisch und mit kilometerlangen Bahnen an Metallregalen bestückt, die mehr oder weniger dicht befüllt waren. Zu zweit hätten sie logischerweise doppelt so lange benötigt, das Areal zu durchsuchen. Aber sie hatten es verdammt noch mal mit einem Gestaltwandler zu tun!
Ein leises Rumpeln riss Ianto aus seinen Gedanken. Er hielt Inne, lauschte. Die einzige Lichtquelle in der Halle befand sich genau genommen außerhalb eben dieser: Der Mond, der voll und rund am Himmel hing und durch die großen Glasscheiben eindrang. Zwar trug Ianto eine Taschenlampe an seinem Gürtel, die nicht nur mit einem Licht dienen konnte, das sehr nahe an Tageslicht heran kam, sondern auch dermaßen schwer war, dass man damit gut jemanden erschlagen konnte, doch Ianto hatte gelernt, sich im Halbdunkel zu bewegen.
Taschenlampen bargen nämlich gleich drei immense Nachteile: erstens war das Licht in einem dunklen Raum wie ein großer, rot blinkender Pfeil, der über einem schwebte und dem Feind permanent mitteilte: „Sieh her, hier bin ich! Genau da!“ Zweitens: falls dieser Feind dann plötzlich aus einer dunklen Ecke heraus angriff und einen von der Taschenlampe trennte, benötigten die Augen einige Sekunden, um wenigstens wieder grobe Umrisse erkennen zu können. Sekunden, die über Leben und Tod entscheiden konnten. Zu guter Letzt musste die Taschenlampe gehalten werden und belegte damit eine Hand, die sich ansonsten um eine weitere Waffe oder beispielsweise Weevilspray schmiegen konnte.
Ianto zog es daher vor, auf die künstliche Lichtquelle zu verzichten und stattdessen alle Sinne einzusetzen, während er sich leise weiter durch die Schatten bewegte. Seine Nase verriet ihm, dass er auf der richtigen Spur war. Gestaltwandler sonderten keinen besonderen Duft oder Gestank aus, aber die Frau, die das Alien kopierte, trug ein blumiges Parfüm, das nun in der Luft hing.
Langsam einen Fuß vor den anderen setzend, tastete Ianto sich weiter in den Raum vor und folgte der süßlichen Duftnote. Plötzlich stieß ihn etwas gewaltsam gegen den Rücken. Der Stoß presste die Luft aus seinen Lungen und erstickte Iantos Schrei. Er stolperte und fiel. Im Fallen sendete sein Gehirn die seltsame Mitteilung, dass der Boden ausblieb. Wenige Sekunden später prallte Ianto doch noch mit voller Härte gegen einen Untergrund. Schmerzen stoben heiß durch sämtliche Nervenbahnen seines Körpers.
Dann wurde alles schwarz.

„Warum erschießen wir ihn nicht einfach?“, fragte Owen, dem die Diskussion schon viel zu lange dauerte. Darüber zu sprechen würde ihr Problem nicht lösen, es war an der Zeit, endlich zu handeln. Wenn es von Anfang an nach ihm gegangen wäre, hätten sie dieses Problem überhaupt nicht. Er hatte sich mehr als deutlich gegen den Plan ausgesprochen, dass Ianto und Jack alleine die Halle durchsuchten, während sie vor den Türen standen und verhinderten, dass irgendetwas nach draußen entkam.
