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Tatort Münster Bingo

von TSihek
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
Kriminalhauptkommissar Frank Thiel Rechtsmediziner Professor Karl Friedrich Boerne Rechtsmedizinerin Silke Haller
21.11.2013
19.01.2014
39
113.367
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21.11.2013 1.748
 
Tag 3 – 5. Teil

„Wo steckt eigentlich Professor Boerne?“

„Wo soll der sein?“ Thiel rieb sich müde über die Augen und warf Nadeshda einen fragenden Blick zu. „Der hat doch schon vor zwei Wochen rumgetönt, dass er heute und morgen Wochenende hat.“
Mit einem dankbaren Nicken nahm er den Kaffeebecher von seiner Assistentin entgegen. „Ich denke aber mal, er kümmert sich um Frau Haller. Die Arme war ja ganz schön durcheinander.“

„Mh“, nickte Nadeshda und trank ebenfalls von ihrem Kaffee. „So leicht steckt man einen Einbruch auch nicht weg. In der Polizeischule hat einmal eine Psychologin darüber referiert. Wussten Sie, dass das sogar Depressionen auslösen kann und, wenn es nicht behandelt wird so schlimm werden kann, dass der Betroffene arbeitsunfähig wird? Ganz belastend sei es besonders dann, wenn man gar nicht weiß, warum eingebrochen worden ist. Also, wenn nichts fehlt und man auch keine Feinde hat. Das Gefühl beobachtet zu werden ist dann oft typisch und kann sich bis zum Verfolgungswahn steigern. Misstrauen und Alpträume sind auch ganz normale Folgen.“

„Was Sie nicht sagen“, brummte Thiel mit einem Hauch Ironie. Er wusste das natürlich alles, aber etwas an den Worten seiner Assistentin hatte ihn hellhörig gemacht.
„Verfolgungswahn? Frau Haller sagte, sie hätte schon seit einigen Wochen das Gefühl beobachtet zu werden. Aber seit ungefähr dem gleichen Zeitraum zieht eine randalierende Jugendgang durch ihr Viertel und sie hat das darauf bezogen“, erzählte er nachdenklich. „Was halten Sie davon?“

Nadeshda legte die Stirn in Falten und schaute ihn alarmiert an. „Frau Haller ist niemand, der sich leicht einschüchtern oder erschrecken lässt. Wenn sie das sagt, dann ist da sicher was dran, Chef. Und wenn sie es seit Wochen bemerkt, dann kann das mit den aktuellen Einbrüchen nichts zu tun haben… also mit den psychologischen Folgen davon, meine ich.“

Thiel nickte. „Eben. Ich denke, wir sollten der Sache nachgehen. Ich möchte mir das nochmal genauer anhören. Sie muss ja ohnehin noch die Aussage unterschreiben.“
Er griff nach dem Telefon und wählte Frau Hallers Privatnummer. Als dort aber niemand abhob versuchte er es bei Boerne. Der würde zumindest wissen, wo sie sein könnte, dachte er sich.
Schließlich wählte er auch noch die Handynummer und rief in der Rechtsmedizin an. Alles ohne Erfolg.

Mit einem mulmigen Gefühl stand er auf und holte seine Waffe aus der Schreibtischschublade. Das alarmiert auch Nadeshda, die ihre Tasse zur Seite stellte. „Stimmt was nicht, Chef?“

„Das weiß ich noch nicht. Aber keiner der beiden geht ans Telefon. Das gefällt mir nicht. Boerne ist immer erreichbar, sogar in der Oper.“

„Fahren wir bei seiner Wohnung vorbei?“

„Da zuerst. Und wenn er da nicht ist, lassen wir nach seinem Wagen fahnden.“

Thiel wollte eben die Bürotür öffnen, als es draußen klopfte. Er riss sie auf und sah sich einem erschrockenen Polizeibeamten gegenüber.
„Sie können einen aber erschrecken, Kommissar Thiel“, stöhnte der Mann und streckte ihm nach einer Schrecksekunde einen Computerausdruck entgegen.

