Grabenkrieg

von Schafi95
KurzgeschichteAngst, Tragödie / P16
21.11.2013
21.11.2013
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Ich sehe mich um. Links und rechts von mir hocken meine erschöpften Kameraden, erschöpft, ausgehungert, übermüdet, zermürbt durch einen Monat in einem Graben mitten im Feindesland, zermürbt durch das anscheinend ewig währende Trommelfeuer der Artillerie und den MG-Beschuss der Franzosen. Ihre Uniformen sind schon starr vor Dreck, die Helme hängen schief auf den Köpfen, den charakteristischen Pickel der Pickelhaube schon lange abmontiert.
Über unsere Köpfe jagen Artilleriegranaten gen Verdun – wir werden ihnen nur zu bald folgen. Nach Minuten des dröhnenden Beschusses kehrt Ruhe ein, die jedoch schon wenige Sekunden später von der feindlichen Artillerie zerrissen wird. Granate rechts von uns, Granate links von uns, Granate vor uns. Und schon werden wir vom immerwährenden Dreck eingedeckt. Direkt vor mir geht ein Arm nieder – wem er wohl einstmals gehörte? Freund oder Feind? Gefreiter oder Leutnant? Egal. Bald werde wahrscheinlich auch ich Futter für die Würmer sein, denn der Befehl zum Sturm auf den feindlichen Schützengraben kann jederzeit kommen.
Einen Sturm durch das Niemandsland zu überleben kann einem Ruhm einbringen, viel wahrscheinlicher jedoch den Tod. Jedenfalls werden hier keine Helden geboren, dafür aber umso mehr Krüppel, die glaubten, für ihr Vaterland in den Krieg ziehen zu müssen. Hier gibt es wirklich nicht mehr als Blut, Stahl und Tränen.
Unser Leutnant, der Mann, der uns ins feindliche Feuer führen wird, hechtet durch den niedrigen Schützengraben auf uns zu. Es ist soweit. Die Gewehre sind geladen, die Bajonette aufgepflanzt. Jetzt hieß es nur noch Überleben ums Verrecken. Entweder die oder wir.
Mein Nebenmann ist einer der Ersten, die aus dem Graben sprangen. Schüsse erschallten, er fällt tot zurück, ein großes blutendes Loch im Kopf. Ihm ist nicht mehr zu helfen, mir wahrscheinlich noch viel weniger. Augen zu und durch. Und schon stehe ich vor unserem Schützengraben und stürme wild nach vorne. Links von mir fallen meine Mitstreiter, rechts von mir sterben meine Freunde – und ich weiß, dass auch ich todgeweiht bin, ein lebender Toter.
Es gibt kein zurück mehr. Hinter uns lauern bereits die MG-Schützen auf einen Gegenangriff der Franzosen. Auch die Flucht nach vorne ist aussichtslos, denn dort lauern die feindlichen MG-Schützen auf Schatten, die im Pulverdampf auftauchten. Die einzige Ausweg besteht im Tod.
Immer weiter hasten ich durch das Niemandsland, vorbei an Granatentrichtern, halb verwesten Leichen, einzelnen Körperteilen, alle und alles vergessen in dieser grausigen Vorhölle auf Erden.
Und endlich, nach einem gefühlt stundenlangen Lauf, kommt auch für mich die lang ersehnte Erlösung: Die erste Kugel trifft mich in den Bauch, zerfetzt meine Eingeweide, eine zweite trifft mich zielgenau in den Kopf. Nun bin auch ich endlich einer der namenlosen Toten dieses furchtbaren Massensterbens, dieses Tötens in industriellem Maßstab.