„Was?!“
Gwen ignorierte Jacks Ausruf und verschränkte die Arme vor dem Oberkörper. Sie legte den Kopf leicht schief und biss sich auf die Unterlippe. Dennoch hielt sie weiterhin ihre Waffe in der rechten Hand, jederzeit bereit, sich gegen einen Angreifer zu verteidigen. „Ich weiß nicht, Owen. Das erscheint mir etwas … drastisch.“
Der Arzt zuckte wie belanglos mit den Schultern. „Es ist die simpelste Methode, um herauszufinden, ob er der Gestaltwandler ist oder nicht.“
„Simpel? Simpel! Was ist daran simpel, mich umzubringen! Hast du völlig den ...“, mischte sich Jack empört ein, wurde aber von Gwen unterbrochen. „Ich sag ja nur, dass es mir nicht gefällt, Jack zu erschießen.“
„Die Chancen stehen 50 zu 50, dass das da überhaupt nicht Jack ist“, erwiderte Owen und verlagerte sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Er hatte genug von der Herumsteherei. Wenn sie Jack erschossen und er tatsächlich der Gestaltwandler war, würde dieser sich nicht wieder regenerieren. Einige Gestaltwandler nahmen im Tod sogar wieder ihre ursprüngliche Form an, was die Identifikation zusätzlich erleichterte. Falls es sich doch um Jack handelte, konnten sie ihn zumindest aus der Grube holen und mussten nur noch einen Ianto in Schach halten, der vielleicht nicht Ianto war. In diesem Fall war Owen dann dafür, sämtliche Lichter anzuknipsen, die gesamte Halle zu erleuchten und zu sehen, was sich zwischen den Regalen außer Ratten, Mäusen und deren Kot sonst noch alles verbarg.
Als er bemerkte, dass er Gwen weiterhin zögerte und Skrupel hatte, ihrem Freund und Vorgesetzten eine Kugel zu verpassen, fügte Owen hinzu: „ Außerdem ist es ja nicht so, dass der Tod bei Jack ein dauerhafter Zustand wäre. Er rappelt sich schon wieder auf.“
„Ach ja? Dann ist es also kein Problem, wenn ich dir den Arm breche oder mal schnell die Schulter ausrenke? Ist ja kein bleibender Schaden! Du rappelst dich schon wieder auf!“, rief ihm Jack aufgebracht entgegen.
Owen knurrte. Solche Einwände konnte er nun wirklich nicht gebrauchen. „Halt die Klappe oder ich verpasse dir eine Ladung mit dem Taser.“
„Komm doch runter, wenn du dich ...“
„Wir werden nicht auf Jack schießen“, meldete sich Toshiko entschlossen zu Wort.
„Danke, Tosh, du bist ...“
„Klappe da unten!“, herrschte die junge Frau Jack an und brachte ihn damit tatsächlich zum Verstummen. Anschließend wandte Toshiko sich wieder den anderen zu. Ihr Gesicht war ernst, ihre Stimme kontrolliert und sachlich. „Zwei Möglichkeiten: einer der Beiden ist der Gestaltwandler, der hofft, dass wir ihn mit ins Hub nehmen und dadurch Zugang zu den Artefakten verschaffen. In dem Fall befindet sich hier irgendwo in der Lagerhalle ein festgeklebter Ianto oder Jack. Oder aber die Beiden sind wirklich Ianto und Jack, dann läuft hier noch ein Gestaltwandler frei herum. Einer von uns sollte hier bleiben, um die beiden zu bewachen. Die anderen durchsuchen die Lagerhalle.“
Owen zögerte kurz, dann nickte er. „Vorausgesetzt, du knipst für uns die Lichter an.“
Toshikos Finger glitten über die Tastatur ihres Laptops. Wenige Sekunden später erstrahlte die Lagerhalle in gleißendem Licht.
„Du bist sicher, dass du alle Ausgänge unter Kontrolle hast?“, hakte Gwen nach und blinzelte dabei, um ihre Augen an die Helligkeit zu gewöhnen.
„Ja. Ohne mich kommt hier nichts und niemand rein oder raus“, antwortete Toshiko und fügte dann mit einem Lächeln hinzu: „Seid vorsichtig.“
„Du auch.“

„Was … was ist passiert?“ Ianto blinzelte mehrmals, als das grelle Licht durch seine Lider drang, bevor er seine Augen endgültig öffnete. Sein Blick fiel auf Jack, der in der gegenüberliegenden Ecke saß. Sein Mantel war schmutzig, von Staub und Schutt bedeckt, die Naht des linken Ärmels an der Schulter ausgerissen. Als Ianto das Blut auf Jacks Hemd sah, sprang er auf die Füße, was er sofort bereute. Einerseits, weil Toshiko ihm ein scharfes „Sitzen bleiben!“ entgegen brüllte und mit ihrer Waffe auf ihn zielte; andererseits, weil ihn eine Welle aus Schwindel und Übelkeit überrollte und sein Gleichgewicht verlieren ließ. Er fiel rückwärts und landete unsanft auf seinem Hintern.