„Da kam eben ein Anruf herein, von einem Reiterhof. Ein Reiter dort gab an, dass er gesehen hat, wie Professor Boerne in Begleitung einer kleinen Frau ausgeritten ist und nun sind wohl die beiden Pferde allein wieder zurückgekommen. Es wurde schon gesucht, aber man hat die beiden nicht gefunden und er wollte das melden. Ich dachte, das würde Sie interessieren.“

Thiel wechselte einen Blick mit Nadeshda und schnappte sich den Ausdruck. „Die Westfälische Reit- und Fahrschule. Is‘ ja klar, dass Boerne keine kleinen Brötchen backt“, murmelte er, als er die Meldung überflog.
„Ist der Mann noch dort?“, erkundigte er sich dann bei dem Mitarbeiter und dieser nickte knapp. „Ja, ich habe ihn angewiesen, auf Sie zu warten. Ich dachte mir schon, dass Sie der Sache selbst nachgehen wollen, auch wenn das gar nicht Ihr Bereich ist.“

„Gute Idee“, lobte Thiel im vorbeigehen und gab dem Mann einen freundschaftlichen Klapps auf die Schulter.

~~

Hubert von Lechtenbrink musterte etwas irritiert den stämmigen Mann und die hübsche, zierliche Frau, die mit einer Aura von Dringlichkeit auf ihn zukamen.

„Hauptkommissar Thiel. Das ist meine Assistentin Frau Krusenstern“, stellte sich der Mann vor und von Lechtenbrink nickte knapp, bevor er seinen Namen nannte.
„Sie haben also die Vermisstenmeldung aufgegeben?“

„Ja. Ich habe heute Vormittag auf dem Turnierplatz mit Professor Boerne gesprochen, während seine Begleiterin noch sein Pferd trocken ritt. Er hat nichts davon gesagt, dass er noch plante auszureiten, aber ich habe ihn dann kurz darauf mit der Dame in Richtung Norden das Gelände der Reitschule verlassen sehen. Er ritt auf Morgenstern, sie auf Eleganza. Ich kenne die beiden Pferde genau, weil sie zu meinen Berittpferden gehören.“

„Ja, ja… und wie kommen Sie jetzt darauf, dass der Professor und die Dame vermisst werden?“, versuchte Thiel die Erklärungen zu verkürzen.

„Nun ja… beide Pferde gehen eher selten ins Gelände, sind aber trotzdem für Anfänger geeignet, wobei die Dame ausnehmen gut reiten konnte, wie mir schien. Sie dürfte also keine Probleme mit der Stute gehabt haben und auch der Professor ist ein versierter Reiter. Er reitet ja auch schon seit Kindesbeinen, nicht wahr?“

Thiel warf Nadeshda einen Blick zu, verkniff es sich dieses mal aber, den Redeschwall des älteren Mannes unterbrechen zu wollen. Es wäre ohnehin sinnlos, erkannte er.

„Und weiter?“, gab er dennoch ein Stichwort, da der andere auf eine Erwiderung zu warten schien. Thiel hatte keine Ahnung, seit wann Boerne ritt und es interessierte ihn auch nicht.

„Eleganza und Morgenstern sind vor etwa einer guten Stunde… oder ist es schon länger her… lassen Sie mich überlegen.“ Der Mann stellte Thiels Geduld abermals auf die Probe, als er, die Hand ans Kinn gelegt, gründlich darüber nachdachte, wie viel Zeit verstrichen war.
„Ah…“ rief er nach einem abschließenden Blick auf seine Armbanduhr aus, als Thiel langsam wirklich ungeduldig wurde. „Es ist genau zwei Stunden und zehn Minuten her. Ich kann mich so genau daran erinnern, weil... aber das ist für Sie nicht wichtig, glaube ich. Wie auch immer… die Pferde kamen ohne Reiter zurück. Wir dachten uns zunächst nichts dabei, auch wenn es ungewöhnlich ist, dass der Herr Professor in Begleitung hier erscheint und dann auch noch so lange ausreitet. Er ist ja schon am späten Vormittag aufgebrochen, müssen Sie wissen.“

„Am späten Vormittag! Wir haben jetzt fast 19 Uhr!“, rief Thiel überrascht aus. „Das ist dann aber schon ein bisschen lang, nicht?“

„Das dachten wir und dann auch, also Herr Reger und ich und wir haben ein paar Reiter losgeschickt, um die beiden zu suchen. Sie haben auch zuerst die Hufabrücke der Pferde gefunden, aber dann sind sie über einige Schotterwege geritten und da haben sie dann die Spuren verloren und sind zurückgekommen. Nach eingehender Beratung haben wird dann beschlossen, die offiziellen Stellen zu informieren.“

„Die offiziellen Stellen, so so“, murmelte Thiel beinahe unhörbar. „Ist denn der Wagen des Professors hier irgendwo?“

„Ja, der steht auf seinem angestammten Parkplatz dort drüben“, gab von Lechtenbrink beflissen zurück und zeigte auf einen etwas entfernt liegenden Stellplatz, auf dem Thiel nun auch Boernes silberfarbenen Mercedes erkannte.