„Wenn du noch einmal aufstehst, muss ich auf dich schießen. Bleib in deiner Ecke“, warnte Toshiko ihn und die Härte in ihrer Stimme wies deutlich darauf hin, dass ihr das zwar nicht gefiel, aber sie keinen Augenblick zögern würde, ihre Warnung in die Tat umzusetzen.
Ianto nickte verwirrt und warf Jack einen fragenden Blick zu.
Jack seufzte leise und verzog das Gesicht. „Die anderen haben uns in dieser Grube gefunden, beide bewusstlos. Sie glauben, einer von uns könnte der Gestaltwandler sein, der sich ins Hub einschleichen will.“ Jack zog die Knie an und legte seine Arme gelassen darauf ab. „Leider konnte ich sie nicht davon überzeugen, dass ich ich bin.“
„Es hat mich in die Grube gestoßen“, sprach Ianto laut aus, woran er sich erinnerte. „Ich bin dem Parfümgeruch gefolgt und plötzlich war es hinter mir.“
„Ich bin einem Geräusch gefolgt, bis ich unter einem Regal und dutzenden Kisten begraben wurde. Ich bin erst aufgewacht, als die drei schon oben am Grubenrand standen und darüber diskutierten, ob sie mir eine Kugel in den Kopf jagen sollen.“
Ianto konnte nachvollziehen, dass sich Jacks Begeisterung über dieses Gespräch in Grenzen hielt. Auch, wenn der Captain jedes Mal wieder dem Tod durch die Finger schlüpfte und sich ins Leben zurück stahl, änderte dies nicht daran, dass er starb. Er verspürte Schmerz und Angst, rang um jeden Atemzug, klammerte sich am Leben fest, ganz instinktiv, war seiner Panik machtlos ausgeliefert wie jeder von ihnen.
„Alles ok bei dir? Du bist ziemlich blass um die Nase“, bemerkte Jack, blieb jedoch in seiner Ecke sitzen.
„Ich ...“, setzte Ianto an, verstummte dann aber wieder. Sein Kopf dröhnte, ihm war übel und seine Schulter fühlte sich an, als hätte jemand einen Baseballschläger dagegen geschlagen. Außerdem glaubte er den Schmerz in seinem Bein von einem früheren Vorfall als Knochenbruch identifizieren zu können. Seine Verletzungen waren nicht tödlich, schränkten ihn jedoch stark ein. Er war definitiv nicht einsatzfähig und bei einer körperlichen Auseinandersetzung würde er mit ziemlicher Sicherheit als Verlierer hervorgehen. Das alles wollte er Jack sagen, schließlich war ein Team nur so stark wie sein schwächstes Glied. Aber dann … er saß in dieser Grube fest. Die Wände waren glatt und zu hoch, als dass er sich eigenständig daraus hätte befreien können, selbst in unverletztem Zustand. Auch, wenn er den Gedanken hasste, bestand doch die Möglichkeit, dass Jack nicht wirklich Jack war. So essentiell es war, dass seine Teamkameraden über jede Schwäche, jede Unzulänglichkeit Bescheid wussten, so fatal wäre es, eben diese seinem Feind auf dem Silbertablett zu präsentieren.
Ianto schluckte hart, zwang sich zu seinem Lächeln und fragte: „Du hast nicht zufällig ein Aspirin dabei?“ Er bemühte sich, gelassen und alltäglich zu klingen, war sich aber nicht sicher, ob ihm das wirklich gelungen war.
Auf Jacks Gesicht breitete sich ein entschuldigendes Lächeln aus, als dieser den Kopf schüttelte und entgegnete: „Nicht einmal Kaugummi.“
Unsicher überlegte Ianto, ob er darauf etwas erwidern sollte, entschied dann aber, ein Stück nach hinten zu rutschen und sich mit dem Rücken gegen die kalte Wand zu lehnen. Dabei ließ er seinen Blick durch die Grube schweifen, ganz so, als wolle er sich ein Bild der Situation machen. In Wirklichkeit ließ er Jack jedoch keine Sekunde aus den Augen. Er musterte ihn, sein kurzes, zerzaustes Haar, die wachen Augen, die schmalen, zu einem sanften Lächeln gebogenen Lippen, und hoffte auf irgendein Anzeichen, irgendeinen Hinweis darauf, dass es sich wirklich um seinen Jack handelte – oder eben nicht. Dabei wusste Ianto, wie lächerlich das Ganze war.
Der Gestaltwandler kopierte nicht einfach die Gestalt eines Lebewesens, sondern auch all seine Erinnerungen, seine Eigenheiten, Angewohnheiten und auch die Körpersprache. Falls sein Gegenüber also nicht plötzlich aufsprang, auf ihn zu rannte und versuchte, ihn zu erwürgen oder zu erschlagen, hatte Ianto überhaupt keine Chance, ihn als Kopie zu entlarven. Er würde hier sitzen und darauf warten müssen, dass Gwen und Owen entweder einen Gestaltwandler einfingen oder aber mit dem Original-Jack zur Grube zurückkehrten.
Trotzdem ertappte Ianto sich immer wieder dabei, wie er jede kleine Bewegung, jedes Stirnrunzeln und jedes Blinzeln seines Gegenüber studierte und sich fragte, ob sein Jack die Arme nicht eher anders ablegen, die Stirn nicht weniger runzeln, nicht irgendetwas sagen würde. Würde Jack wirklich brav in der Ecke sitzen bleiben und sich seinem Schicksal ergeben? Aber was konnte er schon anderes tun? Blieb ihm denn etwas anderes übrig?
Toshiko würde nicht zögern, auf Jack zu schießen, falls sie es für nötig hielt. Jack wusste das. Ihm waren die Hände gebunden. Das Alien wusste es allerdings ebenso … Iantos Blick streifte immer wieder das Blut auf Jacks Hemd. Unter die Sorge um seinen Freund mischte sich aber auch die Wut über die Möglichkeit, dass sich an dem Hemd zwar Jacks Blut befinden konnte, es aber nicht wirklich Jack war. Wenn der Gestaltwandler nur vortäuschte, Jack und verletzt worden zu sein, hatte er den richtigen Jack wirklich verletzt und sein Blut als Dekoration verwendet. Der Gedanke, dass Jack irgendwo in der Halle lag, vielleicht tatsächlich unter einem Regal begraben, dass er zurück ins Leben kam, aber sich nicht befreien konnte, von der Last auf sich erneut erdrückt, erneut erstickt wurde, war beinahe unerträglich.
Ianto erwischte sich dabei, wie er sein Gegenüber freundlich anlächelte, sich dabei aber vorstellte, was er ihm alles antun würde, falls er Jack wirklich verletzt oder gar getötet hatte …

Draußen vor der Halle fuhren Wagen an. Ianto konnte die Motoren hören, Türen, die geöffnet und geschlossen wurden, schwere Schritte. Unit war eingetroffen und sicherte das Gebäude von außen. Einer der anderen musste sie als Unterstützung angefordert haben. Leider trug die Vorstellung, von mehreren Truppen schwarz gekleideter Soldaten umstellt zu sein, nicht zu Iantos Beruhigung bei. In den meisten Fällen waren Gestaltwandler nicht allein unterwegs. Was, wenn einer von ihnen sich eines Unit-Soldaten ermächtigt hatte und nun, anstatt die Ausgänge zu bewachen und auf alles zu schießen, was ohne Erlaubnis durch eine der Türen trat, dem in der Halle festsitzenden Gestaltwandler zur Flucht verhalf?