„Er bevorzugt es im Schatten zu parken.“

Thiel nahm diese Information mit einem „Mh“ zur Kenntnis und gab Nadeshda einen Wink ihm zu folgen. „Ach…“, wandte er sich noch mal zu  dem älteren Herren um. „Hat der Professor hier so was wie einen Spind? Oder ist es üblich, Handy und Autoschlüssel beim Reiten mitzunehmen?“

„Natürlich hat er einen Spind in der Sattelkammer. Aber ob er seine Wertsachen dort lässt kann ich Ihnen nicht sagen.“

„Danke… und halten Sie sich bitte noch zu unserer Verfügung“, verabschiedete sich Thiel, bevor er mit langen Schritten zu dem Mercedes ging.
Auch wenn nur noch Dämmerlicht herrschte genügte ihm ein Blick durch die Scheibe um zu sehen, dass Boernes Handy im Wagen lag.

„Schauen wir mal, was in seinem Spind ist. Vielleicht finden wir eine Hinweis, wohin er geritten sein könnte“, schlug Thiel vor und ging, gefolgt von Nadeshda zum Stall hinüber.

Leider erwies sich diese Idee als wenig ergiebig, wie er kurz darauf feststellte. Ein Mitarbeiter des Stalls hatte den Spind aufgebrochen und es lagen nur der Autoschlüssel und Boernes Geldbörse darin. Thiel nahm beides an sich.

~~

Die Dunkelheit war schon lange hereingebrochen und es ging allmählich auf Mitternacht zu.
Nadeshda ließ sich frustriert und erschöpft auf den Fahrersitz fallen. „Wo können die denn sein. So viel gibt es hier doch nicht.“ Sie deutete auf das im Mondlicht liegende Feld vor ihnen. „Äcker, Wiesen, ein paar Obstbäume. Hier gibt es nicht mal einen Bauernhof in der Nähe, auf dem sie sein könnten. Die Reiter haben auch alles nochmal abgesucht, auch alle Wege. Sie haben keine Spuren mehr gefunden… kein Wunder bei den ganzen Schotterwegen hier.“

„Bauernhof?“ Thiel, der einen Augenblick lang der Versuchung nachgegeben hatte und mit geschlossenen Augen gedöst hatte, schreckte hoch. „Dieser abgebrannte Bauernhof… der Fundort der Jungenleiche… ist der nicht hier irgendwo? Das sähe Boerne ähnlich, dort nochmal vorbeizuschauen.“

„Sind Sie sich sicher? Der lag irgendwo ziemlich abseits, aber wir sind direkt von Münster aus hingefahren. War das in dieser Gegend? Ich war noch nie hier und habe keine Ahnung, wo genau wir eigentlich sind.“

„In so einem Fall wäre eine GPS-Gerät ganz praktisch“, gab Thiel mürrisch zu und entlockte seiner Assistentin damit ein, wenn auch erschöpftes, Lächeln. Sie war, genau wie er, zuerst wegen der Jungenleiche und dann wegen des Einbruchs mit Todesfolge seit zwei Tagen praktisch rund um die Uhr im Dienst gewesen.

Das war aber nicht das Schlimmste. Was beiden viel mehr zu schaffen machte war, dass sie immer noch auf der Stelle traten. Der Sohn von Dagmar Rollenbruck hatte ihnen auch nicht sagen können, weshalb eingebrochen worden war. Seine Mutter war eine ganz unauffällige Frau mittleren Alters gewesen, die nach der Scheidung von ihrem Mann nun allein in Münster lebte.

Auch die anderen Frauen waren alleinstehend, wie auch Silke Haller und alle waren klein. Sonst hatten sie nichts gefunden, woran sie sich hätten festbeißen können und natürlich hatte keiner der Nachbarn etwas gesehen, das ihnen weiterhalf.

Dass nun auch Boerne und seine Assistentin spurlos verschwunden waren, zerrte an ihren Nerven, denn noch immer war der Einbrecher auf freiem Fuß und was, wenn er doch eigentlich hinter Frau Haller her gewesen war?

Nadeshda zog ihr Handy aus der Tasche. „Haben Sie die Adresse von diesem Bauernhof im Kopf?“

Thiel nannte sie ihr und schaute dann zu, wie sie einige Zeit auf dem Touchscreen herumtippte. Schließlich wandte sie sich mit einem triumphierenden Lächeln und neuer Energie zu ihm um. „Der Hof ist da vorne, hinter dem Wäldchen.“

Sie startete den Wagen und Thiel sah, dass die Anzeige im Cockpit auf 0.01 Uhr sprang.

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