Ianto schluckte gegen einen Kloß an, der sich in seinem Hals bildete. Das Brummen in seinem Kopf wurde lauter, das Denken fiel ihm schwieriger. Außerdem nahm das Pochen in seinem Bein ständig zu und er musste gegen die Tränen ankämpfen, die sich in seinen Augen sammeln wollten. Minuten verstrichen, gingen schweigend ineinander über. Hin und wieder hörte Ianto Toshikos Finger über die Tastatur gleiten. Leise flog der Nachhall der gedrückten Tasten durch den großen Raum und verlor sich irgendwo zwischen den vielen Regalen.

Müdigkeit kroch von seinen Finger- und Zehenspitze aus langsam über seinen Körper. Er blinzelte vermehrt und es fiel ihm zunehmend schwieriger, die Augen offen zu halten. Kurzentschlossen biss sich Ianto auf die Zunge, kräftig genug, um für frischen Schmerz zu sorgen. Er musste wach bleiben. Aufmerksam. Bereit. Der Gestaltwandler konnte jederzeit angreifen, ob nun von oben oder aus der gegenüberliegenden Ecke.
„Du siehst müde aus. Warum schläfst du nicht eine Weile? Kann noch dauern, bis Gwen und Owen etwas finden“, schlug Jack vor und wirkte dabei aufrichtig besorgt.
„Und das spannende Finale verpassen?“ Ianto brachte ein Grinsen zustanden.
Jack erwiderte es. Dann seufzte er und hob den Kopf. „Tosh? Wie siehts mit etwas Wasser aus? Ich habe vorhin mindestens ein halbes Kilo Staub verschluckt.“
„Du wirst es überleben“, entgegnete Toshiko kühl.
„Was sagst du dazu? Selbst in den Kerkern von Lamsh'drail bekam ich Wasser und Brot.“ Jack legte den Kopf schief, den Blick auf Ianto gerichtet. „Das Wasser war nicht unbedingt frisch und manchmal schwammen Dinge darin, die ich mir lieber nicht so genau angesehen habe. Und das Brot war nicht direkt Brot, es war viel mehr … hm. Lassen wir das lieber.“
Eigentlich war Ianto es gewöhnt, von Jack angesehen zu werden, auf jede nur erdenkliche Art und Weise gemustert, beobachtet, studiert, sogar mit Blicken ausgezogen zu werden. In den unpassendsten Momenten. Er nahm Jacks Augen immer wahr, störte sich aber schon lange nicht mehr daran.
Bis jetzt.
Es fühlte sich falsch an, wie er ihn ansah. Ianto glaubte, in seinen Augen etwas zu sehen, das dort nicht hingehörte. Etwas Fremdes, etwas … er unterdrückte ein Stöhnen und versuchte, sich auf etwas anderes zu konzentrieren. Leider bot die ansonsten leere Grube keine Möglichkeit der Ablenkung.
„Pizza mit Salami und Käse und dazu ein kühles Bier. Darauf hätte ich jetzt los“, redete Jack unbeschwert weiter, ganz so, als säßen sie auf in ihrer Wohnung auf der Couch und überlegten, bei welchem Lieferdienst sie etwas bestellen sollten. „Das Frühstück ist schon verdammt lange her. Mein Magen knurrt im Akkord.“
Ianto konnte nicht sagen, ob ihm die beklemmende Stimme oder Jacks Plauderei lieber war, nur, dass Jacks Stimme nichts Tröstliches an sich hatte, sondern ihn stattdessen dazu anhielt, jedes Wort zu zerpflücken, über jede Silbe nachzudenken und mit den Worten und Silben in seiner Erinnerung zu vergleichen.
„Vielleicht sollten wir in Zukunft immer eine Notration mit einpacken. Irgendetwas Kleines in Frischhaltefolie, das bequem in die Manteltasche packt. Was meinst du, Ianto?“, fragte Jack und sah ihn direkt an, wartete auf eine Antwort.
Ianto wollte etwas antworten. Auch, wenn er sich vermutlich zu keinem Scherz überwinden konnte, so musste er dennoch wenigstens ein paar Worte sagen. Unbewusst verlagerte er sein Gewicht auf die andere Seite. Sofort schoss Schmerz aus jedem Winkel seines Körpers. Ianto konnte den Schrei nicht aufhalten, der seiner Kehle entwischte. Er wollte fluchen, rang aber stattdessen nach Luft. Sein Sichtfeld wurde von schwarzen Rändern eingeengt.
„Ianto!“
Er roch Jack neben sich. Staub und Schutt rieselte auf sein Gesicht. Ianto hustete, konnte seine Augen aber nicht öffnen. Er hörte, wie Jack aus seinem Mantel schlüpfte und ihm über seine Beine legte. Trotz des geringen Gewichts stöhnte Ianto auf, als der Mantel sein gebrochenes Bein streifte. Fast im gleichen Moment drückte Jack die Hand seines unverletzten Arms und sagte: „Ganz ruhig, alles gut. Wir holen dich hier raus. Owen verpasst dir ein paar Pflaster und morgen sieht die Welt schon wieder ganz anders aus.“
Etwas schnürte Ianto den Hals zu, das nichts mit dem Schmerz, nichts mit seiner Hilflosigkeit zu tun hatte. Er zwang sich, die Augen zu öffnen. Jacks Gesicht war nur wenige Zentimeter von seinem eigenen entfernt. Seine blauen, klaren Augen ruhten auf ihm. Ianto kannte diesen Blick. Er hatte ihn schon dutzende, wenn nicht sogar hunderte Male gesehen. Sorgenvoll, aber auch beruhigend und mit einer Prise Motivation und Trost. Nicht aufgeben.
Dennoch wand sich Ianto jetzt unter diesem Blick, wollte ihm ausweichen, entkommen, fliehen. Fühlte sich, als würden ihn diese Augen durchbohren und zugleich auslachen.
„Alles wird wieder gut, du musst nur ruhig ein- und ausatmen, ich kümmere mich um den Rest“, wiederholte Jack mit gesenkter, weicher Stimme.
Ianto kannte die Stimme, den Klang der Worte. Jack, der ihm sagte, dass alles gut werden würde. Dass er auf ihn Acht gab. Dass er nicht zuließ, dass ihm etwas zustieß. Der auf ihn einredete, während er ihm die Hand drückte, um ihm zu zeigen, dass er nicht allein war, dass Jack an seiner Seite saß und ihn nicht zurückließ. Aber je länger Ianto die Hand an seiner spürte, desto größer wurde die Übelkeit und der Ekel, die sich in seinem Magen ansammelten und desto mehr wuchs der Widerwille gegen den Blick, gegen die Stimme und die Berührung.
Gegen alles, auf das er sich immer und jederzeit verlassen, mit Leib und Leben anvertraut hatte.
Ein Stich flammte in Iantos Brust auf und ließ sein Herz für einige Schläge aussetzen. Ihm wurde heiß und kalt und seine Umgebung verschwamm restlos vor seinen Augen, als diese sich nun doch mit Tränen füllten. Er konnte sich nicht mehr wehren, dem Gedanken nichts mehr entgegen setzen, diesem sicheren Gefühl, diesem Wissen darum, dass es keine Rolle spielte, ob das Wesen an seiner Seite Jack war oder nicht, dass es nichts ändern würde, wenn Owen und Gwen zurück kamen und den Gestaltwandler in Handschellen mit sich führten.
Egal, wie sehr er auch versuchen würde, dieses Gefühl und den Gedanken aus seinem Kopf zu verdrängen – es hatte sich bereits in seinem Kopf und seinem Herzen eingenistet, seine kleinen, scharfen Krallen in die Wände seiner Zellen geschlagen und würde sich nicht mehr vertreiben, nie vollständig ausmerzen lassen, diese Idee, dieser Funken einer Ahnung, betrogen und getäuscht, hintergangen und vorgeführt, ausgenutzt und belogen zu werden.
Nein, es saß nun dort und würde dort bleiben.
Vielleicht für immer.
Das feine, stille Misstrauen dem Menschen gegenüber, den er am meisten liebte.
Morgen würde vielleicht einiges anders aussehen.
Aber nicht alles.


Nacht des Misstrauens
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